Ein rechtes »Lesefest der Entdeckungen«
von Kai Budler
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 217 - November / Dezember 2025
#Familientreffen
In Halle fand zum ersten Mal die rechte Buchmesse »Seitenwechsel« statt, ein Ort der Vernetzung rechtskonservativer, neu-rechter und extrem rechter Verlage und ihrer Akteur*innen.

@ Kai Budler
Es raunt mal wieder sehr: ob »Bevormundung, Denkverbote und Zensur«, »die Bücherverbrennungen 1933« als entsetzliche Höhepunkte einer »Cancel Culture« oder eine drohende »Gesinnungsdiktatur«. Wenn es um die rechte Buchmesse »Seitenwechsel« der Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen geht, greifen sie und ihre Unterstützer*innen tief in die Mottenkiste extrem rechter Rhetorik, um die zweitägige Veranstaltung als Bollwerk gegen den »Weg in einen neuen Totalitarismus« – so Dagen im Interview mit der rechten Wochenzeitung »Junge Freiheit« – zu präsentieren. Die Messe sei offen »für alle Meinungen und Strömungen, und gerade der freie Diskurs stärkt unsere Gesellschaft«, sagt Dagen im Vorfeld und erklärt, sie habe 300 Verlage angeschrieben und eingeladen. Davon übrig geblieben sind laut Ausstellerverzeichnis rund 100 Verlage, die sich am zweiten Novemberwochenende in einer Messehalle in der privat betriebenen Halle präsentieren wollten. Einer der bekanntesten ist der neu-rechte »Antaios Verlag« von Götz Kubitschek mit Sitz in Schnellroda.
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Schaufenster rechter Kulturkommunikation
Mit Kubitscheks Ehefrau, Ellen Kositza, betreibt Dagen auf YouTube die »Gemeinschaftssendung vom Buchhaus Loschwitz und dem Antaios Verlag« mit dem Titel »Aufgeblättert. Zugeschlagen – Mit Rechten lesen«. Neben anderen war dort unter anderem Martin Sellner von der »Identitären Bewegung« zu Gast. Seit 1995 betreibt Dagen gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Michael Bormann die Buchhandlung »Buchhaus Loschwitz«, sieben Jahre später kam der Verlag »edition buchhaus loschwitz« hinzu. Wolfgang Laskowski bezeichnet dies als »Schaufenster rechtsintellektueller Kulturkommunikation.« (s. drr Nr. 214). Politisiert wurde die Buchhändlerin nach eigenen Angaben mit dem Aufstieg der rechten PEGIDA-Bewegung. In die Öffentlichkeit strebte sie erstmals im Herbst 2017 nach den Protesten gegen rechte Verlage wie den »Antaios Verlag« von Götz Kubitschek und ihre Aktivitäten auf der Buchmesse in Frankfurt/Main, als sie unter dem Titel »Charta 2017« einen offenen Brief an den Börsenverein des deutschen Buchhandels veröffentlichte. Mit dem Titel knüpfte Dagen an einen der großen Texte der DDR-Dissident*innen, an, die »Charta 77«. Schon vor acht Jahren nutzte sie das Vokabular der Dissident*innen und stellte sich in deren Tradition, um die neu-rechten Verlage als Opfer einer vermeintlichen Diktatur zu stilisieren. Auf Begeisterung stieß dieser Offene Brief besonders bei Rechtskonservativen und Neu-Rechten, fanden damit doch ihre Narrative einen Weg in die Öffentlichkeit. Einige der damaligen Erstunterzeichner*innen sind auch zu Gast auf Dagens Buchmesse. Im Programm finden sich beispielsweise Veranstaltungen mit Uwe Tellkamp und Jörg Bernig, die in Dagens Verlag publizieren, Michael Klonovsky, Vera Lengsfeld, Matthias Matussek, Cora Stephan oder Alexander Wendt. Auch eine Veranstaltung mit Anja Hermenau als Autorin wird angekündigt, der langjährigen Bundestagsabgeordneten der sächsischen Grünen und ehemaligen Fraktionschefin der bündnisgrünen Landtagsfraktion. Sie war 2015 aus der Partei ausgetreten. Gegenüber dem MDR äußerte sie, dass auf der Buchmesse »meist einfache Konservative« sieht.
