Die große Walverschwörung
von Lisa Krug
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 220 Mai l Juni 2026
#Stimmung
Und dann taucht er auf – ein Buckelwal in der Wismarer Bucht. Was als belanglose Randnotiz in den Lokalnachrichten begann, entwickelt sich im Frühjahr 2026 innerhalb weniger Wochen zu einem emotional aufgeladenen Naturdrama.

Anfang März 2026 wird ein Buckelwal in der Ostsee gesichtet. Kurz darauf strandet er in Niendorf (Ostholstein). Ein Rückführungsversuch scheitert. Das Tier taucht erneut vor der Insel Poel auf und bleibt dort wochenlang im flachen Wasser. Trotz geringer Überlebenschancen beginnt Mitte April eine privat finanzierte Rettungsaktion. Nach 28 Tagen in der Wismarer Bucht wird der Wal auf einen Transportkahn verladen und Richtung Nordsee gebracht. Bislang gibt es keinerlei bestätigte Anzeichen, dass er noch am Leben ist. Immerhin kann der reguläre Schiffsverkehr zwischen Wismar und Poel wieder aufgenommen werden und auf der kleinen Insel kehrt wieder Ruhe ein.
So oder so ähnlich hätte ein Randartikel in der Lokalpresse aussehen können. Doch stattdessen geht das Thema durch die Decke: Kameras, Drohnen, Liveticker, ja sogar ein Livestream des öffentlichen Rundfunks, auf dem der regungslose Wal stundenlang beobachtet werden kann; dann Meeresbiolog*innen, Politiker*innen, YouTuber*innen, Influencer*innen; Streitigkeiten über Zuständigkeiten, Expertise und Eitelkeiten. Die Welle der Wut-Walbürger*innen bahnt sich ihren Weg zur kleinen Insel: Debatten, Demonstrationen, Empörung, Hass, Morddrohungen. Und man steht da, schaut zu – und denkt sich: What the f**k?

Walbeteiligung
Und irgendwie kommt einem die ganze Dynamik gar nicht so unbekannt vor: Innerhalb kürzester Zeit entsteht eine Art Gegenöffentlichkeit, die sich nicht an wissenschaftlichen Einschätzungen orientiert, sondern vielmehr am eigenen Gefühl, das »Richtige« zu tun – völlig gleich, ob man dafür Polizeiabsperrungen durchbrechen oder von einem Ausflugsschiff springen und zum Wal schwimmen muss, der dann zu einem spricht. Expertisen werden infrage gestellt, Institutionen wird misstraut und Entscheidungen werden als Teil eines größeren Versagens oder gar bewusste Fehlsteuerung interpretiert. Und das, obwohl das Umweltministerium unter Till Backhaus (SPD) tatsächlich ein ganzes Potpourri an Expert*innen ins Entscheidungsgremium zur Lageeinschätzung berufen hat. Darunter: Meeresbiolog*innen des Deutschen Meeresmuseums, Vertreter*innen von Greenpeace, Sea Shepherd und dem Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung.
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Unsicherheit trifft auf starke Emotionen und es wächst das Bedürfnis nach einfachen Erklärungen und klaren Verantwortlichkeiten. Während die Expert*innen in ihrem Gutachten begründen, warum eine palliative Betreuung im Hinblick auf das Tierwohl einem waghalsigen Rettungsversuch vorzuziehen sei, hören die einen nur: »Die lassen den Wal einfach verrecken.« Während öffentlich bekannt gegeben wird, dass im Todesfall das Deutsche Meeresmuseum den Wal für Forschungszwecke unter anderem auch auf mögliche Todesursachen untersuchen kann, hören die anderen nur: »Die haben den Wal verkauft und bringen den jetzt um, damit die den aufschneiden können.« Irgendwie wird klar. Es geht gar nicht um den Wal, Tierwohl oder Tier- und Umweltschutz. Es geht einfach um »gegen die da oben«, die uns schon zu COVID-19-Zeiten den Mund verbieten und uns ihre »Merkel-Masken« aufzwingen wollten. So drängt sich mit dieser Attitüde ein beschnäuzter weißer Mann in die Presseerklärung der leitenden Tierärztin der privaten Rettungsaktion und fordert: »Wir sind das Volk und das Volk hat ein Recht darauf zu erfahren, was mit dem Wal ist!«
Und auch ähnlich wie zu COVID-19-Zeiten entlädt sich der ganze Hass der Wal-Wutbürger*innen gegen Einzelpersonen, die Standpunkte öffentlich vertreten, die zwar anhand der Faktenlage klar, aber emotional schwer auszuhalten sind. Till Backhaus hat in seiner Position als Umweltminister in einer Pressekonferenz erklärt, es werde nach dem Gutachten keine aufwändigen Rettungsaktionen geben. Morddrohungen gegen ihn und seine Familie sind nur die Spitze des Eisbergs. Ebenso erging es einigen Wissenschaftler*innen, deren persönliche Daten im Internet veröffentlicht wurden. Auch Prominente wie etwa Sängerin Sarah Connor, die seit Jahren Unterstützerin von Sea Shepherd ist, oder die Band Santiano, die Botschafterin des deutschen Komitees der UN-Ozeandekade ist, positionieren sich klar für die Meinung der Expert*innen und bekommen den Social-Media-Hass ab.
