»Beschränkter Teutomanismus«

von Ernst Kovahl


Magazin "der rechte rand" Ausgabe 169 - November 2017

Der extrem rechte Akademikerbund »Deutsche Burschenschaft« feierte im Oktober in Eisenach den 200. Jahrestag des »Wartburgfestes«. Fast 1.000 Personen kamen, ein umfangreiches Programm war vorbereitet.

Magazin der rechte rand Ausgabe 169

Am 21. Oktober 2017 feiert der deutsch-nationale Burschenschaftsverband 200 Jahre Wartburgfest direkt am Burschenschaftsdenkmal.
© Mark Mühlhaus / attenzione

»Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt – Deutschland, Deutschland über alles!«, schallte es am Morgen des 21. Oktober 2017 vom Hof der Wartburg. Oberhalb von Eisenach hatten sich etwa 300 uniformierte Burschenschafter versammelt. Alt und jung, mit Band und Mütze waren sie teils zu Fuß, teils mit Bussen aus der Stadt auf die Burg gekommen. Für die »Deutsche Burschenschaft« (DB) ist das imposante Bauwerk, wo Luther einst die Bibel übersetzte, »unsere Burg«, wie der Akademikerverband auf seiner Facebook-Seite schrieb. Hier fand am 18. Oktober 1817 das erste »Wartburgfest« der Burschenschaften statt. Seitdem gilt der Ort als wichtiges deutsches Nationaldenkmal und Symbol der deutschen Nationwerdung. Mit dem damaligen »Wartburgfest« sei ein »demonstratives Signal gesetzt (worden), das bis heute wirkt«, hieß es in der Einladung vom Dezember 2016. Jörg Sobolewski (»Berliner Burschenschaft Gothia«), Sprecher der DB 2016, und dessen Nachfolger für das Geschäftsjahr 2017 des Verbandes, Daniel Malsam (»Braunschweiger Burschenschaft Thuringia«), schrieben, die Thüringer Burg sei »ein Ort, von dem ‹die Befreiung des deutschen Geistes› « ausgegangen sei. Heute müssten die damaligen Errungenschaften (»Einheit, Freiheit und Demokratie«) gegen »Radikalismus, Gutmenschentum und Populismus« verteidigt werden, klagen die beiden rechten Akademiker. Es gehe um nicht weniger als die »Zukunft des deutschen Volkes«.

»Flashmob«?
»Spontan« sei man auf die Wartburg gezogen, behauptete der Pressesprecher der DB, Philip Stein, von der »Burschenschaft Germania Marburg«, hinterher. Er war sichtlich stolz, als er auf einer Pressekonferenz im »Berghotel« den Aufmarsch beichtete; quasi ein »Flashmob« sei es gewesen. Doch das ist falsch, denn die Aktion war vorbereitet, auch wenn sie nicht offiziell bei der »Wartburg Stiftung« als Hausherrin angemeldet war. Als oben auf der Burg das »Deutschlandlied« in allen drei Strophen und »Die Gedanken sind frei« gesungen wurde, hatte ein Burschenschafter seine Gitarre dabei. Der ehemalige Berliner CDU-Staatssekretär und heutige Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion Rheinland-Pfalz, Michael Büge (»Berliner Burschenschaft Gothia«), hielt seine vorbereitete Rede und Mitglieder der »Burschenschaft Brixia Innsbruck« brachten ein Transparent mit: »Burschenschafter für Meinungsfreiheit. Damals wie heute!« Und auch ein Team des Regionalfernsehens war – wie zufällig – vor Ort, um Interviews mit »Alten Herren« zu führen. Der »Wartburg Stiftung« war schon Tage vorher bekannt, dass aus dem Kreis der DB eine Demonstration mit möglicherweise mehreren hundert Teilnehmern, einem Redner und dem Singen des »Deutschlandliedes« in allen drei Strophen auf dem Gelände der Wartburg geplant sei – genau so, wie es dann tatsächlich stattfand. Daher war auch Polizei vor Ort – und schritt nicht ein. Eigentlich darf die »Deutsche Burschenschaft« die Wartburg nicht mehr nutzen – doch Konsequenzen hatte diese Entscheidung der Stiftung offenbar nicht.

»Kaderschmiede«
Der DB-Pressesprecher Stein ist in der extremen Rechten nicht irgendwer. Er ist Leiter der neu-rechten Initiative »Ein Prozent«, betreibt in Dresden den »Jungeuropa Verlag« und war Autor und Interviewpartner des neu-rechten Blattes »Sezession«. Im Interview mit dem »Süd­thüringer Regionalfernsehen« bezeichnete er die DB als »eine Art Kaderschmiede«. Aus dem Verband kämen nicht nur Professoren, sondern er stelle auch »in politischen Berufen viele Mitglieder«. Ausdrücklich nannte er in diesem Zusammenhang die AfD. Insgesamt sollen bis zu 1.000 Personen am »Wartburgfest« der DB teilgenommen haben. Gut 750 seien Mitglieder des Verbandes gewesen, darunter viele aus Österreich. Veranstalter waren neben der DB auch der »Denkmalerhaltungsverein Eisenach e. V.«, die »Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung e. V.« und der »Verband der Vereinigungen Alter Burschenschafter«. Nach einer Austrittswelle in den letzten Jahren besteht die DB derzeit nur noch aus etwa 70 Einzelbünden mit gut 7.000 Mitgliedern – es waren einst weit über 100 Burschenschaften im Verband. Den Vorsitz führt derzeit die »Braunschweiger Burschenschaft Thuringia«. In Eisenach unterhält der Verband ein Sekretariat, wo auch der »Denkmalerhaltungsverein« seinen Sitz hat, der sich um Pflege und Erhalt des Denkmals der Burschenschaften auf der Göpelskuppe auf einem Hügel gegenüber der Wartburg kümmert.

