Medien-Start-up, Nachrichten- oder Kampagnenportal?
von Matthias Meisner
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 222 - September | Oktober 2026
#Nius
Manche hielten »Nius« für ein »Nachrichtenportal«, als das Projekt des Ex-Bild-Chefredakteurs Julian Reichelt im Juli 2023 online ging. Doch ziemlich rasch wurde klar: Reichelt und seine Mitstreiter*innen betreiben Kampagnenjournalismus. Und zwar durchaus gefährlicher Art. Denn immer wieder gelingt es »Nius«, Themen auch in demokratischen Parteien und seriösen Medien zu setzen.

»Nius« selbst nennt sich »Medien-Start-up«, »zeitgeistkritisch« und »rechtskonservativ«, stilisiert sich gar hoch zur »Bewegung«. Die Reichweite ist beachtlich: »Nius« selbst gab im Herbst 2025 an, ihr YouTube-Kanal habe zuletzt monatlich rund 20 Millionen Aufrufe erzielt. Erst kürzlich ließ es verlauten, ihre Reels und Beiträge auf ihrem Instagram-Kanal würden mehr als 50 Millionen Aufrufe erzielen. Unabhängig lassen sich diese Zahlen zurzeit nicht überprüfen. Das Medien-Blog Altpapier nennt »Nius« inzwischen »Wut- und Lügenplattform«. Der Trierer Politikwissenschaftler Markus Linden hatte »Nius« bereits im Februar 2024 – gut ein halbes Jahr nach der Gründung – eine »gewisse Radikalisierung« und »postfaktische Darstellungsweisen« bescheinigt. Linden beobachtete damals in einem Interview mit dem Deutschlandfunk eine Doppelstrategie bei »Nius« – einerseits das »Krawallformat« »Achtung, Reichelt!«, andererseits »auch ruhige Gesprächsformate« wie das des ehemaligen Bild-Hauptstadtbüroleiters Ralf Schuler, der ebenfalls zu »Nius« gewechselt ist. Schuler interviewt dort auch »seriöse Politiker«, wie Linden beobachtet. Schuler befragte für »Nius« zum Beispiel Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), Christian Lindner (als er noch FDP-Chef war) sowie den CSU-Vorsitzenden und bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. Mit diesen Interviews werde nicht nur Reichelt »normalisiert«, sagte Linden. Es würden auch rechtsradikale Akteur*innen wie die Niederländerin Eva Vlaardingerbroek oder der ehemalige deutsche Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen »normalisiert, wenn Konservative zu ›Nius‹ gehen und denken, dort gäbe es irgendwas zu gewinnen«. Schuler selbst hat indes auch mit der extremen Rechten keine Berührungsängste: Im November 2025 ließ er sich für ein Podium auf der rechten Buchmesse »Seitenwechsel« in Halle (Saale) verpflichten. Auf derselben Veranstaltung trat auch Götz Kubitschek auf, ein Vordenker der »Neuen Rechten«.
Mit guten Verbindungen
Im Sommer 2024 rechtfertigte der damalige FDP-Vorsitzende Lindner sein Interview mit »Nius« damit, er habe auch schon mit der taz gesprochen. Die taz-Chefredaktion schrieb damals an Lindner: »Wir möchten höflich darauf hinweisen, dass die taz – im Gegensatz zu ›Nius‹ – ein journalistisches Medium ist, das nach presseethischen Grundsätzen arbeitet.« Gefördert wird »Nius« vom Multimillionär Frank Gotthardt, der sein Vermögen mit Software für Arztpraxen gemacht hat. Er sagt, das Medium »rechts der Mitte« sei für ihn eine »mediale, kaufmännische und staatsbürgerliche Chance«. Das Online-Portal t-online beschrieb im Februar 2023 Verbindungen von CDU-Politikern zu Gotthardt. Ein Beispiel: Der »Nius«-Geldgeber war Vorsitzender der Lobbyorganisation »Wirtschaftsrat« der CDU in Rheinland-Pfalz, als die heutige Bundestagspräsidentin Julia Klöckner eben dort Landeschefin der CDU war. Als Gotthardt 2014 in Koblenz mit einem Marketing-Preis ausgezeichnet wurde, hielt Klöckner die Laudatio. Sie sagte damals: »Sachverstand, Ideen und der konsequente Mut, diese umzusetzen – das zeichnet Frank Gotthardt aus.