Geschichte als Legitimationsideologie

von Vera Henßler
Magazin "der rechte rand" Ausgabe 163 - November 2016

Die Identitären stellen sich in eine historische Kontinuität von Kämpfen und kriegerischen Auseinandersetzungen, die bis in die Antike zurückreicht. Die historischen Bezüge haben dabei vor allem eine Funktion: Sie sind die zentrale Legitimationsstrategie für die völkisch-nationalistische Ideologie der Identitären,
die sich als Avantgarde im Abwehrkampf gegen den Islam wähnen.

^ Aufmarsch im Juni 2016 in Berlin

 

Die Schlacht bei den Thermopylen und das dazu entstandene filmische Epos »300« bilden den Ursprung des Symbols der »Identitären Bewegung«: des griechischen Buchstabens Lambda. Das Lambda zierte die Schilde spartanischer Hopliten, schwerbewaffneter Kämpfer des griechischen antiken Heeres. 480 vor unserer Zeitrechnung, während des Krieges der Perser gegen die Griechen, ereignete sich die Schlacht an einem engen Gebirgspass in Mittelgriechenland. Laut den »Historien« Herodots, dem ersten schriftlichen Bericht über die Ereignisse, verhinderte das zahlenmäßig weit unterlegene Heer der Griechen, darunter auch 300 Spartaner, zunächst das Durchdringen der persischen Krieger. Als diesen über Umwege dennoch ein Eindringen in das Gebiet gelang und der Weg nach Attika damit frei war, entschied der das Kommando innehabende Leonidas dennoch die Stellung beizubehalten, um den Abzug des restlichen Heeres zu decken. Dabei hatte das im Engpass verbliebene griechische Heer herbe Verluste zu erleiden. Bereits bei Herodot spielen Opferbereitschaft, Disziplin, Gesetzesgehorsam und Ehre eine wesentliche Rolle in der Deutung der Ereignisse. Nicht zuletzt während des Nationalsozialismus wurden das Bild Spartas und die Schlacht bei den Thermopylen für propagandistische Zwecke instrumentalisiert. Bis heute ist die Rezeptionsgeschichte der Schlacht von Erzählungen über einen opferbringenden Heldenmut geprägt. Dies ist der Aspekt, der die Schlacht für die Identitären so interessant macht. Ihr Elitedenken und die Vorstellung, für einen höheren Zweck, nämlich die Verteidigung Europas, den Märtyrertod zu sterben, spielen in identitären Schriften durchaus eine Rolle. So schreibt Markus Willinger in seiner sentimental-theatralischen, und damit geradezu stilistisch prototypischen Schrift »Die identitäre Generation. Eine Kriegserklärung an die 68er«: »Wir wollen nicht sterben, und doch sind wir bereit, es zu tun. Für unsere Familie, unsere Heimat, für alles, was uns zu dem macht, was wir sind, und ohne das wir nicht mehr wir selbst sein könnten. Für unsere Identität.« Darüber hinaus ist die Schlacht bei den Thermopylen auch deshalb für die Identitären von Belang, da nicht nur die Selbstidentifizierung mit den Kriegern Spartas ermöglicht wird, sondern auch die Feindbildbestimmung passt: die von außerhalb Europas kommenden Perser.

Europäische Identität

Die Frage, was die europäische Identität ausmacht, welche die Identitären vorgeben zu verteidigen, ist nicht leicht zu beantworten. Grundsätzlich gilt, dass kollektive Identität der Konstituierung von Gemeinschaft dient, immer in Abgrenzung zu dem Anderen. Der Soziologe Bernhard Giesen macht insgesamt fünf (historische) Diskurse aus, die für die Konstituierung einer europäischen Gemeinschaft relevant seien. Dazu gehören die Aneignung antiker griechischer Kultur ebenso wie die frühneuzeitliche Missionierung durch den Kolonialismus, in dem sich ein kulturell überlegenes Europa in der europäischen Selbstwahrnehmung festigte. Nicht zuletzt aufgrund der Aneignung des