der rechte rand

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Druckzeitpunkt: 23.08.2019, 18:39:37

Aktuelle News

Milieubeschreibung Kampfsport

von James Tubman und Harriet Baldwin
Magazin »der rechte rand« Ausgabe 178 - Mai / Juni 2019

#Fight

Das Weltbild von Nazis ist geprägt durch Ungleichheitsideologie, Anti-Pluralismus, Demokratiefeindlichkeit, Elitarismus, Sozialdarwinismus und das Streben nach Macht und Stärke. Dieses setzen sie mit Gewalt gegen Andersdenkende durch. Die – auch im Nazirock oft beschworene – »Macht auf der Straße« muss körperlich erschaffen werden. Kraft- und Kampfsport gehören für viele Neonazis zum Alltag und sind Teil faschistischer Kultur. Im Kampfsport-Milieu gibt es Überschneidungen zwischen Hooligans, Rockern und Türstehern. Auch etliche Rapper demonstrieren ihre Nähe zu Kampfsportlern. Zu den Selbstbildern als archaischer Wikinger, politischer Soldat und gewalttätiger Skinhead ist mittlerweile das des »Mixed Martial Arts« (MMA)-Kämpfers hinzugekommen. Während ein kleiner Teil der Neonaziszene tatsächlich fast täglich trainiert und ein noch kleinerer Teil regelmäßig an Wettkämpfen teilnimmt, brüstet sich der Großteil meist nur mit dem Image des gefährlichen Kämpfers. Mit dem T-Shirt einer Kampfsportmarke soll die eigene Gefährlichkeit signalisiert werden. Durch diese Mimikry gelingt es auch dem unsportlichsten Neonazi, sich selbst als Kampfmaschine in Szene zu setzen und mehr Platz auf der Straße zu beanspruchen. Die Selbstaufwertung durch ein Bedrohungsszenario funktioniert nur über die aktiv kämpfenden Neonazis. Ohne sie würde manch Bierbauch, über den sich ein Cagefighter-Shirt spannt, eher der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Deswegen sind Kampfsportveranstaltungen auch Kristallisationspunkte der Szene. »Fight Nights«, auf denen zumeist Kämpfer, selten Kämpferinnen, gegeneinander antreten, werden vielerorts neben einem eher apolitischen Publikum auch in großer Zahl von Neonazis besucht. Auf die Frage eines Journalisten, warum Kampfsport diese so sehr anziehe, antwortete der MMA-Kämpfer Jesse-Björn Buckler: »Generell kann man sagen, dass Vollkontaktsportarten besonders attraktiv für Menschen sind, in deren Alltag Gewalt und körperliches Durchsetzungsvermögen eine wichtige Rolle spielt. (…) In bestimmten Gegenden, speziell im Osten, hat sich nun noch ein besonderes soziales Milieu herausgebildet, in dem eine rechte Hegemonie existiert und eine weitgehende Akzeptanz solcher Positionen vorhanden ist. Das ist aber kein sportspezifisches Problem, schon gar kein MMA-spezifisches, sondern ein gesamtgesellschaftliches.« Mit anderen Worten: Wer Gewalt als Mittel des gesellschaftlichen Umgangs, das heißt der Konfliktlösung ansieht, muss Teil einer Gruppe sein, die sich körperlich durchsetzen kann. Die Affinität zu Kampfsport, Waffen, zur Bildung von Männerbünden und die Idealisierung soldatischer Männlichkeit sind das Ergebnis.
Eine einheitliche Betrachtung der verschiedenen Kampfsportkreise in Deutschland ist nicht zielführend. Es existieren seriöse Clubs und Verbände sowie der Profisport, in denen viele AthletInnen kritisch auf die »Schattenseiten« ihres Sports blicken: auf die Personen und Gruppen, die Kampfsport trainieren, um sich effizienter prügeln zu können. Es ist daher festzuhalten, dass sich unter den Profi-KämpferInnen und den TrainerInnen nur wenige Neonazis befinden.

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Schwerpunkt Kampfsport © Mark Mühlhaus / attenzione

Rückblick: Kämpfer, Soldat und Faschist
In der Anfangszeit der faschistischen Bewegung in Deutschland wurde der Kampfsport ideologisiert. Der Polizeileutnant Erich Stephan schrieb 1922 in »Körperkultur und Selbstverteidigung«: »Die Armee, die Schule der Wehrhaftigkeit, ist uns durch den Vernichtungswillen unserer Feinde genommen (…) Strebe darum jeder danach, allein seinen Körper zu stählen und durchzubilden, um wehrhaft zu werden.« In der Weimarer Republik existierende Boxer-, Ringer- und Jiu-Jitsu-Verbände gingen in den NS-Sportorganisationen auf und sorgten für die vormilitärische Ausbildung. Nach dem Zweiten Weltkrieg verboten die Westalliierten Kampfsport, Fechten und Schießsport. In der DDR wurde Boxen und Ringen als proletarisches Kulturgut begriffen und gefördert. In der BRD hatten die traditionellen, europäischen Kampfsportarten ein schlechtes Image. Dem Boxsport und Kickboxen haftete bis in die 1990er Jahre hinein der Ruf des Rotlichtmilieu- und Ganovensports an.

Die Entdeckung asiatischen Kampfsports
In den 1970er Jahren lösten Kung-Fu-Filme in Westdeutschland ein Interesse an ostasiatischen Kampfkünsten aus. Diese hatten etwas Exotisches und Geheimnisvolles, beispielsweise der Mythos des »Do«, des Weges zu Vervollkommnung und Meisterschaft nicht nur im Körper, sondern auch im Geist. Disziplinen wie Karate, KungFu, TaeKwonDo und Aikido erfreuten sich wachsender Beliebtheit.
Die Begeisterung für japanische Kampfkünste ging mit der Popularisierung der Samurai einher. Dabei steht nicht die Schwertkampfkunst im Mittelpunkt, sondern das Denksystem der japanischen Kriegerkaste und des Feudalismus. Der Samurai wurde zur Identifikationsfigur der Kampfkunstszene. Er wird dort zur Ikone aufgebaut, die einen Kodex von Loyalität bis in den Tod verinnerlicht habe und in ewiger Treue ihrem Lehnsherren diene. Der Samurai kämpfte nicht für sich, sondern für sein Herrscherhaus. Das macht ihn zum bedingungslosen Diener und Soldaten, einem Werkzeug ohne Verantwortung und Gewissen. Auch den Nationalsozialisten und ihrem Achsenpartner, dem faschistischen Japan, galt der Samurai deshalb als Leitbild. Heinrich Himmler ließ von dem 1937 erschienenen Buch von Heinz Corazza »Die Samurai, Ritter des Reiches in Ehre und Treue« 52.000 Exemplare an SS-Männer verteilen. Unter Neonazis ist das Werk bis heute ein begehrter Klassiker.

Faschisten in Kampfsportvereinen
Die japanischen Kampfkünste bieten mit dem Samurai Anschluss an ein faschistisches Weltbild. Doch gibt es in Deutschland nur wenige Verstrickungen in die Karate- oder Judoverbände. Ausnahme war in den 1990er Jahren die Kampfsport-Schule »Hak-Pao« in Solingen. Sie war für rassistische Jugendliche in der Stadt Anlaufpunkt, Ausbildungsstätte, sozialer Treffpunkt und fungierte als Rekrutierungsbüro der neonazistischen Szene. Mitglieder von Hak-Pao stellten den Saalschutz bei neonazistischen Veranstaltungen. Jeden Freitag fand ein exklusiver »kanackenfreier Unterricht« im »Combat-Karate« statt, obwohl im Team auch migrantische Menschen trainierten. Im Mai 1993 zündeten zwei Teilnehmer der »Freitagsgruppe« ein von TürkInnen bewohntes Haus in Solingen an. Fünf Menschen starben in den Flammen, darunter drei Kinder.
2002 gründeten die Neonazis Tim Bartling und Peter Borchert, die zu den MMA-Pionieren in Deutschland zählen, in Neumünster den heute noch existierenden »Athletik Klub Ultra« (AKU). Bartlings Karriere als Kämpfer geriet jedoch wegen antifaschistischer Interventionen ins Stocken. Es ist unbekannt, ob er noch politisch aktiv ist. Im AKU trainieren zwar weiterhin stadtbekannte Neonazis, doch gibt sich der Verein mittlerweile mit seiner multiethnischen Trainingsgemeinschaft unpolitisch.

Benjamin Brinsa und “Imperium”
Das derzeit bekannteste Beispiel eines Neonazis im deutschen Kampfsport ist der MMA-Kämpfer Benjamin Brinsa. Er, der für die Bekleidungsmarke »Staffbull Department« mit Kampfhunden warb, gehörte unter anderem der 2014 aufgelösten, neonazistischen Leipziger Fußballschläger-Truppe »Scenario Lok« an. Nachdem Brinsa in der ostdeutschen Free-Fight-Szene Erfolge feierte, wurde er vom professionellen MMA-Manager Tim Leidecker unter Vertrag genommen. Mit seiner Unterstützung bekam er im April 2012 den Hauptkampf bei der damals größten deutschen MMA-Veranstaltung »Respect FC«. Doch kurz vor der Gala wurde Brinsa von AntifaschistInnen als aktiver Neonazi geoutet. Daraufhin sorgten teilnehmende Athleten für seine Streichung. Das Kampfsport-Internetportal »GroundandPound.de« erklärte: »Aufgrund der derzeit vorherrschenden Faktenlage begrüßt Groundandpound.de die Entscheidung von Respect. Jegliche Art von politischem Extremismus, Rassismus und Antisemitismus hat im Kampfsport nichts zu suchen.« Tim Leidecker, ehemaliger Mitinhaber des »Ground and Pound«, hält aber an Brinsa fest und vermittelte ihm einen Vertrag in der weltweit größten und finanzkräftigsten Promotion, der »Ultimate Fighting Championship« (UFC). Die UFC wurde jedoch mit den politischen Aktivitäten von Brinsa konfrontiert und löste im September 2013 den Vertrag mit ihm auf, noch vor seinem ersten Kampf.
Brinsa organisierte daraufhin eine eigene Veranstaltung namens »Imperium FC« in Leipzig. Diese wurde 2017 eingestellt. Zur Zeit kümmert er sich um sein Fight-Team und gemeinsam mit Tim Leidecker um ihre Teilnahme bei der neuen von »ran Fighting« der »ProSiebenSat.1 Sports GmbH« übertragenen Veranstaltungsreihe »Nova FC«. Die Premiere im April 2019 kam schon vor dem ersten Event ins Schlingern: Der Auftritt des Neonazi-Hooligans Timo Feucht, dessen Trainer Brinsa ist, von der Kampagne »Runter von der Matte« öffentlich gemacht wurde; Feucht trat letztendlich nicht an. Ein weiterer, der mit Nazisymbolen tätowierte Anton Radko aus der Ukraine sollte, wie der Veranstalter Peter Sobotta in einem Interview auf »ran Fighting« bekannt gab, per Airbrush temporär seine strafbewehrte »Odalsrune« auf der Brust übermalen. Um die Teilnahme der beiden entbrannte eine öffentliche Debatte. Trotz des Löschens jeglicher kritischer Kommentare auf ihren Social-Media-Kanälen kann »Nova FC« die Auseinandersetzung nicht verhindern. Wie sich »ran Fighting« gegenüber VeranstalterInnen verhält, die unbedingt Neonazis ins Fernsehen bringen wollen, bleibt spannend.

Ein Jahres-Abo des Magazins von und für Antifaschist*innen kostet 25 € für 6 Ausgaben.|

Neonazis im Training
In Kampfsportgruppen, in denen Neonazis trainieren, finden sich häufig Menschen mit Migrationshintergrund. Neonazis nutzen die Angebote unabhängig von ihren sportkulturellen oder ideologischen Hintergründen. So trainieren deutsche Neonazis auch Selbstverteidigungstechniken aus dem israelischen »Krav Maga« oder fliegen nach Thailand, um sich dort im »Muay Thai« auszubilden. Rassismus ist im Sport hinderlich. Gerade ambitionierte KämpferInnen sind auf viele unterschiedliche TrainingspartnerInnen angewiesen. Sie nach Hautfarbe, Nationalität, Religion oder politischer Überzeugung auszusuchen, wäre nicht zielführend. Durch Teamzugehörigkeit wird die politische Gesinnung ausgeklammert und Kritik abgewehrt. Das Gleiche ist auch zu beobachten, wenn sich Neonazis einer Motorrad-Gang wie den »Hells Angels« oder »Bandidos« anschließen. Machtstreben im Kampfsport und die körperliche Männlichkeit werden zum übergeordneten Bezugspunkt und bilden eine Grundlage, die (ehemalige) Neonazis und SportlerInnen mit Migrationshintergrund in einem Team mit gemeinsamen Idealen und Zielen funktionieren lässt. Die autoritäre Pose mit dem einhergehenden Heterosexismus schafft Verbindungen. Doch selbst wenn die »eigenen« SportkameradInnen mit Migrationshintergrund von rassistischen Anfeindungen ausgeklammert werden, so wird Rassismus in der Regel weiter gelebt und richtet sich dann gegen Personen außerhalb der Sportkameradschaft. Dieser pragmatische Umgang wird, oftmals von außen, wohlwollend als Zeichen der »De-Radikalisierung« durch Sport fehlinterpretiert.