« In dem Artikel auf t-online wird Klöckner »Weggefährtin« von Gotthardt genannt. Sie stehe mit ihm »in engem Kontakt«, schrieb das Portal kurz vor der Gründung von »Nius«. Im Sommer 2025 unterstrich Klöckner diese Verbindung, als sie bei einem Empfang der CDU Koblenz in den Räumen von Gotthardts Firmengruppe auftrat – und, ähnlich wie zuvor Christian Lindner, »Nius« und die taz verglich. Im März 2025 schrieb taz-Chefredakteurin Ulrike Winkelmann über »Nius«: »Werbung für die AfD findet sich eher indirekt, etwa wenn die Brandmauer zwischen Union und AfD als ›überholt‹ beschrieben wird.« Doch zeichne sich bereits ab, wie »Nius« die neue Bundesregierung bald vor sich hertreiben werde. »Friedrich Merz als Kanzlerkandidat und seine Union waren kurzsichtig genug, einen Anti-Asyl-Wahlkampf mit rechtspopulistischen Erwartungen zu betreiben. Genau daran werden sie von ›Nius‹ und dessen Konsument*innen nun gemessen werden.«
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»Kein neutraler Akteur«
Zu diesem Zeitpunkt hatte »Nius« eine andere seiner zahlreichen Kampagnen bereits gestartet – gegen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie die Omas gegen Rechts. »Zentrale Akteure« des »linken Lagers«, das »seinen Hass« auf die Straße trage, würden seit Jahren von Steuergeldern profitieren, »die ihnen die Bundesregierung zuschustert«, schrieb »Nius«, nachdem Zehntausende in ganz Deutschland gegen die gemeinsame Bundestagsabstimmung von CDU/CSU und AfD zum »Zustrombegrenzungsgesetz« protestiert hatten. Die Bild schrieb damals die Geschichte weitgehend ab. Die CDU Leipzig postete wahrheitswidrig auf Instagram: »Demos gegen die CDU mit Steuergeldern finanziert.« Kurz nach der Bundestagswahl stellte die CDU/CSU-Bundestagsfraktion ihre Kleine Anfrage mit 551 Fragen zur »politischen Neutralität staatlich geförderter Institutionen«, mit der Friedrich Merz neben den Omas gegen Rechts auch Vereine wie Campact oder Greenpeace mundtot machen wollte. Wieder hatte »Nius« ein Thema gesetzt. Und das auch, weil einige etablierte Medien offenbar nicht angemessen nachprüfen und einordnen. Im Juli 2025 analysierte Belltower News – ein Portal der Amadeu-Antonio-Stiftung –, wie »Nius« die Diskussionen um zivilgesellschaftliche Organisationen weiter vorantreibt: In einem Video entwerfe Reichelt »ein Zerrbild der Realität und markiert NGOs als ›Schattenregierung‹, die linke Narrative im Auftrag der Politik verbreite – bezahlt mit Steuergeldern«, hieß es. »Menschenrechtsgruppen, Umweltverbände und weitere werden nicht als demokratischer Stützpfeiler betrachtet, sondern als Bedrohung. Diese Sichtweise gefährdet das Fundament offener Gesellschaften.« Auch der Soziologe und Rechtsextremismusforscher Matthias Quent lässt »Nius« die Inszenierung als »modernes Nachrichtenportal«, das angeblich unterdrückte Perspektiven sichtbar macht, nicht durchgehen. Er sagt: »Die Plattform arbeitet mit einem Mix aus emotionaler Zuspitzung, selektiver Empörung und vermeintlich investigativer Haltung, ohne journalistische Standards systematisch einzuhalten.« Auffällig sei die Konzentration auf Themen, die Misstrauen gegenüber etablierten Institutionen, öffentlich-rechtlichen Medien und pluralistischer Gesellschaft säten. »›Nius‹ ist kein neu-traler Akteur im medialen Feld, sondern Teil eines neuen rechten Medienökosystems, das politische Macht gewinnen will.«
