»Ob Sammlung, Nachlass oder Einzelstück«

von Marcus Lange
Magazin "der rechte rand" Ausgabe 166 - Mai 2017

Buch-Antiquariate aus der extremen Rechten verbreiten neben Literatur aus der Szene oft auch historische NS-Werke und sind zugleich eine Einnahmequelle für rechte AktivistInnen.

Unter seinen früheren GesinnungsgenossInnen hatte der ehemalige NPD-Chef auch drei Jahre nach seinem Rücktritt noch einen hohen Marktwert: 100 Euro verlangte Ende 2015 das Antiquariat »Volksschriften« für ein Erinnerungsbuch, das Holger Apfel einige Jahre zuvor als Auftragsarbeit zum 35-jährigen Bestehen der Partei zusammengestellt hatte. »Alles Große steht im Sturm«, so der Buchtitel, sei »selten und gesucht«, rechtfertigte der Verkäufer den üppigen Preis. Seine genauen Marktkenntnisse kamen nicht von ungefähr. Denn der Betreiber des Antiquariats mit Sitz in Gröditz (Sachsen), Matthias Beier, war nicht nur NPD-Funktionärskollege von Apfel. In den vergangenen Jahren hat er sich zudem als Dienstleister der extrem rechten Szene etabliert und verbindet weltanschauliche Überzeugungen mit kommerziellen Interessen. So empfahl der 32-Jährige in seinem Antiquariatskatalog betagten GesinnungsgenossInnen, bei Zeiten ihren Nachlass mit ihm zu regeln. Da angesichts der »kultur- und geistlosen Zeit« die eigentlichen ErbInnen zumeist »perfekt abgerichtete Probanten (sic!) der Umerziehungspädagogik« seien, zumindest aber »Uninteressierte oder gar vollends auf Konsum ausgerichtete Wohlstandsbürger«, stünden viele vor der Frage, was mit »seit Jahrzehnten gesammelten Büchern, Zeitschriften und sonstigen politisch-weltanschaulichen Gegenständen« geschehen solle. Um diese vor »Vernichtung und Entsorgung« zu bewahren, diente sich Beier als uneigennütziger Ansprechpartner einer »sinnvollen weiteren Benutzung« an. Ein Teil davon, erklärte er, sollte »Gruppen der nationalen Jugendarbeit übereignet«, der vermutlich lukrative Rest dagegen veräußert werden, um die weitere politische Arbeit zu finanzieren. Die Erlöse, versprach Beier, kämen »der Arbeit unseres unabhängigen Verlages zugute«. Das Interesse jüngerer KameradInnen an angestaubten Schriften scheint verhalten geblieben zu sein. Beier jedenfalls hat seinen Ausflug in die Welt des antiquarischen Buches inzwischen wieder beendet. Die frühere Website ist mittlerweile abgeklemmt. Unter der vielsagenden Bezeichnung »Label 33« (Motto: »Was war, kommt wieder«) konzentriert er sich stattdessen auf den Vertrieb von Szenekleidung (»Nationaler Sozialist«) und Schriften seines Verlages »Libergraphix«. Zu dessen StammautorInnen zählt unter anderem der Geschichtsrevisionist Wolfgang Hackert, dessen Machwerke »Die jüdische Epoche – Ordo ab chao« und »Antigermanismus, Globalismus, Multikulti – Gestern und heute« durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert worden sind.

