»Es geht um viel Größeres«

Nina Rink im Interview mit Mika Kaiyam
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 220 - Mai / Juni 2026

Wie erlebt die migrantische Community in Sachsen-Anhalt das Land kurz vor der Wahl und wie bereiten sich die Organisationen auf einen möglichen Wahlsieg der AfD vor? Nina Rink hat für der rechte Rand mit Mika Kaiyama, stellvertretende Geschäftsführerin des Verbands LAMSA e. V. gesprochen.

Antifa Magazin der rechte rand
Mika Kaiyama

drr: Was ist LAMSA e. V. und was sind die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?
Mika Kaiyama: Das »Landesnetzwerk Migrantenorganisation Sachsen-Anhalt« wurde 2008 in Dessau gegründet. Damals sind 40 Migrantenorganisationen zusammengekommen, von Anfang an ethnienübergreifend, um die migrantische Verbandsarbeit zu professionalisieren. Und nach sechs Jahren haben wir beschlossen, einen Verein zu gründen. So haben wir seit 2014 den Anspruch, als Dachverband der Migrantenorganisationen in Sachsen-Anhalt zu agieren mit dem zentralen Ziel, die Interessen der migrantischen Communities zu vertreten und gegenüber den politischen und behördlichen Einrichtungen ansprechbar zu sein. Das war damals einmalig in der gesamten Bundesrepublik mit dieser großen Vielfalt von Sprachen, Herkünften und Religionen. Mittlerweile haben wir 120 Mitgliederorganisationen und Fördermitglieder.

Warum einmalig?
Das hat einen historischen Hintergrund. Bei uns war es anders als in den alten Bundesländern, wo Migrationsarbeit eine lange Geschichte hat, die in den 1960er Jahren mit der sogenannten Gastarbeiterschaft begonnen hat. Da gibt es feste Strukturen und Angebote auf der lokalen, aber auch auf Landes- bis hin zur Bundesebene. Die sind aber größtenteils monokulturell organisiert, eine vertikale Struktur entlang der Herkunftsgruppen. Das hatten wir uns nach der Wiedervereinigung angeschaut, aber wir haben darin keine politischen und gesellschaftlichen Chancen gesehen, denn bis heute ist der Anteil migrantischer Personen in Ostdeutschland marginal. Es war ein Experiment, alle zusammenzubringen. Wir waren Pioniere darin, einen ethnienübergreifenden Dachverband zu gründen.

Wie hat sich die Stimmung im Land gegenüber migrantisierten Personen und Organisationen aus Ihrer Perspektive in den Jahren seit der Gründung verändert?
Einige Jahre nach der Vereinsgründung gab es die Migrationsbewegung 2015/2016. Diese anfängliche Euphorie für ehrenamtliche Unterstützung, an der migrantische Organisationen auch stark beteiligt waren, hat sich nach und nach in kritische Betrachtung geändert. 2016 ist die AfD erstmals – mit hohen Stimmwerten von knapp 25 Prozent – in den Landtag eingezogen. Das hat die politische Debattenkultur sehr stark verändert: in den Vokabeln, in der Sprachanwendung und auch der Umgang mit Andersartigkeit wurde im Hohen Haus stark verändert. Das hatte natürlich Auswirkungen. Sprache verändert auch Denken. Und mit dieser migrationsfeindlichen Sprache und dem Umgang in der Gesellschaft steigen auch die Opferzahlen, die Gewalt, die Anfeindung gegen migrantisierte Personengruppen. Das kennen viele aus unserer Community aus der Zeit, bevor wir einen Verband gegründet haben. Viele Organisationen arbeiteten ja schon in den 1990er-Jahren, in denen sie die Baseballschläger-Jahre erlebt haben. Rassismus und rechte Gewalt sind für die Community immer schon ein Alltagsproblem gewesen. Und die Rassismusdebatten ziehen sich von den 1990er-Jahren bis heute. Nicht zuletzt die Migrationsbewegung 2015/2016 und 2022 der Ausbruch des Ukraine-Kriegs geben das Gefühl, in einer Ausnahmesituation, in einer Krisengesellschaft zu leben; und die Gesellschaft verändert sich durch diese Unsicherheiten. Wir erleben eine Fokussierung auf die migrationspolitischen Debatten, Migration als Feindbild Nummer Eins der sozialen Probleme. Die Aussagen kommen nicht nur von der AfD, der Satz »Migration ist die Mutter aller Probleme« kam ja aus der sogenannten politischen Mitte. Und das ist eine vehemente Verschlechterung der Lebenslage migrantischer Personen. Rassismus ist eine lebensbedrohliche Realität in Sachsen-Anhalt.