Größere Aufmerksamkeit hatte »Nius« im Sommer 2025 bekommen: An den Angriffen auf die von der SPD vorgeschlagene designierte Verfassungsrichterin Frauke Brosius-Gersdorf war das Portal an vorderer Front beteiligt. Als eines der ersten Pa-rallelmedien verbreitete »Nius« Anfang Juli 2025 massive Diffamierungen und Vorwürfe – zunächst mit anonymen Stimmen aus der Unionsfraktion gegen den vermeintlichen »Aktivistenduktus« der renommierten Juristin. Das Portal prangerte sie als Befürworterin eines AfD-Verbots an und behauptete fälschlich, als »radikale Feministin« befürworte Brosius-Gersdorf »Abtreibungen bis zum Ende der Schwangerschaft«. Sie sei, so sagte es Julian Reichelt wörtlich, eine »Richterin des Grauens«. In einer Auswertung des Beratungsnetzwerks Polisphere heißt es zur Kampagne gegen Brosius-Gersdorf: »Vor allem ›Nius‹ war sehr aktiv. (…) In den letzten Tagen vor der Wahl wurde die Debatte dann auch zunehmend von Qualitätsmedien aufgenommen.« Als die Wahl der Richterin gestoppt war, jubilierte Reichelt: »Man hat nicht erkannt, dass es eben neue Medien gibt, die das Spiel des politisch-medialen Komplexes nicht mitmachen.«
Stimmungsmache
Die gescheiterte Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf ist nur ein Beispiel für die Masche von »Nius«: Immer wieder gelingt es dem Portal, mit Falschbehauptungen die Stimmung zu beeinflussen, gemeinsam mit anderen rechtsradikalen Parallelmedien, der Plattform X, der AfD und dem rechten Rand der Unionsparteien. Justus von Daniels, Chefredakteur von Correctiv, schrieb im Juli 2025: »Wenn man eine Person beschädigen möchte, braucht es nicht viel mehr als Medien, die von einer Gerüchte-Spirale leben sowie diejenigen, die das weiterverbreiten und in Interviews wiederkäuen.« »Nius« ziele darauf ab, eine neue mediale Öffentlichkeit zu schaffen und verstehe sich als grundsätzlicher Gegenentwurf zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk und dem »politisch-medialen Komplex« (Zitat Reichelt), sagte Polisphere-Geschäftsführer Philipp Sälhoff. »Das Portal beschwört hier also einen medialen Systemkonflikt herauf und trägt ihn auch direkt aus.« Die Publizistin Carolin Emcke sah in der Causa Brosius-Gersdorf keinen »Richter-«, sondern einen »Diffamierungs-Eklat«. Sie postete auf der Social-Media-Plattform BlueSky: »Es ist das Zerstören von Menschen, Frauen vor allem, durch Fundamentalisten, digitalen Mob und deren medial-politische Komplizen. Es sind Angriffe auf Wahrheit und Anstand – und alle, die sich daran beteiligen, wissen das.« Die Feministin Kristina Lunz schrieb auf LinkedIn zur Kampagne unter maßgeblicher »Nius«-Beteiligung, »Opfer digitaler Hetzjagden« würden ein »Gefühl völliger Isolation und Machtlosigkeit« erleben: »Das Urteil scheint längst gefällt, die öffentliche Exekution folgt durch Diffamierung, Drohungen und soziale Ächtung. Diese Prozesse sind kein Zufall, sondern folgen der Logik der Aufmerksamkeitsökonomie. Digitale Plattformen belohnen Empörung, Polarisierung und Eskalation – je radikaler die Anschuldigungen, desto größer die Reichweite. Hinzu kommt: Geschlecht.« Die österreichische Buchautorin Ingrid Brodnig, die sich seit Jahren mit Fake News beschäftigt, kritisierte in einem Podcast für das Medienmagazin Übermedien, der Drall, der von der »hochpartei-ischen« und »rechtspopulistischen Krawallseite« angestoßenen Online-Kampagne ausgehe, habe nicht nur Politikerinnen und Politiker am rechten Rand der Unionsparteien erreicht. Der Fall »Nius« zeige auch, »wie rechte Kampagnen in den klassischen Journalismus überschwappen«. Mit »vielen falschen Behauptungen« und »heißer Luft« sei ein Feindbild aufgebaut worden: »Solche Kampagnen können jeden von uns kaputtschießen, der nicht stramm rechts steht oder der AfD genehm ist.«