Putsch aus »vaterländischem Geist«

von Manfred Weißbecker
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 203 Juli | August 203

Vor 100 Jahren putschten in München Nazis, Militärs und Reaktionäre.

Der Hitler-Ludendorff-Putsch vom 8. und 9. November 1923 sei aus »rein vaterländischem Geist und von edelstem selbstlosen Willen geleitet«, hieß es im Urteil des Volksgerichtshofes München im April 1924 zur Begründung der geringen und rechtswidrigen Strafen gegen Akteure des Putsches. Die Ablehnung der parlamentarischen Demokratie und Weimarer Republik hatte ganz offenbar die Feder der Richter geführt.

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Den Boden für den geplanten »Marsch auf Berlin« hatten jene Kräfte bereitet, die in den frühen Jahren der Weimarer Republik den bayerischen Freistaat zu einer »Ordnungszelle« für Deutschland machten und zu einer Hochburg monarchistisch-partikularistischer und rechtsradikal-terroristischer Kräfte werden ließen. Ermöglicht wurde durch sie das Entstehen einer Brutstätte völkisch-faschistischer Organisationen und nicht zuletzt das Erstarken der »Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei« (NSDAP). Obwohl in deren Veranstaltungen nationalistische Stimmungen geschürt und rassistisch-antisemitische Hetze betrieben wurden, obwohl sie gewalttätig auftrat und regelmäßig Krawalle organisierte, schritten die Behörden kaum ein. Die Landesregierung – zeitweilig geleitet vom rechtskonservativen Monarchisten und im September 1923 zum Generalstaatskommissar mit diktatorischen Befugnissen erhobenen Gustav Ritter von Kahr – sowie die Befehlshaber von bayerischer Reichswehr und Polizei schätzten das wachsende Potenzial dieser Partei als Unterstützung der eigenen Politik gegenüber der Sozialdemokratie, den Kommunist*innen und Gewerkschaften als nützlich für unablässig geführte, zum Teil auch separatistische Attacken gegen die Reichsregierung ein. Die politischen Verhältnisse im Norden Deutschlands wurden von ihnen als »bereits halb bolschewistisch« und die Berliner Regierung als eine »verschleierte Sowjetregierung« bezeichnet. Kahr empfing sogar eine Delegation der NSDAP mit der Begründung, alle »nationalen Kräfte« müssten gemeinsam gegen die Reichsregierung vorgehen.

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Probelauf zum Bürgerkrieg
So ermuntert und gefördert blickte die Nazipartei rasch über München und über die bayerischen Landesgrenzen hinaus. Sie trachtete danach, rechtsradikale Organisationen unter ihrer Regie zusammenzuschließen, und entwickelte sich zu einer diktatorisch geleiteten Partei, in der über Gewalt und Terror als Mittel der Politik keinesfalls nur theoretisiert wurde. Fast bei jeder sich bietenden Gelegenheit probte ihre im August 1921 entstandene und 1923 unter dem Befehl von Hermann Göring stehende »Sturm-Abteilung« (SA) den Bürgerkrieg. Mit Gummiknüppeln, Totschlägern, Reitpeitschen und Pistolen ging sie, aufgeputscht durch antisozialistische und antisemitische Parolen, äußerst brutal vor. Für ihre Umsturzpläne nutzte die NSDAP die anhaltenden Spannungen zwischen Bayern und dem Reich. Für den Freistaat schien alles recht und nützlich zu sein, was sich für den Kampf gegen Republik und parlamentarisch-demokratische Verhältnisse mobilisieren ließ. Die Landesregierung begrüßte daher selbst provokatorische Zwischenfälle, als Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) München besuchte. Sie hielt die NSDAP für notwendig, weil sie ein »ausgleichendes Moment gegenüber den Anmaßungen der freien Gewerkschaften« darstelle, wie es in einem Bericht der Münchener Polizei hieß. Eine Überwachung der Partei erfolge nur, um ein »Überschäumen des jugendlichen Kraftgefühls rechtzeitig verhindern zu können.«

