»Mit extrem rechten Jugendlichen reden?«

von Stefanie Lindner
Magazin »der rechte rand« Ausgabe 178 - Mai / Juni 2019

#akzeptierendeJugendarbeit

Im Sommer 2016 stand Bautzen infolge gewalttätiger rassistischer Übergriffe bundesweit im medialen Fokus. Mit Sozialarbeit statt Repressionen wollte die Stadt fortan rechte Gewalttaten unterbinden. Das schließt an die Tradition der 1990er und die problematische Idee der »akzeptierenden Jugendarbeit« an.

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Angela Merkel im rechten Jugendclub “Brunnen” in Magdeburg im April 1993.

Nachdem die Stadt Bautzen zunächst kurzfristig ein Ausgehverbot für Geflüchtete ausgesprochen hatte, setzte sie nachfolgend auf Angebote der Sozialarbeit für extrem rechte Jugendliche. Dieser Ansatz und das positive Feedback, das die Stadt dafür erhielt, spiegeln eine rassistische Täter-Opfer-Umkehr wieder, die in der Sozialarbeit in Bezug auf die Arbeit mit extrem rechten Jugendlichen nicht neu ist.

SozialarbeiterInnen stehen Jugendlichen bei der Bewältigung ihrer Alltagsprobleme zur Seite, begleiten sie bei Ämtergängen, der Ausbildungssuche und dem Umgang mit individuellen Herausforderungen. Auch wenn sich das Projekt konzeptuell an alle jungen Menschen richtet, hat es doch die Integration von rechten Jugendlichen zum Ziel – verbunden mit der Hoffnung, dass diese ihre Gesinnung aufgeben, wenn sie ihre Schwierigkeiten mit Eltern, Ämtern, Jobsuche und Drogen besser bewältigen können.

https://www.der-rechte-rand.de/archive/2678/nicht-mit-rechten-reden/

Ursprünge und Folgen »Akzeptierender Jugendarbeit«
Das Konzept »Akzeptierende Jugendarbeit« wurde von Franz Josef Krafeld (Professor für Erziehungswissenschaften) Anfang der 1990er Jahre entwickelt und erhielt besonders in Ostdeutschland viel Zuspruch. Es richtet sich generell an Heranwachsende, die ‹anstößiges Verhalten› im öffentlichen Raum zeigen – wurde mehrheitlich aber auf Rechte angewendet. Die »Akzeptierende Jugendarbeit« forderte, diese Jugendlichen seien als AdressatInnen der offenen Jugendarbeit legitimiert und sollten nicht pauschal ausgegrenzt werden. Das Credo lautete: Nicht an den Problemen anknüpfen, welche die jungen Menschen schaffen, sondern an denen, die sie haben. Zudem gelte es zwischen Person und Einstellung zu differenzieren – also die Person, nicht aber ihre Einstellung zu akzeptieren. Rechte Jugendliche werden diesem Konzept zufolge als Opfer sowie als Ausdruck der bestehenden gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse betrachtet. Die Grundlage dieser Annahme bietet ein sehr eindimensionaler Bezug auf die Desintegrationsthese von Wilhelm Heitmayer. Hierbei wird die extrem rechte Einstellung als eine legitime Reaktion auf individuelle Orientierungslosigkeit und sozialpolitische Benachteiligung oder als schlichte Provokation entpolitisiert. Die »Akzeptierende Jugendarbeit« geht davon aus, Beziehungsarbeit sei die einzige Möglichkeit, rechte Jugendliche zu einer Einstellungsänderung zu bewegen. Durch positive Beziehungserfahrungen mit SozialarbeiterInnen sollen sie dazu angeregt werden, ihre Einstellungs- und Verhaltensmuster zu überdenken und zu ändern. Zentral hierfür ist in der Praxis, dass die Einstellungen der Jugendlichen von den SozialarbeiterInnen nicht oder kaum thematisiert werden, um den Beziehungsaufbau nicht zu gefährden.

