Alle sind die Weiße Rose

von Timo Büchner
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 187 - November / Dezember 2020

#Instrumentalisierung

Sophie Scholl war eine Widerstandskämpferin gegen die NS-Diktatur, sie wurde 1943 aufgrund ihres Engagements in der Weißen Rose hingerichtet. »Querdenken« instrumentalisiert die mutige Studentin und stellt sich im Zuge der Proteste gegen die Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie in die Tradition ihres Widerstandes gegen den Nationalsozialismus.

Antifa Magazin der rechte rand
Auch in Berlin versuchten Coronaleugner*innen und Verschwörungsgläubige, die Geschwister Scholl zu instrumentalisieren. © Mark Mühlhaus / attenzione

Forchtenberg, eine Kleinstadt mit 5.000 Einwohner*innen im Nordosten Baden-Württembergs, ist die Geburtsstadt von Sophie Scholl. Im Stadtbild ist die Weiße Rose bis heute präsent: Der mit weißen Rosen umsäumte Hans- und Sophie-Scholl-Pfad erinnert an die Biografien der Geschwister. Im Eingangsbereich des Rathauses, das den Startpunkt des Pfads markiert, steht eine Büste von Sophie Scholl. Zudem trägt die Grundschule den Namen der Widerstandskämpferin. Auf dem Sportplatz dieser Grundschule veranstaltete »Querdenken 713 – Heilbronn« am 22. August 2020 eine Kundgebung »zu Ehren der Weißen Rose«. Alexander Staengle (Heilbronn), der die Versammlung für 2.000 Menschen angemeldet hatte, betonte gegenüber den letztlich etwa 250 Teilnehmer*innen aus der Großregion, man gehe »gegen einen totalitären Staat« auf die Straße. Zwar erklärte die Moderatorin Kerstin Herbold (Heilbronn) zu Beginn ihrer Rede: »Ich möchte uns nicht mit dem Dritten Reich vergleichen […]. Unsere Regierung ist nicht die Hitler-Regierung.« Aber nur einen Moment später sagte Herbold, sie sei im Zuge der Covid-19-Pandemie »zwangspolitisiert« worden – »ein bisschen wie Sophie Scholl«. Im Verlauf ihrer Rede lobte sie die Entschlossenheit und den Mut der Widerstandskämpferin, für ihre Freiheit einzustehen. Sie zitierte aus dem ersten Flugblatt der Weißen Rose: »Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique ‹regieren› zu lassen.« Bekräftigt wurde dieses Zitat durch die nachfolgende, die »Klagepaten« vertretende Rednerin Tina Romdhani: »Genau, das ist Realität in Deutschland heute!«

Prominenz
Hauptredner der Veranstaltung war der 1958 geborene Julian Aicher aus Leutkirch im Allgäu. Er ist ein Neffe der Geschwister Scholl. Wie Herbold erklärte Aicher, der seit 2014 für die Ökologisch-Demokratische Partei im Kreistag von Ravensburg sitzt, die Bundesrepublik sei »nicht das Dritte Reich«. Dennoch beteiligte er sich an der Kundgebung ausdrücklich als Bürger und als Verwandter der Geschwister Scholl. In seiner Rede verwies Aicher auf einen Offenen Brief vom 23. Mai 2020 an die Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth. Die Verfasser des Briefes – Aicher, Peter Finckh und Berthold Goerdeler – schrieben, sie machten sich »ernsthafte Sorgen um unsere Grundrechte« und fragten, wann die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie enden würden. Weshalb ausgerechnet die drei Männer den Offenen Brief geschrieben haben, begründeten sie mit der Tatsache, sie seien Nachfahren von Widerstandskämpfern gegen das NS-Regime: »In diesem Zusammenhang bitten wir um Ihr Verständnis dafür, dass uns die Wahrung der im Grundgesetz garantierten Grundrechte besonders am Herzen liegt.« Aicher bewegt sich seit mehreren Jahren in verschwörungsideologischen Kreisen: Nachdem er bereits Mitte Oktober 2017 das Gespräch mit »KenFM« gesucht hatte, um über die Geschichte seiner Familie zu sprechen, behauptete er am 20. April 2020 in einer Neuauflage des Gesprächs mit Ken Jebsen, die Bundesregierung sei eine »Notstandsregierung« – nachdem Jebsen das düstere Bild einer Diktatur gezeichnet hatte, in der die Grundrechte »abgeschafft« seien. In Forchtenberg wurde erneut deutlich, dass er keine Berührungsängste zur Medienszene der extremen Rechten hat. Denn nach seiner Rede gab er dem YouTuber Stefan Bauer von der »Alternative für Deutschland« (AfD) Rosenheim ein Interview.