Das Thema Migration ist das umfangreichste Kapitel im AfD-Regierungsprogramm. Da wird deutlich, wo der Schwerpunkt liegt. Gibt es Forderungen, die darin besonders hervorstechen oder ist es eher das Gesamtpaket?
Ich würde es als Gesamtpaket anschauen wollen. Wie erwartet, hat Migration große Anteile. Und ob das ein Remigrationsplan ist oder eine Asylrechtsveränderung – da stehen sehr viele Dinge in dem Papier, die aber keine Landesthemen sind. Da werden ganz unterschiedliche Themen reingeworfen, die die AfD als Partei im Landtag gar nicht behandeln kann. Ich weiß nicht, ob diese Vermengung von Kompetenzbereichen von Landes- und Bundestag ein Unwissen von den wählenden Bürger*innen voraussetzt – oder ist es eine gezielte Strategie? Als wählende Person sollten wir doch unterscheiden: Sie können zwar darüber reden, aber was können sie wirklich umsetzen? Wenn man danach schaut, verdünnt sich das Papier automatisch.

Sehen Sie Bezugnahmen oder Forderungen, die auch von anderen Parteien aufgegriffen werden?
Ja, beispielsweise die Rückführung von bestimmten Personengruppen oder aus bestimmten Herkunftsländern. Die Herkunftsfrage wird als Problem angesprochen und wie sich die jeweiligen Parteien die Abschiebepolitik vorstellen. Das im Rahmen des Landtagswahlkampfs, das gehört nicht zur Kompetenz der Landesparteien und das wird nicht im Landtag entschieden. Im Wahlkampf muss klar unterschieden werden, wenn Bundes-themen eingebracht und so dargestellt werden, als könnten sie die Lösung herbeiführen.

Was würden Sie sich stattdessen wünschen?
Wir haben genug Probleme, die wir im Land lösen könnten. Und da möchte ich wirklich Antworten haben: Bildung ist Landes-thema. Bildungschancen für unterschiedliche Personengruppen: Wo gibt es Hindernisse? Inklusionsthematik: Wie kann man die Schullandschaft optimieren? Wie kann man Unterrichtsausfall verhindern? Wie kann man Fachkräfte, beispielsweise Lehrer*innen, ins Land holen und halten? Solche Themen müssen diskutiert werden. Man darf sich durch so eine Stimmungsmache nicht irritieren lassen.

In Hinblick auf die Umfragewerte: Die AfD liegt gerade bei etwa 40 Prozent und möchte den Ministerpräsidenten stellen. Wie bereiten Sie sich auf dieses Szenario vor und was erwarten Sie im Hinblick auf Ihre Organisation?
Zweierlei. Einerseits: Der Worst Case, davon wird ja überall gesprochen. Also, die AfD stellt den Ministerpräsidenten. Aber eine andere Variante, die wir uns vor Augen halten wollen, ist eine Minderheitsregierung mit oder ohne Beteiligung der Linken. Welche Partnerschaften sind möglich? Wo positionieren sich andere demokratische Parteien? Ist ein Bündnis der Mitte möglich, um diesen 40 Prozent der Stimmen einen demokratischen Gegenpart entgegenzusetzen? Das ist, glaube ich, die wichtigere Frage. Und andererseits müssen wir realistisch sehen: Jetzt schon steht die Demokratieförderung sehr stark unter Druck und somit – ob die AfD dabei ist oder nicht – erwarten wir eine starke Kürzung. Vor allem von Demokratieprojekten, Demokratie-Playern vor Ort, die in den letzten Jahren so mühsam aufgebaut und vernetzt worden sind. Da müssen wir hinschauen: Was fehlt dann? Die kritische Beobachtung der Politik zu übernehmen, ist unsere Ur-Aufgabe als Zivilgesellschaft, als Bürger*innen. Und wenn das abhanden kommt, dann könnte tatsächlich eine Lawine entstehen. Da geht es nicht nur um Migration. Es geht um viel Größeres, was jetzt tatsächlich in Gefahr ist.

Was sehen Sie in Gefahr?
Die Grundwerte der Demokratie wie Menschenwürde, Menschenrechte und Freiheiten von Presse und Justiz. Auch die Kulturen, die Kirchen, die Religionen. Das ist alles Ausdruck unserer Freiheiten, die wir jeden Tag als selbstverständlichen Teil von Demokratie und des Rechtsstaats genießen dürfen. Die werden ganz schnell massiv gefährdet sein. Es geht überhaupt nicht um uns! Wir sind vielleicht die Ersten, die betroffen erscheinen. 75 Prozent der migrantisierten Personen würden Sachsen-Anhalt verlassen. Es geht nicht um Fachkräfte. Es geht nicht um Migrantinnen und Migranten. Es geht nicht um BIPoC (Black, Indigenous and People of Color). Sondern es geht um das Ganze und das muss man wirklich vor Augen halten!