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Dass dieses Konzept in der Politik und in der Fachwelt großen Anklang fand, hing mit den Pogromen in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen zusammen. Als direkte bundespolitische Reaktion darauf wurde soziale Arbeit mit extrem Rechten explizit durch das »Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt« (AgAG) gefördert. In diesem Projekt wurde zumeist das Konzept der »Akzeptierenden Jugendarbeit« mehr oder weniger unreflektiert adaptiert. Es gab Berichte, die Sozialarbeitenden seien in den Projekten entweder überfordert oder teilten die Einstellungen ihrer Klientel. Dadurch entstanden Freiräume, welche die jungen Rechten zur Vernetzung und Agitation nutzen konnten. Ausschlaggebend dafür war auch die dem Konzept inhärente Fokussierung auf Gewaltprävention und das außer Acht lassen der Einstellungen. Faktisch war das Ziel nicht die Einstellungsänderung, sondern lediglich ein weniger sozial störendes und provokatives Verhalten im öffentlichen Raum.

Stabilisierung extrem rechter Strukturen
Bereits Ende der 1990er Jahre wurde Kritik an dem AgAG laut. Nach dem Finanzierungsende des AgAG gab es in der Fachwelt so etwas wie eine stillschweigende Übereinkunft, »Akzeptierende Jugendarbeit« funktioniere nicht mit extrem Rechten. Die Erfahrungen wurden jedoch weder fachlich aufgearbeitet geschweige denn evaluiert. Mittlerweile wird davon ausgegangen, dass die Finanzierung »Akzeptierender Jugendarbeit« durch das AgAG gar zu einer Stabilisierung extrem rechter Strukturen und Organisierungen beigetragen hat. So wies unter anderem die Politikwissenschaftlerin Heike Kleffner im Jahr 2015 darauf hin, dass im Rahmen sozialer Arbeit Projekte finanziert wurden, in denen sich extrem rechte Jugendliche politisch sozialisieren und Netzwerke aufbauen konnten – darunter auch das Kerntrio des NSU. Als Resultat aus den Erfahrungen der 1990er Jahre wurde in dem im Jahr 2001 aufgelegten Förderprogramm des Bundes Abstand von dieser Zielgruppe genommen. Die Projekte zielten stattdessen fortan ab auf »Rechtextremismusprävention« und Demokratiebildung durch Stärkung der demokratischen Zivilgesellschaft und Angebote der politischen Bildungsarbeit. Seit 2015 stehen jedoch neben der Demokratiebildung auch wieder rechte Jugendliche als Zielgruppe im Fokus. Folglich muss auch heute wieder darüber diskutiert werden, ob rechte Jugendliche von Angeboten der sozialen Arbeit und offenen Jugendarbeit profitieren dürfen.

