der rechte rand

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Druckzeitpunkt: 20.01.2020, 01:26:34

Aktuelle News

Editorial / Kommentar Ausgabe 179

von der Redaktion

Magazin »der rechte rand« Ausgabe 179 - Juli / August 2019

Liebe Leser*innen,

Ende Mai 2019 fanden in zehn Bundesländern Kommunalwahlen statt. Die rechtsradikale »Alternative für Deutschland« (AfD) trat mit gut 7.100 Kandidat*innen für über 1.000 Gremien an. Mindestens 3.361 neue Mandate konnte sie zusätzlich zu den rund 1.000 Sitzen der AfD in den anderen sechs Bundesländern erringen – das bedeutet eine Verdreifachung der bisherigen Mandate in jenen Regionen, die nun gewählt haben.

Antifa Magazin der rechte rand
Im Rathaus Frankfurt / Main © Antifa Magazin @derrechterand

Diese und weitere detaillierte Zahlen, etwa zur Sozialstruktur der Kandidierenden, der regionalen Verteilung und den Erfolgen und Misserfolgen anderer Rechtsparteien, hat das »antifaschistische pressearchiv und bildungszentrum berlin« veröffentlicht  – eine Fleißarbeit, die sonst niemand macht. Medial war zwar hier und dort zu lesen, dass die AfD einige Mandate nicht besetzen konnte. Doch es gab kaum einen Bericht, der diesen Rechtsruck mit Ankündigung einordnete oder die bundesweiten Zahlen nannte.

Trotz des aktuellen Medieninteresses an Rechtsterror, Preppern und dem allgemeinen Aufstieg der AfD bleiben Detailstudien, längerfristige Beobachtungen oder das frühe Erkennen neuer Phänomene weiterhin Sache von antifaschistischer Recherche, kritischer Wissenschaft, Beratungsstellen und wenigen qualifizierten Journalist*innen. Das angebliche »Frühwarnsystem« Verfassungsschutz hat auch bei diesem Thema nichts beizusteuern. Die AfD hat flächendeckend Kommunalmandate gewonnen. Vereinfacht gesagt wurde sie überall, wo sie antrat, ohne Ansehen der Qualität und der Bekanntheit ihrer Kandidat*innen gewählt.

Das wird noch eine Weile so weitergehen – das kann niemanden überraschen. Vor der Wahl schrieben wir beispielsweise: »Die Verankerung vor Ort ist für die dauerhafte Etablierung einer Partei lebenswichtig. Sie war für den Aufstieg der NSDAP ein Baustein des Erfolgs. Die NPD und all die anderen Formationen der radikalen Rechten scheiterten an dieser Aufgabe und scheiterten so als Wahlpartei auch in den Ländern. Ihnen gelang bisher nie, sich flächendeckend als politische Organisation im engen Lebensumfeld der Menschen festzusetzen, als ‹Kümmerer› und Ansprechpartner*innen vor Ort. Doch das ist nun anders (…). Das Festsetzen in Rathäusern, Verwaltungen und Kommunalparlamenten ist nun also der nächste Schritt – die Etablierung als politische Kraft vor Ort. (…) Die radikale Rechte wird flächendeckend Einfluss auf die Kommunalpolitik nehmen können, wenn sie sich klug anstellt. Kommunalpolitik, das klingt nach wenig, ist aber viel: Sozial- und Kulturpolitik, Stadt- und Bauentwicklung, lokale Gedenk- und Geschichtspolitik, Kitas, Jugendförderung und Schulpolitik, Integration, lokale Ordnungspolitik, – sowie unzählige Grußworte auf Schützenfesten, bei der Feuerwehr, im Sportverein und auch recht bald als ganz normaler politischer Akteur für die Lokalblätter« (derrechterand Nr. 177).

Antifa Magazin der rechte rand
© Mark Mühlhaus / attenzione

Die AfD schafft es, Themen zu setzen und immer wieder Machtfragen aufzuwerfen. Die Partei hat die Republik verändert, sie wird sie weiter verändern – erst in den Landtagen, dann im Bundestag und nun in den Rathäusern und Kreistagen.

Was dagegen zu tun ist?

Unbeeindruckt weitermachen – mit antifaschistischem Engagement und Bündnisarbeit, kritischer Wissenschaft, Recherche gegen Rechts, gezieltem Säen von Zwietracht in der Rechten, Spenden für das apabiz, Seenotrettung & Co. und stetigem Widerstand gegen die Normalisierung der radikalen Rechten und den Ideen der Ungleichheit.
#wirsindAntifa

Magazin der rechte rand
Abo @derrechterand

Vor Ort rechts

von Ernst Kovahl
Magazin »der rechte rand« Ausgabe 177 - März / April 2019

#Kommunalwahlen

In Europa, in den Landtagen und in den Kommunen: Bei den Wahlen Ende Mai 2019 wird die radikale Rechte gestärkt. Der Rechtsruck bei den Kommunalwahlen wird bisher übersehen.

Das Urteil des Verwaltungsgerichts in Köln kam rechtzeitig. Rechtzeitig vor der Europawahl, rechtzeitig vor den Landtagswahlen in Bremen, Brandenburg, Sachsen und Thüringen und vor allem rechtzeitig vor den Kommunalwahlen in neun Bundesländern. Die Entscheidung war für den offen neofaschistischen Flügel der AfD ein Ritterschlag und für die Partei eine Entlastung. Denn parallel zu den Europawahlen Ende Mai werden bundesweit Tausende ÄrztInnen, RechtsanwältInnen, EinzelhändlerInnen, SoldatInnen, BeamtInnen und Angestellte – kurz: die ordentliche Mitte der Gesellschaft – für die AfD zur Wahl antreten. Überall dort, wo die AfD antritt, wird sie gewählt werden. Die Zustimmung ist trotz aller Spenden- und Nazi-Skandale ungebrochen. Den schlechten Ruf von Neonaziparteien hat die AfD nicht, obwohl sie sich politisch inzwischen oft nur noch wenig von ihnen unterscheidet. Die neue Rechtspartei ist angekommen in der Bundesrepublik, sie ist normal. Vielleicht hätte der Makel der offen benannten »Verfassungsfeindlichkeit« noch für einen Rest an Anrüchigkeit gesorgt: Ist wirklich wählbar, wer vom Geheimdienst überwacht wird? Und sollte für sie wirklich kandidieren, wer in dieser Gesellschaft noch etwas werden will? Die Justiz hat eine eindeutige Antwort gegeben: Ja, die Partei mag rechtsradikal sein, aber das soll der Staat nicht sagen. Das Signal ist deutlich, ob gewollt oder ungewollt: Die AfD ist Bestandteil der guten Gesellschaft.

Auf dieser Welle von rechten Einstellungen und Rassismus, ausbleibender Gegenwehr und wachsender Normalität wird die radikale Rechte am 26. Mai 2019 gestärkt ins Europaparlament einziehen. Sie wird in wenigen Wochen darüber hinaus mit Hunderten, wenn nicht Tausenden VertreterInnen in den Stadträten, Gemeinderäten und Kreistagen sitzen. Die Verankerung vor Ort ist für die dauerhafte Etablierung einer Partei lebenswichtig. Sie war für den Aufstieg der NSDAP ein Baustein des Erfolgs. Die NPD und all die anderen Formationen der radikalen Rechten scheiterten an dieser Aufgabe, und so als Wahlpartei auch in den Ländern. Ihnen gelang bisher nie, sich flächendeckend als politische Organisation im engen Lebensumfeld der Menschen festzusetzen, als »Kümmerer« und AnsprechpartnerInnen vor Ort. Doch das ist nun anders, machen wir uns keine Illusionen. Denn überall dort, wo die AfD Ende Mai antritt, wird sie mit guten Ergebnissen gewählt werden. Die Zustimmung für die Partei in den vergangenen Landtags- und Bundestagswahlen dürfte in der Tendenz übertragbar sein. Bei den letzten vergleichbaren Kommunalwahlen vor vier beziehungsweise fünf Jahren war die AfD noch schwächer – in den Zustimmungswerten, aber vor allem in ihrer Personal- und KandidatInnendecke. Denn bei Kommunalwahlen ist für den Erfolg entscheidend, ob es einer Partei gelingt, überall ausreichend Menschen auf ihre Listen zu bringen: Wo sie nicht antritt, kann sie auch nicht gewählt werden. Doch wo sie mit den derzeitigen Zustimmungswerten ins Rennen geht, werden ihre Leute fast unbesehen ihrer Qualitäten in die Kommunalparlamente entsandt.

Der Einzug in den Bundestag 2017 war eine Zäsur, aus der die Gesellschaft noch hätte lernen können. Zudem hätten alle durch soziologische Erhebungen (beispielsweise »Deutsche Zustände«, »Thüringen Monitor«, »Leipziger Autoritarismusstudie«) und die Erfahrungen im europäischen Ausland gewarnt sein können. Das Festsetzen in Rathäusern, Verwaltungen und Kommunalparlamenten ist nun also der nächste Schritt – die Etablierung als politische Kraft vor Ort. Erst einmal in den Räten, doch bald auch als DezernentInnen oder gar BürgermeisterInnen. Wenn die Partei künftig einmal bei ein oder zwei Wahlen scheitern sollte, was wird das noch ausmachen? Nur noch wenig, denn die Strukturen vor Ort sind inzwischen gefestigt, der Funktionärskörper ausreichend breit – fester und größer allemal, als es die NPD oder »Die Republikaner« je waren. Die radikale Rechte wird flächendeckend Einfluss auf die Kommunalpolitik nehmen können, wenn sie sich klug anstellt. Kommunalpolitik, das klingt nach wenig, ist aber viel: Sozial- und Kulturpolitik, Stadt- und Bauentwicklung, lokale Gedenk- und Geschichtspolitik, Kitas, Jugendförderung und Schulpolitik, Intregration, lokale Ordnungspolitik – sowie unzählige Grußworte auf Schützenfesten, bei der Feuerwehr, im Sportverein und auch recht bald als ganz normaler politischer Akteur für die Lokalblätter. Klar ist: Die Arbeit in den Institutionen hat die Radikalität der AfD nicht abgeschliffen. Das wird sich auch in den Kommunalparlamenten nicht ändern. Die Partei schafft es, Politik zu machen, Themen zu setzen und immer wieder Machtfragen aufzuwerfen. Die AfD hat die Republik verändert, und wird sie weiter verändern.