Während auf Plattformen wie TikTok oder Instagram eine regelrechte Flut an KI-generierten Wal-Videos kursiert, ist die Welle vor Ort deutlich kleiner. Am Osterwochenende versammeln sich in Wismar keine Menschenmassen, sondern eine überschaubare Gruppe von kaum mehr als 150 Teilnehmenden – viele von ihnen sind offensichtlich extra dafür angereist. Die Stimmen der Poeler*innen klingen hingegen anders: genervt vom Trubel, den Absperrungen und den Kameras. »Warum lässt man das Tier nicht einfach sterben, wenn es doch so krank ist?«, hört man immer wieder von Anwohner*innen, die seit Wochen mit der Situation leben müssen.
Und doch entfaltet diese kleine Gruppe der Wal-Wutbürger*innen eine unverhältnismäßige Wirkung: laut, sichtbar, anschlussfähig in den sozialen Medien. Eine Dynamik, in der wenige ausreichen, um erheblichen Druck zu erzeugen – genug, um wissenschaftlich begründete Entscheidungen zu verschieben, abzuschwächen oder ganz aus den Angeln zu heben.

Rechte Anschlussfähigkeit
Ganz nach dem Motto »Bist du nicht für uns, sind wir gegen dich« arbeitet die Bubble weiter und fordert mehr Opfer. Wie die ehemalige leitende Veterinärin, die aufgrund eines Schlaganfalls ihre Arbeit im privat finanzierten Rettungsteam beenden muss. Oder die extra aus Hawaii eingeflogene Tierärztin, die aufgrund diverser Unstimmigkeiten die Aktion vorzeitig verließ. Sie erhebt schwere Vorwürfe gegen den Schriftsteller Sergio Bambarén, der nach ihrer Abreise als neuer Wal-Experte im Team gehandelt wurde, und gegen Danny Hilse. Moment – Danny »Firstclass« Hilse? Der rechte Influencer und Mitorganisator des Protestbündnisses »Gemeinsam für Deutschland« (GfD). Über die private Rettungsinitiative und ihre Mithelfer*innen, die vom Media-Markt-Gründer und seiner Frau finanziert werden, wusste man bis dato nicht allzu viel. Hilse gab vor mehr als einem Monat bekannt, er werde sich aus der Organisationstruktur des GfD zurückziehen und sich mehr für »Kinderschutz, Tierschutz und Obdachlosenhilfe« einsetzen. Offenbar war der Wal vor Poel sein erstes großes Projekt. Was natürlich nicht heißt, dass er sich generell aus der rechten Szene entfernt hat, denn er ist weiter bei Demonstrationen aus dem Umfeld der AfD im niedersächsischen Kreis Diepholz aktiv, wie der NDR berichtete. Bereits während einer Demonstration zum Wal in Wismar war Hilse vor Ort und dann später Teil des Rettungsteams. Das Thema ist gut anschlussfähig für die rechte Szene und wird fleißig von rechten Influencer*innen, dem Magazin »Compact« und der Plattform »Nius« bespielt.