Magazin der rechte rand Ausgabe 166

Uwe Meenen (links) bei einer NPD-Kundgebung
© Christian Ditsch

»Zu wissenschaftlichen Zwecken«
Beier ist nicht der einzige Anbieter mit einschlägigen Kontakten. Wer auf den bekannten Verkaufsportalen im Internet, wie etwa »Booklooker« oder dem »Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher«, recherchiert, stößt schnell auf eine Reihe mehr oder minder professionell betriebener Antiquariate, deren InhaberInnen eng mit der extremen Rechten, insbesondere der NPD, verbunden sind. Nicht selten trägt der Handel dazu bei, politische Aktivitäten zu finanzieren. Von Lippstadt (Nordrhein-Westfalen) aus betreibt beispielsweise Holger Steinbiß seine Geschäfte. Der ehemalige Bundestagskandidat der NPD im Wahlkreis Unna I führt dort seit Januar 2009 das »Antiquariat Am Hellweg«. Er fühle sich »der Geschichtsforschung verpflichtet« und biete »zu Forschungs- und Sammlerzwecken vornehmlich Schriften mit politisch-geschichtlichen Themen aus allen Epochen der deutschen Geschichte an«, heißt es in einer Selbstdarstellung. Schriften aus der NS-Zeit würden ausschließlich »zur staatsbürgerlichen Aufklärung« oder »wissenschaftlichen Zwecken verkauft«. Zu den »seltenen und wertvollen Einzeltiteln«, die so eineN neueN BesitzerIn finden sollen, gehört derzeit ein Original der SS-Dienstaltersliste (»extrem selten«) für 2.280 Euro. Für die antisemitische Hetzschrift »Trau keinem Fuchs auf grüner Heide« aus dem »Stürmer-Verlag«, vor einiger Zeit für 1.780 Euro zu haben, fand sich offensichtlich inzwischen einE AbnehmerIn. Im Kreis von KameradInnen zeigt sich Inhaber Steinbiß allerdings entgegenkommender. Dem zeitweiligen Mitarbeiter der NPD-Landtagsfraktion in Mecklenburg-Vorpommern, Eric Kaden, überließ er für eine glorifizierende Biografie über den SS-Schriftsteller Kurt Eggers Materialien, die »in keiner Bibliothek zu finden waren«, wie dieser sich bedankte. Ergänzt wird sein Angebot durch »repräsentative und interessante historische Gegenstände wie Militaria und Porzellan«, für die Steinbiß KundInnen auch auf Waffenbörsen sucht, etwa im November 2010 in Kassel. Aus Beständen der NVA bot er zeitweise zudem Panzerplatten für schusssichere Westen an.

»Jedem das Seine«
Auch auf den umtriebigen NPD-Funktionär Uwe Meenen stößt man im antiquarischen Buchhandel. Der gelernte Sozialversicherungsfachangestellte und Verlagskaufmann verdingt sich seit Ende der 1980er Jahre auf vielen Posten und an vielen Orten für die Partei – zunächst in Bayern, wo er in einem Machtkampf um den Landesvorsitz mit dem Nürnberger Stadtrat Ralf Ollert scheiterte, kurzzeitig als Geschäftsführer des Parteiverlags »Deutsche Stimme« in Riesa und jetzt in Berlin. Dem dortigen Landesverband steht der 52-Jährige nach einer vorübergehenden Auszeit seit Herbst 2016 erneut vor. Als »Amtsleiter Politik« saß er zeitweise auch im Präsidium der Bundespartei. Meenen gehört zu den engsten Vertrauten des Europaabgeordneten Udo Voigt, als dessen »Wissenschaftlicher Referent« er ihm derzeit zuarbeitet. Unter dem Firmennamen »Suum cuique« (»Jedem das Seine«) vertreibt er antiquarische Bücher. Als Inhaber des Unternehmens wird der »Fränkische Kulturbund« genannt, der unter anderem über das Parteihaus der NPD in der Seelenbinderstraße in Treptow zu erreichen ist. Ins Vereinsregister eingetragen wurde der Verein 2005 in Würzburg. Zu dieser Zeit eröffnete der »Fränkische Kulturbund« ebendort ein Ladenlokal, in dem Meenen für kurze Zeit die Geschäfte führte. Nach seinem Umzug nach Berlin übernahm er dann 2012 selbst den Vorsitz des Vereins. Ihm zur Seite stehen der Brandenburger NPD-Vorsitzende Klaus Beier und die Publizistin Angelika Willig, die nach einigen Jahren als Redakteurin der »Jungen Freiheit« inzwischen für zahlreiche extrem rechte Zeitschriften tätig ist. An seine erfolglose Zeit als Geschäftsführer in Riesa erinnert im Antiquariatsangebot ein Konvolut der seit 2001 jährlich mit einem Umfang von rund 100 Seiten veröffentlichten »Verlagsempfehlungen«. 120 Euro verlangt Meenen für zwölf Hefte, die, wie es in der Beschreibung heißt, Auskunft darüber geben, »was in der ansonsten hermetisch abgeschirmten nationalen Szene vor sich geht« – allerdings nur »gegen Altersnachweis« und ausschließlich »zu wissenschaftlichen Zwecken«.