Vorbild Mussolini
Pläne und Einsatzbefehle – durchaus orientiert am Beispiel des erfolgreichen Marsches des italienischen Faschisten Benito Mussolini 1922 auf Rom – nahmen bald konkrete Gestalt an. Die SA gebärdete sich zunehmend als ein Wehrverband und veranstaltete in Bayern eine militärische Übung nach der anderen. Wie immer, wenn sich rechtsradikale Verbände formierten und zum Losschlagen bereithielten, wurde das Gerücht ausgestreut, es stehe ein »Linksputsch« bevor. Bereits am 1. Mai warteten in München 1.300 SA-Leute und etwa 4.000 Mitglieder der »Vaterländischen Verbände« – also unter anderem des »Bundes Oberland«, der »Reichsflagge« und des »Blücher-Bundes« – auf das Zeichen zum Losschlagen. Hauptmann Ernst Röhm, damals noch Leiter des »Waffenreferats« in der bayerischen Reichswehrführung, hatte dafür gesorgt, dass zu den vorhandenen Gewehren, Handgranaten und Pistolen zusätzlich Maschinengewehre und ein Geschütz zur Verfügung standen.

Gemeinsame Ziele
Zwar blieb im Mai der Befehl zum Putsch aus, doch nach den Gesetzen der Weimarer Republik und des Freistaates Bayern hätte Hitler längst wegen staatsgefährdender Betätigung zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt werden müssen. Doch das rechte Auge der Justiz erwies sich in Bayern mehr als nur blind. Selbst die Verabschiedung Röhms aus der Truppe, von der Berliner Reichswehrführung verfügt, scheiterte am Einspruch des bayerischen Landeskommandanten Otto Hermann von Lossow. Und dieser verhinderte auch ein von Berlin gefordertes Verbot der Nazi-Zeitung »Völkischer Beobachter«. Gegen die NSDAP gerichtete Untersuchungen eines Münchner Staatsanwalts wurden rasch abgeschlossen, denn Hitler hatte gedroht, mit »landesverräterischen Enthüllungen« aufzuwarten. Stoff dafür gab es offensichtlich zuhauf, denn in den Reihen derer, die konkrete Diktaturpläne verfolgten, wurde lebhaft gestritten. Gewünscht wurde nicht allein, das Schwergewicht der politischen Entscheidungen von der Legislative zur Exekutive zu verschieben, ohne erstere direkt zu beseitigen. Nahezu alle nationalkonservativen Kräfte traten mehr oder weniger offen für die Schaffung einer Militärdiktatur ein. Das von Hugo Stinnes propagierte Programm einer »Zerschmetterung des Kommunismus«, der Notverfassungsentwurf des berüchtigten »Alldeutschen Verbandes« und die Absichten vieler extrem reaktionärer Kräfte, darunter auch der NSDAP, stimmten weitgehend überein. Als Ziel galt: Unterdrückung ihrer politischen Gegner*innen mit rücksichtsloser Gewalt, Auflösung der Parlamente, Verhängung des Standrechts, Todesstrafe für Streikende, Aufhebung der Pressefreiheit und Verbot der Gewerkschaften.


Die bayerischen Demokratie- und Republikfeinde – an ihrer Spitze Kahr, der Chef der Reichswehr in Bayern, Otto von Lossow, und der Chef des Landespolizeiamtes, Hans von Seißer – bereiteten lange Zeit Hand in Hand mit der faschistischen Partei den Putsch gegen die Reichsregierung und den parlamentarisch-demokratischen Staat von Weimar vor. Doch die NSDAP trat mehr und mehr mit eigenen Forderungen hervor und begann, aus der Rolle eines nur regional wirksamen und beliebig zu dirigierenden Juniorpartners herauszuwachsen. Das zeigte sich auch, als sie am 2. September 1923 einen »Deutschen Tag« in Nürnberg organisierte, an dem rund 100.000 Menschen teilnahmen. Unter den »Ehrengästen« befanden sich Erich Ludendorff, Prinz Ludwig Ferdinand von Bayern, der Herzog von Coburg, Admiral Reinhard Scheer sowie zahlreiche bayerische Generäle und Offiziere. Am gleichen Tag entstand unter aktiver Mitwirkung der NSDAP der »Deutsche Kampfbund«, der die organisatorische Grundlage für die weiteren Putschvorbereitungen bieten sollte. Die Nürnberger Generalprobe für den geplanten Umsturz verlief verheißungsvoll, zumal sich SPD und KPD nicht auf eine gemeinsame Gegenwehr zu einigen vermochten