»Das Schillern der Revolte« im »Tumult«

von Volkmar Wölk
Magazin "der rechte rand" - Ausgabe 162 - September 2016

Als »konservativ-anarchisch« charakterisiert der Blog von »eigentümlich frei« die Zeitschrift »Tumult«. Anarchisch, nicht anarchistisch. Der Anarch, das ist im rechten Weltbild der Idealtypus des souveränen Menschen, das ist Ernst Jüngers »Waldgänger«, das ist ein aristokratischer Individualist, der durch seine Entschlossenheit zum Widerstand besticht. Hätte man Frank Böckelmann, einst wie heute Kopf hinter der Zeitschrift »Tumult«, der »Vierteljahresschrift für Konsensstörung«, in der Gründungsphase des Blattes – damals noch mit dem Untertitel »Schriften zur Verkehrswissenschaft« – mit dieser Charakterisierung konfrontiert, hätte er sich vermutlich einen besonders gelungenen Akt der Subversion zugeschrieben. Wie kann ausgerechnet ein Wort wie »Tumult« im Kontext einer Begrifflichkeit verortet werden, die auf den Diskurs der »Konservativen Revolution« verweist? »Tumult« steht für ungerichtete, ziellose Unordnung, letztlich für die Vorstufe des Chaos. Und ist nicht die Chaosfurcht die ideologische Mutter jeglichen rechten Denkens, das Streben nach Ordnung ihr zugehörig? Ja, weiß denn der Autor des Begriffs »konservativ-anarchisch« nicht, dass der in Dresden geborene und dorthin zurückgekehrte Frank Böckelmann in seiner Jugendzeit ein Aktivist der »Subversiven Aktion« war, einer Nachfolgestruktur der linksradikalen »Situationistischen Internationale«? Um »Konsensstörung« ging es Böckelmann und seinen MitstreiterInnen schon damals, auch wenn an den »Tumult« noch nicht einmal gedacht wurde. Stattdessen waren sie Teil der Revolte, jener der Jahre 1967/68, lieferten wichtige Impulse für die Herausbildung und Ideologie der sogenannten antiautoritären Linken. Zwar kam die »Subversive Aktion« nie über ein Zirkeldasein hinaus, doch war der Einfluss beträchtlich. Noch heute bekannte Namen wie Rudi Dutschke, Dieter Kunzelmann, Herbert Nagel und Bernd Rabehl unter den Protagonisten sprechen dafür. Der Berliner Professor Bernd Rabehl allerdings landete im Lager der extremen Rechten, zuletzt sogar als Gutachter aktiv für die NPD, Herbert Nagel wiederum hatte seine Anfänge in der revanchistischen »Deutschen Jugend des Ostens« und als Mitglied der faschistischen französischen Gruppe »Jeune Nation«. Als konservativ hätte sich wohl niemand von ihnen bezeichnet, den Anarchen dagegen hätten einige als nicht ganz unberechtigt akzeptiert. Doch am Ende des »roten Jahrzehnts«, der Jahre bis 1977/78, stand das Scheitern. Das Scheitern der »Subversiven Aktion« wie der Subversion insgesamt, das des »Sozialistischen Deutschen Studentenbundes« (SDS) wie der antiautoritären Bewegung. Die Alternative zum Staatssozialismus hatte sich nicht als tragfähig erwiesen. Immerhin: Vom orthodoxen Marxismus hatte man zumindest Lenins Diktum, das jegliche revolutionäre Bewegung einer revolutionären Theorie bedürfe, nicht verworfen. Also wurde Theorie rezipiert – Theorie, die die Grenzen bisheriger Ansätze sprengte, jene der linken DissidentInnen. Theorien, die nicht länger in einer Klasse das revolutionäre Subjekt sahen, sondern vielmehr »nicht vollständig unterworfene Widerstandssubstrate«, jene »renitenten Restbestände«, die sich »der Totalität der Kapitalverwertung entziehen«, so Frank Böckelmann 1978 in einem Sammelband, der im wichtigen undogmatisch linken Merve-Verlag erschien. Bei den damaligen AutorInnen spielte der inhaltlich uneindeutige Tumult keine Rolle, als Titel hatte man gewählt: »Das Schillern der Revolte«. Und im Titelaufsatz wurde deutlich das Ziel benannt: »Für eine entgrenzte Theorie der Subversion«. AutorInnen in dem Bändchen waren auch Dietmar Kamper, Professor für Erziehungswissenschaft, der Politologe Walter Seitter und der Übersetzer Ulrich Raulf. Sie alle sollten zu wichtigen Autoren der ein Jahr später erstmals erscheinenden Zeitschrift »Tumult« werden. Und auch Herbert Nagel von der »Subversiven Aktion« gehörte zu diesem Kreis. Entgrenzen meint mehr, als die Grenzen der Orthodoxie und des Dogmatismus zu überschreiten. Wer Grenzen nur überschreitet, erkennt sie trotzdem an. Wer entgrenzt, bestreitet ihre Gültigkeit, letztlich auch die von Grenzen insgesamt. Auch die zwischen links und rechts. Und so kam Karin Priester bereits 1995 zu dem Schluss, es handle sich bei Autoren wie Kamper und Seitter um »Geistige Pfadfinder der Neuen Rechten«, die – nach ihrer Aneignung Martin Heideggers – »apokalyptisches Denken, meist in Verbindung mit der Gnosis« pflegten. Dabei gehe es um mehr als Esoterik, nämlich »um die Kritik des Bestehenden, die radikal vor jeder konkret-historischen Gesellschaftskritik ansetzt und weit über sie hinauszugehen beansprucht«. Es handle sich um einen »Radikalismus des non plus ultra mit jenem elitären Hauch von ‹radical chic›, der jede konkret-historische Gesellschaftskritik als spießigen Reformismus erscheinen lässt«. Und so entstanden Themenhefte wie die über den Prähistoriker Georges Dumézil, einen Referenzautoren der »Nouvelle Droite«, in dem neben Michel Foucault und dem Situationisten Asger Jorn der neu-rechte François-Xavier Dillmann zu Wort kam. Im Band über den Sonnenkult folgten Texte von Franz Altheim und Otto Rahn, in dem über Katechonten solche der »Konservativen Revolutionäre« Carl Schmitt und Hans Freyer. Grenzenlose Entgrenzung also. Bis zum heutigen Tage, wo der einst zum AutorInnenstamm der neu-rechten »Etappe« zählende Andreas Raithel als »Berater« im Impressum geführt wird, wo der Dresdener Literaturwissenschaftler Ulrich Fröschle, einst für die gleiche neu-rechte »Etappe« aktiv, heute als Lektor wirkt. Die »Entgrenzung« hat dazu geführt, dass tatsächlich zusammenwuchs, was schon lange zusammengehörte. Gemerkt hatten es auf der Linken nur wenige wie Karin Priester.

Haltung zeigen!

von Redaktion
Magazin »der rechte rand« Ausgabe 178 - Mai / Juni 2019

#Kampfsport

Statements von KampsportlerInnen gegenüber dem Antifa Magazin »der rechte rand«

Antifa Magazin der rechte rand
Haltung zeigen!
Kann man hier als PDF kostenlos downloaden zum Beispiel für deinen Gym. oder Dojo.

„Gegenseitig unterstützen“
Kampfsport bedeutet Lernen über
sich selbst und andere. Sich mentalen
Herausforderungen zu stellen –
an sich selbst und anderen zu wachsen.
Emanzipatorische Praxen im
Sport werden möglich, wenn wir uns
einander zuhören, um die Kämpfe
unserer TrainingspartnerInnen wissen
und uns gegenseitig in ihnen unterstützen.
Stella L.
Muay Thai-Boxerin, engagiert sich beim
feministischen Blog-Projekt „1min-Less“

„Ohne sportliche Ebene“
Ich mag es überhaupt nicht, wenn der
Sport politisch aufgeladen wird. Ich
mag es nicht, wenn Leute versuchen
den Sport politisch zu instrumentalisieren.
Aber es ist eine Selbstverständlichkeit,
rassistisches, sexistisches
und anderes Gedankengut, das
die fundamentale Gleichwertigkeit
aller Menschen verneint, zurückzuweisen.
Konkret heißt dass: Mit Nazis
macht man nichts zusammen – weil
es eben Nazis sind. Mit Nazis kämpft
man auch nicht, sondern man bekämpft
sie. Da gibt es keine sportliche
Ebene.
Jesse-Björn Buckler
MMA- und Muay Thai-Kämpfer und Coach

ABO
Das Antifa Magazin

alle zwei Monate
nach Hause
oder ins Büro.