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Veranstaltung von »Der III. Weg« in Kirchheim 2018 © Thomas Witzgall

Mixed Martial Arts – ein umkämpftes Terrain
Dass MMA, ein Kampfsport, der das Image hat, der »härteste« zu sein, für Neonazis attraktiv ist, liegt nahe. Speziell in Sachsen und Sachsen-Anhalt waren die ersten MMA-Galas 2004 Treffen einer Mischszene aus Neonazis, Hooligans, Rockern und Rotlichtmilieu.
Bis heute ist die Kampfsportszene, insbesondere Kickboxen und MMA, dort stark von Neonazis beeinflusst und sorgt für viele Auseinandersetzungen, die es sonst nur im Kontext Fußball gibt.
Erfreulicherweise meldeten sich früh in der MMA-Szene aktive SportlerInnen, die sich offen und konsequent für die Ausgrenzung von Neonazis aussprachen. Da aber kein Dachverband existierte, konnte auch keine gemeinsame Linie und kein konsequenter Umgang mit Neonazis gefunden werden.
Ein Beispiel ist die Diskussion um die Teilnahme von KämpferInnen des »Athletik Klub Ultra« auf einer Veranstaltung des »Shidokan« (sinngemäß übersetzt: »Die Gruppe, die nach den Traditionen der Samurai lebt«). Auch bei »Shidokan«, so die Kritik, würden Neonazis geduldet. Der Vorsitzende Peter Angerer erklärte dazu: »Mit großer Besorgnis verfolge ich derzeit ein noch nie dagewesenes Beispiel an Ungleichbehandlung, Intoleranz und Ignoranz in unserem Sport (…) die Leute, die für Toleranz, Gleichheit, Freiheit und viele weitere schöne Begriffe einstehen, gestehen diese Rechte anderen nicht zu.« Der MMA-Kämpfer Jesse-Björn Buckler sagte gegenüber der »taz«: »Im Kampfsport gelten Respekt, Teamfähigkeit und Fairness als Grundwerte. Daraus leitet sich eine falsch verstandene Toleranz auch für die dümmsten Leute ab«, und weiter: »Wenn man wiederum auf einfachen zivilisatorischen Selbstverständlichkeiten beharrt und darauf besteht, Rassisten und Sexisten keinen Raum zu bieten – dann gilt man schnell als intolerant.«

Neonazis im Wettkampf
Nachdem es für Neonazis in den vergangenen Jahren schwieriger wurde, bei professionellen Veranstaltungen anzutreten, gehen sie dazu über, eigene Turniere zu veranstalten. Mit der Parole »Leben heißt Kampf« organisierte das verbotene neonazistische »Spreelichter«-Netzwerk aus Brandenburg eine Reihe von »Kampfsportturnieren des Nationalen Widerstands«. Diese konspirativen Veranstaltungen erreichten niemanden außerhalb der eigenen politischen Szene. Unter dem Motto »Kampf der Nibelungen« finden seit 2014 an wechselnden Orten in Deutschland Veranstaltungen nur für Neonazis statt. Organisiert werden sie von »Hammerskins« und dem verbotenen Netzwerk »Blood & Honour« – einer selbsternannten Elite der Neonaziszene, deren Mitglieder sich zu körperlicher »Ertüchtigung« verpflichten. Hier entsteht eine neue Form der Mobilisierung und Unterhaltung durch Kampfsport in Kombination mit Neonazirockkonzerten, die nicht nur der Finanzierung von Terror dient.

Warntracht

von James Tubman und Harriet Baldwin
Magazin »der rechte rand« Ausgabe 178 - Mai / Juni 2019

#Angstmacher

Ein T-Shirt macht noch keinen Straßenkämpfer

Antifa Magazin der rechte rand
Neonazi in T-Shirt mit Kampfsportbezug
© Kai Budler

Manche Zusammenhänge lassen sich besser durch Analogien erklären – die merkwürdige Begeisterung von Neonazis für Oberbekleidung mit brachialen Symbolen oder Aussagen gehört dazu.
In der Natur tragen Wespen und Hornissen auffällige Farben zur Warnung, womit Feinden Ungenießbarkeit und Wehrhaftigkeit signalisiert werden, das Gegenteil von Tarnung. Die Warntracht bei subkulturellen Neonazis ist das Zurschaustellen oder Vorgeben der eigenen Gewaltbereitschaft. Indem sich der Träger als Gefahr für das Gegenüber ausweist, verschafft er sich mehr Präsenz.

Kleidung als Zeichen der Gesinnung
In den späten 1980er Jahren begann in der Naziskinhead-Szene der Trend, T-Shirts mit Bandmotiven zu tragen. Meist waren es Nachdrucke der entsprechenden LP-Covers oder von Konzertplakaten. Zur Inszenierung des Nazi-Rocks gehört neben brutalen und simplen Texten auch eine entsprechende Bildsprache: Wehrmachtspanzer, Kampfflugzeuge und Waffen. Neben historischen Motiven finden sich gewalttätige Darstellungen von Molotow-Cocktails, Schlagringen, Stahlkappenstiefeln und Baseballschlägern, die der eigenen oder vermeintlichen Realität entsprechen. Weniger häufig sind Personen abgebildet, und wenn, dann sind es Soldaten, Klansmänner oder Skinheads.
In den 1990er Jahren wurden T-Shirts mit Logos und Symbolen insgesamt populärer. Ästhetisch näherten sich die Neonazis den Hooligans an. Neben den üblichen »Landser«-, »Störkraft«- und Rudolf-Heß-T-Shirts wurde der Kampfhund, ursprünglich Zeichen der englischen Fußballszene, zur Ikone.
Neonaziversände gründeten eigene Marken wie »Dobermann Deutschland« oder »Staffbull Department«. Doch dem multikulturellen Markenführer »Pit Bull« aus Frankfurt oder »Amstaff« aus Berlin konnten die rechten Marken nie ernsthaft Konkurrenz machen. Kampfhunde sind eben nicht wie die Waffen der Wehrmacht explizit von rechts besetzt.
Die englische Skinheadszene demonstriert seit jeher ihre Nähe zum Boxen, das als klassischer Working-Class-Sport perfekt zur »männlichen« Identität passt. »Lonsdale«, ehemaliger Sponsor von Muhammad Ali, ist die bekannteste Skinheadmarke. Bei Naziskins wurde »Lonsdale« auch deshalb so beliebt, weil bei geöffneter Bomberjacke die Buchstabenfolge »NSDA« (vor allem in Deutschland) als Anspielung auf die »NSDAP« umgedeutet werden konnte. Die Marke kann als frühes Beispiel dafür gesehen werden, wie Neonazis subkulturelle Codes als Erkennungszeichen der Gesinnung nutzen.
»Lonsdale« und auch »Pit Bull« distanzieren sich von rassistischen KäuferInnen und beliefern auch entsprechende HändlerInnen nicht mit Ware.

Neue Marken mit Kampfsportbezug
Mit dem Siegeszug der Mixed Martial Arts (MMA) in Deutschland etablierten sich auch neue, eigene Kampfsportmarken. MMA gilt als hart, kompromisslos und brutal. Durch ein Übertragungsverbot im Fernsehen haftete diesem Sport zumindest anfänglich das Image des Illegalen und Grenzüberschreitenden an.
Entsprechend aufgeladen war das Tragen der MMA-Kleidungsmarken »Tapout«, »Full-Contact Fighter« und »Hitman«. Diese Marken waren in Europa bis etwa 2010 nur schwer erhältlich. Die deutsche Neonaziszene begeisterte sich von Anfang an für den Free Fight, das heißt die MMA. Entsprechend schnell tauchten bald T-Shirts mit Kampfsportbezug in der Szene auf. Im Unterschied zum Organisieren von Sportveranstaltungen ist das Bekleidungsgeschäft deutlich lukrativer und finanziell risikoärmer – auch deutsche Neonazis witterten hier ein Geschäftsmodell. Es gab mehrere Versuche von bekannten Neonazis, eigene Free-Fight-, MMA- oder Kampfsport-Bekleidungsmarken zu etablieren. Eine der ersten kam 2007 aus Gera: Der langjährige Kader der NPD und »Kameradschaft Gera«, Jörg Krautheim, versuchte sich recht erfolglos mit »Attack Sports«. Bei einigen Sportmarken ist der Werdegang diffus, »Walhall Athletik« beispielsweise behauptet von sich: »Der tägliche Kampf mit sich selbst und einer verdorbenen Welt spendet die nötige Innovation für unsere Produkte (…). Disziplin und eiserner Wille sind für uns ein Lebensgefühl geworden, um auch die schwierigsten Zeiten zu meistern.« Eindeutiger ist die erfolgreichste Kampfsportmarke aus der Nazi-Szene »Label 23-Boxing Connection«, in Cottbus gegründet. Der ehemalige Inhaber der Marke ist ein bekannter Neonazi, Hooligan und Kickboxer aus Cottbus. »Label 23« bewegt sich mit seiner sportlichen Streetwear-Bekleidung und Gewalt-Ästhetik am Schnittpunkt zwischen Kraft-, Kampfsportszene und rechtem Hooligan-Milieu. Ähnlich wie »Thor Steinar« ist das Design zwar kompatibel mit einer rechten Lebenswelt, aber eben nicht eindeutig genug, um im Alltag anzuecken. Dadurch konnte sich die Marke über die rechte Szene hinaus verbreiten. Andere Marken wie »Greifvogel Wear«, »Black Legion«, »Svastone« oder »Pride France« sind bisher weniger erfolgreich. Eine Sonderstellung nimmt »White Rex« aus Russland ein: In Deutschland noch nicht etabliert, aber in Russland bereits enorm populär. Die antifaschistische Kampagne »Runter von der Matte« hat weitere extrem rechte Kampfsportmarken auf ihrer Homepage aufgelistet und beschrieben.

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25 € für 6 Ausgaben.

Messer mit Blutspritzern
Interessant ist, dass diese Labels grafisch die Darstellungen der Neonaziszene mit denen des Sports mischen. Es finden sich hier Motive, die Waffen zeigen, Runen, Wikinger, Soldaten, schwarze Sonnen und Ähnliches, die bewusst mit den Motiven des Sportes kombiniert werden. Kein professioneller Athlet würde ein mit Messern und Blutspritzern bedrucktes T-Shirt tragen. In internationalen Nazikreisen hingegen ist es ein beliebtes Motiv, das mehrere eindeutige Marken anbieten.
Doch auch hier gilt das Gleiche wie für die Warnfarben der Wespen: Nicht alle gelb-schwarz-gestreiften Insekten tragen einen Stachel. Auch manch harmlose Fliegenart versucht so, sich hinter ihren aggressiven Kollegen zu verstecken. Ebenso funktionieren die Marken nur, weil es etablierte rechte Kampfsportler gibt und weil es faschistische Straßengewalt gibt. Wer »White Rex«, »Greifvogel Wear« oder »Pride France« trägt, zeigt eben nicht seine Begeisterung für den sportlichen Wettkampf, sondern trägt seine rassistische Identität und Gewaltaffinität zur Schau.

»Wir sind keine Nazis«

Andreas Speit
Magazin »der rechte rand« Ausgabe 174 - September / Oktober 2018

#Gesellschaft

Verbittert und wütend oder hasserfüllt und gewaltbereit. In Chemnitz und Köthen mobilisieren die tragischen Tode von zwei Menschen seit Wochen eine breite Mischszene. Über tausend vermeintlich Trauernde und angeblich Besorgte stehen mit gewaltbereiten Neonazis und militanten Hooligans auf der Straße. Die einen brüllen, die anderen schweigen. Eines erklären sie immer wieder »Wir sind keine Nazis«, selbst wenn neben ihnen wer steht auf dessen T-Shirt »N.A.Z.I« prangt.

