„Passt nicht zu unseren Werten“

von Mark Haarfeldt
Magazin "der rechte rand" Ausgabe 172 - Mai 2018 - online only

#Fußball

Magazin der rechte rand

© Mark Mühlhaus / attenzione

Auch beim Fußball versucht die „Alternative für Deutschland“ mit ihrer völkisch-nationalistischen Propaganda zu punkten.

Alle zwei Jahre – im Rahmen der Fußball-Welt- und Europameisterschaften der Herren – bekommt die Bundesrepublik kurzzeitig ein neues Gewand. Auch in diesem Sommer wird für vier Wochen Fußball die mediale Berichterstattung und den Alltag vieler Menschen dominieren. Als 2006 hierzulande „das Sommermärchen“ begann und kollektives sogenanntes „Public-Viewing“ zu einem Ritual bei Spielen der DFB-Auswahl wurde, war Fußball der Garant, um auch dem Land Deutschland seine ungeteilte Aufmerksamkeit zu widmen. Daraus entstanden Diskussionen, wie diese Euphorie zu bewerten ist und welche negativen Auswirkungen – besonders nach Niederlagen – ein kollektives Erlebnis haben kann.

 

AfD vs. „Die Mannschaft“
Bei der letzten Europameisterschaft entdeckte die „Alternative für Deutschland“ (AfD), dass Kritik an der „Mannschaft“ hilfreich für die eine oder andere medial breit rezipierte Provokation ist. Die Aussage von Alexander Gauland, dass viele Leute einen wie Verteidiger Jérôme Boateng, angeblich „nicht als Nachbarn haben“ wollen, war eine klares Indiz dafür, dass im AfD-Kosmos die Leistungsfähigkeit eines Spielers immer mit seiner Herkunft oder Abstammung verbunden sein wird. Das zeigte auch ein Tweet von Beatrix von Storch, die ebenfalls im Zuge der letzten EM das Ausscheiden der DFB-Auswahl gegen Frankreich im Halbfinale sarkastisch mit Verweis auf den Migrationshintergrund einiger Spieler kommentierte. Von Storchs Empfehlung, dass „vielleicht (…) nächstes mal dann wieder die deutsche NATIONALMANNSCHAFT spielen“ solle. Obwohl alle Dribbelkünstler der DFB-Elf den deutschen Pass besitzen, machte das unmissverständlich klar: wenn von Storch & Co. von „Heimat“ oder dem „deutschen Volk“ sprechen, sind damit explizit nur jene gemeint, die aufgrund ihrer Abstammung als ‘Deutsche’ gelten. Menschen, deren Eltern einst nach Deutschland einwanderten, werden in dieser Logik automatisch ausgeschlossen.

 

Eintracht Frankfurt vs. AfD
Diese völkisch-nationalistische Perspektive der AfD, verankert im 2016 verabschiedeten Grundsatzprogramm, stößt im global-agierenden Profifußball jedoch an Grenzen. Für besondere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit sorgte die SG Eintracht Frankfurt (SGE), deren Mitglieder auf einer Jahreshauptversammlung, im Januar 2018, der Frage nachgingen, ob Nationalismus und Ausgrenzung mit den Werten des Vereins übereinstimmen. Als Eintracht-Präsident Peter Fischer in seiner Rede betonte, dass Mitglieder der SGE nicht der AfD angehören sollten, weil das den Werten der SGE widerspreche, bekam er minutenlangen Beifall durch die absolute Mehrheit der Anwesenden. Bereits Ende 2017 hatte Fischer in einem Interview in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erklärt: „Es kann niemand bei uns Mitglied sein, der diese Partei wählt, in der es rassistische und menschenverachtende Tendenzen gibt.“ Im Vorfeld der Jahreshauptversammlung spekulierte unter anderem das Magazin „Der Focus“, dass Fischers klarer Widerspruch zwischen Eintracht Frankfurt und AfD zu Unmutsbekundungen führen werde. Dieser Annahme widersprachen die anwesenden Mitglieder durch ihre überwältigende Akklamation. Daraufhin zog Michael Goebel, Stadtrat für die AfD-Fraktion im Wiesbadener Rathaus, seinen im Vorfeld angekündigten Redebeitrag zurück. Fischer wurde schließlich mit 648 von 654 Stimmen als Präsident wiedergewählt. Sowohl im Vorfeld, als auch im Nachgang der Jahreshauptversammlung, hagelte es Mails von AfD-Mitgliedern sowie deren AnhängerInnen, die Fischers Äußerungen harsch kritisierten und ihn teilweise persönlich bedrohten. Der hessische Landesverband der AfD hatte ihn zudem wegen Verleumdung angezeigt – bisher ohne Folgen.