„Das sind Gewaltdemonstationen“
Das Problem ist einerseits, dass Rassismus
als legitime, individuelle optionale
Meinung behandelt wird, und
nicht als ein System, das Menschen
unterdrückt. Andererseits wird Sport
als unpolitischer Raum ausgerufen.
Dabei wird ausgeblendet, was das für
eine Konsequenz hat, wenn Neonazis
und RassistInnen in Vereinen integriert
werden und auf Kampfsportveranstaltungen
ungehindert kämpfen
dürfen: Es werden Trainings- und
Profilierungs- wie auch Vernetzungsräume
ermöglicht, die für rassistische
und neonazistische Inhalte und Gewaltdemonstration
genutzt werden.
Marta V.
Boxerin, engagiert sich bei der antifaschistischen
Kampagne „Runter von der Matte“

„Keine Bühne bieten“
Gerade in einer Zeit, in der rechte
Hetze wieder immer lauter wird, sehe
ich es als Pflicht, den alten Slogan
„Nazis auf allen Ebenen zu bekämpfen“
ernst zu nehmen. Auf der Straße,
in den Parlamenten aber auch im
Ring, im Käfig oder auf der Matte.
Erstmal möchte ich diesen Leuten
keine Bühne bieten auf der sie sich
stark und männlich fühlen und schon
gar nicht will ich mit ihnen trainieren.
Matthias Bernard
Brazilian Jiu Jitsu Kämpfer und Trainer

„Mit Respekt leben“
Kampfsport hilft stark zu machen.
Wenn Du eine selbstbewusste Persönlichkeit
bist, dann gehst Du ganz
entspannt durch das Leben. Du hast
es nicht nötig, dir Opfer zu suchen,
um dich stark zu fühlen. Du machst
dich nicht mehr größer als Du bist
und Du machst dich auch nicht
mehr kleiner als Du bist. Wenn Du
so lebst, dann begegnest Du anderen
Menschen immer auf Augenhöhe.
Du gehst mit Respekt und in Frieden
durch das Leben.
Anuwat
ehem. Muay Thai-Boxer, Rajadamnern und
Lumpinee Stadion Veteran

„Empowerment geht nur ohne Nazis“
Beim Kampfsport begegnet man Menschen
quasi auf neutralem Boden. Soziale
Herkunft, ethnische Zugehörigkeit, Geschlecht,
usw. usf. spielen keine Rolle.
Solange ein respektvoller Umgang
herrscht, Rücksicht genommen wird auf den
jeweiligen Trainingspartner und dessen
Grenzen und Fähigkeiten, können alle gemeinsam lernen
und besser werden. Jeder Mensch wird
geschätzt, für sein Sosein und das, was der
Mensch dadurch ins Team einbringt.
Ich denke, es ist bei diesem Verständnis
offensichtlich,
wie Empowerment einen Platz
findet, Nazis hingegen nicht.
Alexandra Baron
dt. MMA-Pionierin, Gewinnerin des
„Rough Stone Grand Prix-60kg“ in Tokio

Editorial / Kommentar Ausgabe 181

von der Redaktion

Magazin »der rechte rand« Ausgabe 181 - November / Dezember 2019

Liebe Leser*innen,
eine verschlossene Holztür verhinderte in Halle an der Saale am 9. Oktober dieses Jahres, dass Stephan Balliet in der Synagoge einen Massenmord in der jüdischen Gemeinde verübte. Am Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag wollte er möglichst viele Menschen in dem Gotteshaus ermorden. Ort und Datum hatte er bewusst gewählt, den Anschlag live gestreamt, bei dem er eine Frau auf der Straße und einen Mann in einem Dönerimbiss erschießt. Bis heute ist weder vom Landesinnenminister noch der Polizeileitung nachvollziehbar erklärt worden, warum an diesem Feiertag keine Sicherheitskräfte vor Ort waren. Die gestiegene Bedrohung durch den weiter erstarkenden Antisemitismus wurde in Sachsen-Anhalt ignoriert. Wären Polizeikräfte zum Schutz der Gemeinde an jenen Tag abgestellt gewesen, hätte sie möglicherweise die Morde verhindern könnten.

Die Reaktionen der offiziellen Politik spiegeln das ganze Ausmaß der falschen Lageeinschätzung wider. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte, dass solch ein Angriff in Deutschland nicht vorstellbar gewesen wäre, und Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) meinte, ein solcher Angriff sei »ein Alarmzeichen«. »Unvorstellbar« und »Alarmzeichen«?

Wer 2019 so denkt, glaubt auch die ausgemachten Feind*innen der extrem rechten Szene nicht schützen zu müssen. Hier scheinen all die Opfer rechter Gewalt und die Ermordeten des NSU nicht wahrgenommen worden zu sein. Selbst die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) am 2. Juni 2019 scheint vergessen – oder wird ausgeblendet. Denn eines möchten die Bundesregierung und das Bundesamt für Verfassungsschutz nicht, dass von rechtem Terror gesprochen wird, der jederzeit morden könnte.


Dieser Terror ist längst international inspiriert und virtuell agil. Die Drohungen der sogenannten »Atomwaffen Division« sind der offene Aufruf, weltweit Morde zu begehen. Erst Anfang November versuchte ein mutmaßliches Mitglied des Netzwerkes aus Amerika nach Deutschland einzureisen.


Das Attentat von Halle hatte das Massaker von Christchurch und den Angriff von El Paso als Vorbild. Alleine bei diesen Anschlägen starben durch extrem rechte Täter 73 Menschen. Diese Szene hat ihre Feinde – ob Migrant*innen, Muslime, Jüd*innen oder antifaschistisch Engagierte, Politiker*innen und Aktive aus der Umweltbewegung – im Visier.


Befeuert werden diese Taten durch die Ideologie des »Großen Austauschs«. Unablässig wiederholen AfD, Pegida und Co ihre Anfeindungen mit ihren wenig verklausulierten Gewaltphantasien. Die neue Hassfigur Nummer Eins ist Greta Thunberg als »Botschafterin« von »Fridays for Future«. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Marc Jongen beschimpfte sie als »krankes Kind« und in Facebook-Kommentaren wird ihr der Tod gewünscht. Und Neonazi-Onlineshops bieten rechte Propagandautensilien mit »FCK Greta« an. Was vor drei Jahren bei Angriffen von Hooligans auf Proteste von »Ende Gelände« im Lausitzer Braunkohlerevier zu erahnen war, manifestiert sich nun: Die Klimabewegung ist zum nächsten großen Feindbild der gesamten Rechten geworden.

Fanden sich bisher vor allem antifaschistische Aktivist*innen und Parlamentarier*innen auf Feindeslisten wieder oder erhielten Emails mit Absendern wie »NSU 2.0« und »Staatsstreichorchester«, berichten mittlerweile auch Klimaforscher*innen von entsprechenden Nachrichten.
Wer 2019/20 noch denkt, ich bin ja nicht betroffen, ich muss nichts sagen, sollte sich nicht wundern, dass niemand mehr etwas sagen kann, wenn man selbst zum Ziel wird.

Eure Redaktion

»Christen in der AfD«

von Lucius Teidelbaum
Magazin "der rechte rand" Ausgabe 170 - Januar 2018

Magazin der rechte rand Ausgabe 170
Beatrix von Storch
© Mark Mühlhaus/attenzione

Die »Alternative für Deutschland« (AfD) war von Anfang an als Partei mit einem rechtsklerikalen Flügeln konzipiert. Gegründet wurde sie im Februar 2013 im Gemeindesaal der »Christuskirche« in Oberursel. Seit Anfang an engagierte sich in ihr der »Pforzheimer Kreis« für eine christliche Ausrichtung der Partei. 2014 gründete sich aus diesem Kreis – zuerst als lockerer Zusammenschluss, später als feste Struktur – die »Bundesvereinigung Christen in der AfD« (ChrAfD). Die Vereinigung ist überkonfessionell und hat nach eigenen Angaben zwar nur 130 Mitglieder, darunter aber hochrangige AfD-FunktionärInnen. Vor der Bundestagswahl im September 2017 warb die Vereinigung für neun KandidatInnen der Partei, drei von ihnen schafften es dann auch ins Parlament: Beatrix von Storch (Berlin), Volker Münz (Göppingen, Baden-Württemberg) und Ulrich Oehme (Chemnitz, Sachsen). Rund 60 Prozent der Vereinigung sind Katholiken, die anderen gehören zu evangelischen Landeskirchen oder Freikirchen. Sprecher ist seit Mai 2017 Wolfgang-Christian Fuchs aus Berlin.

»Gegenpol zu den herrschen Kräften«
Zur Bundestagswahl 2017 warb der »Regionalverband Süd (Bayern und Baden-Württemberg)« mit dem Flyer »Christliche Werte in den Bundestag« für die AfD. Darin hieß es, man stehe für den »Erhalt christlicher Werte«, die »traditionelle Familie« und »ideologiefreie Schulen« sowie gegen »Missbrauch der Religionsfreiheit«, die »Geringschätzung von Ehe und Familie« und »Frühsexualisierung und Abtreibung«. In der Satzung heißt es, die Bundesvereinigung habe das »Ziel, eine christlich-konservative Politik entsprechend der biblischen Ethik in unsere Gesellschaft und Politik hineinzutragen, insbesondere in den Bereichen Gesellschafts- und Sozialpolitik, Familienpolitik und Lebensschutz. Sie bildet einen Gegenpol zu den derzeit herrschenden Kräften der gesellschaftlichen Beliebigkeit.« Für christliche Rechte ist die AfD somit ein Instrument zur Umsetzung einer christlich-reaktionären Agenda.