Mit extrem rechten Jugendlichen reden?
In den Praxisberichten, die Krafeld im Rahmen seiner Forschung veröffentlichte, fällt auf, dass die SozialarbeiterInnen extreme Situationen aus ihrem Arbeitsalltag – wie die Beteiligung an den Pogromen in Rostock-Lichtenhagen oder Funde von Waffen in Jugendzentren – unkritisch als Normalität darstellten. Zwar wird sich aktuell nicht mehr auf das Konzept der »Akzeptierenden Jugendarbeit«, oder wie Krafeld es später nannte, «gerechtigkeitsorientierten Jugendarbeit«, bezogen. Doch die Angebote der offenen Jugendarbeit werden auch von jungen Erwachsenen mit extrem rechten Einstellungen genutzt. Im Gespräch mit SozialarbeiterInnen in verschiedenen Städten zeigen sich Parallelen zu der Situation in der offenen Jugendarbeit vor 25 Jahren: Auch heute neigen Sozialarbeitende zur Entpolitisierung der Einstellung von Jugendlichen. Häufig wird argumentiert, diese würden ihre rechten Aussagen, Codes und Musik aus dem Elternhaus mitbringen und dies unreflektiert und unwissend wiedergeben. Dem muss entgegengehalten werden, dass gerade durch die Adaption des rechten ‹Lifestyles› entsprechende Inhalte transportiert und die Jugendlichen dadurch politisiert werden. Daran anschließend ist mitzudenken, dass aus Einstellungen häufig entsprechendes Handeln erfolgt – beispielsweise in Form von Übergriffen und Aktionen «gegen die Anderen«. Zudem entschuldigten und legitimierten die SozialarbeiterInnen die Einstellungen häufig. Hier bezogen sie sich auf Heitmeyers Desintegrationstheorie und argumentierten mit einer Täter-Opfer-Umkehr, bei der Jugendliche – ähnlich wie bei Krafeld – als Opfer der bestehenden Verhältnisse beschrieben werden. Dass dies zum Teil zutrifft und die Jugendlichen auch Opfer sein können, darf jedoch nicht dazu führen, rassistische und rechte Aussagen, geschweige denn gewalttätige Übergriffe zu legitimieren. Auch fehlt einigen SozialarbeiterInnen ein klares Begriffsverständnis von extrem rechter Ideologie. Zwar positionieren sich alle befragten Personen ganz klar gegen Rechts und bezeichnen sich als Linke oder HumanistInnen, haben jedoch Schwierigkeiten, die Problematik der Einstellung der Jugendlichen zu benennen. Eine häufige Begründung, warum die Einstellung mit den Jugendlichen nicht oder nur bedingt diskutiert werden würde, lautet: »Wer sagt mir denn, dass meine Meinung die richtige ist?« Ebenso wie in aktuellen Diskursen ist auch hier zu beobachten, dass das Kernelement extrem rechter Gesinnung – die Ideologie der Ungleichwertigkeit von Menschen – als Meinung betrachtet und damit relativiert wird.

Unkenntnis und falsch verstandener Neutralitätsanspruch
Dem zu widersprechen fällt aus humanistischer Perspektive nicht schwer und ist auch im Selbstverständnis sozialer Arbeit begründet. Neben den analytischen Leerstellen äußern die Sozialarbeitenden aber auch, dass sie die Beziehung zu den Jugendlichen nicht gefährden wollen. Sie machen deutlich, dass sie, würden sie zu stark intervenieren, die Jugendlichen verprellen und diese so der Einflussnahme von Rechts in die Arme treiben würden. Im Ganzen zeigt sich, dass die Idee von Krafeld, Beziehungsarbeit könnte die Gesinnung rechter Jugendlicher verändern, nach wie vor Zuspruch findet. Legitimiert wird dies durch einen Überbau aus Unwissenheit der SozialarbeiterInnen in Bezug auf extrem rechte Ideologie, der Entpolitisierung der Einstellung der Jugendlichen und einem falsch verstandenen Neutralitätsanspruch an soziale Arbeit.

https://www.der-rechte-rand.de/archive/3620/chemnitz-experimentierfeld-aufstand/

Die Sensibilität und der Anspruch, besonders bei jungen Menschen, die in ihren Familien und ihrem Umfeld mit (extrem) rechten Hegemonien konfrontiert sind, Gegenimpulse zu setzen und diese durch Beziehungsarbeit zu stabilisieren, ist nicht generell als falsch zu bewerten. Aber es besteht eine dringende Notwendigkeit, dass SozialarbeiterInnen hierzu ausreichend Wissen, Haltung und Argumentationsgrundlagen haben, um in die Konfrontationen zu gehen. Außerdem braucht die offene Jugendarbeit Konzepte, wie damit umgegangen wird, wenn die Strategie der Beziehungsarbeit nicht erfolgreich ist. Es ist zwingend notwendig, hier über die Grenzen und Konsequenzen zu sprechen, um eine Wiederholung der 1990er Jahre zu verhindern. Es darf nicht passieren, dass soziale Arbeit nochmals den Fehler begeht, extrem rechten Strukturen Räume zu bieten und so zu ihrem Erstarken beizutragen.

 

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