Beißreflexe, die dann immer auftauchen, wenn die AfD aufgrund ihrer menschenfeindlichen Haltung kritisiert wird. Auch die Bundessprecherin Alice Weidel äußerte sich in einem Twitter-Beitrag empört über den SGE-Präsidenten: „Irgendwie belustigend, zu was sich drittklassige Proleten eines Fußballvereins so äußern.“ Auch wenn die Feststellung des proletarischen Sportes Fußball nur bedingt der Realität in Geschichte und Gegenwart entspricht. Die Abwertung, Fußball müsse irgendwas mit Proleten zu tun haben, hatte den kräftigen Anstrich eines elitären Denkens, das in der AfD immer wieder auftaucht, wenn es darum geht, KritikerInnen zu diffamieren. Weigels Tweet war letztlich nicht nur eine Herabsetzung des Präsidenten von Eintracht Frankfurt, als vielmehr eine Abwertung von FußballanhängerInnen im Allgemeinen. Fußball, der Proletensport, passt dann doch nicht zum elitären Habitus der wirtschafts-libertären AfD-Spitzenpolitikerin.

 

von Storch vs. VfL Osnabrück
Auch der VfL Osnabrück stand im Fokus von Beatrix von Storch. Nachdem der Drittligist im April 2018 im Heimspiel gegen Hansa Rostock, mit dem Trikot-Aufdruck „Gegen Rechts“ auflief und Vereins- und Fanvertreter vor dem Anpfiff eine passende Erklärung dazu verlasen, twitterte von Storch, dass die „Honks vom VfL Osnabrück“ präzisieren sollten, was sie unter „Rechts“ verstünden. Souverän antworteten die Verantwortlichen des Clubs daraufhin: „Danke für die Reaktion, Beatrix von Storch, wir scheinen einen Nerv getroffen zu haben. Wir werten Ihre Beleidigung und den Inhalt Ihres Tweets als Kompliment und fühlen uns in unserer Haltung bestätigt.“ Zum Angebot des VfL Osnabrück, ein Trikot mit Unterschriften des „gesamten, multikulturellen Kaders“ zu bekommen, schwieg von Storch.

 

Kein Platz für Hetze
Profi-Fußball ist ein Milliardengeschäft. Der Kampf um den globalen Markt setzt Institutionen und Vereine enorm unter Druck. Niemand kann und möchte sich da einen Wettbewerbsnachteil durch rassistische oder völkisch-nationalistische Rhetorik einhandeln. Dazu kommt, dass viele Vereine ihre gesellschaftspolitische Verantwortung und auch Vorbildfunktion, besonders im Jugendbereich, zunehmend wahrnehmen. Das beinhaltet auch Engagement im Bereich der Integration sowie andere zivilgesellschaftliche Aktivitäten. Dieser Aspekt ist gleichzeitig auch eine Werbung für neue Fans und Sponsoren. Bei Eintracht Frankfurt steht ein solcher Anspruch in der Vereinssatzung – verbunden mit drohenden Sanktionen bei Verstößen. Fischer zitierte auf besagter Jahreshauptversammlung den §14 der Vereinssatzung, in dem es heißt, dass ein Vereinsausschluss „bei vereinsschädigendem Verhalten besonderer Schwere, insbesondere bei Fällen von Diskriminierung, Rassismus und Gewalt, erfolgen [kann].“ Der AfD mag das nicht schmecken, jedoch ist es für einen Präsidenten mehr als legitim, Werte, die in der Satzung stehen, öffentlich zu betonen.

 

Die Auseinandersetzung geht weiter
Die Öffentlichkeit bekommt über die medial stark rezipierten Ereignisse hinaus, wie bei Eintracht Frankfurt, wenig von vereinsinternen Debatten mit – vor allem von jenen im Amateurbereich. Die Frage, ob die gesellschaftlichen Vorstellungen der AfD mit der eigenen Vereinsethik übereinstimmen, ist für viele Sportvereine jedoch ein wiederkehrendes Diskussionsthema. Auch bei der Mitgliederversammlung des ehemaligen Erst-Ligisten Hamburger Sportverein (HSV), im Februar 2018, sollte ein Antrag über die Vereinbarkeit einer Mitgliedschaft im HSV mit der in der AfD entscheiden. Der Antrag wurde jedoch aufgrund der sportlichen und personellen Krise des Vereins zurückgezogen.

Die Debatten und die Auseinandersetzung mit der AfD werden weitergehen. Mal mehr mal weniger medial begleitet. Mit dem Beginn der FIFA-Fußball-WM der Herren wird der Fußball vier Wochen lang eine Präsenz in der Öffentlichkeit haben wie kein zweites Sportereignis dieser Welt. Dass im Zuge von Sieg oder Niederlage nationalistische Entgleisungen auftreten, ist zu erwarten. Bei aller Euphorie sollte allen bewusst sein: Trotz Wettkampfgeist, Aufregern, Daumendrücken und emotionaler Leidenschaft dürfen auch im Fußball die Grenzen des respektvollen Miteinanders nicht überschritten werden. Rassismus und Nationalismus, ebenso Sexismus und Homophobie, haben auch im Fußball nichts zu suchen.