Magazin der rechte rand

#Chemnitz
© Mark Mühlhaus / attenzione

In Chemnitz erklärte der Vorsitzende von »Pro Chemnitz« Martin Kohlmann am Karl-Marx-Denkmal würden nur einfache Leute aus der Region stehen, während rechte Hooligans den Aufmarsch koordinierten. In Köthen versicherte der Chef von »Zukunft Heimat« Hans-Christoph Berndt von der Bühne aus, dass sie sich von gewalttätigen ExtremistInnen fernhalten würden. Derweil stellt die militante Regionalszene die OrdnerInnen. Dass beide Strukturen mit dem extrem-rechten Milieu verwoben sind, stört hier wie dort die anwesenden Landtagsabgeordneten der »Alternative für Deutschland« (AfD) und die erschienenen »Wutbürger« nicht. Mit der Hinwendung und Ausblendung scheint etwas tieferes aufzubrechen und sich zu kanalisieren, und die Trauermärsche sind der Katalysator.

Vor drei Jahren sprach der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck in Bezug auf den Rassismus von »Dunkeldeutschland«. Ein Begriff der schon 1994 als das Unwort des Jahres verhandelt wurde, da er eine sprachliche Demütigung der Menschen in der ehemaligen DDR ausdrücke. Eine Bezeichnung, die aber auch die gesellschaftliche Diversität ausblendet. Längst hat »Compact – Magazin für Souveränität« von Jürgen Elsässer das Bild umgedreht. »Der Osten leuchtet. Was der Westen lernen kann« titelte das Magazin im Mai 2017 und verklärte die massive Gewalt gegen Geflüchtete und den Protest gegen Unterkünfte als »letzte Verteidigungslinie«. Es gilt für sie, was Martin Müller-Mertens damals schrieb: »Während der Westen im Zuge der Asylinvasion förmlich überrannt wurde, ist zwischen Elbe und Oder eine widerständige Volksbewegung entstanden«.

Ost und West? Die eine Region dunkel, die andere Region hell? Nein, so einfach ist die Wirklichkeit nicht. Rechte Ressentiments und weit rechts stehende Strukturen sind nicht erst mit der AfD bundesweit auf den Straßen zu hören und in den Parlamenten zu sehen. Zu schnell wird in den Osten geschaut und der Westen übersehen. Nur ein Beispiel: bei den Landtagswahlen 2016 erreichte die AfD in Sachsen-Anhalt 24,3 Prozent und in Baden-Württemberg 15,1 Prozent. Das Ost-ergebnis wurde zum Titelthema. Die Realzahlen hätten aber zu einen andere Thematisierung führen können. Denn in Baden-Württemberg erreichte die AfD 809.564 Stimmen, in Sachsen-Anhalt 257.208.

»Die Ostler« scheinen nicht im Westen angekommen zu sein und/oder »die Westler« haben den Osten einfach überrollt. Bis heute haben Medien, Politik und West-Gesellschaft die Tiefe der persönlichen Zerrüttung und Verunsicherung der Ost-Gesellschaft nicht wirklich wahrgenommen. Nichts galt mehr, alles war entwertet. »Integriert doch erst mal uns!« ist vermutlich eine treffende Beschreibung der Gemüts- und Gefühlslage von Petra Köpping, SPD-Politikerin, in ihrem Buch mit dem gleichnamigen Titel. Die Staatsministerin für Gleichstellung und Integration in Sachsen suchte das Gespräch »mit den Bürgern«. In allen Fällen war schnell nicht mehr die ‹Flüchtlingsproblematik› das entscheidende Thema. Fast alle Gespräche hätten mit den persönlichen Erlebnissen während der Nachwendezeit geendet. »Obwohl seitdem fast 30 Jahre vergangen sind, offenbarten sich unbewältigte Demütigungen und Ungerechtigkeiten, die die Menschen bis heute noch bewegen, unabhängig davon, ob sie sich nach 1990 erfolgreich durchgekämpft haben oder nicht« führt Köpping aus. Dieses Nicht-gehört-werden und die Entwertung des eigenen Lebens, das macht Köpping auch überdeutlich, »entschuldigt keine faschistischen Positionen«.

Die Menschen der mittleren und älteren Generation im Osten, betont auch David Begrich vom »Miteinander e. V.« in Magdeburg, sehen sich »einer Art kulturellen Fremdherrschaft unterworfen, in der sie mit ihrem Erfahrungen nicht vorkommen«. Doch er hebt noch etwas anders hervor: »Wer sich verwundert die Augen reibt, wer und was in Chemnitz von rechtsaußen zusammenfindet, hat die 1990er Jahre und die Konstitution der ‹Generation Hoyerswerda› im Osten vergessen« Vielen im Westen sei nicht klar, dass in Ostdeutschland zwei Generationen existieren würden, »deren kollektive politische Erfahrung sich daraus speist, ein politisches System gestürzt und anschließend den neuen Staat in Hoyerswerda und Rostock gezwungen zu haben vor ihrem rassistisch motivierten Willen zurückzuweichen«. Und weiter, es gebe »im Osten eine regressiv-autoritäre gesellschaftliche Unterströmung«, die größer sei als die AfD-Erfolge und Umfragewerte. »Aus einem vielschichtigen Ressentimentmix hat sich eine grundsätzliche Ablehnung westlicher/westdeutscher sozialer Praxen und Kulturen entwickelt«, so Begrich. Da stört man sich so auch weniger an den T-Shirtaufdruck »N.A.Z.I«.

Mehr Toleranz der Intoleranz

von Andreas Speit

Magazin »der rechte rand« Ausgabe 179 - Juli / August 2019 online only

#Mainstream

Will der Autor Bernhard Schlink die „Neue Rechte“ salonfähig machen?

Laden wir sie doch zum Dialog ein. Bitten wir sie, am Diskurs teilzunehmen. Geben wir ihnen endlich einen Platz auf den Podien und in den Talkshows dieser Republik. Lassen wir sie nun auch in Universitäten und Stiftungen mitreden. Bieten wir ihnen bitte zügig die großen Verlage und weitreichende Printmedien an! Im Kulturkampf von rechts sind wir, die Gutmenschen, die Poltisch-Korrekten, die 68er-Versifften, die Ge-Genderten, die Antifaschist*innen und die Ewig- gestrig- Erinnernden des Nationalsozialismus einfach zu verbittert und verhärtet. Denn bei den Debatten der vergangenen Jahre haben wir all die
Thilo Sarrazins,
Uwe Tellkamps,
Roland Tichys,
Birgit Kelles,
Vera Lengsfelds oder
Susanne Dagens sich nicht frei einbringen lassen.

Antifa Magazin der rechte rand
Screenshot vom FAZ-Artikel von Bernhard Schlink

Stimmt – oder stimmt nicht? In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ beklagte nun Bernhard Schlink (01.08.2019), der „politische Mainstream“ sei „eng – zu eng“ – und liegt mit seiner Kritik voll im Trend. Der Bestsellerautor, der mit der Erzählung „Der Vorleser“ international berühmt wurde, streitet in seinem Aufsatz mit dem Titel „Der Preis der Enge“ nicht ab, dass „Sarrazin publiziert, Tichy bloggt, Tellkamp spricht, und die AfD (…) in den Parlamenten, in Talkshows und auf der Straße zu hören“ sei. Er behauptet auch nicht, dass „ihr Grundrecht der Meinungsäußerungsfreiheit“ durch einen „Gesinnungskorridor“, „Political Correctness“ oder von einer von „Gutmenschen geschwungene(n) Moralkeule“ grundsätzlich eingeschränkt wäre. „Wenn Rechte“ beklagten, sie dürften ihre „Meinung nicht frei äußern“, dann wollten sie nur „den Bonus, den Opfer in unserer Gesellschaft genießen, auch für sich reklamieren“, hebt Schlink hervor. Er verweist aber auch auf „Umfragen“, laut denen „fast zwei Drittel der Bürger“ überzeugt seien, bei den Themen „Flüchtlinge, Muslime und Islam, die nationalsozialistische Vergangenheit, Juden, Rechtsextremismus, AfD und Patriotismus“ aufpassen zu müssen, ihre Meinungen zu äußern. Der Freundes- und Bekanntenkreis sei für 35 Prozent der Bürger*innen der einzige und für 59 Prozent der sichere Raum für freie Meinungsäußerung. Nur 18 Prozent fühlen sich bei ihren Meinungsäußerungen im öffentlichen Raum ebenso frei wie im privaten, zitiert Schlink diese Zahlen ohne genaue Nennung der Quellen. Diese Kritik greift nur, wenn die Auffassung geteilt wird, die vermeintlich Bedrängten könnten ohne jeden Widerspruch sagen , was sie wollen. Sie wollen freilich nicht nur reden. Sie wollen, dass Menschen mit anderen Meinungen endlich still sein sollen. Sie scheint zu stören, dass angebliche Randgruppen der Gesellschaft nicht mehr am Rande stehen wollen – und sie scheint zu stören, dass bei sensiblen Themen auch sensibel gestritten werden sollte. Männer möchten einfach mal wieder „Herrenwitze“ über Frauen und Homosexuelle machen und Frauen sich „wahre Männer“ wünschen, um behütet Haus und Kinder zu pflegen. Empathie und Toleranz wird nur für sich selbst beansprucht und lautstark eingeklagt.

Eine Kritik à la Schlink trägt auch nur dann, wenn die Schimäre eines rot-grünen ´68er-Deutschlands geteilt wird. Doch der Prenzlauer Berg ist nicht Berlin, und er ist nicht Deutschland. So wie auch St. Pauli nicht Hamburg und ebenso nicht Deutschland ist. Dass eine Frau Bundeskanzlerin ist, macht noch keinen feministischen Konsens aus; dass die Wehrpflicht abgeschafft wurde, keine pazifistische Politik; und der begonnene Atomausstieg ist noch keine ökologische Wende. Den „zu engen“ Mainstream führt Schlink auch auf die Reflexion der „nationalsozialistischen Vergangenheiten“ zurück, die „nicht nur eine politische und rechtliche, sondern auch eine moralische Katastrophe war“. Aus diesem Grund seien der „Mainstream und seine Grenze auch von früh an moralisch konnotiert“. Dieses „bessere Deutschland“ würde sich in den „europäischen, kulturellen, bevölkerungs- und migrationspolitischen Vorstellungen“ spiegeln. Ja, wirklich? Das Mittelmeer ist nicht bloß ein Badeort, es ist auch ein Massengrab. 2018 ertranken nach Angaben des UN-Flüchtlingswerks im Schnitt jeden Tag sechs Menschen beim Versuch, dieses Meer zu überqueren. Wie ist diese Moralkritik überhaupt zu verstehen? Ist ein „Nie wieder!“ schon zu viel? Ist Humanität zu weitgehend, Egalität zu totalitär und Aufklärung zu diktatorisch? Folgt dieser Vorwurf dem Einwurf von Arnold Gehlen der Hypermoral? Diese Moral würde sich im „Humanitarismus“, einer zur ethisch gemachten Menschenliebe, wiederfinden. Jene Vorstellung, so der rechtskonservative Philosoph Gehlen, der im Nationalsozialismus universitäre Karriere machte, würde aber den Menschen und die Welt verkennen. Je enger der vermeintliche Mainstream aber werde, schreibt Schlink, „desto mehr Meinungen fallen aus ihm heraus. Sie finden sich jenseits des Ufers, jenseits der Grenzen. Vielmehr finden sie sich dort nicht einfach, sie werden dorthin getrieben“. Die Moralisten haben also die Rechten erst zu Rechten gemacht. Schlinks Forderung ist daher schlüssig: die „Kommunikation über Grenzen“ hinweg. „Es gibt keinen guten Grund, in Universitäten und in der Studienstiftung des deutschen Volkes Sarrazin, Wendt und Kubitschek nicht reden zu lassen, im Suhrkamp-Verlag Tellkamp zu desavouieren und im Bundestag der AfD zu verweigern, was einer Fraktion traditionell zusteht“, schreibt er. Die Voraussetzungen für die Kommunikation wären aber, „dass Formen und Verfahren gewahrt werden, dass nicht beleidigt und verleumdet, der Staat nicht verunglimpft, nicht gegen Gruppen gehetzt und auch sonst keine Straftaten gegen den demokratischen Rechtsstaat“ begangen würden. Bei dieser komplexen Verbindung so heterogener Personen, Strukturen und Organisationen kann nun aber auch nur pauschal nachgefragt werden: Aus diesem Milieu erfolgen also kein Hass und keine Hetze, keine Verunglimpfung und Verhetzung?