Gedenken, Geschichte und Gottesdienst
Drei Tage prägten Burschenmützen und -bänder die Kleinstadt im Westen Thüringens. Vom 20. bis 22. Oktober hatte die DB ein straffes Programm für aktive Burschenschafter und »Alte Herren« organisiert. Neben dem zentralen »Wartburgfestgedenken« und dem abendlichen »Festkommers« fanden auch ein Symposium der »Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung« und ein Gottesdienst unter freiem Himmel statt. Auf dem »Symposium« referierten zahlreiche Historiker und Wissenschaftler, unter anderem der ehemalige Vizepräsident des Bundesarchivs Klaus Oldenhage. In Ermangelung einer Halle tagten die Burschenschafter in einem eigens errichteten Zelt unterhalb des »Burschenschaftsdenkmals«. Die früher für die regelmäßig in Eisenach stattfindenden »Burschentage« der DB genutzte städtische Sporthalle steht nicht mehr zur Verfügung. Denn Eisenach vermietet aufgrund der extrem rechten Ausrichtung des Verbandes nicht mehr an die DB: »Da können wir keine Gastfreundschaft mehr zeigen«, kommentierte die Oberbürgermeisterin Katja Wolf von der Linkspartei. Als Festredner für Samstagabend war Reinhard Kienberger (»Akademische Burschenschaft Oberösterreicher Germanen in Wien«) von der Rechtsaußen-Strömung »Burschenschaftliche Gemeinschaft« in der DB angekündigt. Seine Rede wurde durch Bruno Burchhart, Mitglied der offen extrem rechten »Wiener akademische Burschenschaft Olympia« und Professor an der Technischen Universität München, eingeleitet. Eigens produziert wurde eine Veranstaltungsbroschüre mit Liedtexten, Programmablauf und den politischen Positionen der DB. Ausdrücklich wird dort weiterhin zum Beispiel die Abschaffung jener Gesetze gefordert, die einer völkischen Neuordnung Europas und einer Restaurierung territorialer Ansprüche Deutschlands im Wege stehen, sei es gegenüber der Tschechischen Republik oder Italien.

Gedenken an Kriegsdichter Flex
Die »Wiener akademische Burschenschaft Moldavia« hatte zudem bei der Stadt eine »Totengedenkfeier« auf dem Friedhof für den nationalistischen Kriegsdichter Walter Flex angemeldet, dessen Todestag sich am 16. Oktober 2017 zum 100. Mal jährte. Für den Akademikerverband ist der 1887 in Eisenach geborene und 1917 im Ersten Weltkrieg gestorbene Flex ebenso wie für die gesamte deutsch-völkische Rechte eine wichtige historische Person und ein Kultautor. 1914 hatte er sich als Kriegsfreiwilliger gemeldet und war begeistert in den Krieg gezogen. Seine verklärenden und heroisierenden Kriegsgedichte und Erzählungen machten ihn bekannt. Sein autobiographischer Roman »Der Wanderer zwischen beiden Welten. Ein Kriegserlebnis« war ein Verkaufsschlager. In den Texten von Flex spiegelten sich sein völkischer Nationalismus und eine Ästhetisierung und Verklärung des Krieges. Flex galt der konservativen »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« als »Kultautor der Nationalsozialisten«.

»Schandschriften des Vaterlandes«
Das »Wartburgfest« der »Deutschen Burschenschaft« endete mit einem großen Feuerwerk. Kanonendonner am Anfang, Kanonendonner am Ende. Dazwischen akustisches Maschinengewehrfeuer. Ob von den deutschen Burschen so gewollt oder nicht – es passte zur Inszenierung des Bundes und seiner Verherrlichung des deutschen Militarismus. Schon 1817 gab es Feuerwerk, wenn auch anderer Art. Damals verbrannten Burschenschafter während des »Wartburgfestes« die »Schandschriften des Vaterlandes«, also symbolisch Buchtitel von Autoren, die »das Vaterland geschändet« hätten. Die Politikwissenschaftlerin und Expertin für Burschenschaften, Alexandra Kurth, schrieb: »Die Bücherverbrennungen von 1817 und 1933 verklammern (…) Herausbildung und Radikalisierung des völkisch-nationalistischen Denkens und geben Zeugnis von der Kontinuität des antiliberalen und antidemokratischen Geistes.« Für Heinrich Heine war das Fest von 1817 nur »beschränkter Teutomanismus«.