»Niedersachsen retten«

von Marianne Esders und Paul Wellsow
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 220 Mai l Juni 2026

Bis zu 1.000 Mandate könnte die AfD in Niedersachsen bei der Kommunalwahl im September 2026 erhalten. Die Partei bereitet sich gezielt auf die Wahlen und die Arbeit in den Gremien vor – und nimmt dafür auch kleinere Städte ins Visier.

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Screenshot der Website der AfD Niedersachsen

Das Ziel ist ambitioniert: 1.000 Kommunalmandate bei der Kommunalwahl am 13. September 2026 in Niedersachsen. Der AfD-Landes-Chef und stellvertretende Vorsitzende der niedersächsischen Landtagsfraktion Ansgar Schledde legt die Messlatte bewusst sehr hoch: 15 bis 20 Prozent der Stimmen will er landesweit im Herbst gewinnen. Angesichts des bundesweiten Höhenflugs der Partei in den Umfragen und bei den jüngsten Landtagswahlen in zwei westdeutschen Flächenländern – in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz – sowie bei den Kommunalwahlen in Hessen und Bayern könnte das nun auch im Nordwesten der Republik Realität werden.

Flächendeckender Antritt?
Mit einem Ergebnis dieser Dimension könnte die AfD in ganz Niedersachsen bis zu 1.000 Mandate besetzen – und das ist offenbar ein Problem für die Partei. Denn bisher scheint es, als habe sie in einigen Regionen Schwierigkeiten, genügend Kandidat*innen zu finden, um flächendeckend und mit ausreichend Personen anzutreten. Auch für die Positionen als Bürger- und Oberbürgermeister*innen sowie Landrät*innen will die Partei antreten, findet aber auch dafür bisher offenbar zu wenig Kandidat*innen. Und das, obwohl sie hier inzwischen nach eigenen Angaben gut 8.000 Mitglieder hat. Selbstbewusst sagte Schledde der Presse: »Ich gehe davon aus, dass es Gemeinden und Städte gibt, wo wir die Stichwahl erreichen.« Insgesamt werden in Niedersachsen im Herbst mehr als 29.500 Mandate in gut 2.120 kommunalen Vertretungen vergeben.

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»Niedersachsen retten«
Bei den Kommunalwahlen vor fünf Jahren ging die AfD in dem norddeutschen Bundesland noch deutlich schwächer aus den Wahlen hervor. Landesweit gaben ihr damals nur 4,6 Prozent der Wählenden die Stimme. Das bedeutete etwas mehr als 300 Sitze in den kommunalen Vertretungen, und oft zu wenig, um eigene Fraktionen bilden zu können. Auch wenn der niedersächsische Landesverband seit Jahren immer wieder im Streit versinkt sowie mit strafrechtlichen Ermittlungen und Skandalen konfrontiert ist, hat er sich zuletzt stabilisiert, auch dank der Sacharbeit der Landtagsfraktion. Die anstehenden Kommunalwahlen können nun für die Partei ein weiterer wichtiger Schritt für eine Verankerung in der Gesellschaft und den Aufbau von fachlichen Kompetenzen sein. Thematisch geht es mit den politischen Evergreens der AfD in den anstehenden Wahlkampf: »Sichere Städte, bezahlbare Energie, niedrige Steuern, blühende Betriebe und stabile Jobs. Gegen links-grünen Niedergang, Bürokratenwahn und Massenmigration-Chaos«, schrieb der Landesvorsitzende Schledde jüngst. Sein hochgestecktes Ziel: »Zusammen retten wir Niedersachsen!«

Kleinere Städte im Visier?
Es sind ganz offenbar gezielt auch kleinere Städte, die von der Partei ins Visier genommen werden, um Stimmen zu gewinnen. Hier meint sie, durch bekannte Personen vor Ort leichter erkennbar und ansprechbar zu sein und an die lokalen Themen anknüpfen zu können. Ein Beispiel dafür ist Bleckede, eine kleine Stadt an der Elbe mit etwas mehr als 9.000 Einwohner*innen. Der Ort wurde am 30. Januar 2026 Schauplatz politischer Zuspitzung, als der AfD-Kreisverband Lüneburg hier ins Schützenhaus zum Neujahrsempfang geladen hatte. Auf der Bühne standen der regionale AfD-Landtags- und Kreistagsabgeordnete Stephan Bothe, die AfD-Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Fraktionsvorsitzende Beatrix von Storch sowie die AfD-Landtagsabgeordnete Vanessa Behrendt.

Kommunalpolitische Forderungen
Im Bleckeder Schützensaal hatten sich schließlich etwa 250 AfD-Anhänger*innen versammelt – einige aus dem Ort, viele waren aber auch von weiter her extra angereist. Vermutlich rechnete die Partei hier auch mit wenig Protest. Doch falsch: Draußen vor der Halle trotzten rund 700 Menschen den Minusgraden und dem Schnee, um unter dem Motto »Bleckede blüht bunt« gegen rechte Hetze, Rassismus und Demokratiefeindlichkeit zu demonstrieren. Ein Teil von ihnen blockierte sogar die Zufahrtswege. Im Saal verkündete derweil Bothe, der auch stellvertretender Landesvorsitzender ist, seine Kandidatur für das Amt des Landrats im Landkreis Lüneburg. Am Ende ist das zwar eine aussichtslose Kandidatur. Doch so wird er nun in den kommenden Monaten auf zahlreichen Podien zur Wahl sitzen und die Forderungen der Rechten in der Öffentlichkeit anbringen können. Beim Bleckeder Neujahrsempfang präsentierte er gleich eine Reihe politischer Vorschläge, die er realisieren wolle, würde er denn gewählt. So wolle er unter anderem jeden zweiten Beamten im Kreishaus »nach Hause schicken«, einer lokalen antifaschistischen Initiative »den Saft abdrehen« und Bleckedes Bürgermeister Dennis Neumann wegen seiner Beteiligung am Protest gegen die AfD abwählen lassen. Zudem kündigte er an, gegen weitere Windräder im Landkreis vor das niedersächsische Verfassungsgericht zu ziehen, ausreisepflichtige Geflüchtete abzuschieben und das »Asylbewerberheim« im Nachbarort Scharnebeck schließen zu lassen.

