Mitleidlos

von Joachim F. Tornau
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 205 - November | Dezember 2023

Vor 32 Jahren starb Samuel Yeboah bei einem Brandanschlag auf eine Geflüchtetenunterkunft in Saarlouis. Doch erst jetzt wurde sein Mörder überführt und verurteilt. Der Prozess führte exemplarisch vor Augen, wie nachlässig in den frühen 1990ern bei rechten Straftaten ermittelt wurde.

Antifa Magazin der rechte rand
Antifaschistischer Protest vor dem Oberlandesgericht Koblenz im November 2022 für den ermordeten Samuel Yeboah. © Joachim F. Tornau

Samuel Yeboah ging es gut an diesem Abend. Der 27-Jährige aus Ghana hatte beim Boxtraining gewonnen und tanzte durch sein Zimmer im Dachgeschoss einer Geflüchtetenunterkunft in Saarlouis. »Samuel war glücklich«, erinnerte sich ein Mann, der damals mit ihm in dem ehemaligen Gasthaus »Weißes Rössl« lebte. Wenige Stunden später war Samuel Yeboah tot, qualvoll gestorben nach einem Brandanschlag auf die Unterkunft in der saarländischen Kleinstadt, am frühen Morgen des 19. September 1991. Es war, als hätte er es geahnt. Als er am Vorabend über den Großen Markt von Saarlouis gelaufen war, hatten wie so oft die örtlichen Neonazis am Brunnen gesessen und gesoffen. »Eines Tages«, hatte Yeboah da zu seinem Begleiter gesagt, »werden sie mich umbringen.«
Die düstere Prophezeiung zitierte Richter Konrad Leitges, als er am 9. Oktober 2023 nach elfmonatigem Prozess das Urteil gegen den Mann verkündete, der nach Überzeugung des Koblenzer Oberlandesgerichts für den Mord vor mehr als 32 Jahren verantwortlich war: Sechs Jahre und zehn Monate Jugendstrafe verhängte der Staatsschutzsenat gegen den früheren Neonazi-Skinhead Peter Werner Schlappal – heute Schröder. Eine Verurteilung zu lebenslanger Haft blieb dem 52-Jährigen nur erspart, weil er bei der Tat noch Heranwachsender gewesen war. »Der Angeklagte erfüllte gleich drei Mordmerkmale«, sagte Senatsvorsitzender Leitges. Er habe heimtückisch, aus niederen Beweggründen und mit gemeingefährlichen Mitteln gehandelt. Peter Werner Schröder habe das nächtliche Feuer in dem einstigen Gasthaus aus rassistischem Hass gelegt – und um sich gegenüber seinen braunen Kameraden zu beweisen. »Er wollte allen Ausländern das Gefühl geben, in Deutschland nicht sicher zu sein.«

Paulchen-Panther-Tattoo auf dem Unterarm
Der Angeklagte war ein Aktivposten der rechten Szene im Saarland, gewalttätig und mitleidlos. 1992 schlug er zusammen mit elf Gleichgesinnten einen Studenten in Saarbrücken brutal zusammen. Vier Jahre später soll er versucht haben, einen abtrünnigen Kameraden im dritten Stock über die Balkonbrüstung zu stoßen. So jedenfalls berichteten es Zeugen vor Gericht – die Polizei hatte damals gar nicht erst ermittelt. Er fungierte als Ordner bei Aufmärschen und lief 1996 zusammen mit den späteren NSU-Terrorist*innen Uwe Mundlos und Beate Zschäpe beim »Rudolf-Heß-Marsch« durch Worms. Und entgegen seinen anderslautenden Beteuerungen hat sich Schröder nie von seiner menschenfeindlichen Gesinnung distanziert. Noch kurz vor seiner Festnahme tauschte er per Whatsapp rassistische Memes und Hitler-Bilder aus. Auf einem Foto, das die Polizei bei ihm fand, posiert er stolz in SS-Uniform. Auf seinem rechten Unterarm trägt er ein Paulchen-Panther-Tattoo – gestochen kurz nach der Selbstenttarnung des NSU, der die Zeichentrickfigur bekanntlich in seinem zynischen Bekennervideo verwendet hatte.