Unterschiedliche Wege
Im Herbst traf sich Lossow mehrere Male mit dem Führer der ­NSDAP und versicherte, er sei mit Hitlers Auffassungen »in neun von zehn Punkten völlig einig«. Dennoch kam es bald zwischen dem konservativen weiß-blauen Flügel und der Nazi-Partei zu offener Rivalität. Der gemeinsam propagierte und zugleich intensiv vorbereitete »Marsch auf Berlin«, für den Lossow am 24. Oktober 1923 die Parole »Sonnenaufgang« ausgab, entsprach bald nicht mehr in allem den Plänen der Weiß-Blauen. Für diese wurden zwar alle Aktivitäten der NSDAP als nützlich einkalkuliert, jedoch galten ihnen deren Ansprüche auf eine Führungsrolle und auf Realisierung eigener Ziele als überflüssig und ihrer eigenen Sache zunehmend als abträglich. Sie ruderten etwas zurück, als sich in Deutschland die Verhältnisse zu stabilisieren begannen und der Reichstag am 13. Oktober 1923 ein Ermächtigungsgesetz beschloss, das erlaubte, von den verfassungsmäßig garantierten demokratischen Grundrechten abzugehen. Sie begrüßten ebenso den vom Reichspräsidenten veranlassten Einmarsch der Reichswehr in Sachsen und Thüringen, wo die legalen, von Sozialdemokrat*innen und Kommunist*innen gebildeten Landesregierungen zum Rücktritt gezwungen wurden, und nahmen gern das Scheitern des Hamburger Aufstandsversuches der KPD zur Kenntnis.

Für Kahr und seine Anhänger schien sich, als sich die Übergabe der gesamten vollziehenden Gewalt an den obersten Chef der Reichswehr abzeichnete, die Aufgabe erübrigt zu haben, mit dem »Saustall in Berlin« aufzuräumen. Mit Gespür für die veränderte Situation begriff ein Teil der bayerischen Rechten, dass unter Deutschlands ökonomisch Mächtigen und politisch Herrschenden sich jene Richtung durchgesetzt hatte, die vorläufig graduelle Veränderungen am politischen Herrschaftssystem für erreichbar hielt. Kahr, Lossow und Seißer eröffneten am 6. November 1923 den Führern der »Vaterländischen Verbände«, dass einzig und allein sie das Kommandorecht beanspruchen und jede Eigenmächtigkeit brechen würden. Dies kam bereits einer gewissen Distanzierung vom nationalsozialistischen Flügel der Putschistenfront gleich.

»Nationale Revolution« im Bürgerbräukeller
Demgegenüber versuchte die Führung der NSDAP vollendete Tatsachen zu schaffen. Sie befürchtete, ihre aufgeputschten Anhänger*innen nicht mehr bei der Fahne halten zu können und sorgte sich um den drohenden Zerfall des unter ihrem Kommando formierten »Kampfbundes«. Hitler drang am Abend des 8. November 1923 an der Spitze einer bewaffneten SA-Formation in den Münchener Bürgerbräukeller ein, wo Kahr anlässlich des fünften Jahrestages des Beginns der Novemberrevolution eine programmatische Rede halten wollte. Mit ausgesprochenem Sinn für theatralische Effekte verkündete der Nazi-Chef nach einer kurzen Beratung im Nebenzimmer und einer Versammlungspause, die Göring nutzte, um die erregten Teilnehmer*innen zu beruhigen, den Beginn einer »nationalen Revolution« und die Bildung einer neuen Reichsregierung. Dieser würden außer ihm auch Ludendorff und die führenden bayerischen Persönlichkeiten angehören. Die Verantwortlichen für die Revolution von 1918/19 wurden als »Novemberverbrecher« beschimpft, sollten vor ein Gericht gestellt und innerhalb von drei Stunden hingerichtet werden. Danach gellten Beifall und ekstatisches Geschrei durch den Saal, begeistert wurde das Deutschlandlied angestimmt.