Spende an die NPD
Zusammen mit dem Parteiaustritt von Frauke Petry kam den »Christen in der AfD« auch ihre bisherige Bundessprecherin Anette Schultner (Hameln, Niedersachsen) abhanden. Sie trat im Oktober 2017 aus, angeblich aufgrund des Rechtskurses der Partei. Allerdings war Schultner zuvor selbst Mitglied des rechten Flügels, der »Patriotischen Plattform«. Ebenso verließ Hubertus von Below (Grimma, Sachsen) die AfD. Er war zeitweise Sprecher des ChrAfD-Regionalverbands Mitteldeutschland. Und für einen Skandal sorgte Hardi Helmut Schumny (Blaustein, Baden-Württemberg), Schatzmeister der Bundesvereinigung. Der Burschenschafter hatte laut einem Bericht der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« 2009 der NPD im Saarland 40 Euro gespendet. Die ChrAfD stellte sich hinter ihn: »Herr Schumny hat bekannt und wir Christen vergeben ihm.«

»Keine Werte mehr«
Wichtigste Vertreterin des rechtsklerikalen AfD-Flügels ist die Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch. Im Interview mit der katholischen Gruppe »Kinder in Gefahr« sagte sie im September 2013: »Ich stehe feste auf dem Fundament des christlichen Glaubens. Der Glaube gibt mir Halt und Orientierung in einer Zeit, die immer beliebiger wird, die keine Werte mehr kennt und die selbst die Natur in Frage stellt.« Nicht von ungefähr war von Storch als Europaabgeordnete in den Jahren 2014 bis 2016 Mitglied des »European Christian Political Movement« (ECPM). Dort sammeln sich fraktionsübergreifend christlich-konservative bis fundamentalistische Abgeordnete. Nach von Storchs Bejahung des Einsatzes von Schusswaffen an der Grenze gegen Frauen und Kinder wurde sie ausgeschlossen.

Christliche Wahlalternative?
Eigentlich verfügen christliche Rechte mit dem »Bündnis C – Christen für Deutschland«, der Nachfolgerin der »Partei Bibeltreuer Christen« (PBC) und »Arbeit, Umwelt, Familie – Christen für Deutschland« (AUF), über eine eigene Wahlpartei. Hinzu kommen die katholischen Kleinstparteien »Christliche Mitte« und »Zentrumspartei«. Andere WählerInnen aus diesem Spektrum geben ihre Stimme weiterhin der CDU/CSU, wo bis heute ein rechtsklerikaler Flügel existiert. Doch viele christliche Rechte sind vom Kurs der CDU unter Angela Merkel enttäuscht, zum Beispiel von der »Ehe für alle«, oder sind von der Erfolglosigkeit christlicher Kleinstparteien frustriert. Hier findet die AfD ein unausgeschöpftes Potenzial.
In evangelikalen Kreisen weiß man um die Attraktivität der AfD. So saß auf einem Podium der »Allianzkonferenz« der evangelikalen Dachorganisation »Deutsche Evangelische Allianz« (DEA) in Bad Blankenburg (Thüringen) am 23. Juli 2017 neben vier CDU-Vertretern auch die AfD-Landtagsabgeordnete Corinna Herold. Offenbar wird im organisierten Evangelikalismus die Partei als Alternative zur Union wahrgenommen. Auch FunktionärInnen christlicher Kleinstparteien sind zur AfD gewechselt, zum Beispiel der heutige Landtagsabgeordnete Daniel Rottmann (Baden-Württemberg), der zuvor in der PBC und AUF aktiv war, oder der frühere Generalsekretär der PBC, Heiko Evermann (Schleswig-Holstein).

Liebesbekundungen an die Kirchen
Die ChrAfD bereichert die AfD um eine Strömung, die gezielt um Stimmen wirbt – und sie nimmt Einfluss auf den Kurs der Partei. Allerdings ist sie nur eine kleine Strömung. Trotz Unterschieden ist das Bündnis der christlichen Rechten mit anderen Rechtsaußen in der AfD inhaltlicher Art. Das führte auch dazu, dass das Agieren von US-Präsident Donald Trump auf der ChrAfD-Facebook-Seite bejubelt wurde, obwohl er auch gegen christlich-konservative Postionen verstößt: »Präsident Trump setzt bedeutendes Zeichen für das Lebensrecht!« Zu den beiden großen Kirchen pflegt die AfD ein ambivalentes Verhältnis. Kirchenasyl oder Flüchtlingsunterstützung werden verteufelt. Doch zugleich wirbt man immer wieder um die Gunst der Kirchen. Diese Liebesbekundungen werden von den Hierarchien der großen Kirchen derzeit noch abgelehnt.

Vom Autor erschien im März 2018 im »Unrast Verlag« das Buch »Die christliche Rechte in Deutschland. Strukturen, Feindbilder, Allianzen«. www.unrast-verlag.de/neuerscheinungen/die-christliche-rechte-in-deutschland-detail

Kinder, Kampf und Kräuterkunde

von Frida Westrick

Magazin »der rechte rand« Ausgabe 180 - September / Oktober 2019

#Nazifrauen

Die regelmäßig erscheinende Netz-Kolumne »Die Weggefährtin« gibt Aufschluss über das angestrebte Familienbild und die Rolle der Frau innerhalb der Partei »Der III. Weg«.

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»Unser Erfolg misst sich biologisch darin, wie viele Kinder wir zu gesunden und erfolgreichen Erwachsenen erziehen.« © Kai Budler

Im »Zehn-Punkte-Programm« der Partei »Der III. Weg« steht die Forderung »Deutsche Kinder braucht das Land« auf Platz drei. »Die Familie – bestehend aus Mann, Frau und Kindern – ist die Keimzelle des Volkes«, heißt es dort. Heimatverbundene Politik sei Familienpolitik, kinderreiche Familien und Mutterschaft als Beruf seien zu fördern, um den »drohenden Volkstod« abzuwenden. Die Rolle der Frau ist programmatisch zunächst auf die Rolle der Mutter beschränkt. Im Frauenblog »Die Weggefährtin« kommen dagegen Aktivist*innen zu Wort, die »von Frau zu Frau« ihr »Wirken und Sein innerhalb der Partei ergänzend« darstellen. Viele der Beiträge drehen sich dann auch um die Mutterschaft im weitesten Sinne, mitunter mit klarem NS-Bezug – so werden »Bekenntnisse zur Familie« aus den »Huttenbriefen« zitiert, einer Publikation des extrem rechten »Freundeskreises Ulrich von Hutten«, der den eng an der nationalsozialistischen Ideologie orientierten und auflagenstärksten Erziehungsratgeber der NS-Zeit »Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind« rehabilitiert und die Rolle der Frau innerhalb der Familie mit rassistisch-biologistischen Herleitungen erklärt. »Die Hand, die die Wiege führt, führt das Weltgeschick«, frei zitiert nach William Ross Wallace, ist hier das Leitmotiv. Eine vorgebliche Aktivistin schreibt: »Politische Aktivität beinhaltet bei mir klassische Erziehung der Kinder unter Einfluss von alten Bräuchen und Werten, sowie gemeinsame politische Aktivitäten und Unternehmungen mit Gleichgesinnten.«

»Folgen der Umerziehung«
»Unser Erfolg misst sich biologisch darin, wie viele Kinder wir zu gesunden und erfolgreichen Erwachsenen erziehen«, schreibt eine der Verfasserinnen an anderer Stelle. Dieser Erfolg scheint durch »eine nicht enden wollende Überfremdung, kulturmarxistische Propaganda (…), die herangezogene liberalistische Ellenbogengesellschaft« oder die »Aufwertung sexueller Randgruppen wie Homosexuellen« gefährdet. Liberale Abtreibungsgesetze, »Genderwahnsinn«, Berufstätigkeit von Frauen und gewollte Kinderlosigkeit sind einige der beschriebenen Schreckgespenster und »Folgen der Umerziehung nach 1945«. Bis dahin seien einige bedeutende Errungenschaften für Frauen wie Bildungsmöglichkeiten oder das Wahlrecht erreicht worden, später hätte erst der »American Way of Life« die Frau zum Sexobjekt und »Heimchen am Herd« degradiert und nach 1968 finde man sich in der »bitteren Realität von einem entarteten Propagandafeldzug des linksliberalen Feminismus« wieder. Dieser sei lediglich der »verlängerte Arm des kapitalistischen Ausbeuter- und Sklavensystems«, der »bis zum Kopf in einem Sumpf von Materialismus, lebensfremden Ideologien und politischer Korrektheit« feststecke – obwohl der Feminismus an sich nicht »verdammenswert« sei. Und so kritisieren einige Beiträge auch die Männer innerhalb der Bewegung. Es sei an der Zeit, sich aus »nationaler Sicht mit dem Feminismus auf der einen, aber auch mit dem herrschenden Rollenverständnis von Mann und Frau innerhalb der eigenen Strukturen bzw. Weltsicht auseinanderzusetzen«. Nach Auffassung der Autor*innen nähmen Frauen viel zu selten die Rolle des »politischen Soldaten« ein und seien insgesamt unterrepräsentiert.