Antifa Magazin der rechte rand

Der „Kern des Toleranzgedankens ist die Anerkennung des gleichen Rechts auf ein Zusammenleben für entgegengesetzte Doktrinen“, schreibt Norberto Bobbio. Darf dies der extremen Rechten unterstellt werden? Der Rechtsphilosoph Bobbio markiert eine klare Grenze, die zwischen „egalitär“ und „antiegalitär“ liegt. Er resümiert: „Die Toleranz muss sich auf alle Menschen erstrecken, ausgenommen diejenigen, die das Prinzip der Toleranz leugnen. Kurz gesagt, alle, außer den Intoleranten, müssen toleriert werden.“ Schon die „Konservative Revolution“ legte ihre Intoleranz gegen Liberalismus und Humanismus offen dar. Ihr Plagiat, die „Neue Rechte“, hegt und pflegt diese Angriffe weiterhin treu.

Die angenommene „Enge“ des unterstellten Mainstreams möchte Schlink erweitern, weiter ausdehnen als bisher. Der in seinem Artikel genannte Götz Kubitschek legt ein mögliches Ziel nahe: Die offiziellen Repräsentanten der „Neuen Rechten“ sollen eingeladen werden. Schlinks Vorschlag hat bisher kaum Kritik ausgelöst. Vielleicht deshalb, weil er schon längst selbst Mainstream ist ?

Editorial / Kommentar Ausgabe 179

von der Redaktion

Magazin »der rechte rand« Ausgabe 179 - Juli / August 2019

Liebe Leser*innen,

Ende Mai 2019 fanden in zehn Bundesländern Kommunalwahlen statt. Die rechtsradikale »Alternative für Deutschland« (AfD) trat mit gut 7.100 Kandidat*innen für über 1.000 Gremien an. Mindestens 3.361 neue Mandate konnte sie zusätzlich zu den rund 1.000 Sitzen der AfD in den anderen sechs Bundesländern erringen – das bedeutet eine Verdreifachung der bisherigen Mandate in jenen Regionen, die nun gewählt haben.

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Im Rathaus Frankfurt / Main © Antifa Magazin @derrechterand

Diese und weitere detaillierte Zahlen, etwa zur Sozialstruktur der Kandidierenden, der regionalen Verteilung und den Erfolgen und Misserfolgen anderer Rechtsparteien, hat das »antifaschistische pressearchiv und bildungszentrum berlin« veröffentlicht  – eine Fleißarbeit, die sonst niemand macht. Medial war zwar hier und dort zu lesen, dass die AfD einige Mandate nicht besetzen konnte. Doch es gab kaum einen Bericht, der diesen Rechtsruck mit Ankündigung einordnete oder die bundesweiten Zahlen nannte.

Trotz des aktuellen Medieninteresses an Rechtsterror, Preppern und dem allgemeinen Aufstieg der AfD bleiben Detailstudien, längerfristige Beobachtungen oder das frühe Erkennen neuer Phänomene weiterhin Sache von antifaschistischer Recherche, kritischer Wissenschaft, Beratungsstellen und wenigen qualifizierten Journalist*innen. Das angebliche »Frühwarnsystem« Verfassungsschutz hat auch bei diesem Thema nichts beizusteuern. Die AfD hat flächendeckend Kommunalmandate gewonnen. Vereinfacht gesagt wurde sie überall, wo sie antrat, ohne Ansehen der Qualität und der Bekanntheit ihrer Kandidat*innen gewählt.

Das wird noch eine Weile so weitergehen – das kann niemanden überraschen. Vor der Wahl schrieben wir beispielsweise: »Die Verankerung vor Ort ist für die dauerhafte Etablierung einer Partei lebenswichtig. Sie war für den Aufstieg der NSDAP ein Baustein des Erfolgs. Die NPD und all die anderen Formationen der radikalen Rechten scheiterten an dieser Aufgabe und scheiterten so als Wahlpartei auch in den Ländern. Ihnen gelang bisher nie, sich flächendeckend als politische Organisation im engen Lebensumfeld der Menschen festzusetzen, als ‹Kümmerer› und Ansprechpartner*innen vor Ort. Doch das ist nun anders (…). Das Festsetzen in Rathäusern, Verwaltungen und Kommunalparlamenten ist nun also der nächste Schritt – die Etablierung als politische Kraft vor Ort. (…) Die radikale Rechte wird flächendeckend Einfluss auf die Kommunalpolitik nehmen können, wenn sie sich klug anstellt. Kommunalpolitik, das klingt nach wenig, ist aber viel: Sozial- und Kulturpolitik, Stadt- und Bauentwicklung, lokale Gedenk- und Geschichtspolitik, Kitas, Jugendförderung und Schulpolitik, Integration, lokale Ordnungspolitik, – sowie unzählige Grußworte auf Schützenfesten, bei der Feuerwehr, im Sportverein und auch recht bald als ganz normaler politischer Akteur für die Lokalblätter« (derrechterand Nr. 177).

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© Mark Mühlhaus / attenzione

Die AfD schafft es, Themen zu setzen und immer wieder Machtfragen aufzuwerfen. Die Partei hat die Republik verändert, sie wird sie weiter verändern – erst in den Landtagen, dann im Bundestag und nun in den Rathäusern und Kreistagen.

Was dagegen zu tun ist?

Unbeeindruckt weitermachen – mit antifaschistischem Engagement und Bündnisarbeit, kritischer Wissenschaft, Recherche gegen Rechts, gezieltem Säen von Zwietracht in der Rechten, Spenden für das apabiz, Seenotrettung & Co. und stetigem Widerstand gegen die Normalisierung der radikalen Rechten und den Ideen der Ungleichheit.
#wirsindAntifa

Magazin der rechte rand
Abo @derrechterand

Termin des Jahres

von Alexa Anders, Robert Andreasch, Toni Brandes, Kai Budler, Johannes Grunert und Lisa Krug
Magazin »der rechte rand« Ausgabe 178 - Mai / Juni 2019

#ErsterMai2019

Ein Rückblick auf die rechten Aufmärsche

Seit bald 30 Jahren ist der 1. Mai fester Bestandteil des Aufmarschkalenders der extremen Rechten – auch wenn es erste Aufmarschversuche am 1. Mai schon Ende der 1970er Jahre gab. Der Erfolg der Mobilisierungen war sehr unterschiedlich – von wenigen Dutzend Neonazis an einem Ort bis hin zu Tausenden in unterschiedlichen Orten (@derrechterand Nr. 166 und 171). Thematisch nehmen die Aktionen Bezug auf die soziale Frage für »Deutsche« und bedienen einen völkischen Antikapitalismus. In diesem Jahr war die Fokussierung auf Ostdeutschland auffällig (Chemnitz, Cottbus, Erfurt, Dresden, Plauen, Wismar). Allein »Die Rechte« mobilisierte nach Duisburg in Nordrhein-Westfalen. Ein Grund dürften die stärkere Verankerung in der Gesellschaft in Ostdeutschland und die deutlichere Orientierung der gesamten Rechten dort auf eine Verbindung von völkischer und »sozialer« Politik sein – aber auch die drei anstehenden Landtagswahlen in Brandenburg (01.09.2019), Sachsen (01.09.2019) und Thüringen (27.10.2019) und die Hoffnung, möglichst viele der eigenen SympathisantInnen und WählerInnen für ein Zeichen der Stärke mobilisieren zu können. Insgesamt 2.800 Personen konnten die Rechten an diesem 1. Mai auf die Straße bringen – genug, um sichtbar zu sein, zu wenig, um diesen Tag als Erfolg zu feiern. 2017 kamen beispielsweise noch 1.200 Menschen zum AfD-Aufmarsch nach Erfurt, dieses Jahr waren es hier nur noch gut 500 Rechte.

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AfD in Erfurt © Kai Budler

»Alternative für Deutschland«
Großspurig hatte die »Alternative für Deutschland« (AfD) in Thüringen ihren Aufmarsch am 1. Mai in der Landeshauptstadt Erfurt als »Blauen Frühling« beworben und angekündigt, den »politischen Frühling im Osten« einzuleiten. Statt der ursprünglich angekündigten 10.000 TeilnehmerInnen folgten nur knapp 500 Personen dem Aufruf und zogen, von lauten Protesten begleitet, zur »Thüringenhalle« in der Nähe des Landtages. Den Auftakt der Kundgebung machten Grußworte von Jens Kestner, Bundestagsabgeordneter aus Northeim, Oliver Kirchner, Landtagsabgeordneter aus Sachsen-Anhalt, und des AfD-Landessprechers und Mitglied des Landtages aus Nordrhein-Westfalen, Thomas Röckemann. Sie betonten die Rolle der Thüringer AfD als »Eisbrecher« und behaupteten, »von der AfD Thüringen lernen heißt siegen lernen«. Der Thüringer Partei-Vize Stefan Möller bezeichnete die AfD als einzige wirkliche Sozialstaatspartei. Schnell aber wurde klar, dass es bei Möllers »Sozialpolitik« nur um völkischen Rassismus geht, wenn er forderte, die Grenzen müsse man für »Sozialmigranten« dichtmachen. Der thüringische AfD-Bundestagsabgeordnete Jürgen Pohl erweiterte das Themenspektrum um den Ostcharakter und warnte, Ostdeutschland sei »das Armenhaus Deutschlands«. Mit dieser Themensetzung will sich die AfD vor den Wahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen als Sozial- und Ostpartei darstellen. Dazu gehört auch die Zurückweisung des europäischen Gedankens durch den Landesvorsitzenden Björn Höcke. Die »Altparteien« würden Deutschland auflösen »wie ein Stück Seife unter einem warmen Wasserstrahl«, während die Souveränitätsrechte nach Brüssel wanderten, sagte Höcke. Auch er setzte auf die sozialpolitische Karte und forderte, dass der »hier erwirtschaftete Wohlstand in erster Linie den eigenen Landsleuten zugutekommt«. Mit seiner Forderung nach einem Untersuchungsausschuss »zur Aufklärung der Machenschaften der ‹Treuhand› in den 1990er Jahren« kann er sich des Beifalls seiner ostdeutschen AnhängerInnen sicher sein. Der Auftritt des AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland blieb leidenschaftslos, dafür positionierte er sich deutlich für den völkischen »Flügel«. Gegen den Aufmarsch protestierten mehr als 5.000 Personen, eine Sitzblockade stoppte den Aufmarsch kurzzeitig. An einem Fest gegen Rassismus und soziale Spaltung beteiligten sich etwa 10.000 Personen.

In Chemnitz versammelten sich rund 250 Personen bei der Kundgebung der AfD auf dem Marktplatz. Die Reden von Beatrix von Storch, Jörg Urban, Maximilian Krah, Nico Köhler und Lars Franke dienten hauptsächlich zur Delegitimierung von Gewerkschaften, indem die RednerInnen sich auf deren Antifaschismus und die geförderte Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt bezogen. Arthur Österle vom rechten erzgebirgischen Heimatverein »Heimattreue Niederdorf«, der bei den rassistischen Großaufmärschen von der Wählervereinigung »Pro Chemnitz« im August und September 2018 eine führende Rolle in der Ordnerorganisation eingenommen hatte, gehörte auch am 1. Mai zum OrdnerInnenstamm der AfD. Nachdem er bereits beim AfD-Bundesparteitag in Riesa als Ordner aufgetreten war, kandidierte er im März für die sächsische Landesliste zur Landtagswahl – obwohl »Pro Chemnitz« auf der sogenannten Unvereinbarkeitsliste der AfD steht. Während die AfD bereits zweieinhalb Stunden vor Ende der Anmeldung ihre Reden beendete, begann »Pro Chemnitz« wenige Hundert Meter entfernt, den zweiten Teil des rechten Unterhaltungsprogramms aufzubauen. Um 15 Uhr hatten sie zu einem »Volksfest« und der Eröffnung ihres Bürgerbüros im 2012 von »Pro-Chemnitz«-Chef Martin Kohlmann erworbenen Haus in der Brauhausstraße 6 mobilisiert. Mit Hüpfburg, Ponyreiten und betont gemäßigten Reden versuchte die extrem rechte Partei nicht nur ihre StammwählerInnen zu unterhalten, sondern um Akzeptanz im Wohnviertel zu werben. Das Haus von »Pro Chemnitz« steht einzeln inmitten eines für Chemnitzer Verhältnisse eher links und sehr migrantisch geprägten Wohnblocks. Mit nur 150 Menschen konnte »Pro Chemnitz« nicht mehr als den Kern ihrer AnhängerInnen und eine Handvoll NachbarInnen zu ihrem Spektakel locken. Die Musik der »Volksliedertafel Dresden«, die derzeit bei allen möglichen rechten Events in Sachsen auftritt und die Rede des Vorsitzenden der AfD-Abspaltung »Aufbruch Deutscher Patrioten«, André Poggenburg, dürften nicht viele Menschen angelockt haben. Gegen die rechten Veranstaltungen startete eine antifaschistische Demonstration mit mehreren hundert Teilnehmenden zur DGB-Kundgebung, bei der 2.300 Menschen zusammenkamen.

