Überleben ist alles

von Lucius Teidelbaum
Magazin "der rechte rand" Ausgabe 168 - September 2017

Auch in Deutschland bereiten sich zunehmend mehr Menschen auf Krisenszenarien vor. Das als »Survivalismus« bezeichnete Phänomen ist eine eigene Subkultur. Ein Teil davon hat inhaltliche und personelle Bezüge zur extremen Rechten.

Messer, Prepper,

© »der rechte rand«

Weit verbreitet war Ende der 1990er Jahre die ‹Millenniums-Angst› – die Befürchtung, mit dem Datumswechsel von 1999 zum Jahr 2000 könnten computergesteuerte Anlagen verrückt spielen und es käme dadurch zu einem Zusammenbruch der Zivilisation. Damals legten viele Menschen in Erwartung einer kommenden Katastrophe Notvorräte an. Ähnliche Vorbereitungen auf Krisen gab es vor dem Hintergrund eines drohenden Atomkriegs im Kalten Krieg und während der Ölkrise von 1973. Damals legten vor allem in den USA viele Mittelschichtsfamilien eigene Bunker an. Auch heute gibt es viele Menschen, die sich in ihren privaten Räumen auf eine kommende Katastrophe vorbereiten. Diese Menschen werden als SurvivalistInnen bezeichnet und erwarten Terroranschläge, Atomunfälle, den Finanzcrash, Pandemien oder Bürgerkriege. Sie selbst nennen sich meist »Prepper«, abgeleitet vom Englischen »to be prepared«, zu Deutsch »bereit sein«.
In den USA, dem Mutterland der »Prepper«, soll es laut der Zeitung »Le Monde diplomatique« mindestens drei Millionen »Prepper« geben. Im Magazin »Hinterland« des Flüchtlingsrats Bayern wurde in Deutschland die Zahl der »aktiven Prepper« mit 150.000 bis 200.000 Menschen angegeben. Laut Bastian Blum, Chef der »Prepper Gemeinschaft Deutschland«, soll es in Deutschland sogar fast eine Million »Prepper« geben. Eine besondere Variante sind die »Doomsday-Prepper« oder »Doomer«, die von apokalyptischen Bürgerkriegsszenarien ausgehen und die Selbstbewaffnung propagieren. Ihr Ziel ist eine möglichst weitgehende individuelle Autarkie, um den »Tag X« überstehen zu können. Dafür werden Lebensmittelvorräte angelegt, theoretisches Wissen zum Überleben erlernt und nötige Fähigkeiten trainiert. Ein Teil der Szene will die drohende Katastrophe im eigenen Zuhause überstehen, andere wollen sich mit einem Fluchtrucksack in die Wildnis aufmachen. Neben Waffen, Essens- und Wasservorräten werden auch Edelmetalle als Krisenwährung gehortet (s. drr Nr. 152). Wie jede Subkultur verfügen auch die »Prepper« über eigene Codes. »WTSHTF« steht für den Satz »When the Shit hits the Fan« und meint den Beginn der Katastrophe. »INCH« dient als Abkürzung für »I will never come home« und signalisiert anderen »Preppern« den Gang in die Wildnis. Durch eine offizielle Empfehlung des »Bundesamts für Bevölkerungsschutz« vom August 2016 sahen sich viele »Prepper« in ihren Befürchtungen bestätigt. Das Amt hatte auf seiner Internetseite empfohlen, Vorräte anzulegen, um »14 Tage ohne Einkauf überstehen zu können«.

Die rechte Flanke des Survivalismus
Ein Teil der SurvivalistInnen operiert mit rassistischen Krisenszenarien, in denen ethnische Bürgerkriege prophezeit werden. Kulturpessimismus und Untergangsphantasien hat es in der extremen Rechten schon immer gegeben. Sie waren und sind eine wichtige Motivation für das politische Handeln. Hinzu kommen nicht selten eine elitäre Verachtung der Massen und die Vorstellung von einem apokalyptischen Endkampf. In der Vorstellung des radikal-völkischen Nationalismus ist durch die aktuellen Migrationsbewegungen das ethnisch definierte ‹deutsche Volk› in seiner Existenz bedroht. Es sind jedoch nicht mehr nur neonazistische Parteien und »Kameradschaften«, sondern auch große Teile der PEGIDA-Bewegung oder der »Alternative für Deutschland« (AfD), die von einem drohenden »Volkstod« oder der »Umvolkung« in Deutschland sprechen. Diese Gruppen eint zudem die hinter diesen Begriffen stehende Vorstellung einer homogenen Volksgemeinschaft.