Kritik an den »Kameraden«
Aufgrund ihres »Naturells« sei dies auch erst einmal verständlich: Die Frau besitze ein anderes Wesen, habe andere Neigungen und Fähigkeiten als der zum »rebellischen Wesen« neigende Mann, dem der »Straßenkampf«, das aggressive Reden und die körperlich anstrengende Aktivität mehr liege. Das Missverhältnis sei aber auch dadurch verursacht, dass die Männer genau darauf den politischen Kampf reduzierten. Dadurch entstehe ein Art Zerrbild, vermutet die Autorin, »(u)nd so verwundert es nicht, dass viele Frauen einen großen Bogen um nationale Kreise ziehen, obwohl sie sich selbst als ‹politisch rechts› (…) verorten würden. Nicht nur der nach außen getragene Chauvinismus gegenüber anderen Völkern, die uns oftmals bis zum Blute nahe stehen, sondern auch der noch immer verbreitete Sexismus ist bei bestimmten Teilen der nationalen Strömung an der Tagesordnung«. Engagierte Frauen würden sich deshalb »meist in antifaschistischen, antideutschen bzw. sogenannten demokratischen Organisationen« eher wiederfinden, weil diese sie auf einer »fürsorglichen, empathisch-sozialen Art« ansprächen und mit entsprechenden Themen politisieren würden. Auch die Partnerwahl der »Kameraden« ist der nationalen Sache scheinbar nicht zuträglich: »Entweder die Frau soll ein sexualisiertes Objekt darstellen oder aber ein stummes und dem Hintergrund zugewandtes Weibchen, welches sich um Haus und Kinder kümmert, aber sich ansonsten von politischen und gesellschaftlichen Alltagsthemen fernhält. Viele möchten die politische Arbeit auch nicht mit nach Hause nehmen; und so sucht man sich eben ‹unpolitische› Damen oder solche, die mit ihrer Rolle als stiller Beobachter zufrieden sind.« Die fehlende Präsenz der Frauen in der Bewegung sei problematisch, »weil politische Belange eben nicht nur für ein Geschlecht relevant sein sollten, sondern nur in der Gesamtheit zu Ergebnissen führen können, die für das ganze Volk von Vorteil sind«.

»Drei Säulen«
Männer wie Frauen sollten daher »nach einer ganzheitlich gelebten politischen Ausrichtung« streben, denn der parteipolitische Kampf bestehe aus drei Säulen: »Kampf um die Gemeinschaft«, »Kampf um die Kultur« und die des »Politischen Kampfes«, in denen Mann und Frau in »geschlechtlich differenzierter Arbeitsteilung aufgrund unterschiedlich ausgeprägter Fähigkeiten« die »Bewegung einen großen Schritt voranbringen«. Das angestrebte Verhältnis zwischen Mann und Frau sollte nach Ansicht der Verfasserin »auf Augen­höhe« stattfinden und die Frauen sollten sich aktiv einbringen. »Ob in verstehender Ebenbürtigkeit, in tatkräftiger Kameradschaft oder als verpflichtendes Vorbild. Immer in einer weiblichen Ruhe und zielstrebigen Gewissheit für das Erbe unserer Kinder einzutreten.« Jede nach ihren Fähigkeiten: »Sei es als umsorgende Mutter für Familie und Heim, als Schreiberin für unsere Netzseite, als Näherin für unsere Fahnen, als Umweltschutzstreiterin oder Aktivistin auf der Straße und am Infostand. Wir zeigen überall, dass in unserer Brust ein treues Herz in Liebe zu unserer Heimat schlägt – in all unseren Facetten.« In den schwülstig geschriebenen und romantisch-naturverbunden bebilderten Beiträgen wird klar, wie der den weiblichen Neigungen entsprechende Beitrag zur nationalen Sache aussehen kann. So wird neoheidnisches Liedgut eingesungen, werden Kräuterwanderungen gemacht und Äpfel entsaftet, ein Selbstversorger-Stand, unter anderem mit eigens eingekochter Marmelade, gehäkelten Kindermützen und Eierbechern, auf dem Festival »Jugend im Sturm« aufgebaut, Flyer auf der Demonstration in Chemnitz verteilt, Kinder geschminkt oder Blumen und Kerzen an Mahnmalen für Gefallene aus dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg niedergelegt. Die Forderungen nach einer Mütterrente oder höherem Kindergeld sind anschlussfähig und auch einige Kameraden dürften gemerkt haben, dass die Präsenz von Frauen in den eigenen Reihen der Verankerung in der Gesellschaft und dem eigenen Image zuträglich sein kann. In der allgemeinen Außendarstellung der Partei spielen Frauen trotzdem meistens eine untergeordnete Rolle, sei es bei der Wahrnehmung politischer Ämter, Aufmärschen oder öffentlichkeitswirksamen Aktionen.

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»Nationalen Feminismus« gibt es nicht
In der jüngeren Vergangenheit gab es immer wieder Versuche, das Frauenbild innerhalb der extremen Rechten zu »modernisieren« und Frauen innerhalb der Bewegung versuchten, über die Mutterrolle hinaus politisch mitzureden und mitzugestalten. Der »Ring Nationaler Frauen« sei hier als Beispiel genannt oder der »Mädelring Thüringen«, eine Frauenkameradschaft, die 2006 Thesen zum »Nationalen Feminismus« zur Diskussion gestellt hatte. Auch einige Frauen der »Kameradschaft« »Fränkische Aktionsfront«, die sich unter dem Namen »Frauen in der FAF« formierten, strebten ein Ideal als »moderne, anständige, revolutionäre, selbstbewusste, nationale, deutsche Frau« an und benannten gar Probleme wie Gewalt in der Beziehung, die sonst in der extrem rechten Szene gerne als nicht-deutsches Problem externalisiert wird. An einem theoretischen Unterbau hatte sich 1987 schon Sigrid Hunke versucht, die altgermanische Mythen zu Hilfe nahm, um einen völkischen Feminismus zu konstruieren. Insgesamt waren diese Ansätze nie erfolgreich und nicht hilfreich in dem Sinne, dass sie zur Gleichstellung von Frauen und zu ausgeglichenen Geschlechterverhältnissen führten. Weil es eben nicht geht. Die Forscherin Anja Götz untersuchte 2015 verschiedene extrem rechte Frauengruppen, um herauszufinden, ob es einen »rechtsextremen Feminismus« in Deutschland gebe – sie kam zu dem Schluss: »Einzelne feministische Aspekte werden übernommen, umgeformt und der eigenen Ideologie angepasst. Dort, wo eine starre Zweiteilung der Geschlechter (Volksgemeinschaft) gespickt mit nationalistischen Gedanken existiert und die eigene »Rasse« als bewusst höherwertig gegenüber anderen Völkern angesehen wird, kann nie ein Feminismus existieren.« Eine emanzipierte Frauenrolle innerhalb der extremen Rechten kann nicht existieren und die Aktivistinnen der Partei »Der III. Weg« fordern sie auch gar nicht ein. Das damit angebotene Frauenbild dürfte an sich für die meisten Frauen nicht ansprechend sein und vermutlich verkennen die Verfasserinnen auch, dass es an ihrem geschlossen extrem rechten Weltbild liegen dürfte, dass potenzielle Mitstreiterinnen fernbleiben. »Die Weggefährtin« zeigt jedenfalls eindeutig, dass die in der Bewegung aktiven Frauen ihren Kameraden in Sachen NS-Verherrlichung, faschistischer Ideologie und völkisch-nationalistischen Bestrebungen in nichts nachstehen.

Rezensionen Ausgabe 179

Von Sascha Schmidt, Kai Budler, Felix M. Steiner
Magazin »der rechte rand« Ausgabe 179 - Juli / August 2019

Antisemitismus und Fußball
von Sascha Schmidt

antifa Magazin der rechte rand
Florian Schubert Antisemitismus im Fußball Tradition und Tabubruch


»Wir bauen eine U-Bahn von XY nach Auschwitz…«-Gesänge und »Juden, Juden«-Rufe, mit denen der Gegner abgewertet werden soll, sind traurige Klassiker in puncto Antisemitismus in deutschen Fußballstadien. Zwar sind diese seit einigen Jahren größtenteils aus den Arenen der durchkommerzialisierten Männer-Fußball-Bundesligisten verschwunden. Auf den Anreisewegen zu den Stadien sowie in den Amateurligen werden solche Rufe jedoch immer wieder angestimmt – und dies keineswegs nur von Personen, die der extremen Rechten zuzuordnen sind.
Wie stark ist der Antisemitismus in deutschen Fußballstadien verbreitet? Inwiefern werden antisemitische Ausdrucksformen dabei bewusst artikuliert? Welche Funktion erfüllt eine solche Ausdrucksform im Stadion und wie wird damit von Seiten der Fans, der Vereine und der Verbände umgegangen? Diesen und vielen weiteren Fragen widmet sich der Politik-, Sport- und Geschichtswissenschaftler Florian Schubert im Rahmen seiner Dissertation, die nun als Buch mit dem Titel »Antisemitismus und Fußball« vorliegt. Schubert, der die bundesweit beachtete Ausstellung »Tatort Stadion« – des »Bündnis aktiver Fußballfans« (BAFF) – mit konzipierte, legt mit seinem Buch eine Auseinandersetzung zu dieser Thematik vor, die in diesem Umfang (mit fast 500 Seiten) wohl ihresgleichen sucht.
Darin zeichnet der Autor unter anderem die Geschichte antisemitisch einzustufender Ausdrucksformen im deutschen Männerfußball von den 1980er bis in die 2000er für beide deutschen Staaten nach. Sein Fazit: »In den Kurven gehörten antisemitische Kommunikationsformen und Präsentationen zum Alltag«. Vor allem extrem rechte Gruppierungen haben sich damit wiederholt versucht in Szene zu setzen. Auch in zahlreichen ausgewerteten Fußball-Fanzines und Fußball-Internetforen weist Schubert Antisemitismus nach. Besonders betroffen von solchen verbalen Angriffen sind linke Fangruppen, Vereine, die von Juden historisch (mit-)geprägt wurden, als auch die jüdischen Turn- und Sportvereine von Makkabi. Der Deutsche Fußballbund, so Schubert, habe es vielfach verpasst, »durch aktive Fanarbeit einzugreifen und gegenzusteuern.«
Der Autor hat im Rahmen seiner Arbeit zu diesem Buch zahlreiche qualitativ-strukturierte Expert*innen-Interviews mit aktiven »Schlüsselpersonen« der pädagogischen Fanarbeit aus Fanklubs, Vereins- und Verbandsinstitutionen und der Wissenschaft geführt. Diese geben einen interessanten Einblick in die unterschiedlichen Facetten der Thematik.