Nach dem Schluss der Veranstaltung zogen sich Kahr, Lossow und Seißer allerdings rasch von ihren Zusagen zu dem Putsch zurück. Die Verbrüderungsszene mit den Faschisten und die Anerkennung einer Reichskanzlerschaft Hitlers waren rasch vergessen. Kahr erklärte die NSDAP und den »Kampfbund« für aufgelöst. Zugleich verbot er ohne jede Begründung auch die KPD. Aus bayerischen Garnisonen wurden Reichswehreinheiten nach München beordert. So war für das Scheitern des Putsches gesorgt. Dies jedoch keineswegs in der Absicht, Demokratie und Republik zu verteidigen, zu retten und zu sichern. Eher ging es um andere Methoden und Mittel in deren Beseitigung sowie um ein durchaus als zeitweilig betrachtetes Ausschalten der unlieb gewordenen und die eigenen Machtinteressen bedrohenden Konkurrenz im Kampf gegen Demokratie und Republik. Ihre generelle Feindschaft gegen diese blieb bestehen, was alles in deutscher Geschichtsschreibung üblich gewordenes Gerede über den an diesem Tag erreichten Sieg der Demokratie zur Rettung der Republik als geschichtspolitisches Anliegen hinfällig erscheinen lässt.

Niederlage auf Zeit
In der Nacht zum 9. November 1923 und an diesem Tag gaben die Putschisten eine Probe ihres terroristischen Könnens. Aus der Kasse einer Buchdruckerei besorgten sie Sold für die SA-Leute. Der »Stoßtrupp Hitler« stürmte und verwüstete das Verlagsgebäude der sozialdemokratischen »Münchener Post«. Unter der Leitung Röhms besetzte eine Gruppe das Wehrkreiskommando und Rudolf Heß, der spätere Stellvertreter Hitlers, organisierte die Geiselnahme und Bewachung von Mitgliedern der bayerischen Regierung und des Münchner Stadtrates. Wahllos wurden auch jüdische Bürger*innen verhaftet. In blinder Hoffnung glaubte Hitler und darin von Ludendorff immer noch unterstützt, eine Wende erzwingen zu können. Er befahl seinen Anhänger*innen, für die späten Vormittagsstunden des 9. November zu einem »Erkundungs- und Demonstrationsmarsch« durch die Münchner Innenstadt zu kommen. Als dabei das Regierungsviertel erreicht wurde, fiel ein Schuss, dem für etwa eine Minute ein heftiger Feuerwechsel folgte. Bei der Feldherrnhalle – einem zum Ruhme Wittelsbacher Heerführer erbauten klassizistischen Gebäude – stoppten einige Salven der aufmarschierten Landespolizei die vordringenden Putschisten endgültig.

Ausgezogen nach Berlin zu marschieren und die Macht zu erobern, kamen die deutschen Faschist*innen nicht weit. Eilig zerstreuten sich die etwa 3.000 am Marsch Beteiligten, mancher stob in wilder Flucht davon. Auch hier sollte sich der um seine eigene Rettung bemühte Hitler als Führer erweisen: Zunächst konnte er sich in einem Landhaus der befreundeten Familie Hanfstaengl verbergen, bevor er am 11. November 1923 verhaftet wurde. Göring und andere flüchteten ins Ausland. Sie hatten eine Niederlage erlitten, wirksam jedoch nur für kurze Zeit.

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