Völkische Krisenreaktion
Auf den angeblichen Zerfall des ‹deutschen Volkes› reagiert die politische Rechte sehr unterschiedlich. Es scheint im wesentlichen drei Optionen zu geben: Eine ist die Modernisierung und Anpassung, wo das ‹Volk› weniger rassistisch als kulturalistisch definiert wird, zum Beispiel im Sinne eines christlichen »Abendlandes«. Diese Vorstellungen lassen die Integration bestimmter Migrationsgruppen zu. Ein anderer Teil reagiert auf die demographischen Veränderungen mit einer Form des Rückzugs. Auf den Verlust der empfundenen ethnischen Homogenität in Westdeutschland und in deutschen Großstädten folgt der Rückzug in den ostdeutschen und ländlichen Raum. Zu beobachten ist der Versuch der Bildung völkischer Siedlungen. Das bekannteste Beispiel sind sicherlich die »Neo-Artamanen« in Mecklenburg-Vorpommern. Die »Artamanen« bildeten zu Zeiten der Weimarer Republik einen radikal-völkischen Siedlungsbund, der 1934 in die »Hitlerjugend« eingegliedert wurde.
Bei den »Reichsbürgern« gibt es mit den »Selbstversorgern« eine Untergruppe, die als Reaktion auf die Krise die Sezession von der Gesellschaft propagiert. Deren AnhängerInnen glauben wie alle »Reichsbürger« an eine Fortexistenz des »Deutschen Reichs« und verweigern dem aktuellen Staat ihre Anerkennung, dessen Institutionen nicht nur delegitimiert, sondern auch boykottiert werden, um möglichst autark zu leben.

Auch Teile der »Anastasia-Bewegung« können zu den »Preppern« gezählt werden. Die aus Russland stammende Bewegung strebt die Gründung von Familienlandsitz-Siedlungen an und steht für eine Verquickung von esoterischem und völkischem Gedankengut. In Deutschland soll es im Jahr 2016 elf solcher Siedlungen gegeben haben, die Zahl der SympathisantInnen ist um ein Vielfaches größer. Die Familien sollen in den Siedlungen separiert voneinander existieren. Aufgrund der Erwartung einer massiven Entsolidarisierung in der Gesellschaft wird trotz des völkischen Nationalismus die Rückbesinnung auf kleinste Solidargemeinschaften wie »Stämme«, »Sippen« oder »Familien« gepredigt. Die dritte Option folgt der Vorstellung von einem ‹reinigenden› ethnischen Bürgerkrieg, der in größeren Teilen der extremen Rechten ganz sicher erwartet, ja geradezu herbeigesehnt wird. In der neonazistischen Szene ist die Rede vom »Racial Holy War«, die »Neue Rechte« sieht sich bereits in einem »Vorbürgerkrieg«. Einzelne extreme Rechte versuchen einen Bürgerkrieg gezielt herbeizuführen. Die Taten von Anders Breivik in Norwegen oder dem »Nationalsozialistischen Untergrund« müssen auch vor diesem Hintergrund interpretiert werden. Die meisten extrem rechten AnhängerInnen dieser Option überschreiten zwar nicht die Grenze zum Rechtsterrorismus, bereiten sich jedoch auf bewaffnete Auseinandersetzungen vor. Sie gehen davon aus, der Staat werde sein Gewaltmonopol verlieren und man müsse sich daher bewaffnen und verteidigen. So postete beispielsweise in einem Chat der AfD-Sachsen-Anhalt ein Nico Backhaus im März 2017: »Ich beabsichtige privat noch einen Waffenschein zu machen. Heut zu Tage (sic!) rechne ich mit allem …«