Fabian Schubert: Antisemitismus und Fußball – Tradition und Tabubruch. Wallstein Verlag Göttingen, 2019, 488 Seiten,
39,90 Euro

Wider die
Rückkehr des Nationalismus
von Kai Budler

antifa Magazin der rechte rand
Zur rechten Zeit Norbert Frei, Franka Maubach, Christina Morina, Maik Tändler Wider die Rückkehr des Nationalismus

Es könne doch nicht sein, dass die Zeithistoriker zur aktuellen Situation nichts zu sagen hätten, schrieb der Ullstein-Verlag dem Historiker Norbert Frei und gab die Initialzündung zum Buch »Zur rechten Zeit«, das Frei mit seinen Kolleg*innen Franka Maubach, Christina Morina und Maik Tändler verfasst hat. Wenn schon ein Verlag ein Buch zum Thema anstoßen muss, sollte das der gesamten Historiker*innen-Zunft eigentlich zu denken geben. Es sei der Versuch, so die Autor*innen, »die Geschichte der beiden deutschen Staaten nach 1945 (…) unter dem Eindruck der gegenwärtigen rechten Konjunktur anders denn als gängige Erfolgsgeschichte zu erzählen«. In acht Kapiteln durchstreifen die Autor*innen die deutsch-deutsche Geschichte nach 1945. Sie beleuchten dabei die Kontinuitäten extrem rechter Strömungen und skizzieren Entwicklungen in Ost und West, die heute in Erfolgen für die »Alternative für Deutschland« und aggressivem Rassismus kulminieren. Dabei zeigen sie an konkreten Beispielen, dass viele Methoden und Themen der extremen Rechten eine lange Tradition haben und keinesfalls ein bloßes Produkt unserer Zeit sind. Der Weg führt unter anderem über personelle NS-Kontinuitäten in der frühen Bundesrepublik, Gründung und Erfolge der NPD, Rassismus in der sich konstituierenden Migrationsgesellschaft der 1960er Jahre und den Historikerstreit. Besonders sticht hier die Betrachtung der Migration in der DDR und deren Umgang mit dem Nachleben des Nationalsozialismus hervor, obwohl dem Text etwas mehr Länge gutgetan hätte. Ebenfalls sehr lesenswert ist das Kapitel über »Rassismus und Rechtsterrorismus in den Neunzigern« und dem von den Auror*innen genannten »Vereinigungsrassismus« und seinen Pogromen. Besonders aber hier zeigen sich die Schwächen des Buchs, wenn die Autor*innen behaupten, Erkenntnisse zu den rassistischen 1990er Jahren würden nicht zur Analyse der rassistischen Mobilisierung seit 2015 einbezogen. Offenbar fehlt den vier Historiker*innen der Einblick in die Erkenntnisse und Analysen der antifaschistischen Recherche, die genau diese Bezüge immer wieder hergestellt hat. Obwohl das Buch einem Fachpublikum wenig neue Erkenntnisse bringt, bietet es Interessierten einen guten Einstieg und einen guten Überblick über die extreme Rechte in der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte. Sein Erfolg wäre, wenn ihm weitere ausführlichere Studien zur geschichtswissenschaftlichen Erforschung folgten.

Norbert Frei, Franka Maubach, Christina Morina, Maik Tändler: Zur rechten Zeit. Wider die Rückkehr des Nationalismus. Berlin 2019, Ullstein-Verlag, 256 Seiten, 20 Euro

RechtsRock in
Brandenburg.
Und darüber hinaus.
von Felix M. Steiner

antifa Magazin der rechte rand
Gideon Botsch (Hg.), Jan Raabe (Hg.), Christoph Schulze (Hg.) Rechtsrock Aufstieg und Wandel neonazistischer Jugendkultur am Beispiel Brandenburgs

In den letzten Jahren ist RechtsRock wieder eines der zentralen Aktions- und Mobilisierungsfelder der extremen Rechten geworden. 2017 reisten beispielsweise rund 6.000 Neonazis in den kleinen Ort Themar in Thüringen. Sie kamen aus ganz Europa. Diese Bedeutung hat sich allerdings nicht in der Fachliteratur wiedergespiegelt, die einer dringenden Aktualisierung bedurfte. Mit dem Sammelband »RechtsRock. Aufstieg und Wandel neonazistischer Jugendkultur am Beispiel Brandenburg« ist diese nun erfolgt. Die Herausgeber versammeln zahlreiche Autor*innen, die das Phänomen RechtsRock auf unterschiedlichen Ebenen beleuchten. Es finden sich sowohl Einordnungen zur Entwicklung der RechtsRock-Szene seit ihren Anfängen in den 1970er-Jahren, als auch Ausführungen zu den damit verbundenen Netzwerken der »Hammerskins« und von »Blood&Honour« über Analysen zu Frauen- und Männerbildern und Antisemitismus. Diese Vielfältigkeit ist die Stärke des vorgelegten Sammelbandes, der damit eine umfassende Einordnung ermöglicht. Ziel sei es, »Materialien für die Praxis« bereitzustellen und Informationen zu versammeln, »die in der Zivilgesellschaft, in der pädagogischen und sozialarbeiterischen Praxis, in der Verwaltung und Behörden genutzt werden können«, schreiben die Herausgeber. Dies gelingt ausnahmslos: Egal ob die Beschreibung als »Einstiegsdroge« in die extrem rechte Szene kritisch betrachtet wird oder eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Kleidungsmarke »Thor Steinar« stattfindet, die Beiträge haben vielfältige praktische Bezüge. Dass sich der Sammelband auf Brandenburg bezieht soll nicht täuschen, er besitzt bundesweite Relevanz. Nicht nur, dass die Szene ohnehin bundesweit beziehungsweise international agiert, ist Teil der Analyse, vielmehr ist Brandenburg hier als Beispiel zu sehen, an dem die Analysen durchdekliniert werden. Die Publikation endet mit der Betrachtung von Gegenstrategien, die am Beispiel Finowfurt anschaulich erläutert werden. »Eine dritte Voraussetzung für die erfolgreiche Intervention gegen RechtsRock-Konzerte ist das kooperative Vorgehen von Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung«, heißt es resümierend. Damit ist der vorgelegte Sammelband eine wichtige Aktualisierung der älteren Literatur zum Themenfeld und gleichzeitig auch für alle empfehlenswert, die sich mit RechtsRock auch außerhalb von Brandenburg beschäftigen.

Gideon Botsch / Jan Raabe / Christoph Jan Schulze (Hg.): Rechtsrock. Aufstieg und Wandel neonazistischer Jugendkultur am Beispiel Brandenburgs. Berlin-Brandenburg 2019, be.bra wissenschaftverlag, 400 Seiten, 22 Euro.

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Festsetzen in der Fläche

von Tilo Giesbers
Magazin »der rechte rand« Ausgabe 179 - Juli / August 2019

#Kommunalwahlen

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© Mark Mühlhaus / attentzione

Am 26. Mai fanden neben der Wahl des Europaparlaments auch die Wahlen zur Bremer Bürgerschaft und die Wahlen zu nahezu allen Kommunalvertretungen in Bremen, Hamburg, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, dem Saarland, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen statt. Insgesamt wurden rund 129.000 Mandate in rund 12.400 Gremien neu besetzt. Nur einige wenige Vertretungen wurden aufgrund von Gebietsreformen schon vorher besetzt, ein paar Räte von Verbandsgemeinden in Rheinland-Pfalz werden wegen Fusionen erst im Herbst gewählt. Ein paar Dutzend Wahlen zu Vertretungen in Gemeindeteilen mussten mangels Bewerber*innen verschoben werden, einige wurden etwas später in Einwohner*innenversammlungen durchgeführt. Und wegen eines Kandidaten der »Alternative für Deutschland« (AfD), der durch ein Strafurteil seine Wählbarkeit verloren hatte, mussten in Sachsen-Anhalt drei Wahlen ebenfalls verschoben werden.

Die Strategie
Auch wenn es – zwar stark dezimiert, aber nach wie vor – auch Kandidat*innen von NPD und anderen alten Bekannten aus der extremen Rechten gab, wurde das Spektrum auch bei diesen Wahlen deutlich von der AfD dominiert. Erhebliche Teile der extrem rechten Wähler*innengemeinschaften, der Parteien »Die Republikaner« oder »Deutschen Sozialen Union« wurden auch personell von den »Alternativen« aufgesaugt. Im Gegensatz etwa zur «Deutschen Volksunion« ist sich die AfD der Rolle der kommunalen Ebene bewusst. In seiner wegen islamfeindlicher Tiraden bekannt gewordenen Rede am 20. Januar 2018 in Eisleben (Sachsen-Anhalt) sprach der thüringische Partei- und Fraktionschef Björn Höcke nicht nur von der AfD als »letzte evolutionäre Chance für unser Vaterland«, sondern meinte auch: »Wir werden die Macht bekommen – und dann werden wir das durchsetzen, dann werden wir das durchsetzen, was notwendig ist, damit wir auch in Zukunft noch unser freies Leben leben können.« Weitgehend unbeachtet, nahm er auch auf die Kommunalwahlen Bezug, als er meinte, »Die AfD ist ja von oben nach unten mit den großen Themen gewachsen, und zwar so schnell und kräftig gewachsen wie keine andere Partei vor ihr seit 1945. Eine unglaubliche, ja als historisch zu bezeichnende Erfolgsgeschichte, auf die wir zurückblicken können als AfD. Und jetzt, liebe Freunde, muss ein gegenläufiges Wachstum erfolgen: von unten nach oben. Jetzt müssen wir die kommunalpolitische Ebene in Angriff nehmen (…) Wir müssen überall dort, wo wir gute Leute haben – und die Betonung liegt auf gute Leute, denn Qualität ist der Quantität vorzuziehen – überall dort müssen wir jetzt rein: in die Landratsämter, in die Kreistage, in die Stadträte, wir müssen Bürgermeister stellen. Das ist jetzt unsere Aufgabe.«

