Die Erben von Oswald Mosley?
von Florian Weis
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 217 - November | Dezember 2025
#Großbritannien
Der Aufstieg von Nigel Farage und Tommy Robinson

Die Parteien des Nigel Farage haben oft gewechselt und sind ohne ihn als Galionsfigur schnell wieder verschwunden. So erging es der »UK Independence Party« (UKIP) nach ihrem relativen Erfolg mit rund 13 Prozent der Stimmen, aber ohne Mandat bei den Unterhauswahlen 2015. Bei der anschließenden »Brexit«-Kampagne von UKIP und dem »Leave«-Votum im Juni 2016 stimmten 52 Prozent der Wähler*innen bei einer relativ hohen Beteiligung von 72 Prozent für den Austritt aus der EU. UKIP stürzte bei den Wahlen 2017 ohne Farage ab, der jedoch kurz danach zurückkehrte und mit der »Brexit Party« bei den Europawahlen im Juni 2019 mit über 30 Prozent einen großen Erfolg feierte. 2019/2020 war der »Brexit« erreicht und die Tories – die Conservative and Unionist Party – unter Boris Johnson weit nach rechts gedrängt worden, sodass Farage seine beiden wesentlichen Ziele erreicht hatte. Doch kehrte er bald wieder in die Politik zurück: Aus der »Brexit Party« wurde die »UK Reform Party« (»Reform«). »Reform« hängt fast ausschließlich von Nigel Farage ab, ohne ihn wäre die Partei wenig erfolgreich. Der 1964 geborene Nigel Farage changiert zwischen einem dominanten Rechtspopulismus und einer Anschlussfähigkeit zum Rechtsradikalismus. Den Führerkult, die offene Gewalt, den Antisemitismus und biologistischen Rassismus von Sir Oswald Mosley (1896-1980), dem Gründer der »British Union of Fascists«, teilt er nicht.
Tommy Robinson, ein offener Faschist
Stephen Christopher Yaxley-Lennon erkannte früh, dass ein rechter Möchtegern-Anführer einen griffigeren Namen braucht – Yaxley-Lennon wäre in dieser Hinsicht so unhandlich gewesen wie Schicklgruber. Es gibt kaum eine extrem rechte Formation der letzten 20 Jahre, in denen er unter dem Namen Robinson nicht aktiv war – hervorzuheben ist dabei die »English Defence League«. 2025 schloss er sich »Advance UK« an, einer rechten Abspaltung von »Reform«, die von Ben Habib, einem wohlhabenden britisch-pakistanischen Finanzinvestor, gegründet wurde. Robinsons Markenzeichen sind aggressive Provokationen, die ihm bereits eine Vielzahl von Verurteilungen eingebracht haben. Antimuslimischer Rassismus nimmt einen zentralen Platz in seiner Agenda ein. Robinsons Hetze im Netz gegen Menschen, denen er Pädophilie, gewalttätigen Islamismus und Vergewaltigungen vorwirft, haben eine erschreckend breite Wirkung und sind für die – meist vollkommen unschuldigen – Betroffenen höchst gefährlich. Viele Plattformen haben Robinson zumindest zeitweise gesperrt, doch ließ »X« unter Elon Musk ihn wieder zu. Robinson war an vielen Krawallen aktiv oder mittelbar beteiligt, so auch bei den schweren landesweiten Ausschreitungen im August 2024. Seinen größten politischen Erfolg feierte er im September 2025, als er das Gesicht der mit über 100.000 Teilnehmenden größten rechten Demonstration seit Jahrzehnten in Großbritannien war. Ihnen standen nur wenige Tausend Gegendemonstrant*innen gegenüber – ein ganz anderes Bild als im Oktober 1936, als Mosleys Schwarzhemden im »Battle of Cable Street« aufgehalten wurden. Auch international ist Robinson mittlerweile etabliert. Elon Musk unterstützt ihn und Mitte Oktober war Robinson nach Einladung durch den Diasporaminister Amichai Chikli (»Likud«), der der bei weitem rechtesten Regierung des Staates angehört, nach Israel gereist.
Wirtschaftspolitik & Kultur
Farage und Robinson eint die permanente Provokation, die Selbstinszenierung und der erfolgreiche Social-Media-Einsatz. Doch tritt Farage leutseliger und in gewisser Weise sogar humorvoll auf, ist ideologisch geschmeidiger und mittlerweile so erfolgreich bei Wahlen, in Umfragen und als reichweitenstärkster politischer TikTok-Akteur, dass er auf deutliche Distanz zu Robinson gehen kann, was ihm heftige Angriffe von Elon Musk einbrachte. Ideologisch verbinden Farage und Robinson die Gegnerschaft zur EU, Migrationsfeindlichkeit, eine Nähe zu Putins Politik, eine pauschale Kritik an »den« Medien und kulturellen »Eliten« sowie, wenn auch in diesem Feld mit mehr als nur Nuancen, eine Instrumentalisierung antimuslimischer Ressentiments. Weit stärker als Robinson orientiert sich Farage an Donald Trump, den er frühzeitig unterstützte und dessen britischer Lieblingspolitiker er ist. Trumps Wirtschaftspolitik ähnelt auch seinen eigenen vagen wirtschaftspolitischen Vorstellungen: Steuersenkungen; keine Bekämpfung der Steuerflucht der globalen Eliten, gegen die Farage doch angeblich kämpft; eine weitere Verschlechterung der in Großbritannien ohnehin schon geringeren Arbeitsrechte. Farage wird wie Trump teilweise von Menschen gewählt, deren ökonomisches Interesse er dezidiert nicht vertritt. Nigel Farage und die »Reform UK Party« erhalten erhebliche Spenden von sehr wohlhabenden Unterstützer*innen, oftmals solchen, die zuvor die Tories und auch die »Brexit«-Kampagne gefördert haben – in erster Linie Geschäftsleute und Investor*innen. Seit 2019 sollen es etwas mehr als 17 Millionen Britische Pfund gewesen sein, wobei über 13 Millionen von nur fünf Spender*innen stammen. Im Unterschied zu Donald Trump handelt es sich bei Farages Spender*innen jedoch mehr um Millionäre als Milliardäre.