Die prominente AfD-Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch nutzte ihre Rede, um die Politik der Bundesregierung zu kritisieren, die öffentlich-rechtlichen Medien anzugreifen und gegen die Lockerung der Schuldenbremse zu hetzen. Die Landespolitikerin Vanessa Behrendt, gegen die die Staatsanwaltschaft Göttingen Vorwürfe wegen Volksverhetzung und Beleidigung erhoben hat, nannte die »Regenbogenideologie« ein »Einfallstor für Pädophilie«. Von der Kommune bis zum Bund – die Themen der AfD-Wähler*innen wurden ordentlich abgearbeitet. Der Applaus war daher laut. Für die AfD war der Abend ein Erfolg. Hier im Ort ist die Partei zuletzt bei Wahlen stark gewesen. Hier will sie jetzt noch stärker werden. Bei der Kommunalwahl 2021 gelang der Einzug in den Bleckeder Stadtrat nicht, im Kreistag gewann die AfD damals bereits drei Sitze. Bei der Bundestagswahl 2025 war sie in der Region im Wahlkreis 37 (Lüneburg?/?Lüchow-Dannenberg) mit 16,2?Prozent der Zweitstimmen etwas schwächer als der Landesdurchschnitt, aber in Bleckede mit 23,8?Prozent deutlich stärker. An dieses Potenzial wird die Partei anknüpfen können und trotz der überraschenden Stärke des antifaschistischen Protests aller Voraussicht nach in der Region deutlich mehr Mandate in den Vertretungen gewinnen.

»Konservative Grundsätze«
Um die Partei und ihre Kandidat*innen auf die Arbeit in den kommunalen Vertretungen gut vorzubereiten, bietet der eingetragene, aber nicht gemeinnützige »Verein für Kommunalpolitik in Niedersachsen« mit Sitz in Gifhorn Schulungen für Politiker*innen der AfD an. Seine Aufgabe ist laut Satzung, »konservative Grundsätze in der Kommunalpolitik zur Geltung zu bringen« und »die Erarbeitung von Richtlinien für die praktische Arbeit in den kommunalen Vertretungen und Körperschaften nach Maßgabe der allgemeinen politischen Grundlagen der AfD«. 2025 hätten an über 40 Veranstaltungen etwa 600 Personen teilgenommen, berichtete die niedersächsische Presse unter Berufung auf eigene Angaben des Vereins. Gegenwärtig werden fast im Wochentakt Veranstaltungen angeboten – zumeist als Online-Veranstaltungen. Unter dem Vorsitz des AfD-Kommunalpolitikers Daniel Schäfer aus Langenhagen organisiert ein neunköpfiger Vorstand die Arbeit. Der Blick in die Satzung und auf die AfD-Mitgliedschaften von Vorstandsmitgliedern zeigt klar, dass der Verein sich zwar formal als unabhängig bezeichnet, aber als direkte Vorfeldorganisation der Partei agiert. Es gibt hier Seminare und Workshops zu »Grundlagen der Rhetorik«, Schreibwerkstätten, Pressearbeit, Social Media, Nutzungsmöglichkeiten von Künstlicher Intelligenz für die politische Arbeit, Verwaltungsrecht oder zur Frage, wie die konstituierenden Sitzungen der neugewählten kommunalen Gremien ablaufen. Gezielt werden Tipps gegeben, wie künftige AfD-Kommunalfraktionen effektiv arbeiten und vor Ort gestalten können. Die Referent*innen sind erfahrene Kommunalpolitiker*innen der AfD, Mitarbeiter*innen aus Fraktionen der Partei in Bund und Ländern sowie parteinahe Expert*innen – unter anderem der Historiker Yannick Noe, Vorsitzender der AfD-Fraktion im Stadtrat und Autor des 2025 erschienenen Buchs »Konservative Kommunalpolitik« oder der Rhetorik-Trainer Michael Schulz, der auch nach eigenen Angaben Seminarleiter für »Kommunikation und Menschenführung« sowie für »Deutsche Außen- und Sicherheitspolitik« in militärischen Zusammenhängen tätig ist.

»Die Komsomolskaja Prawda erklärt ausdrücklich, sie sei „keine nazistische oder profaschistische Partei“, sondern nationalkonservativ. Ostdeutschland erscheint als das „wahre Deutschland“, das sich gegen ein westliches, amerikanisiertes, migrationsgeprägtes … Deutschland behaupten müsse.

#AntifaMagazin der rechte rand (@derrechterand.bsky.social) 2026-09-08T14:15:47.244Z