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Reaktionen
Er sei der einzige Neffe der Geschwister Scholl, der sich im Sinne der »Querdenken«-Bewegung engagiere, so Julian Aicher. In der Tat distanzierten sich die vier Neffen Jörg, Martin und Thomas Hartnagel sowie Florian Aicher in einer Pressemitteilung vom Auftritt von Julian Aicher. Noch 2017 hatten die fünf eine gemeinsame Erklärung gegen das »Sophie Scholl würde AfD wählen«-Plakat des AfD-Kreisverbandes Nürnberg Süd/Schwabach veröffentlicht.
Gegen die »Querdenken«-Kundgebung und die Instrumentalisierung des NS-Widerstands protestierten nicht nur Florian Aicher, Jörg, Martin und Thomas Hartnagel, sondern auch etwa 70 Einwohner*innen aus Forchtenberg. Die Anmelder*innen des Protests erklärten, man müsse die Erinnerung an die Weiße Rose wachhalten und sich wehren, wenn diese Erinnerung missbraucht werde. Im Protestaufruf wiesen sie auf die systematische NS-Relativierung und Opferinszenierung von »Querdenken«-Demonstrant*innen hin. Sie erinnerten beispielsweise an das Tragen von »Ungeimpft«-Aufnähern und -Shirts im Stil des »Judensterns«. Des Weiteren machten die Anmelder*innen auf die mangelnde Unterstützung durch lokale Politiker*innen aufmerksam. Zwar veröffentlichte der Landrat gemeinsam mit dem Bürgermeister eine Stellungnahme, in der sie die »Querdenken«-Kundgebung als »unangemessen und realitätsfremd« bezeichnen, jedoch blieb eine Beteiligung am Gegenprotest aus.
Forchtenberg ist keineswegs der einzige Ort in Baden-Württemberg, der mit den Geschwistern Scholl in Verbindung steht und von »Querdenken« instrumentalisiert wurde: Crailsheim – der Geburtsort von Hans Scholl – und Ulm – ab 1932 Wohnort der Geschwister Scholl – gerieten wiederholt in die Schlagzeilen, weil die lokalen »Querdenken«-Ableger den Widerstand gegen das NS-Regime mit dem »Widerstand« der Verschwörungsgläubigen gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie auf eine Ebene stellten. Nachdem »Querdenken 731 – Ulm« einen Flyer mit »Weiße Rose«-Bezug verteilt hatte, folgte eine Debatte über die Legitimität des NS-Vergleichs. Der Oberbürgermeister der Stadt Ulm, Gunter Czisch, nannte die Vereinnahmung der Weißen Rose eine »Unverfrorenheit«. Ein Angebot für einen Dialog mit »Querdenken« und Julian Aicher schlug Czisch aus. Aicher sprach am 20. September 2020 und verteidigte seine mehrfachen »Querdenken«-Auftritte in Süddeutschland.

Motive
Ob Crailsheim, Forchtenberg oder Ulm: Die Organisator*innen und Redner*innen der »Querdenken«-Versammlungen lieferten ein Musterbeispiel für die systematische Parallelisierung zwischen NS-Diktatur und Bundesrepublik. Was motiviert sie, eine Parallele zum NS-Widerstand zu ziehen? Für einige mag Aufmerksamkeit der Grund sein, denn die – absolut berechtigte – öffentliche Empörung über die historische Parallelisierung ist gewiss. Aber der Blick in die lokalen »Querdenken«-Telegram-Kanäle zeigt auch: Viele sind der festen Überzeugung, dass sie tatsächlich in einer Diktatur leben und wähnen sich im Freiheitskampf gegen den Faschismus. Wie die Geschwister Scholl. Das offenbart die Geschichtsunkenntnis und zeigt auf erschreckende Weise, wie sehr Verschwörungsmythen den Blick auf die Realität verzerren können. Die Moderatorin des »Querdenken«-Protests in Forchtenberg, Kerstin Herbold, erklärte am 10. Oktober 2020 in Berlin, seit der Kundgebung »zu Ehren der Weißen Rose« spüre sie den »Rückhalt der Geschwister Scholl«. Herbold, die sich auf einer Mission gegen die faschistische Schreckensherrschaft wähnt, bringt die eigene Überhöhung auf den Punkt.