Ein toter Zeuge und viele Fragen

von Alessandro Martens

Magazin "der rechte rand" - Ausgabe 155 - Juli / August 2015

Der Tod des Zeugen Florian Heilig bestimmte lange Zeit die Arbeit des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses in Baden-Württemberg zur Mordserie des NSU und sorgte immer wieder für Schlagzeilen. Noch immer bleiben viele Fragen offen.

Nachdem sich die grün-rote Landesregierung von Baden-Württemberg lange gegen die Aufklärung der Kontakte und Umtriebe des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU) im Südwesten gewehrt hatte, wurde Ende 2014 ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss (PUA) zum Thema eingesetzt. Grund dafür war allerdings nicht eine gesteigerte politische Motivation zur Aufklärung des NSU-Komplexes, sondern das peinliche Scheitern einer zuvor eingesetzten »Enquête-Kommission«.
Nur kurze Zeit nach der Aufnahme der öffentlichen Sitzungen, Anfang des Jahres 2015, sorgten die Vorkommnisse um den Tod des NSU-Zeugen Florian Heilig für teils bundesweite Schlagzeilen. Der junge Neonazi-Aussteiger verbrannte am 16. September 2013 am Cannstatter Wasen in Stuttgart in seinem PKW, nur wenige Stunden vor seiner weiteren Befragung durch das Landeskriminalamt. Bereits Stunden nach seinem Tod gingen Polizei und Staatsanwaltschaft von einem Selbstmord aus.

Ermittler mit engen Kontakten zum KKK
Brisant in diesem Zusammenhang ist die Rolle des Kriminaloberkommissars Jörg Bartsch, der im Fall Florian Heilig ermittelte. Bartsch inspizierte den Tatort und überbrachte den Eltern von Florian die Nachricht vom Tod ihres Sohnes. In der Befragung vor dem Ausschuss geriet der Kriminaloberkommissar unter Druck: Im Sommer 2001 stellte er den Kontakt von zwei Kollegen zum rassistischen »European White Knights of the Ku Klux Klan« (KKK) her, in dem auch sein Bruder Steffen Bartsch Mitglied war. Gegründet hatte den KKK-Ableger Anfang der 2000er Jahre Achim Schmid, ein V-Mann des Landesamtes für Verfassungsschutz. Im Jahr 2007 war einer der beiden von Bartsch vermittelten Beamten, Timo Heß, Gruppenführer von Michèle Kiesewetter am Tag ihrer Ermordung.
Im Zuge der Arbeit des PUA offenbarte sich zudem eine derart schlampige Arbeit der ErmittlerInnen, dass gegen mehrere Beamte Disziplinarverfahren eingeleitet wurden. Ohne nennenswerte Ermittlungen angestellt zu haben, behaupteten sie, für ein »Fremdverschulden« lägen keine Hinweise vor und konstatierten, Florian Heilig habe sich vermutlich aus Liebeskummer umgebracht.

Selbstmord oder Mord?
Die Selbstmordthese wurde im PUA schließlich durch ArbeitskollegInnen von Florian Heilig genährt. Diese berichteten über auffälliges Verhalten von Florian in den Tagen vor seinem Tod. Gegenüber einem Kollegen soll er geäußert haben, die »Bilanz in der Familie« falle negativ aus. Auch ergaben sich im Laufe der Ausschussarbeit Hinweise auf psychische Probleme des jungen Mannes.
Die Familie des Toten widerspricht den Behörden vehement. Immer wieder brachte sie die Möglichkeit ins Spiel, Florian Heilig könnte ermordet worden sein. Heilig, der sich mit Hilfe des polizeilichen Aussteigerprogramms »BIG Rex« von der Neonaziszene lösen wollte, sei von der Szene massiv unter Druck gesetzt worden. Dabei sei er mit dem Tode bedroht und dazu erpresst worden, für die Neonaziszene Waffen und Drogen zu transportieren. Ein Anruf am Tag vor seinem Tod habe ihn verstört und verängstigt. Ob und von wem er unter Druck gesetzt oder bedroht wurde, blieb bisher jedoch ungeklärt.
Dass ihn das NSU-Umfeld bedrängte, erscheint unwahrscheinlich. Zwar soll Heilig bereits im Sommer 2011 zwei Mitschülerinnen einer Heilbronner Krankenpflegeschule berichtet haben, er wisse wer hinter dem Mord an Kiesewetter stecke. Auch seine Familie sprach im Untersuchungsausschuss von dem angeblichen Insider-Wissen ihres Sohnes und Bruders. Belege über Verbindungen zum NSU-Netzwerk gibt es aber nicht. Auch fehlen jegliche Bezüge zu den in Baden-Württemberg lebenden ehemaligen Führungspersonen von »Blood & Honour« oder zur Ludwigsburger Neonaziclique, bei der Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe bis 2001 immer wieder zu Gast waren.
Kontakte in die gewalttätige Neonaziszene hatte Heilig vor allem über seine Bekanntschaften an einem rechten Szenetreffpunkt. Früh geriet er im Rahmen seiner Aktivitäten auch in Konflikt mit der Polizei: Bei einer Demonstration am 1. Mai 2011 in Heilbronn wurde er mit »Sandhandschuhen« aufgegriffen. Im selben Jahr durchsuchten Beamte Heiligs Zimmer im Wohnheim seiner Arbeitsstelle. Wenig später folgte wegen öffentlichen Zeigens des Hitlergrußes ein Gerichtsverfahren. Auch um die Aufnahme in die »Jungen Nationaldemokraten« soll sich Heilig zeitweilig bemüht haben. Trotz allem bleibt unklar, woher der im Jahr 2011 19-Jährige sein behauptetes Wissen hätte beziehen können.

Wissen oder Prahlerei?
Ebenso mysteriös bleibt die im Jahr 2012 von Heilig getätigte Aussage, wonach es neben dem NSU in Baden-Württemberg eine »zweite radikalste Gruppe« namens »Neoschutzstaffel« (NSS) gegeben habe, mit der sich der NSU Anfang des Jahres 2010 in einem Jugendhaus in Öhringen nahe Heilbronn getroffen habe. Zwar konnte mit dem jungen Neonazi Mathias Klabunde aus dem Raum Heilbronn ein Mitglied der NSS identifiziert werden, der Charakter der Gruppe blieb jedoch auch nach der Vernehmung von Klabunde im Landtag unklar. Dort behauptete er, er habe Florian als Mitglied des NSS angeworben. Dieser habe Klabunde erzählt, vier Menschen ermordet zu haben. An sonstige NSS-Mitglieder konnte sich Klabunde jedoch nicht erinnern, obwohl es sich um eine »bundesweite Organisation« gehandelt haben soll. Vieles deutet auf eine Prahlerei unter jungen Rechten hin.

Noch ist die Aufklärungsarbeit im Fall Florian Heilig nicht abgeschlossen. Auf Grund des Auftauchens neuer Beweismittel will sich auch der PUA noch einmal der Thematik widmen.

Informationen zur Beobachtung des NSU-Untersuchungsausschusses unter: http://bw.nsu-watch.info/