Regionale Unterschiede
Die letzten Kommunalwahlen in den jetzt betroffenen Ländern fanden vor fünf Jahren in einer Phase statt, in welcher der Parteiaufbau gerade erst begonnen hatte. In Thüringen existierte die AfD bis heute kommunalpolitisch praktisch nicht. Und auch in den anderen ostdeutschen Ländern verfügte sie im Vergleich mit ihren Umfragewerten nur über wenige Mandate. Diesmal trat sie dagegen bei den Wahlen zu mehr als 1.000 Gremien an. Mindestens 7.162 Kandidat*innen sind bekannt – ungefähr so viele wie bei allen Kommunalwahlen der letzten sechs Jahre zusammen. Im Ergebnis konnte die Partei die bundesweite Zahl ihrer Mandate ungefähr verdreifachen. Zu den rund 1.000 aktuellen Sitzen in den übrigen Bundesländern kommen mindestens 3.361 neue hinzu. Die Verteilung ist dabei regional sehr unterschiedlich. Rund 1.670 Kandidierende in Baden-Württemberg kommen auf 275 Mandate, annähernd ebenso viele in Sachsen auf fast 1.100 Sitze. Während die Partei zu mehreren Kreistagen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz nicht antrat, holte sie auf dieser Ebene in Ostsachsen bis zu 30 Prozent. Standen AfD-Kandidat*innen in den Städten und Gemeinden im Südwesten auf rund jedem zwanzigsten Stimmzettel, war es in Sachsen jeder zweite. Offenbar hat die Partei die letzten Jahre teilweise nutzen können, um ihre Strukturen in der Fläche auf- und auszubauen. Trotzdem stehen der AfD auch in Gegenden, in denen sie bei der Bundestags- oder der Europawahl stärkste Kraft wurde, nicht flächendeckend Kandidat*innen zur Verfügung. Teilweise mag dies daran liegen, dass es vor Ort Wähler*innengemeinschaften gibt, die dieselbe Politik betreiben. Der Autor Benedikt Kaiser allerdings wertet die AfD-Antritte zu den Kommunalwahlen in der aktuellen Ausgabe der «Sezession« von Götz Kubitschek als »bescheiden«. Die nach der Bundestagswahl mögliche »Kärnerarbeit« habe »dort schlicht nicht statt(gefunden).« Als Grund nennt er ein »Streben in die Landesmetropolen und ‹Hauptparlamente›«. Es finde »keine alternative Nachbarschaftspolitik statt, die freilich die unverzichtbare Grundlage einer jeden basisnahen Bewegung darstellt. Fallen überregional mobilisierfähige Themen weg, kann eine Landtagsfraktion verloren werden, lokale Verankerung hingegen bliebe, versiegten auch die Geldflüsse in der Landeshauptstadt.« Was Kaiser nicht erwähnt, sind die Folgen interner Debatten und Machtkämpfe. In Magdeburg etwa traten vor fünf Jahren neunzig AfD-Leute an. Dieses Mal waren es noch ganze vierzehn, von denen nur drei bereits 2014 kandidierten.

Zusammenspiel der Ebenen
Zurück zu Höcke: Seine Worte in Eisleben müssen als Drohung verstanden werden. Sie zeigen das Selbstbewusstsein einer extremen Rechten, die sich kurz vor der Machtübernahme wähnt. Doch warum ist die kommunale Ebene so wichtig?
Im Wesentlichen geht es um die Verankerung der Partei in der Fläche. Mandate und Fraktionen geben der AfD in den Städten und Gemeinden Gesichter. Sie wird ansprechbar und kann sich als »Kümmerer« gerieren, indem sie – was in Landtagen nicht ginge – kleine, lokale Probleme aufgreift: sei es ein kaputter Gehweg, der desolate Spielplatz um die Ecke oder die fehlende Fußgängerampel an der örtlichen Schule. Fraktionen in größeren Städten oder Kreistagen verfügen auch über Büros und können ganz nebenbei Kameraden mit Jobs versorgen, die sich dann hauptamtlich um die politische Agenda kümmern können. Wie diese Agenda aussieht, konnte in den Landtagen, dem Bundestag und einigen kommunalen Räten schon in den vergangenen Jahren beobachtet werden. Egal, welches Thema vordergründig behandelt wird: Nahezu jede Initiative wird von der AfD dazu genutzt, zumindest implizit gegen Geflüchtete, politische Gegner*innen, sozial Schwache, Nicht-heteronormative Menschen, zivilgesellschaftliche Initiativen, Kulturprojekte, Gewerkschaften, Kirchengemeinden, unabhängige Presse, gegen die freie Gesellschaft insgesamt zu agitieren. Antisemitische Stereotype und NS-Relativierungen fehlen ebenso wenig wie der Ruf nach einem starken, repressiven Staat mit entsprechenden Kompetenzen für Polizei, Geheimdienste und Militär. Dabei ist ein teilweise koordiniertes Vorgehen sichtbar. Kampagnen von Landes- oder Bundespartei werden von Anfragen in Kommunen begleitet. Anträge der Kommunalfraktionen wiederum werden von Anfragen im jeweiligen Landtag flankiert. Und zunehmend finden sich gleichlautende Initiativen in verschiedenen Gremien.
Die zunehmenden Angriffe etwa auf Beratungsstellen oder Jugend- und Kultureinrichtungen, wie sie in den Landtagen zum Standardrepertoire von NPD und AfD gehörten beziehungsweise gehören, machen deutlich, was rechte Mehrheiten in Kommunen für solche Projekte heißen können. Für Kürzungen so genannter »freiwilliger Leistungen«, beispielsweise im Kultur- oder Sozialsektor, braucht es in den Kommunen lediglich einfache Beschlüsse. Geringere oder ganz ausbleibende Zuschüsse für Personal-, Miet- und Sachkosten freier Träger sind für die Betroffenen in vielen Fällen existenziell. Schon Anfang Februar 2019 zeigte sich in Dresden, was dies in Zukunft wohl in vielen Kommunen heißen wird: Ein Bündnis aus CDU, FDP, Bürgerfraktion und AfD lehnte die beantragten Mittel für freie Kulturprojekte weitgehend ab, was für einige von ihnen das Aus bedeutet.
Wichtig ist, dass sich die Betroffenen austauschen und organisieren, um die Angriffe abzuwehren und zurückzudrängen. Hoffnungszeichen sind hier Initiativen wie zum Beispiel »Die Vielen« und »Reclaim Club Culture« im Kulturbereich.

Wackelkandidatin CDU
Derzeit wird mit Blick auf die drei kommenden Landtagswahlen und das zu erwartende starke Abschneiden der AfD intensiv über mögliche Regierungsbeteiligungen spekuliert und diskutiert. Zwei stellvertretende CDU-Fraktionschefs aus Sachsen-Anhalt machten mit einem internen Papier bundesweit bewusst, dass es im Zweifelsfall gar keiner Neuwahlen bedarf, um der AfD an die Macht zu verhelfen. Ulrich Thomas und Lars-Jörn Zimmer forderten darin, »das Soziale mit dem Nationalen zu versöhnen.« Und sie behaupteten ebenso geschichtsvergessen: »Nationale Identität, Stolz und Heimatverbundenheit haben nichts mit nationalsozialistischer, rechtsradikaler oder revanchistischer Politik zu tun.« Auch ein Schuldiger für die aktuelle Lage ist schon gefunden: »Die linksorientierte Medienberichterstattung stärkt die AfD.« Daher sei die CDU »gut beraten, dem linken Mainstream aus gesteuertem Gutmenschentum und Klimaverständnis durch eine deutliche Politik mit klaren Aussagen zu begegnen.« Der Mitteldeutschen Zeitung sagte Thomas, dass seine Partei eine Koalition mit der AfD »jedenfalls nicht ausschließen« solle. Schon in den vergangenen drei Jahren hatten Teile der CDU-Fraktion im Landtag mehrfach mit der AfD gestimmt und damit die »Kenia«-Koalition aus CDU, SPD und Bündnisgrünen ins Wanken gebracht.
Auf kommunaler Ebene gilt die Reaktion von CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak – »Die CDU lehnt jede Koalition oder Zusammenarbeit mit der AfD strikt ab!« – offenbar nicht. In der Stadtvertretung von Penzlin (Mecklenburg-Vorpommern) bildeten die drei CDU-Mandatsträger bei der Konstituierung des neuen Rates eine Zählgemeinschaft mit dem örtlichen AfD-Vertreter. Sie sicherten damit nicht nur sich selbst mehr Ausschusssitze, sondern der AfD überhaupt erst einen Zugriff auf solche. Der Landesgeschäftsführer der CDU, Wolfgang Waldmüller, beeilte sich zu betonen, dass es sich nicht um eine Zusammenarbeit handele, da es ja keine gemeinsame Fraktion wäre.