Gegen die »Zersetzungsarbeit«
Eine enge Verbindung zur Szene weist auch das »Lesmal-Versandantiquariat« in Hohenthurm, einem Ortsteil der Stadt Landsberg im Saalekreis (Sachsen-Anhalt), auf. Betreiber Christian Schaar war viele Jahre in der »Jungen Landsmannschaft Ostpreußen« in Baden-Württemberg aktiv und, nachdem sich die Landsmannschaft von ihrem Nachwuchs getrennt hatte, Bundesvorsitzender der »Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland«. In dieser Zeit verlegte er seinen Aktionsradius nach Sachsen-Anhalt. Im Landkreis Mansfeld-Südharz erwarb er eine Immobilie, die zugleich als Treffpunkt seiner GesinnungsgenossInnen genutzt wurde. In seinem Antiquariatsangebot findet sich nicht nur allerlei einschlägige Literatur, sondern gleich mehrfach auch die Szeneschrift »Neue Wege« von Steffen Hupka. Der gelernte Tischler, im Umfeld militanter Neonaziorganisationen radikalisiert und einschlägig verurteilt, blickt darin auf seine »Erfahrungen und Lehren aus 20 Jahren vergeblichem politischem Einsatz« zurück und entwickelt »Ideen zu einem anderen Kampf«. Wie dieser aussehen könnte, darüber können beide im vertraulichen Gespräch diskutieren. Denn über die Anschrift von Schaars Antiquariat wickelt auch Hupka seine Geschäfte ab. E-Mail und Telefonnummer des Unternehmens nutzen zudem weitere Aktivisten für ihre Geschäfte. Ein »Th. Hupka«, der sich als »junger Historiker« ausgibt, sucht per Kleinanzeigen in Zeitungen im Ausland »Briefumschläge und Postkarten mit Briefmarken und Briefmarkensammlungen (vor 1945)« sowie »alte deutsche Bücher«. Und Angelika Schellhase bietet seit geraumer Zeit über Ebay ein Fachwerkhaus in Timmenrode in Landkreis Quedlinburg an. Die 56-Jährige ist zugleich Vorsitzende des seit 2003 bestehenden »Deutschen Kulturvereins«, der seinen Sitz zunächst in Trebnitz hatte und dessen Website auf Richard Hupka eingetragen ist. Mit Volkstanz und Vorträgen wolle er, heißt es in einer Selbstdarstellung, insbesondere der »Zersetzungsarbeit« der »Feinde der deutschen Kultur« entgegenwirken, die »den Glauben an die rassische und völkische Gebundenheit und damit an die zeitliche Unvergänglichkeit der deutschen Kultur beseitigen« wollten. Finanziert wird dieses völkisch-rassische Programm nach eigenen Angaben »fast ausschließlich aus Spenden« und »zum kleinen Teil aus Fördermitteln«. Einen Anteil daran dürfte zeitweise auch der Handel mit gebrauchten Büchern geleistet haben, den Schellhase über ein Vereinsantiquariat von Wittenberg aus organisierte.

»Wir verwerten Ihre Bücher«
In den Handel mit antiquarischen Büchern ist zudem der NPD-Funktionär Patrick Wieschke eingestiegen. »Ob Sammlung, Nachlaß (sic!) oder Einzelstück: Wir verwerten Ihre Bücher«, warb der aktenkundige Gewalttäter im Januar 2017 unter den LeserInnen im NPD-Parteiorgan »Deutsche Stimme«, die »alles anbieten« sollten. Gefragt seien »Buchspenden«, aber auch »Einzelstücke, Konvolute oder ganze Sammlungen« zum Ankauf. Als Anschrift nennt sein »Versandantiquariat Zeitgenoss« die Adresse des »Flieder Volkshaus« in Eisenach, ein Treff- und Sammelpunkt der extremen Rechten in der Region. So haben dort der Thüringer Landesverband der NPD (Vorsitzender 2012 bis 2014: Patrick Wieschke), die Fraktion der Partei im Stadtrat (Fraktionsvorsitzender: Patrick Wieschke) und die Redaktion des »Wartburgkreis Boten« (Herausgeber: Patrick Wieschke) ihren Sitz. Gegenüber möglichen Kunden sollen solche Verbindungen allerdings offensichtlich verdeckt werden. Denn im Impressum des »Zeitgenoss« nennt Wieschke nur seinen zweiten Vornamen »David«. Einschlägig ist dagegen sein Angebot mit Originalschriften aus der NS-Zeit und Machwerken des bundesdeutschen Geschichtsrevisionismus, die »zu Forschungs- und Sammlerzwecken« zum Verkauf stehen: Hitlers »Mein Kampf« in einer der zahlreichen Hochzeitsausgaben gibt es derzeit gleich zweimal »dauerhaft reduziert« zum Einzelpreis von 160 Euro. Zum gleichen Betrag sucht auch eine Sammlung von 43 Heften der Schriftenreihe »Historische Tatsachen«, die der NPD-Funktionär Udo Walendy seit Mitte der 1970er Jahre im »Verlag für Volkstum und Zeitgeschichtsforschung« fabrizierte, eineN AbnehmerIn. In der NPD ist der 35-Jährige, der nach unrühmlichen Enthüllungen über seine Person Anfang 2015 nicht erneut für den Landesvorsitz der Thüringer NPD kandidiert hatte, neuerdings wieder eine feste Größe: Anfang Februar nominierten seine KameradInnen ihn zum Direktkandidaten im Wahlkreis Eisenach-Wartburgkreis-Unstrut-Hainich-Kreis für die Bundestagswahlen im September 2017.