In der sächsischen Landeshauptstadt Dresden lud die AfD zur Maifeier auf den Neumarkt. Bei Bratwurst und Bier sprachen hier die Kandidaten zur Kommunalwahl, der Spitzenkandidat zur Europawahl, Maximilian Krah, sowie der Landeschef und Spitzenkandidat zur Landtagswahl, Jörg Urban. Besucht wurde die Veranstaltung von 150 vornehmlich älteren DresdnerInnen. Im brandenburgischen Cottbus hatte die AfD gemeinsam mit der Initiative »Zukunft Heimat« zu einer Veranstaltung unter dem Motto »Sozial, ohne rot zu werden« aufgerufen. 500 Menschen folgten dem Aufruf. Als RednerInnen traten der AfD-Landesvorsitzende Andreas Kalbitz, die AfD-Landtagsabgeordnete Birgit Bessin und der AfD-Bundestagsabgeordnete Steffen Kotré auf. Auch Christoph Berndt von »Zukunft Heimat« und Kandidat für den Landtag trat ans Mikrofon. Erstmals fand eine antifaschistische Gegendemonstration mit 500 TeilnehmerInnen und anschließendem Fest statt.
Eigentlich braucht die AfD keine eigenen Veranstaltungen am 1. Mai mehr zu organisieren, um Werbung für sich machen. Sie ist in allen Parlamenten auf Landes- und Bundesebene vertreten. Ihre Infrastruktur ist gut aufgebaut. Zudem sind ihre bevorzugten Werkzeuge Twitter, YouTube und Facebook. Diese werden erfolgreich eingesetzt – im Netz hat die AfD die anderen Parteien abgehängt. Dennoch braucht sie die Präsenz auf der Straße, um an die Mitglieder und WählerInnen starke Signale zu senden und zu mobilisieren. Das gelang jedoch an diesem 1. Mai nicht. Ob die Schwäche der AfD als Bewegungspartei anhält, bleibt abzuwarten. Klar ist aber, dass sich die Schwäche auf der Straße nicht auch in einer Schwäche bei den anstehenden Wahlen zeigen wird.

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NPD
Die Mobilisierungsflaute der NPD dauert an. In Sachsen hofft die Partei auf einen Erfolg bei den kommenden Landtagswahlen, in Mecklenburg-Vorpommern muss die Basis der Partei bis zur Landtagswahl 2021 bei Laune gehalten werden.
Trotz Parteiprominenz kamen nur 200 Neonazis unter dem Motto »Sozial geht nur national« nach Dresden. Der Europaabgeordnete Udo Voigt, der Bundesvorsitzende Frank Franz, der sächsische Landes-chef Jens Baur und der dortige Spitzenkandidat zur Landtagswahl Peter Schreiber waren als Redner angekündigt. Auch die »Jungen Nationalisten« (JN) mit ihrem Chef Christian Häger vermochten keinen Mobilisierungserfolg zu bewirken. In weißen Shirts (»Antikapitalisten aus Tradition«) bildeten sie den ersten Block. Dahinter fand sich die regionale Parteigefolgschaft ein, aufgefüllt mit überregional angereisten Kameraden, unter anderem Torsten Heise aus Thüringen. Zentrales Thema der Reden war die Selbstvergewisserung über die politische Notwendigkeit der eigenen Existenz. Fast wehmütig wurde auf erfolgreichere Zeiten zurückgeblickt, fast verzweifelt um Anerkennung geworben. Bereits nach 100 Metern wurde der Aufmarsch blockiert, es folgten vier Stunden stop-and-go. Schließlich wendeten die Neonazis und eilten zügigen Schrittes zum nächsten Bahnhof, um den Aufmarsch nach halber Strecke zu beenden. Gegen Frank Franz und Peter Schreiber wird nun aufgrund ihrer Reden wegen des Verdachts der Volksverhetzung ermittelt.

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NPD in Wismar © AST Recherchegruppe

In Mecklenburg-Vorpommern rief der Landesverband der NPD unter dem Motto »Arbeit – Zukunft – Heimat« zu ihrem 1.-Mai-Aufmarsch in Wismar auf. Der letzte von NPD-Strukturen in Wismar organisierte Aufmarsch hatte am 20. Oktober 2012 stattgefunden. Ab Mittag versammelten sich die 300 NPD-AnhängerInnen am Startpunkt in der Nähe des Wismarer Bahnhofs. Neben den lokalen Strukturen reisten Neonazis aus Schleswig-Holstein, Hamburg, Brandenburg und Niedersachsen an. Auffällig in diesem Jahr war die Abwesenheit wichtiger NPD-Kader. Nach dem Ausscheiden der NPD aus dem Landtag müssen sich nun etliche Neonazis, die zuvor bei der NPD-Landtagsfraktion angestellt waren, auf anderen Wegen um ihren Lebensunterhalt kümmern. Seitdem zeigen sie sich weniger bei Parteiveranstaltungen in der Öffentlichkeit. Die rund neun Kilometer lange Route verlief entlang der Hauptverkehrsader zum »Brennpunktviertel« Friedenshof und zum Markt in der Wismarer Altstadt. In unmittelbarer Nähe des Gebetsraumes der muslimischen Gemeinde sprach der ehemalige mecklenburgische Landtagsabgeordnete Udo Pastörs während der Zwischenkundgebung unter anderem über den »Angriff auf die Identität« und die »biologische Kriegsführung«. Als Redner aus der »Reichshauptstadt« kündigte der Anmelder Stefan Köster den Berliner Sebastian Schmidtke zur Hauptkundgebung auf dem Marktplatz an.

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»Der III. Weg« in Plauen © Robert Andreasch

»Der III. Weg«
Neben dem thüringischen Erfurt macht sich die neonazistische Partei »Der III. Weg« vor allem im südsächsischen Plauen breit. Hier kandidiert sie zur Kreistags- und Gemeinderatswahl, hier unterhält sie seit Jahren ihr Parteibüro und hier hat sie eben erst eine große, repräsentative Immobilie in der Pausaer Straße bezogen. Die Neonazis haben dort an der Hausfassade große Stoffbanner mit dem Parteilogo aufgehängt. Gegenüber dem neuen »Der III. Weg«-Haus versammelten sich am 1. Mai rund 500 Neonazis auf der Wiese des Wartbergplatzes. Es gab mehrere Pavillons der Partei, Stände mit Bastelarbeiten und Second-Hand-Klamotten. Die angereisten TeilnehmerInnen konnten sich an Bierbänken und Tischen niederlassen und für die weiblichen TeilnehmerInnen lagen Blumen parat. Eine Volkstanzgruppe führte vor der Bühne Tänze auf – der Aufmarschauftakt bekam den Charakter eines Festes. Hunderte besorgten sich im Klamottenverkauf das 1. Mai-Shirt der Partei, 2019 erstmals in beige gehalten mit der grünen Aufschrift »Deutscher Sozialismus« – eine Anspielung auf die hellbraunen Hemden des Nationalsozialismus? Es folgte die seit Jahren beim »Der III. Weg« übliche Inszenierung ihrer Aufmärsche: Die Neonazis zündeten Bengalos und farbige Rauchtöpfe und liefen über eine am Boden ausgelegte Europa-Fahne. Hinter der Trommlergruppe marschierten Hunderte ParteianhängerInnen mit dem beigen T-Shirt uniformiert, sie müssen die grünen Parteifahnen in einem ganz bestimmten Winkel nach außen halten. Dahinter folgte ein Block von Neonazis mit den Plakaten der Partei, bevor sich der unorganisierte Rest hinten anschließen durfte. Der Flaggen-Block erinnerte nicht nur wegen der »Nationaler Sozialismus jetzt!«- und »Plauen, erwache!«-Parolen an die Choreographien des Nationalsozialismus. Der revolutionäre Schwung jedoch wich, kaum dass die Pyrotechnik abgebrannt war, schnell einer deutlichen Langeweile. Dennoch hat es »Der III. Weg« mit wenig Aufwand und dank einer laxen Haltung seitens der Stadt und der Polizei in etliche Leitmedien geschafft – sogar bis in die »New York Times«. Nicht allen Neonazis dürften die strikte Marsch-Disziplin, der Zinnober mit den grünen Fahnen oder das Fehlen eines schwarz-weiß-roten Fahnenmeers und von »Antifa, Hurensöhne!«-Gesängen zusagen. Vielleicht hatte deshalb auch die Zahl der TeilnehmerInnen im Vergleich zum Vorjahr (Chemnitz: 700) abgenommen. Beängstigend jedoch: Die Neonazis bekamen in Plauen von vielen AnwohnerInnen Zuspruch und Applaus.

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»Die Rechte« in Duisburg © Infozentrale

»Die Rechte«
Der Aufmarsch im nordrhein-westfälischen Duisburg stand unter dem Motto »Tag der Arbeit«. Im Netz wurde die Partei »Die Rechte«, Organisatorin der Veranstaltung, etwas ausführlicher: »Lasst uns den Protest auf die Strassen tragen, gegen Sozialabbau, Parteienfilz, Billiglöhne und Masseneinwanderung.« Am Aufmarsch nahmen etwa 200 Personen teil. Spitzenkandidatin der Partei für die Europawahl ist Ursula Haverbeck, eine der führenden Figuren der Szene der deutschen HolocaustleugnerInnen. Die 90-jährige Haverbeck verbüßt eine Haftstrafe wegen Holocaustleugnung. Die Plakate zur Europawahl, die auch am 1. Mai gezeigt wurden, werben mit ihrem Bild, antisemitischen Parolen wie »Zionismus stoppen: Israel ist unser Unglück. Schluss damit« und einer unverhohlenen Drohung in Richtung des politischen Gegners: »Wir hängen nicht nur Plakate. Wir kleben auch Aufkleber.« Die Neonazipartei hat in Nordrhein-Westfalen ihren größten Landesverband und sitzt mit jeweils einem Abgeordneten in den Stadträten von Dortmund und Hamm.

Schwerpunkt Kampfsport kurz & bündig


Magazin »der rechte rand« Ausgabe 178 - Mai / Juni 2019

Erfurt: Kampfsport für Kinder
Seit 2016 bot der Verein »Volksgemeinschaft« in seinen Räumlichkeiten im Erfurter Plattenbauviertel Herrenberg unter anderem wöchentliche Kampfsporttrainings an (s. drr Nr. 165). Treibende Kraft dahinter ist der ehemalige Hooligan und langjährig aktive Neonazi Enrico Biczysko, der 2014 mit 2.292 Stimmen für die NPD in den Erfurter Stadtrat eingezogen war. Später wechselte er zur Partei »Die Rechte« (DR) und ist im August 2018 der Partei »Der III. Weg« beigetreten. War er in DR schon Biczyskos steter Begleiter, steht ihm inzwischen der mehrfach wegen Körperverletzung verurteilte Neonazi Michel Fischer aus dem Weimarer Land fest zur Seite. An der Fassade der Räumlichkeiten mit mehreren hundert Quadratmeter in einer alten Kaufhalle prangen jetzt die Insignien des »Der III. Weg«, die Neonazis sprechen inzwischen von einem »Nationalrevolutionären Zentrum«. Es dient der Partei nicht nur als Materiallager, hier finden auch die regelmäßigen Kampfsporttrainings der parteiinternen »Arbeitsgemeinschaft Körper & Geist« statt. Außerdem werden an drei Tagen in der Woche je zweistündige »Trainingseinheiten« für Kinder und Jugendliche angeboten, die Rede ist von einem »Jugendsportprogramm«. Auch bei öffentlichen Veranstaltungen der Partei unter freiem Himmel wie im April 2019 führen die Neonazis Kinder und Jugendliche an den Kampfsport heran, auf Bildern sind in diesem Rahmen Biczysko und Fischer zu sehen. Dabei haben beide Neonazis eine lange Geschichte in der gewalttätigen Neonaziszene. Fischer wurde zwischen 2013 und 2015 Jahren fünfmal verurteilt, darunter dreimal wegen vorsätzlicher beziehungsweise gefährlicher Körperverletzung. Unter anderem hatte er 2012 mit seinem Vater ein 13-jähriges Kind verprügelt. Biczysko wurde in der Vergangenheit mehrfach wegen Körperverletzung verurteilt. Der als Sportbeauftragte der Partei »Der III. Weg« bezeichnete Björn Mey befand sich im April 2018 in Haft.

