der rechte rand

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Druckzeitpunkt: 15.06.2021, 03:17:53

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Antifa Magazin der rechte rand
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Kommentar / Editorial
Ausgabe #190
Juni
2021

von der Redaktion
des antifaschistischen
Magazins

Liebe Leser*innen,

Einhundert Jahre Antifaschismus: Eine lange Tradition. Auch der rechte rand ist mit seinen etwas über 30 Jahren ein Projekt von vielen in dieser historischen Linie gegen die extreme Rechte und – sorry, aber so ist es – für eine menschlichere Welt. Seit der Gründung des Magazins haben Redakteur*innen und Autor*innen immer wieder Begegnungen mit Überlebenden des Holocausts sowie mit Widerständigen gegen den Nationalsozialismus. Treffen der Generationen heißt es oft pathetisch. Doch Pathos war den Zeitzeug*innen während politischer Aktionen viel zuwider. Bei Treffen in privateren Kontexten war spürbar, dass all das Heroische noch mehr zu viel war. Sie haben sich dem geplanten Tod widersetzt, sie haben dem nationalsozialistischen Mainstream widerstehen können. Einige wenige von ihnen berichten in der Öffentlichkeit, um zu erinnern – zu mahnen. Prägende Momente, wie auch andere Treffen in anderen Kontexten.

Vom Bergdorf St. Anna di Stazzema geht der Blick weit in die Toskana. Am 12. August 1944 zogen an die 300 Angehörige der 16. SS-Panzergrenadier-Division den Berg hoch, um 560 ältere Männer, Frauen und Kinder zu ermorden. Im Dorf überlebten nur wenige. Einer von ihnen sagte am 23. Juni 2005 zu einem der Nachfahren aus dem Land der Täter: »Komm, lass uns weiter feiern. Wir haben endlich gewonnen.« Einen Tag zuvor, 61 Jahre nach dem Massaker, hatte das Militärtribunal La Spezia zehn der ehemaligen SS-Männer in Abwesenheit zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Tränen und Umarmungen bei den Überlebenden und Angehörigen. Minuten der Erleichterung, die offenbaren, wie notwendig es ist, Unrecht auch ­juristisch als Unrecht zu bewerten – Minuten, die ewig bleiben.

Zeit ist auch bei einem Treffen in Dieppe relativ. Eine kleine Runde, fünf Frauen und zwei Männer aus der französischen Hafenstadt, wenn es richtig erinnert wird. Richtig erinnert wird, dass sie geduldig antworteten zu ihren Aktionen in der Résistance. Doch so recht wollten sie nicht en détail gehen, das hatten sie gelernt; machen und nicht reden. »Ach, wir waren alle jung, hatten keine Ahnung, wie Sabotage organisiert und Konspirativität so einzuhalten ist«, sagte eine sinngemäß und weiter: »Wir mussten viel und schnell lernen, die Zündschnur war auch mal zu kurz.« Und eine weitere nennt Namen jener aus ihrer Gruppe, die in der Normandie Züge und Gleise sprengten, die bei den Aktionen starben. Geschichte wird von einem Moment zum anderen Gegenwart. 50, 60 oder 70 Jahre fallen ineinander, werden erlebbar und spürbar – auch ohne, dass »Auschwitz« erwähnt wird. Ein Abendessen am Rande von Hamburg: Arbeitskolleg*innen einer befreundeten Person hatten eingeladen, mit am Tisch eine, die das Vernichtungslager und weitere Lager überlebte. Und als alle langsam das Ende der Runde einläuten wollten, wurde da noch wer sehr munter: »Gläser hoch, wir leben.«

Die Momente sind so nachhaltig, auch weil nach 1945 die mögliche familiäre Tradition eines Großvaters, der nach dem Ersten Weltkrieg gegen die »Freikorps« auf der Straße stand, einer Oma, die im Werk Flugblätter der KPD verteilte, oder einer Oma, die in Waffenbetrieben des Zweiten Weltkriegs Sabotage verübte, fast vollständig gekappt war. Die Personen waren tot oder geächtet – bis 1968. Eine jüngere Generation wendet sich den Menschen zu, die in einer menschenfeindlichen Zeit Mensch blieben. Bleibt man selbst Mensch, wenn die Verhältnisse sich radikal ändern? Wer weiß es? Die Überlebenden schafften es – und die Begegnungen wirken in der Redaktion nach.

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Seit 1989 erscheint »der rechte rand« alle zwei Monate. Wir berichten über rechte Parteien, Kameradschaften, rechte Think Tanks, Webportale, Magazine und Verlage, Musikbands und Label, Aufmärsche und Tagungen, Themen und Kampagnen – in der Bundesrepublik sowie international. Fundierte und prägnante Recherchen und Analysen lenken die Aufmerksamkeit auch auf unterbelichtete oder ausgeblendete Aspekte. Das Magazin zeigt, wie der rechte Rand gesellschaftlich verankert ist und an Themen der gesellschaftlichen ‚Mitte’ anknüpft. Für unser Magazin schreiben Aktive aus antifaschistischen Gruppen, Journalist*innen und Wissenschaftler*innen. Unsere Autor*innen beobachten Aufmärsche aus der Nähe, berichten aus geschlossenen Veranstaltungen der rechten Szene, werten Flugblätter und Zeitschriften aus. Unsere Autor*innen sind Expert*innen und beschäftigten sich seit Jahren mit dem Thema.

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