Nicht allein wegen des Mordes an Samuel Yeboah verurteilte ihn nun das Gericht, sondern auch wegen versuchten Mordes an zwölf weiteren Bewohner*innen der Unterkunft. Aber: Bei acht Menschen, die im Erdgeschoss einen Geburtstag feierten, habe er von einer Rettung ausgehen können, ihren Tod also nicht billigend in Kauf genommen. Nebenklageanwalt Björn Elberling, der mehrere dieser Betroffenen vertritt, hält das für nicht nachvollziehbar. »Das ist kein ‹Kollateralschaden›, wenn hier Menschen sterben«, sagte der Anwalt. »Das ist das Ziel.« Er hat deshalb ebenso wie die Bundesanwaltschaft und die Verteidigung Revision beantragt.

Mit dem Urteil blieb das Gericht in der Mitte zwischen den Forderungen der Anklagebehörde, die neun Jahre Jugendstrafe verlangt hatte, und der Verteidigung, die auf viereinhalb Jahre plädiert hatte – wegen bloßer Beihilfe. Denn nach anfänglich hartnäckigem Leugnen hatte Peter Werner Schröder ein halbes Jahr nach Prozessbeginn schließlich doch noch eine Art Geständnis abgelegt: Er sei bei dem Anschlag dabei gewesen, aber nur als Mitläufer eines anderen damaligen Neonazis, dem heute 51-jährigen Heiko S., einem Szene-Aussteiger. Das nahm ihm das Gericht jedoch nicht ab.

Der nächste Prozess könnte schon bald folgen
Mehr als 1.500 rassistische Anschläge gab es bundesweit in der ersten Hälfte der 1990er Jahre, der »Baseballschlägerjahre«, als Neonazis sich angesichts der flüchtlingsfeindlichen gesellschaftlichen Stimmung als Vollstrecker eines »Volkswillens« fühlten – und sich durch die faktische Abschaffung des Asylrechts 1993 bestärkt sehen konnten. Allein im Saarland wurden zwischen 1990 und 1992 etwa 20 Brand- und Sprengstoffanschläge gezählt, vor allem auf Unterkünfte für Geflüchtete, aber auch auf ein Parteibüro der PDS, Vorgängerin der Linkspartei, und auf ein linkes Zentrum. Nur ein verschwindend kleiner Teil wurde jemals aufgeklärt. Dass das mit mehr als drei Jahrzehnten Verspätung nun beim Mord an Samuel Yeboah doch noch gelang, ist einer einzigen Frau zu verdanken. Die Zeugin meldete sich im Oktober 2019 bei der Polizei, weil sie nach dem Anschlag von Halle einen Artikel über rechte Gewalt im Saarland gelesen hatte. Erst dadurch, sagte sie, habe sie vom Mord an Samuel Yeboah erfahren – und sich zugleich erinnert, dass sich Schröder ihr gegenüber bei einer Grillparty viele Jahre zuvor mit dem Brandanschlag gebrüstet habe: »Das war ich. Und sie haben mich nie erwischt.« Ihre Aussage, vor Gericht schließlich auch unter Eid wiederholt, sorgte für die späte Wiederaufnahme der Ermittlungen, die jetzt auch noch einen weiteren Neonazi vor Gericht bringen könnten: Seit Juni sitzt Peter Strumpler, der langjährig unangefochtene Anführer der Neonazis von Saarlouis, in Untersuchungshaft. Die Bundesanwaltschaft glaubt, dass er seinen Freund und treuen Gefolgsmann Peter Werner Schröder zu dem Anschlag aufgestachelt hat. Die Anklageerhebung dürfte kurz bevorstehen.