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Neonazis »III. Weg« in Erfurt bieten Kampfsport für Kinder. © Mobile Beratung in Thüringen

»Tenno-Karate-Do Chemnitz e. V.«
Der »Tenno-Karate-Do Chemnitz e. V.« trainiert unter anderem auch Kinder und Jugendliche im Chemnitzer Stadtteil Hilbersdorf. Nach außen hin macht der Verein den Eindruck eines normalen Karatevereins, der im »Sächsischen Karatebund« organisiert ist und neben dem mehrmals wöchentlich stattfindenden Training regelmäßige Lehrgänge mit Gasttrainern organisiert. Die Brisanz des Vereins liegt in seinen Personalien: Als Trainer und im Vorstand sind unter anderem die neu-rechten Kader Felix Menzel und Benjamin Jahn Zschocke aktiv. Menzel ist Chefredakteur der neu-rechten Schülerzeitung »Blaue Narzisse«, Gründer der selbsternannten »Denkfabrik für Wirtschaftskultur« »Recherche Dresden« und gibt das dazugehörige Magazin »Recherche D« heraus. Jahn Zschocke war bis 2014 Stadtratsmitglied und später Fraktionsgeschäftsführer von »Pro Chemnitz«. Er fungierte als Sprecher der Fraktion und deren Vorsitzenden Martin Kohlmann, als dieser die rechten Großaufmärsche des Spätsommers 2018 in Chemnitz organisierte. Im Januar kündigte Jahn Zschocke an, sich aus der Politik zurückziehen zu wollen. Er arbeitet als Maler und schreibt für das Magazin »Tumult« (s. drr Nr. 172). Menzel und Zschocke gründeten zusammen mit Martin Kohlmann zu Schulzeiten die »Pennale Burschenschaft Theodor Körner zu Chemnitz«. Der Sportverein, der 2012 etwa 50 Mitglieder hatte und hauptsächlich aus Kindern und Jugendlichen besteht, ist in seinem politischen Wirken eher subtil. So veranstaltete der Vorstand mehrmals Vereinswanderungen zum Theodor-Körner-Denkmal in der Nähe von Chemnitz. An dem Gedenkstein für den in neurechten Kreisen beliebten Dichter gründeten Menzel und Jahn Zschocke auch ihre Schülerburschenschaft. Der Verein ist heute weiterhin aktiv, auf der Website sind Fotogalerien von Wettkämpfen und Lehrgängen zu sehen. Auf Facebook wirbt der Verein um neue Mitglieder mit dem Motto »Sicherheit für Ihr Kind«.

Lüneburg: Kampfsportlehrer mit rassistischen Gewaltfantasien
Die »Kung Fu Schule Lüneburg« wird von Niklas Schmidt geleitet. Schmidt trägt den fünften Meistergrad. Der Kampfsportler veröffentlicht auf Facebook regelmäßig sowohl unter seinem Klarnamen, als auch auf der Seite der von ihm betriebenen Schule und in öffentlichen Diskussionen extrem rechte, rassistische und geschichtsrevisionistische Thesen und Positionen. Dabei fabuliert er nicht nur davon, dass schwarze Menschen ohne »Sturmgewehre« wieder mit »Speeren und Machete« töten gehen würden, sondern prophezeit auch: »wir werden bald Chemiker, Lagerbauer und Ofenbauer brauchen.« Und weiter schreibt er: »wir werden bald wieder viel zu tun bekommen, das wird unserer chemischen Industrie gut bekommen…« (Fehler im Original). Einen Hehl aus dem dahinter stehenden Menschenbild macht Schmidt dabei nicht. Er kommentierte ein Video, das vermeintlich das Wegwerfen von Wasserkanistern durch MigrantInnen zeigt: »wer aus heißen Wüstenstaaten flüchtet, und geschenktes Wasser wegschmeißt ist, ist ein haufen menschlichem Dreck. für mich stehts unerwünscht, kann gerne zu tode kommen« (Fehler im Original). Eine Erklärung liefert der Kampfsportlehrer direkt hinterher, als er das Video einer Schlägerei teilt: »schwarze gegen weiße, oder Kanacken gegen Normale, oder ein Einzelfall? Feige gegen Mutig, wie ihr wollt, aber immerhin ziehmlich multikulti« (Fehler im Original). Seine rassistischen Vorurteile münden bei Schmidt auch in Gewaltfantasien. Angesichts des Zuzugs von Flüchtlingen sieht er »einen Kampf auf den Straßen, den Feldern, in den Häusern und Wäldern« kommen. Er spricht von einem kommenden Bürgerkrieg, auf den es sich vorzubereiten gelte. Er forderte zudem auf seiner Facebook-Seite zum Kampf gegen MigrantInnen und Geflüchtete auf: »Rüstet auf, lernt Nahkampf, geht zum Schießen.«

Grevesmühlen – Kampfsporttraining im »Thinghaus«
Am 27. April 2019 fand in der Neonazi-Immobilie »Thinghaus« in Grevesmühlen ein Kampfsporttraining statt. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Kameradschaft »Aktionsblog Rostock«. Für das Training nutzen die Neonazis das Label »2Baltik Korps«, eine Gruppe, die durch die Rostocker Kameradschaft initiiert wurde und sich im klassisch-neonazistischen Duktus im »Kampf gegen den kranken Geist der einhergehenden Gesellschaft« sieht. Rund ein Dutzend Neonazis aus Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg reisten für die Veranstaltung nach Grevesmühlen. Das Training bestand sowohl aus einem theoretischen Teil als auch zahlreichen praktischen Übungen aus dem Box- und MMA-Bereich. Die Veranstaltung war nicht die erste ihrer Art im »Thinghaus«. Bereits im Mai 2018 war in der Neonazi-Immobilie der Gründer des russischen Labels »White Rex«, Denis Kapustin aka Nikitin für einen Vortrag in Grevesmühlen zu Gast. Neben dem Vortrag wurde auch im Mai 2018 der »Straßenkampf auf dem Boden und mit dem Messer« trainiert.

Kein Durchbruch

von Jan W. Strauch


Magazin "der rechte rand" Ausgabe 171 - März 2018

#ZentrumAutomobil

Seit acht Jahren sitzt »Zentrum Automobil« im Betriebsrat bei Daimler in Untertürkheim. Bei den jüngsten Betriebsratswahlen wurde die rechte Liste in mehreren Betrieben gewählt – doch ein Durchbruch war das nicht.

Magazin der rechte rand Ausgabe 171
AfD Kundgebung in Eisenach am 1. Mai 2018
© Mark Mühlhaus / attenzione

Bei den Betriebsratswahlen im März 2018 konnte die rechte Liste »Zentrum Automobil e. V.« (ZA) zulegen. Im Mercedes-Benz-Werk in Untertürkheim mit 19.000 MitarbeiterInnen holte sie 13,2 Prozent der Stimmen. Vor acht Jahren, im Jahr 2010, begann hier die Geschichte des Vereins mit der Wahl von zwei Betriebsräten. Vor vier Jahren wurden es dann vier, nun sind es sechs. Im Daimler-Werk in Sindelfingen mit 25.000 MitarbeiterInnen holte die rechte Liste zudem 3,4 Prozent – das sind zwei Mandate. Und am Standort Rastatt, wo 6.500 Menschen arbeiten, zieht sie mit drei Gewählten in den Betriebsrat ein. Erfolglos blieb ZA dagegen in der Daimler-Zentrale in Stuttgart und am Standort Wörth. Auch in Leipzig gibt es im BMW-Werk eine eigene »Betriebsgruppe«, wo ZA-Mitglieder auf einer Betriebsratsliste kandidierten. Zudem rief der Verein quer durchs Land dazu auf, in mehreren Betrieben andere rechte oder »freie« Listen zu wählen. »Jetzt sind die im Betrieb drinnen. Unser Werk ist Leitwerk von ‹Zentrum Automobil› – Deutschland schaut auf uns«, kommentierte ein engagierter Kollege aus dem Werk in Untertürkheim gegenüber »der rechte rand« entsetzt das Wahlergebnis. Hier arbeitet auch Oliver Hilburger, Kopf und in der Öffentlichkeit das Gesicht der rechten Betriebsratslisten. Hier hatten 187 Personen für ZA kandidiert, mehrheitlich Männer. Nach der Wahl jubelte »Zentrum Automobil« und sprach von einem »gigantischen Erfolg«. Vor den Wahlen hatte sogar Daimler-Chef Dieter Zetsche gewarnt: »Wir verfolgen diese Entwicklung mit Sorge«.

Im Betrieb
Im Werk Untertürkheim kann man seit langem beobachten, wie »Zentrum Automobil« agiert. Hier ist die Liste seit acht Jahren mit freigestellten Betriebsräten aktiv. Im Betriebsalltag, mit ihrer Zeitung »Kompass«, mit ihrer Website, mehreren Facebook-Seiten, einem Youtube-Kanal und einem Newsletter wirbt sie. »Die sagen nicht: Wir sind die AfD. Die sagen: Wir sind Opposition und sie nennen sich neue Gewerkschaft. So sind sie im Betrieb unterwegs«, beschreibt ein Kollege aus dem Werk gegenüber »der rechte rand« das Auftreten der Rechten. Und er schiebt hinterher: »Die sind gesellschaftsfähig geworden.«
Der Erfolg basiere auf Sympathie und Bekanntschaft im Werk. »Das ist doch der Oli! Der hat uns mal geholfen«, würden KollegInnen über Hilburger sagen. Die Rechten seien im Betrieb oft vor Ort, wenn es Probleme gebe. »Da wo die IG Metall Schwächen hat, da gehen die von Zentrum Automobil hin. Da hauen sie dann auf die Kacke und sind wieder weg.« Lösen sie denn die Probleme tatsächlich? Nein, sagt der Kollege aus Untertürkheim: »Das können sie nicht.« Wütend sagt er: »Was hat denn Zentrum Automobil für die Belegschaft gemacht? Nichts. Was können sie als Erfolg nachweisen? Nichts!« Aber er verweist auf ein Problem der großen IG Metall, die im Betrieb und in den Gremien aktiv ist: »Während wir in Ausschüssen hocken, geht Zentrum Automobil zu den Leuten.«
Für 10 Euro kann man Mitglied bei der rechten »Gewerkschaft« werden. ZA bietet dafür, so wirbt der Verein, eine erstinstanzliche »kostenlose und kompetente Rechtsvertretung bei arbeits- und sozialrechtlichen Auseinandersetzungen« und Streikgeld im Falle »eines vom Vorstand ausgerufenen Arbeitskampfes«. Früher habe ZA schon mal Streikgeld an seine Mitglieder gezahlt, wird im Betrieb erzählt. Doch zuletzt sollen die ZA-Leute ihre Teilnahme nur durch einen Urlaubstag oder eine Freischicht ermöglicht haben, heißt es. Sogar bei Warnstreiks sei finanzielle Unterstützung möglich, behauptet »Zentrum Automobil«. Damit will sich die Liste von der IG Metall absetzen, wo es nur für ganztätige, aber nicht für kurze Warnstreiks Geld gibt. Doch vor Ort ist man sich sicher: Für einen richtigen Streik zur Durchsetzung von Forderungen hätte die Rechten nicht das Geld.