Farage profitiert von langfristigen Entwicklungen, die er befeuert hat, wie den »Brexit«, eine massive Migrationsfeindlichkeit, und solchen, die verspätete und indirekte Folgen der Deindustrialisierung der Thatcher-Regierungen (1979-1990) sowie der Austeritätspolitik der Cameron-Regierungen (2010-2016) sind. Die Gründe für den Aufstieg des britischen Rechtspopulismus sind, wie anderswo auch, vielschichtig. Farage stützt sich vorwiegend, aber nicht ausschließlich auf Menschen im mittleren und höheren Alter und solche mit niedrigeren Bildungsabschlüssen. Unter jungen Männern kann Farage, wie Rechte in anderen Ländern auch, zunehmend punkten. Generell fügt sich der Erfolg von Farage in den Trend bei britischen Wahlen ein, demzufolge Alter und Bildungsabschlüsse, weniger Klassenzugehörigkeiten ausschlaggebend sind. Die Haltungen zum »Brexit« haben diesen Trend verstärkt.
Schließlich spielt »Englishness« eine wichtige Rolle für den Erfolg sowohl der Brexit-Kampagne (England und Wales votierten für den Austritt aus der EU, Schottland und Nordirland für den Verbleib) als auch für Farages Partei. Das bedeutet nicht, dass »Reform« nicht auch in Südwales erfolgreich wäre, doch spielen ökonomische und soziale Abstiegserfahrungen in Nordengland und Abstiegssorgen etwa im Südwesten Englands ebenso eine Rolle wie das – nicht ganz unberechtigte – Gefühl, dass England jenseits des Großraumes London politisch schlechter vertreten sei als die anderen Nationen im Vereinigten Königreich und eben London. Dies wird durch einen spezifisch englischen Nationalismus aufgeladen, einer »Englishness«, die weniger inklusiv ist als »Britishness«. Entsprechend verorten sich Menschen mit einer familiären Einwanderungsgeschichte aus Südasien oder der Karibik weit eher als »british« denn als »english«.
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Next Stop 10 Downing Street?
Die Hilf- und Richtungslosigkeit der Labour-Regierung erleichtert den Aufstieg von »Reform UK«. Die Grünen und das Corbyn-Projekt können eine Gegenmobilisierung betreiben, potenzielle Farage-Wähler*innen werden sie aber kaum ansprechen können. Keir Starmer hat auf dem jüngsten Labour-Parteitag verbal eine klare Konfrontationsstrategie gegen Farage angekündigt: Labour oder Farage. Doch muss ohne eine energische und grundlegend andere Politik der Regierung bezweifelt werden, dass dies erfolgreich sein wird. Ob ein möglicher Wechsel in der Labour-Führung 2026 in Person des Bürgermeisters von Greater Manchester, Andy Burnham, der für eine Art sozialdemokratisch-anpackenden Populismus steht, helfen würde, bleibt abzuwarten.
Bei den Kommunalwahlen in Teilen Englands gelang Nigel Farages »Reform UK Party« im Mai 2025 ein spektakulärer Durchbruch, nachdem bereits die Unterhauswahlen im Juli 2024 mit 14 Prozent der Stimmen und immerhin fünf Unterhausmandaten mehr als nur einen Achtungserfolg darstellten. In Umfragen liegt Farages Partei an erster Stelle, vor der regierenden Labour Party und weit vor den 2024 abgelösten Konservativen, die sich seitdem noch weiter nach rechts entwickelt haben und Farage näherstehen als die deutschen Unionsparteien der AfD. Die nächsten Unterhauswahlen müssen allerdings nicht vor 2029 durchgeführt werden. Dennoch spricht viel dafür, dass das traditionelle Zweieinhalb-Parteien-System im Mehrheitswahlrecht an sein Ende kommt. Eine Minderheits- oder Koalitionsregierung erscheint daher nach den nächsten Wahlen denkbar. Ein Premierminister Nigel Farage, gestützt von den Konservativen, ist zumindest nicht auszuschließen. Ob der ewige Provokateur und Spieler Farage wirklich regieren kann und will, bleibt abzuwarten – bislang ähnelt er diesbezüglich eher Geert Wilders als Giorgia Meloni.