Rechte Cancel Culture
Mit Hans-Georg Maaßen und Helmut Roewer stehen zwei ehemalige Leiter von Verfassungsschutzbehörden im Programm, während Roland Tichy von der neu-rechten Zeitschrift »Tichys Einblick« eher das rechtskonservative Spektrum der Messe abbildet. Auch der »Kabarettist« Uwe Steimle darf nicht fehlen. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete der Linken und Querfront Aktivist Diether Dehm dient dem angeblichen Beweis, auch Linke seien dort willkommen. Derweil diskutiert die Vorsitzende der AfD-Delegation im Europäischen Parlament, Irmhild Boßdorf, über rechte Lebenswelten und Ästhetik unter anderem mit einer Vertreterin der IB-nahen Frauenorganisation »Lukreta«. Boßdorf dürfte sich auskennen, schließlich hat ihre Tochter Reinhild die Gruppierung mitgegründet. Und auch der »Compact«-Verlag hatte einen, mittlerweile obligatorischen, Stand mit dem ehemaligen AfD-Funktionär André Poggenburg aufgebaut, von dem aus Paul Klemm Interviews führt. Überraschend kommt auch Alexander Gauland, Ehrenvorsitzender der AfD-Bundestagsfraktion, vorbei und wirbt für sein neues Buch. Der »Sturmzeichen Verlag & Versand« und der »Klosterhaus Verlag« hingegen fehlten trotz vorheriger Ankündigung in Halle. Antifaschistische Recherchen hatten im Vorfeld die geplante Anwesenheit des langjährigen Neonazis und früheren Bundesvorsitzenden der Partei »Die Rechte« Sascha Krolzig mit seinem Verlag und Versand öffentlich gemacht. Vonseiten der Veranstalter*innen hieß es daraufhin fadenscheinig, sie seien »über eine unzulässige Datenmanipulation im Ausstellerportal eines Ausstellers« ins Verzeichnis gelangt. Dazu zählt auch der »Klosterhaus-Verlag« von Margret Nickel, der Schriftführerin der geschichtsrevisionistischen »Gesellschaft für freie Publizistik« (GfP), deren Adresse auch als Postanschrift der GfP dient. Krolzig wetterte anschließend gegen eine »Cancel Culture« von »rechts« und unterstellte Dieter Stein von der JF, er habe mit einer »Hetzkampagne« dafür gesorgt, dass die für die Organisation der Messe zuständige »Impuls GmbH« ihn und Nickel von der Messe ausgeschlossen habe. Auch Nickel schreibt, Stein habe der Idee der Buchmesse geschadet und fragt: »Welche Mächte konnten ihn dazu bringen?« Stein begründet, die Messe dürfe »durch neo-nationalsozialistische Spinner nicht kaputt gemacht werden«, andere hingegen wittern gleich eine Beteiligung des Verfassungsschutzes, um die Szene zu spalten.
Dagen im »Endkampf«
Was klingt wie eine krude Mischung ist ein neues Vernetzungstreffen rechter, neurechter und extrem rechter Akteur*innen und ihrer Verlage. Anders als vergangene Veranstaltungen wie »Zwischentag« an wechselnden Orten oder die »Gegen-Buchmesse« im damaligen Haus der »Identitären Bewegung« in Halle vereint die Messe Verlage und Akteur*innen, die sonst eher nur in kleineren Zirkeln zusammentreffen. Zudem konnte Dagen ihre Veranstaltung mit in der Szene prominenten Persönlichkeiten wie Uwe Tellkamp und Gloria von Thurn und Taxis krönen. Davon sollte auch der Eindruck nicht ablenken, dass sich die Beteiligten vor allem in permanenter Selbstbestätigung gefallen, kein Mainstream zu sein. Roland Tichy resümiert am ersten Abend, es entstehe »der Eindruck, dass sich ein kultureller Gegenentwurf formiert, der über Parolen längst hinaus ist. Hier wird ein Stück Öffentlichkeit zurückerobert«. Nach der Veranstaltung spricht Susanne Dagen von 6.000 Besucher*innen und einem »vollen Erfolg«. Schon jetzt kündigt sie für den 7. und 8. November 2026 eine Fortsetzung in Halle an. Dabei kann sie sich offenbar auf Roland und Beate Zwerenz verlassen, die als »Zwerenz Gruppe« Betreiber der Halle Messe GmbH sind. Ihr war bereits vom Halleschen Oberbürgermeister Dr. Vogt vorgeworfen worden, sie biete »wiederholt Rechtsextremisten eine Plattform«. Erst im Januar 2025 fand hier der Auftakt des Wahlkampfs der AfD für die Bundestagswahl statt. Auch die Messe Gießen, wo der Gründungskongress der neuen AfD-Jugendorganisation stattfindet, gehört zum Firmenverbund der »Zwerenz-Gruppe«. In einem Interview warnt Susanne Dagen unterdessen: »Wir dürfen natürlich nicht davon ausgehen, dass der politische Gegner jetzt aufgibt. (…) Das ist der Endkampf.«