Unterstützung gebe es auch, falls ein Mitglied für sein rechtes Engagement »vom Arbeitgeber bedroht oder benachteiligt« werde. So argumentierte auch die Initiative »Werde Betriebsrat – Patrioten schützen Arbeitsplätze« von dem extrem rechten Verein »Ein Prozent e. V.« (s. Artikel in diesem Heft), die mit dem »Zentrum Automobil« eng zusammen arbeitet. Der Verein behauptet: »Jeder von uns hat mittlerweile einen Freund oder Bekannten, der seine Arbeitsstelle aus politischen Gründen verlor. Es trifft immer die kleinen Leute, deren Existenz vernichtet wird, weil sie vielleicht jeden Montag zu PEGIDA gehen, offen die Alternative für Deutschland (AfD) unterstützen. (…) Das Establishment hat seine Gesinnungswächter auch am Fließband, im Büro und in der Werkstatt untergebracht: Am Arbeitsplatz wachen linke Betriebsräte und Gedankenpolizisten über jedes kritische Wort. Es wird dokumentiert, befragt und schlussendlich auch gerne fristlos gekündigt. (…) Um diese Willkür zu beenden, werden wir eigene Kandidaten und Vertrauensleute in den Betrieben wählen.« Die Entlassungen würden »von einer Minute auf die andere« erfolgen, behauptet »Ein Prozent e. V.« in einem Video, das im Vorfeld der Betriebsratswahlen veröffentlicht wurde. Doch das weist der Kollege von Daimler zurück: »Bei uns ist keiner entlassen worden wegen Wahl der AfD. Wir versuchen eher, den Kollegen aufzu­rütteln.«

Hauptgegner IG Metall
Für ZA sind die IG Metall, die »Monopolgewerkschaften« und »ihre schmutzigen Verbündeten in Medien und Politik« die Hauptfeinde. ZA-Funktionär Hilburger sagte jüngst in einem Interview: »Die DGB-Gewerkschaften und insbesondere die IG Metall haben die Interessen der Arbeiter schon lange verraten.« Auf einer Konferenz der extrem rechten und verschwörungstheoretischen Zeitschrift »Compact« im November 2017 sagte Hilburger: »Die IG Metall ist nicht Teil einer Lösung, sie ist Teil des Problems.« Der Hass sitzt tief, dafür greift Hilburger auch tief in die Schmutzkiste. Die Gewerkschaften seien »Globalisierungs-Fanatiker«, »nützliche Idioten vom Großkapital«, »verfilzt und verflochten« und würden sich gegen die Beschäftigten stellen, wie er als Redner auf einer AfD-Kundgebung in Zwickau am 1. Mai 2017 sagte. Die Schlagworte »Co-Management«, zu hohe Bezüge der Gewerkschafts-»Bosse« und angeblich zu wenig Engagement für die Beschäftigten ziehen sich durch Reden, Facebook-Posts und die Artikel in der ZA-Zeitschrift »Der Kompass«. In einem nicht-öffentlichen Positionspapier von ZA aus dem Wahlkampf wurde die Linie beschrieben: »Wir zwingen der IG Metall unsere Themen auf.« Der Betriebsrat wird als »fauler Körper« beschrieben.
Der Verein verbreitet auch Rassismus. So hetzte Hilburger auf der Kundgebung 2017 in Zwickau gegen Flüchtlingshilfe. Die Übernahme von Patenschaften für Geflüchtete sei »eine Sauerei«. Im Interview mit der linken Gewerkschaftszeitung »express« (Nr. 1-2/2018) beschrieb ein ehemaliger Betriebsratsbetreuer der IG Metall Stuttgart die ZA: »Das Zentrum hat eine Ideologie, die deutlich über die AfD hinausgeht, die sie sich so aber im Betrieb nicht auszusprechen traut, nämlich nationaler Sozialismus, deutsche Betriebsgemeinschaft, Führerprinzip.« Forderungen der ArbeiterInnen könnten, so Hilburger, nur im »geschlossenen Raum«, also einem autarken Nationalstaat durchgesetzt werden.

»Was hat denn Zentrum Automobil für die Belegschaft gemacht? Nichts. Was können sie als Erfolg nachweisen? Nichts!«

sagt ein Kollege aus dem Werk gegen­über »der rechte rand«

Einfach rechts
Mehrere Mitglieder und Vorstände haben enge Verbindungen in die extreme Rechte: Am deutlichsten der Gründer und die Führungsfigur Hilburger. Er war jahrelang Musiker der Neonazi-Band »Noie Werte«. 2008 musste er aufgrund seiner rechten Aktivitäten sein Amt als ehrenamtlicher Arbeitsrichter aufgeben. Zuletzt trat er im Februar 2018 bei einem Aufmarsch von PEGIDA in Dresden als Redner auf. Beim Magazin »Compact« war er im November 2017 eingeladen, um zu erklären, wie man »Widerstand« von rechts »in die Betriebe trägt«. Auf der Konferenz sprachen auch der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke und PEGIDA-Gründer Lutz Bachmann. Zuvor hatte Hilburger dem Blatt ein langes Interview gewährt. Die rechte »Compact« jubelte im Vorfeld der Bundestagswahlen 2017: »Wie geil ist das denn! Es gibt noch kämpferische Betriebsräte, die sich nicht von der grünversifften IG Metall ins System ziehen lassen«. Auch mit »Ein Prozent e. V.«, der den völkischen »Identitären« nahesteht, arbeitet »Zentrum Automobil« eng zusammen und produzierte Anfang 2018 die Zeitung »Alternative Gewerkschaft« (s. Artikel in diesem Heft). Im November 2017 musste Hilburger vor dem NSU-Untersuchungsausschuss Baden-Württemberg über mögliche Kontakte zu mutmaßlichen Unterstützern des Rechtsterrorismus aussagen.

Bescheidener Erfolg
»Zentrum Automobil« ist mit einer großspurigen Ansage in die Betriebsratswahlen 2018 gestartet. Im Fahrwasser der Erfolge von AfD und der »Neuen Rechten« konnte der Verein in der Öffentlichkeit und auch in Betrieben hohe Aufmerksamkeit erzielen. Bundesweit hat die Organisation inzwischen einen Namen. Und es gelang, die Zahl der Kandidierenden deutlich und die Zahl der gewonnenen Mandate auf niedrigem Niveau zu steigern – ein Erfolg. Doch für einen Durchmarsch von rechts hat es nicht gereicht. Im Vergleich zur IG Metall sind die rechten Listen Zwerge. Doch ein Mitarbeiter von Daimler aus Untertürkheim warnt gegenüber »der rechte rand«: »Das sind bisher keine charismatischen Personen, sonst hätten wir ein echtes Problem.« Aus seiner Sicht könnte das Problem mit den rechten Betriebsratslisten aber gelöst werden: »Als Gewerkschaft müssen wir über unsere Taten punkten – zum Beispiel mit dem guten Tarif-Ergebnis. Wir kämpfen und wir sind vor Ort.« So sei es in Untertürkheim und in der Daimler-Zentrale gelungen, dass die von rechts bekämpfte IG Metall bei den Wahlen dazu gewinnen konnte. »Zentrum Automobil« scheint seinen Erfolg bisher nicht auf Kosten der großen Gewerkschaft einzufahren, sondern durch das Aufsaugen der WählerInnen anderer Listen und »Gelber Gewerkschaften«. Mit dem »Zentrum Automobil e. V.« sowie deren zielgerichteter Unterstützung durch AfD, »Compact«, »Ein Prozent e. V.« und anderen Strukturen der extremen Rechten kann es nun aber gelingen, die bisher zersplitterte rechte Opposition in den Betrieben zu sammeln. Dann wären auch bei Betriebsratswahlen Ergebnisse denkbar wie die der AfD bei Parlamentswahlen. Die Mehrheit des Betriebsrats bei Daimler in Untertürkheim hatte im Februar 2018 vor der Wahl eine deutliche Erklärung abgegeben. »Kein Platz für Nazis«, wurde gefordert. Und: »Weder das Werk Untertürkheim noch der Betriebsrat dürfen zum Spielball von rechtsextremen Politikern werden, die meinen, auf dem Rücken der Belegschaft einen ‹außerparlamentarischen Widerstand› organisieren oder eine ‹nationale und soziale Befreiungsfront› aufbauen zu können.«

»Sarrazin ist viel mehr als ein rassistischer Onkel«

von Hannah Lupper

Magazin »der rechte rand« Ausgabe 179 - Juli / August 2019 online only

#Rassismus

Antifa Magazin der rechte rand
© Christian Ditsch

Nach mehreren Versuchen hat eine Schiedskommission am 9. Juli 2019 entschieden, dass Thilo Sarrazin aus der SPD ausgeschlossen werden darf. Der Betroffene hat Berufung dagegen angekündigt. In der Entscheidung bezieht sich die Kommission auf Sarrazins Buch „Feindliche Übernahme“ aus dem Jahr 2018: Mit seinem antimuslimischen Rassismus und dem „diskriminierenden, abwertenden und den Rechtsstaat aushöhlenden Inhalt“ stehe Sarrazin in eindeutigem Widerspruch zu den Grundsätzen und dem Menschenbild der SPD und habe ihr erheblichen Schaden zugefügt. Der Entscheidung war eine mündliche Verhandlung voran gegangen, die die SPD-Bezirksverordnete aus Friedrichshain-Kreuzberg, Hannah Lupper, besucht hatte. Hier schildert sie ihre Eindrücke.

Ich besuchte die Anhörung von Thilo Sarrazin, weil ich verstehen wollte, wie jemand zugleich Vordenker der neuen Rechten sein und glauben kann, Mitglied meiner Partei bleiben zu müssen. Auch wenn die Partei bereits durch mehrere Ausschlussversuche deutlich gemacht hat, dass sie ihn nicht mehr als Mitglied haben will. Hingegangen bin ich in etwa in der Erwartung, wie sie schon andere formuliert haben. Wir dachten, dass Sarrazin lediglich die Verkaufszahlen seiner Bücher erhöhen und darum SPD-Mitglied bleiben will. Ohne die Partei wäre er nichts weiter als ein verbitterter Mann und so wirkmächtig wie der rassistische Onkel, für den man sich immer an Weihnachten schämt. Inzwischen muss ich diese Einschätzung revidieren: Thilo Sarrazin ist kein Trottel und auch kein Opportunist, er ist ein Überzeugungstäter. Er glaubt seine eigenen Thesen, an eine genetische und kulturelle “Unterlegenheit” von Muslimen. Er glaubt an Imperialismus qua Geburtenzahlen. Er tut sich schwer, von der Gleichwertigkeit aller Menschen zu sprechen und verklausuliert das lieber zu “Chancengleichheit“.

Antifa Magazin der rechte rand
© Christian Ditsch

Sarrazin ist von sich so überzeugt wie von seinen Thesen. Er antwortet nicht, er doziert. Er erklärt ganze Wissenschaftsdisziplinen für ideologisch gesteuert und ist davon begeistert, wie wissenschaftlich fundiert er meint, selbst vorzugehen. Er gefällt sich in der Rolle eines Intellektuellen, zitiert oft große Namen und das gern aus dem Zusammenhang gerissen. Er ergeht sich in philosophischen Ausführungen. Dabei hat er kein Gespür für den kleinen aber feinen Unterschied zwischen belesen und intellektuell. Er ist unempfänglich für wissenschaftliche Arbeitstechniken, die ja oft daraus bestehen, sich zu hinterfragen und die eigenen Thesen zu überprüfen. Stattdessen wühlt er in allen Disziplinen nach Erkenntnissen, die seine Thesen bestätigen. Widersprüchlichkeiten blendet er aus. Aus seinem Überlegenheitsgefühl zieht er die Ansicht, die Öffentlichkeit schulde es ihm, sich mit seinen Thesen auseinander zu setzen.

das #Antifa Magazin
@derrechterand
gibt es im ABO

Überhaupt, seiner Vorstellung nach schulden ihm Öffentlichkeit und Partei sehr viel. Insbesondere die Anerkennung seiner Verdienste. Er sieht sich selbst als unliebsame Person für die führenden Kader der Partei, weil er die Massen der Basismitglieder hinter sich wähnt. In diesen sieht er potentielle Unterstützer und diese will er erreichen. Er braucht die Partei nicht, um seine Verkaufszahlen zu erhöhen, er braucht sie, um diese Thesen in die Mitte der Gesellschaft zu transportieren. Vielleicht glaubt er, als Mitglied überwintern zu können, bis die Welt seine Verdienste erkennt und ihn in einer führenden Position der Partei reaktiviert. Sarrazin sagt, dass er überzeugtes SPD-Mitglied sei. Er sagt auch, dass er ebenso Mitglied irgendeiner anderen Partei hätte werden können. Ich glaube ihm beides. Ihn überzeugen weder unsere Grundwerte, noch die aktuelle Politik. Aber ihn überzeugt das Medium Partei. Der Apparat, seine Strukturen, die Macht, zu gestalten und die Macht, sehr viele Menschen zu erreichen. Die SPD braucht er, weil er weiß, dass aus seinen Thesen niemals politische Praktiken werden, wenn nur der rechte Rand und ein paar Konservative von “Islamisierung” reden.

Eine Partei links der Mitte ist der perfekte Ort für ihn, weil er nicht nur schreiben will: Er will gestalten. Sarrazin ist kein rassistischer Onkel. Er ist viel mehr. Wir sollten ihm das Machtinstrument entziehen, auf das er angewiesen ist: die Mitgliedschaft in der SPD.