Krisengewinner »Kopp Verlag«
Mit solchen rassistischen Bedrohungsszenarien und Krisenängsten versuchen rechte Akteure wie der »Kopp Verlag« kräftig Kasse zu machen. Der Verlag gibt Bücher wie den »Ratgeber Freie Waffen« oder »Selbstverteidigung im Straßenkampf« heraus und vertreibt unter dem Stichwort »Krisenvorsorge« Pfefferspraypistolen, ABC-Schutzanzüge, Saatgutpakete und Elektroschocker. Am 23. April 2016 fand in der Stadthalle in Fürth ein Kongress des Verlags zum Thema »Perfekte Krisenvorsorge« statt. Eine Karte kostete stolze 69 Euro. Als Referent trat der vermeintliche Survival-Experte Lars Konarek aus Freiburg auf. Der Verlag vertreibt Konareks Zeitschrift »Save your life«, ein »Magazin für die Outdoor-Krisenvorsorge«.
Ein viel beachteter Bürgerkriegs-Prophet war der Autor Udo Ulfkotte (1960-2017), der ebenfalls im »Kopp-Verlag« publizierte. In seinem 2009 veröffentlichten Buch »Vorsicht Bürgerkrieg!« empfahl er die Selbstbewaffnung: »Treten Sie in einen Schützenverein ein. Lernen sie den Umgang mit Schusswaffen.« Das Buch erschien mit herausnehmbarer Karte, auf der mit Flammen-Symbolen auf vermeintlich zukünftige Krisengebiete in der Bundesrepublik hingewiesen wurde. Selbst scheinbar harmlose Bücher wie Ulfkottes »Mein Feld, mein Wald, mein Teich« bedienen die Krisenangst. Laut Untertitel handelt es sich um ein »Handbuch für traditionelle Krisenvorsorge«.
Doch der »Kopp Verlag« ist nicht der einzige, der am Geschäft mit der Angst verdient. Per Anzeige ging beispielsweise der Versand »Krisenvorsorge & Selbstversorgung« aus Bad Teinach-Rötenbach in den Zeitungen »Junge Freiheit«, »Die Aula« und »Umwelt&Aktiv« auf Werbetour. Über den inzwischen abgeschalteten Onlineshop »Migrantenschreck« bewaffneten sich rassistische AngstbürgerInnen. Allerdings waren die aus Ungarn versandten Waffen in der Bundesrepublik teilweise illegal und führten zu Hausdurchsuchungen. Auf »PI-News« und »Journalistenwatch.com« warb das »Projekt Finca Bayano« für ein Aussiedlerdorf für Deutsche in Panama. Hinter dem Projekt steht die Firma »Rainforest Invest S. A.« von Achim Wendland und Stefan Mudry. Mudry ist Autor von »PI-News« und bereits im Dezember 2009 nach Panama ausgewandert. Für andere krisenverängstigte Deutsche sind die russisch annektierte Krim oder Ungarn eine Alternative.

Neonazistische Überlebenstrainings
Da Großstädte in postapokalyptischen Szenarien als besonders gefährdet angesehen werden, ist die Stadtflucht häufig zentral in den Planungen der »Prepper«. Um in der ‹Wildnis› überleben zu können, werden Trainingsprogramme bei »Survival-Experten« absolviert. Unter den Trainern befinden sich sowohl ehemalige Soldaten als auch Neonazis. Im Jahr 2007 thematisierte das »Antifa-Infoblatt« Überschneidungen zwischen Nachfolgestrukturen von «Blood & Honour« Niedersachsen und der »Combat & Survival School« (CSS) beziehungeweise »Warrior Survival School« (WSS) im niedersächsischen Munster, in denen drei ehemalige Bundeswehrangehörige als Ausbilder und Trainer aktiv waren. Komplettiert werden solche Angebote durch rechte Facebook-Gruppen. Die Gruppe »Nationaler Selbstversorger« ist laut Selbstdarstellung spezialisiert auf »Selbstversorgung auf völkischer und natürlicher Grundlage«. Jüngst wurde bekannt, dass »Prepper« in Mecklenburg-Vorpommern geplant haben sollen, Linke im Krisenfall festzusetzen und zu erschießen. Hausdurchsuchungen im August 2017 ließen die Verdächtigen allerdings auffliegen.

Praktizierter Sozialdarwinismus
Das rechte Einfallstor im Survivalismus ist, neben den Krisen- und Untergangsängsten, Konkurrenzdenken und daraus resultierendes sozialdarwinistisches Verhalten. Unter rechten wie nicht-rechten »Preppern« wird davon ausgegangen, im Krisenfall die eigenen Ressourcen für sich und Gruppenmitglieder verteidigen zu müssen. Dieser Gruppenegoismus im Kleinen ähnelt dem Gruppenegoismus des völkischen Nationalismus im Großen. Für diesen gilt eine Bevölkerung mit unterschiedlichen Herkunfts- und Religionsgruppen als potenzielle Gefahr für ethnische Bürgerkriege. Krawalle von abgehängten Jugendlichen in Vorstadtsiedlungen von Stockholm und Paris oder die massenhaften sexualisierten Übergriffe in der Kölner Silvesternacht gelten in dieser Perspektive als erste Anzeichen eines ethnisch oder kulturell begründeten Bürgerkriegs.