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Peter Strumpler gründete die braune »Kameradschaft Horst Wessel – Saarlautern«, die bis zu ihrer Auflösung Mitte der 2000er Jahre regelmäßig bei rechten Demonstrationen bundesweit aufmarschierte. Er betrieb einen einschlägigen Versandhandel und den Szeneladen »Studio 88« in Neunkirchen/Saar. Als »Psychopath« und »Gottkaiser« beschrieb ihn einer seiner damaligen Gefolgsleute im Prozess: »Er war der Kopf. An dem haben sich in Saarlouis alle orientiert.« Ein Anschlag ohne sein Wissen oder gar, wie Schröder es behauptet hat, gegen seinen erklärten Willen, erscheint deswegen kaum vorstellbar. Bis heute soll der ergraute 54-Jährige mit dem etwas zerzausten Vollbart von seinem einstigen Renommee in der extremen Rechten zehren. Als die früheren Neonazi-Skinheads von Saarlouis durch die wiederaufgenommenen Ermittlungen aufgescheucht wurden, war er es, bei dem die Informationen zusammenliefen.

»Ein Paradebeispiel für institutionellen Rassismus«
Nach der überraschenden Anzeige durch die Zeugin vom Grillfest hatten die Ermittler*innen alle Register gezogen. Telefone wurden abgehört, Autos überwacht, Wohnungen durchsucht und Dutzende Menschen vorgeladen. Der Kontrast zu den halbherzigen Ermittlungen nach dem 19. September 1991 hätte größer nicht sein können. Keine zwei Wochen lang war damals in der rechten Szene nach möglichen Täter*innen gesucht worden. Die Polizei glaubte oberflächliche Unschuldsbeteuerungen, ohne allzu sehr nachzufragen. Freundlich wurden die jungen Neonazis auf der Wache geduzt, einem soll sogar ein Bier angeboten worden sein. Bewohner*innen der Unterkunft, die erst wenig Deutsch sprachen, befragte man hingegen ohne Dolmetscher*in. Und auch andere Zeug*innen fielen vor Gericht aus allen Wolken, als ihnen vorgelesen wurde, was sie damals angeblich gesagt haben sollen. Eine Anwohnerin war felsenfest überzeugt, von dunkelgekleideten Menschen gesprochen zu haben, die ihr in der Tatnacht aufgefallen seien. In ihrem Vernehmungsprotokoll aber stand stattdessen etwas von dunkler Hautfarbe – bezeichnet überdies mit dem rassistischen N-Wort, das sich mit größter Selbstverständlichkeit durch die Akten zieht. Obwohl es auch vor 30 Jahren schon diskriminierend war.
Dennoch wollte Richter Leitges den Ermittler*innen von einst keinen Vorwurf machen. Schuld an der gescheiterten Aufklärung sei nicht schludrige Arbeit gewesen, sondern das Schweigegelübde der rechten Szene – an das sich manche der damaligen Szene-Angehörigen auch jetzt als Zeug*innen vor Gericht noch hielten. Nebenklageanwalt Alexander Hoffmann sah das ganz anders. »Die Ermittlungen«, hatte er in seinem Schlussvortrag bilanziert, »sind ein Paradebeispiel für institutionellen Rassismus.«

Das Ende des Schweigens an der Saar
Jahrzehntelang hatten nur drei antifaschistische Initiativen – die Aktion 3. Welt Saar, der Saarländische Flüchtlingsrat und die Antifa Saar – die Erinnerung an den Brandanschlag von Saarlouis wachgehalten. Für sie war von Anfang an klar, was nun auch gerichtlich festgestellt ist: dass Samuel Yeboah einem neonazistischen Mord zum Opfer gefallen ist. Doch außer ihnen wollte das lange Zeit kaum jemand wahrhaben im Saarland. Erst mit der Wiederaufnahme der Ermittlungen und dem Prozess in Koblenz setzte ein Umdenken ein. Bereits im vergangenen Jahr hat sich Saarlands Polizeipräsident für die »Versäumnisse« und »Defizite« bei den Ermittlungen entschuldigt. Ein Untersuchungsausschuss des Landtags in Saarbrücken, der Anfang Oktober seine Arbeit aufnahm, soll den nachsichtigen Umgang der Behörden mit der extremen Rechten aufarbeiten. Ein Entschädigungsfonds des Landes für Opfer rassistischer Gewalt ist angekündigt. Und als sich der Anschlag am 19. September 2023 zum 32. Mal jährte, richtete auch die Stadt Saarlouis zum allerersten Mal eine Gedenkveranstaltung aus. Die Überlebenden der rassistischen Tat hatte man dabei allerdings offenbar wieder einmal vergessen: Sie waren nicht eingeladen.