Antifa Magazin der rechte rand
© Christian Ditsch

„Kölsche Mitte“: Hooligans, Türsteher und organisierte Neonazis

von Julianna Michalska
Magazin »der rechte rand« Ausgabe 178 - Mai / Juni 2019 - online only

#Facebookgruppen

Nach den sexuellen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht 2015/16 hatte sich in der Domstadt die Gruppierung „Begleitschutz“ gegründet – zunächst auf Facebook. Einzelne Akteure versuchten, mit der Begleitung vermeintlich hilfsbedürftiger Personen Geld zu verdienen. Als „Internationale Kölsche Mitte“ wollten sie sich im vergangenen Jahr auch mit Kundgebungen bürgernah geben. Die Gruppierung ist ein gutes Beispiel, wie sich vornehmlich extrem rechte, rassistische und gewaltbefürwortende Personen aus der Hooligan- und der Türsteherszene vereinen.

Magazin der rechte rand
Dennis Mocha Screenshot von Facebook

Entstehung
Im Januar 2016 schlossen sich der offenen Facebook-Gruppe „Begleitschutz Köln“ rasch tausende Mitglieder an, darunter viele Personen aus dem Türsteher-Milieu. Nach den Ereignissen der Silvesternacht wurden über 20 fremdenfeindliche und rassistische Übergriffe aus dem Spektrum der selbsternannten Begleitschützer bekannt. Bis 2018 stieg die Mitgliederzahl der Facebook-Gruppe auf 15.000. Als der extrem rechte Hintergrund einiger Akteure auf einer Website dokumentiert wurde, gaben sie sich den unverfänglicheren Namen „Internationale Kölsche Mitte“.

Geschäftsmodell Begleitschutz
Der „Begleitschutz“ war zuerst einmal Geschäftsmodell: Dennis Mocha, ein Musik-DJ der sich 2018 als Sprecher der „Begleitschützer“ inszenierte, gründete einen gleichnamigen Verein und betrieb zeitweise ein „Büro“ am Kölner Hansaring. Auf seiner Website bietet er „sicheren Transport“ für vermeintlich „hilflose Bürger“ durch „motivierte Helfer“ an. Für einen Monatsbeitrag von fünf bis 20 Euro können die Dienste des Vereins in Anspruch genommen werden. Die Polizei warnte vor der rechten Gruppierung – mehrere der Mitglieder seien vorbestraft. Auch die Kölner „Mobile Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus“ ordnet sie „der Hooligan- und Türsteherszene“ zu „mit vereinzelten Kontakten zu offen rechtsradikalen Gruppierungen“.

Vernetzung der Kölschen Mitte
Ein Blick auf die Akteure des „Begleitschutzes“ bestätigt diese Aussage. Neben Mocha tritt der YouTuber Carsten Jahn als Sprachrohr auf. In stundenlangen, tausendfach abgerufenen Videos verbreitet der ehemalige NPDler (2006–2011) aus Radevormwald rechte Verschwörungstheorien. Einen früheren „Piraten“-Politiker und Dokumentaristen der extremen Rechten bezeichnet er als „Nutte(n) des globalisierten Systems“, der „für den Staat“ arbeite. In einem Video hetzt Jahn gegen „die da oben“ und das „Geldsystem“, schwadroniert vom „sogenannten Grundgesetz“, von Zionisten, Rothschild und den „Systemlingen“. Politisch stellt er sich als Mitglied der extrem rechten Minipartei „Haus Deutschland“ vor.

Magazin der rechte rand
Carsten Jahn Sreenshot von YouTube

Auch weitere ProtagonistInnen der „Kölschen Mitte“ kommen aus der rechten Szene: Die Aktivistin Cindy K., die mit den bekannten Neonazis Jan Fartas und Paul Breuer der Gruppe „Köln für deutschen Sozialismus“ angehört. Michael K., der ebenfalls diesem Umfeld entstammt, besucht regelmäßig die als Hooligan-Treffpunkt geltende Kneipe „Grüneck“ („Gröneck“). Auf Bildern ist er in der Kleidung einer Rocker-Unterstützergruppierung der „Hells Angels“ zu sehen, deren Mitglieder auch schon im Grüneck aufliefen.

Bei Kundgebungen waren zudem Ulrike H. und Volker F. von der Kleinstgruppierung „Widerstand steigt auf“ mit Transparenten zugegen. Beide stehen mit „Ein Prozent“, dem rechten Blogger David Berger sowie den „Identitären“ in Verbindung. Im Juli 2017 hatte die Gruppe vor einem Kölner Flüchtlingsheim Hassbotschaften gesprüht und dies online dokumentiert. Nach einer Hausdurchsuchung bei Volker F. wurde dieser im Februar 2019 vom Amtsgericht Mönchengladbach aufgrund einer fremdenfeindlichen Aktion im Skulpturenpark Köln-Stammheim zu einer Geldstrafe verurteilt.

Optisch auffallend ist zudem der kahlköpfige Samy M., der bundesweit als Dauerbesucher äußerst rechter Kundgebungen auffällt. Berühmtheit erlangte er durch das – in einem Fernsehfilm dokumentierte – Zeigen des Hitlergrußes bei einer Kundgebung in Berlin am Tag der deutschen Einheit. Sein Facebook-Profil zierten schon Bilder der extrem rechten Gruppierung „Wir für Deutschland“, das Eiserne Kreuz oder „FCK Antifa“.

Einige Vertreter der „Kölschen Mitte“ zeigen die Verbindungen zwischen Neonazi-Szene und Gruppen aus dem gewaltbereiten Teil des Fußballfan-Spektrums: Zum Beispiel der Hooligan Alfred H. aus dem Umfeld der Fangruppe „Old School“. Er trug bei einer Demo ein Pappschild mit der Aufschrift „Ich bin Jüdin“ – bereits zwei Jahre zuvor hatte er gemeinsam mit dem Neonazi Patrick H. und einer Reichskriegsflagge posiert. Jener Patrick H. hatte Anfang 2016 gemeinsam mit Dominik N. eine Flüchtlingsunterkunft in Köln-Mülheim mit Bengalos attackiert, wobei neun Kinder und drei Frauen nur knapp dem Tod entkamen. Dafür wurden sie lediglich zu Bewährungsstrafen verurteilt.

Moderator und einer der Hauptaktivisten der Facebook-Gruppe ist Markus F. aus Köln. Er ist ebenfalls bestens in der Fußball-Hool-Szene vernetzt und übernahm Organisationsaufgaben beim – 2015 aufgelösten – „Bündnis Deutscher Hools“. In den sozialen Netzwerken bekannte er sich zum Nationalsozialismus und trat gemeinsam mit weiteren Hools aus dem FC-Umfeld bei Aktionen der „Begleitschützer“ auf.

Kundgebungen ab August 2018 in Köln
Ihre erste Kundgebung unter neuem Namen fand am 28. August 2018 mit 80 TeilnehmerInnen statt. Einen Monat später mobilisierte Frontmann Dennis Mocha parallel zum Besuch des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdo?an in Köln etwa 50 TeilnehmerInnen, der kongolesisch-stämmige Aktivist Serge Menga trat als Redner auf. Am 15. Oktober 2018 versammelten sich etwa 20 „Begleitschützer“ hinter dem Hauptbahnhof. Beim Abmarsch unter Polizeibegleitung zum Szene-Treff „Grüneck“ zeigte ein Teilnehmer den Hitlergruß und wurde festgenommen. Den größten Zulauf erreichten die Veranstalter am 4. November 2018: etwa 110 „Kölsche Wutbürger“ trafen sich auf dem zentralen Neumarkt. Im Vorfeld machte eine Videokonferenz die Runde, in der Dennis Mocha mit dem äußerst rechten YouTuber Henryk Stöckl (Junge Alternative) auftrat und unter anderem von einem „Schlag auf den Kopf“ der Gegendemonstranten fantasierte: „Ich glaub das schwappt dann über, dass die Antifa mal dann das bekommt was die meines Erachtens nach braucht.“ An dem Video zeigte sich, dass Mocha bundesweit Kontakte pflegt.

Anschlussfähig gaben sich die „Begleitschützer“ bei ihrer Kundgebung nicht: Zwar wurde Kölsche Musik gespielt, doch neben einzelnen Redebeiträgen fielen die TeilnehmerInnen vor allem durch Provokationen in Richtung Gegenkundgebung auf. Bekannte Neonazi-Slogans wie „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ oder „Frei, sozial und national“ waren zu hören. Skurril wirkte eine Szene, als neun der „Wutbürger“ unter Polizeibegleitung einen Kiosk aufsuchten, um sich trotz Alkoholverbots als Demoauflage mit Bier einzudecken. Wie auch bei den vorangegangen Veranstaltungen waren die antifaschistischen GegendemonstrantInnen mit 300 Personen deutlich in der Überzahl.

Beteiligung an einer Neonazikundgebung in Düsseldorf
Die ProtagonistInnen der „Kölschen Mitte“ verabredeten sich über Facebook sowie über die Videos ihres „heimlichen Vorsitzenden“ Carsten Jahn zu weiteren Kundgebungen in ganz NRW. Als sich am 17. November rund 450 Hooligans vor dem Landtag in Düsseldorf versammelten, befanden sich darunter auch einige KölnerInnen. Mehrfach wurden aus der Gruppe heraus JournalistInnen angegriffen. Das Bündnis „Düsseldorf stellt sich quer“ dokumentierte in einem Video, wie ein Gegenstand – möglicherweise ein Messer – in Richtung der GegendemonstrantInnen und der Polizei geworfen wurde. Neben zwei Düsseldorfer Hooligans wurde ein Aktivist der „Kölschen Mitte“ als Täter benannt.

Ein herber Rückschlag für die „Begleitschützer“ war eine Erklärung der beliebten Kölner Kultband „Bläck Fööss“, als diese sich kurz darauf in scharfen Worten von den „Wutbürgern“ distanzierte und sich gegen das permanente Abspielen ihrer Songs auf deren Kundgebungen verwahrte. Zuvor hatte schon „Arsch Huh“, ein Zusammenschluss Kölner MusikerInnen, die selbsternannten Begleitschützer als „Antidemokraten“ verurteilt.

Festnahmen und Gewalt auf dem Ebertplatz
Den vorläufigen Endpunkt bildeten Veranstaltungen am 25. November und am 9. Dezember 2018. Am 25. November wurde der rechte YouTuber Achim v. M. im Umfeld der Veranstaltung von der Polizei kontrolliert. Gemäß einer Darstellung des Bündnisses „Köln gegen Rechts“ hatte er „Gegendemonstrantinnen in Kampfsportmanier“ angegriffen. Der im Türsteher-Milieu aktive v. M. hatte im Oktober 2017 anlässlich eines Mordes in der Drogenszene am Ebertplatz einen Aufmarsch organisiert. Etwa 60 Hooligans, viele in szeneüblicher Neonazikleidung schlossen sich an. Auch hier wurde der Hitlergruß gezeigt und im Anschluss kam es zu Verfolgungsjagden auf Dunkelhäutige.

Der vorerst letzte öffentliche Auftritt führte am 9. Dezember vom Hauptbahnhof zum symbolträchtigen Ebertplatz – die gleiche Route, die 2014 die gewalttätigen „Hooligans gegen Salafisten“ (Hogesa) genommen hatten. Nur 50 Menschen beteiligten sich, obwohl einige mit dem Tragen gelber Westen wohl an die breiten Mobilisierungen in Frankreich anknüpfen wollten.

Auch hier kam es zu Gewalt und Tumult. Die von Mocha angeführte Demonstration wurde am Ebertplatz aufgelöst, einige TeilnehmerInnen blieben auf dem dort stattfindenden Weihnachtsmarkt. Als der Betreiber eines Glühweinstands sich weigerte, ihnen Getränke auszuschenken, kam es zu Beleidigungen und Schubsereien. Die Polizei schritt ein und erteilte der „Kölschen Mitte“ ein Platzverbot. Die Zeitung „Bild“ titelte: „Rechter Demo-Leiter geht auf Polizisten los“. Mocha sei „ausgetickt“ und hätte die BeamtInnen „körperlich wie verbal“ angegriffen.

Seitdem ist die „Kölsche Mitte“ nicht mehr öffentlich aufgetreten. Ihr Versuch, sich öffentlichkeitswirksam und anschlussfähig zu inszenieren, kann als gescheitert angesehen werden. Auch das Geschäftsmodell des Vereins scheint nicht besonders erfolgreich zu sein. Ihre Facebook-Gruppe ist aber weiterhin sehr aktiv und bietet immer noch eine Austauschplattform für gewaltaffine, rassistische und rechtsoffene Gedanken und eine Vernetzungsmöglichkeit zwischen Personen aus dem Hooligan-, Türsteher- und Neonazimilieu. Die letzten Ereignisse zeigen zudem, dass die Mitglieder des „Begleitschutz“ eine reale Bedrohung für Menschen darstellen, die von ihnen als Feinde identifiziert werden.