Eine detaillierte Auswertung der Kommunalwahlen findet sich auf ­https://www.rechtesland.de

Rezensionen Ausgabe 178

Von Sascha Schmidt, Paul Wellsow
Magazin »der rechte rand« Ausgabe 178 - Mai / Juni 2019

Rechte in den Kommunen
von Paul Wellsow

Antifa Magazin der rechte rand
Rät*innen gegen Rechts : Umgang mit Rechten in kommunalen Gremien / Tilo Giesbers und Anika Taschke

Ihren Machtanspruch formulieren sie deutlich: »Wir werden die Macht bekommen – und dann werden wir das durchsetzen (…), was notwendig ist, damit wir auch in Zukunft noch unser freies Leben leben können«, sagte der faschistische Politiker der »Alternative für Deutschland« (AfD) Björn Höcke im Januar 2018. Dafür sei es nötig, in der Gesellschaft verankert zu sein. Ausdrücklich forderte er daher: »Jetzt müssen wir die kommunalpolitische Ebene in Angriff nehmen«.

Ende Mai 2019 finden in zehn Bundesländern Kommunalwahlen statt. Etwa 125.000 Sitze in gut 12.700 Gremien werden neu vergeben. Für die Rosa-Luxemburg-Stiftung haben Tilo Giesbers und Anika Taschke die Studie »Rät*innen gegen Rechts« vorgelegt, ein aktueller Einstieg ins Thema. In ihrem einführenden Überblick zeigen sie, dass Parteien der radikalen Rechten in der Bundesrepublik seit Ende der 1940er Jahre immer wieder in Kommunalparlamenten saßen. Derzeit zählen die AutorInnen etwa 2.420 Kommunalmandate rechts der CDU/CSU. 1.561 Mandate entfielen bei den letzten Wahlen auf die AfD, etwa 378 auf die NPD und ihr nahestehende Listen.

Bei den kommenden Wahlen wird die AfD stärker werden – teils auf Kosten anderer Rechtsparteien, aber vor allem, weil sie inzwischen gestärkt ist und in mehr Regionen antritt. Die Zahl der rechten Mandate werde sich »deutlich mehr als verdoppeln«, warnen Giesbers und Taschke. Und sie weisen darauf hin, dass – anders als zumeist die NPD oder andere Rechtsparteien bisher – die AfD gerade auf der kommunalen Ebene Teil politischer Bündnisse werden könne. In einem schnellen Ritt durch zentrale Themenfelder – von Bildung, Demokratie, Migration, Geschichtspolitik über Soziales oder Umwelt bis hin zu Wirtschaft und weiteren kommunalrelevanten Fragen – zeigen die AutorInnen anhand von Anträgen, Reden oder anderen Aktivitäten, wie rechte Kommunalpolitik konkret aussieht. Die Publikation schließt mit Tipps zum Umgang mit Rechten in den Kommunalparlamenten.

Bei der Darstellung der Themen der Rechten und den Tipps zum Umgang mit der Rechten hätte hier und da mehr Tiefe gut getan. Doch die fundierte Publikation kommt genau zur rechten Zeit – passend zu den Wahlen und vor allem rechtzeitig zur praktischen Vorbereitung auf den künftigen Umgang mit der radikalen Rechten in Stadträten oder Kreistagen.

Tilo Giesbers / Anika Taschke: Rät*innen gegen Rechts. Umgang mit Rechten in kommunalen Gremien. Berlin 2019, Rosa-Luxemburg-Stiftung, 110 Seiten, Download und kostenfreie Bestellung: www.rosalux.de.

Herausforderungen für kritische Rechtsextremismusforschung
von Sascha Schmidt

Helmut Kellershohn, Alexander Häusler (Hg.) Das Gesicht des völkischen Populismus Neue Herausforderungen für eine kritische Rechtsextremismusforschung

Mit dem Aufkommen der »Alternative für Deutschland« (AfD) und anderer neuer rechter Bewegungen ging eine Verbreiterung des (extrem) rechten Feldes einher. Vielfach ließ sich zudem eine Durchmischung von vormals voneinander getrennt agierenden und heterogenen Milieus beobachten. Diese Entwicklungen, sowie der damit häufig in Verbindung gebrachte, unterkomplexe Begriff »Rechtspopulismus« (RP), stellen für eine »sich kritisch verstehende Rechtsextremismusforschung hohe Anforderungen« dar, so die Herausgeber des Sammelbandes »Das Gesicht des völkischen Populismus« Alexander Häusler und Helmut Kellershohn. Die grundsätzliche Aufgabe einer solchen Forschung sehen die beiden Wissenschaftler darin, »aktuelle Entwicklungen auf dem rechten Feld in gesellschaftskritischer Hinsicht zu analysieren, zu kontextualisieren und deren wirkmächtigen Potenziale herauszuarbeiten«. Diesem Vorhaben widmen sich in dem vom »Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung« (DISS) herausgegebenen Band zwölf im Forschungsfeld erfahrene WissenschaftlerInnen. Gegliedert ist das Buch in zwei Teile: Der erste Teil zielt auf die »Erkundung der Lage« im Kontext RP ab. Darin analysiert beispielsweise Ralf Ptak die Entwicklungen des RP vor dem Hintergrund des in die Krise geratenen Neoliberalismus. Richard Gebhardt deutet demgegenüber den Rechtsruck als Ausdruck eines »Kulturkampfes«. Kellershohn setzt sich mit der Bedeutung des Völkischen zur Charakterisierung rechter Bewegungen auseinander. Zudem thematisiert er die Rolle der Zeitschrift »Junge Freiheit« für die AfD und die »Neue Rechte«.

Häusler erörtert die politische Verortbarkeit des Rechtsruckes in der BRD und der AfD. Im zweiten Teil sondieren die AutorInnen methodische Ansätze, Forschungsfelder und universitäre Herausforderungen für eine kritische Forschung. Beispielsweise fordert Beate Küpper einen »multidisziplinären Zugang«. Sie selber vertritt eine sozialpsychologische Sicht auf das Themenfeld. Andreas Kemper erörtert Potenziale einer internetgestützten Diskursforschung zum Antifeminismus. Fabian Virchow formuliert Anforderungen an eine gegenwartsbezogene Faschimusforschung – und Juliane Lang plädiert für eine stärkere analytische Beachtung geschlechterreflektierender Perspektiven.

Ein (nicht nur) für WissenschaftlerInnen, die im Themenfeld arbeiten, empfehlenswertes, weil anregendes und kenntnisreiches Buch.

Alexander Häusler / Helmut Kellershohn (Hg.): Das Gesicht des völkischen Populismus – Neue Herausforderungen für eine kritische Rechtsextremismusforschung. Münster 2018, Edition DISS im Unrast Verlag, 216 Seiten, 19,80 Euro.

Von Neonazis und Superhelden
von Sascha Schmidt

Antifa Magazin der rechte rand
Von Neonazis und Superhelden Werkschau Filmakademie

Im Sommer 2017 sorgte ein Konzert im thüringischen Themar für bundesweite Aufmerksamkeit.
In dem beschaulichen 2.900-Seelen-Dorf fand eines der größten RechtsRock-Konzerte in der Geschichte der Bundesrepublik statt. Mehr als 6.000 Neonazis nahmen – unter »Sieg Heil«-Rufen – an dem Konzert teil. Nachfolgend fanden in den kommenden Monaten – wenn auch in deutlich kleinerem Maßstab – weitere neonazistische Musikveranstaltungen auf der von einem ehemaligen Mitglied der »Alternative für Deutschland« (AfD) zur Verfügung gestellten Wiese am Dorfrand statt. Mittlerweile haben auch Mitglieder der neonazistischen Kleinstpartei »Der III. Weg« das Dorf, in dem die AfD mit 26,5 Prozent bei der Bundestagswahl 2017 stärkste Kraft wurde, für ihre Aktionen entdeckt. Doch es regt sich seit längerer Zeit auch Widerstand – organisiert von einigen DorfbewohnerInnen.

Der Journalist und Filmemacher Adrian Oeser hat sich für eine Film-Dokumentation nach Themar begeben, um sich einen Eindruck von dem Ort und der dort vorherrschenden politischen Stimmung zu verschaffen. Dafür führte Oeser zahlreiche Interviews – sowohl mit GegnerInnen, als auch mit VerharmloserInnen oder klammheimlichen BefürworterInnen des Neonazi-Treibens – und stieß dabei auf eine polarisierte Dorfgesellschaft. Oeser beleuchtet in seiner Dokumentation auch die Neonaziaktivitäten vor Ort. Dafür begleitete er PolitikerInnen und PolizeibeamtInnen bei ihren Rundgängen auf dem Konzertareal und interviewte sowohl GegnerInnen und KennerInnen der Szene, wie die thüringische Landtagsabgeordnete der Partei »Die Linke«, Katharina König-Preuss, als auch Thommy Frenck – einen der Hauptorga­nisatoren der RechtsRock-Konzerte.

Der zentrale Fokus der Dokumentation liegt jedoch auf den Aktivitäten des lokalen Anti-Nazi-Bündnisses. Oeser dokumentiert, wie die Mitglieder des Bündnisses Holzkreuze, auf denen die Namen von Opfern rechter Gewalt in der BRD stehen, am Rande eines RechtsRock-Konzertes aufstellen oder lässt sich von einem Vertreter der Gruppe erklären, warum sich dieser schon mal als Superheld verkleidet. Oesers gelungene Dokumentation macht Mut. Denn sie macht deutlich: Auch in noch so neonazistisch-dominierten Regionen ist antifaschistischer Widerstand möglich. Gerade mit dieser Message eignet sich der Film sowohl für politische Bildungsarbeit, als auch als Anregung für bürgerliche Bündnisse gegen Rechts.

Adrian Oeser (Buch und Regie): Von Neo-
nazis und Superhelden; 56 Minuten Spieldauer. Zu beziehen ist der Film über die Filmakademie Baden-Württemberg.

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