Was sagt eigentlich die AfD dazu? In diesem Jahr sind in vier Bundesländern Landtagswahlen. Es ist also nicht überraschend, dass die AfD sich zurückhält: Keine neuen Skandale verursachen, ein bisschen mitschwimmen, aber nicht zu viel. Stattdessen wirft Leif-Erik Holm, AfD Mecklenburg-Vorpommern, Umweltminister Backhaus vor, er würde auf dem Rücken des Wals Wahlkampf betreiben und nur deshalb täglich vor Ort sein. Weiter äußert er sich gegenüber RTL, dessen unklaren Entscheidungen würden ihn ärgern.

Free Timmy!
Doch warum bewegt dieser Wal eigentlich so? Über Jahrhunderte war der Wal vor allem eines: Rohstofflieferant. Wale wurden zu Lebertran, Öl oder Schmiermittel verarbeitet und waren einer der unsichtbaren Treibstoffe industrieller Entwicklungen. Doch die Zeiten sind zumindest in Europa vorbei und es bleibt die symbolische Überhöhung des Wals.
Die Neurowissenschaftlerin Maren Urner, Professorin an der Fachhochschule Münster, erklärt gegenüber dem NDR, nicht allein die Dramatik dieser Geschichte bewege die Menschen, sondern die Mechanik dahinter. Psychologisch gesehen reagieren wir viel emotionaler auf Geschichten, wie die über einen einzelnen Buckelwal, der sichtbar, benennbar und filmbar ist. Anders sieht es bei abstrakten Konstrukten wie etwa dem Artensterben aus. Und so wird der Wal zu »Timmy« und »Timmy« zu »Hope« und damit zur Projektionsfläche einer ganzen Bewegung.
Und das fängt tatsächlich schon damit an, dass irgendjemand diese kleine, scheinbar harmlose Entscheidung getroffen hat, dem Tier überhaupt einen Namen zu geben. Namen sind nie harmlos. Sie verwandeln ein Tier in eine Figur, der man folgt und mit der man mitfühlen kann. In der Wissenschaft haben Wale genau aus diesem Grund keine Namen, denn Namen schaffen Nähe, die Entscheidungen schwieriger machen. Die Wissenschaftler*innen sind deshalb nicht etwa herzlos, sondern entziehen sich bewusst dieser Dramaturgie: Der Wal ist weder Held noch Opfer noch eine Hauptfigur, sondern ein wildlebendes Tier, das sich verirrt hat. Hinzu kommt, dass Wale aufgrund ihrer Größe und Trägheit als »friedlich« angesehen werden und damit anschlussfähig für menschliche Empathie sind. Was bei »Willy« im Kino schon geklappt hat, funktioniert bei »Hope« ebenso – obwohl Orcas wie Buckelwale in freier Wildbahn gefährlich für Menschen sein können; übrigens ebenso wie Elefanten und doch weckt Disneys »Dumbo« bei vielen von uns Kindheitserinnerungen. Und genau das verstärkt den Impuls, helfen zu wollen – selbst, wenn Fachleute längst sagen, Hilfe sei nicht möglich oder der Wal sei höchstwahrscheinlich verstorben. Denn die Expert*innen hatten ja von Anfang an aufgrund des schlechten gesundheitlichen Zustands von einer Rettungsaktion abgeraten.
Der Effekt ist also psychologisch bekannt: Ein konkretes Schicksal schlägt jede Statistik. Wenn jährlich tausende Meeressäuger durch Fischerei sterben, bleibt das abstrakt. Dieser eine Wal dagegen hat ein Gesicht – oder zumindest eine Geschichte. Und Geschichten erzeugen Öffentlichkeit. Öffentlichkeit erzeugt Druck. Und Druck erzeugt Entscheidungen, die mitunter mehr über uns erzählen als über das Tier, um das es eigentlich geht. So wird der Wal zum Spiegel. Nicht für den schlechten Zustand der Ostsee – sondern für unseren Umgang mit Ohnmacht.
Und so wird »Hope« zur Projektionsfläche der Walverschwörer*innen. »Hope«, der sich wehrt – gegen »die da oben«; »Hope«, der leben will; »Hope«, der frei sein will; »Hope«, der sich nicht unterdrücken lässt; »Hope«, der aufsteht gegen »die da oben« – also aufschwimmt. »Hope« ist das Volk!