Wie bereiten Sie sich konkret in Ihren Strukturen darauf vor?
Wir sind stetig in vernetzender Arbeit und auf der Suche nach unterstützenden Strukturen. Wie könnte diese Struktur mit zivilgesellschaftlichen Partnern fortgesetzt werden? Um diese marginalisierten Perspektiven in Austausch zu bringen, haben wir mittlerweile eine institutionelle Förderung des Landes. Das wird sicherlich infrage gestellt und weitere Projekte könnten auch zum Opfer fallen. Da brauchen wir eine Kommunikationsstruktur, um zumindest eine minimale Austauschmöglichkeit von verschiedenen Betroffenenperspektiven und mit zivilgesellschaftlichen Partner*innen zu ermöglichen. Wir sammeln Spenden und versuchen, uns in privaten Stiftungen Unterstützung zu holen.

Was müsste passieren, den Einfluss der AfD einzuschränken und die Debatte wieder zu verändern?
Emotionale oder unsachliche Debatten haben ja Quellen. Das kommt nicht von heute auf morgen und hat eine Geschichte. Wir sind nicht sicher, ob die Demokratiegefährdung, die gerade vor der Tür steht, den Bürgerinnen und Bürgern bewusst ist. Darauf gilt es aufmerksam zu machen. Dafür gehen wir tatsächlich von Tür zu Tür. Diese Gespräche haben wir organisiert und durch Spendengelder umgesetzt. Wir führen ganz niedrigschwellige Einzelgespräche über die Türschwellen und hören die Menschen an. Wir fragen, was sie bewegt und wollen ihnen natürlich auch unsere Themen ans Herz legen: Was bedeutet es, Vielfalt und Fachkräfte und die bürgerliche Mitte zu verlieren? Das könnte ganz emotional werden. Jede Stimme spiegelt eine breite biografische Vielfalt. Es geht nicht darum, die Menschen zu überreden oder zu überzeugen, sondern einander wieder zuzuhören. Wie geht es den Bürgerinnen und Bürgern in Sachsen-Anhalt? Und verstehen zu wollen, vielleicht einen anderen Blickwinkel aufzuzeigen. Das ist ein kleiner Schritt. Und trotzdem ist das für uns ganz wichtig, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Das ist eine Basis für Zusammenhalt.

Welche Themen möchten Sie jetzt noch in den wenigen Monaten vor der Wahl setzen?
Unser zentrales Ziel ist Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben und dafür steht ein zentraler Wert: Menschenwürde. Das ist ein wichtiges Schlagwort für uns und unsere Mitgliedsorganisationen, das uns verbindet. Wir sind von Japan bis Burkina Faso ganz unterschiedliche Personengruppen in einem Verband. Und was uns bis jetzt zusammengehalten hat – was nicht selbstverständlich ist –, ist eine gemeinsame Wertevorstellung, nämlich die Menschenwürde zu beachten und miteinander wachsam zu sein. Und das ist auch unsere wichtigste Forderung an die wählende Person und die Parteien. Weil daraus folgen viele andere Thematiken, ob das Arbeitsmarkt und Fachkräftegewinnung ist oder Willkommenskultur oder Bildungschancen für alle. Alles kommt immer wieder auf die Menschenwürde zurück. Wenn diese nicht gewährleistet ist, dann funktioniert gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht und es entstehen Spaltungen und gegenseitige Anfeindungen. Noch ein wichtiges Thema für uns: Transkulturalität, nicht Interkulturalität. In dem Sinne, dass Kulturen lebendig und dynamisch und veränderbar sind und zusammenkommen und die Grenzen verschmelzen lassen. Wir erleben in unserer Verbandsarbeit, dass wir dadurch einen großen Lerneffekt voneinander haben und neue Energien und Ressourcen daraus entstehen. Das wünschen wir auch der Gesamtgesellschaft.

Welche Unterstützung bräuchten Sie dafür?
Eine gemeinsame parteiübergreifende Zusammenarbeit. Es geht nicht mehr um parteipolitische Ideologien. Sondern um zentrale Werte, die uns verbinden können und gleichzeitig eine Notwendigkeit sind, um ein demokratisches Land Sachsen-Anhalt erhalten zu können.

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LAMSA e. V.
© Konstantin Wiederkehr

Haben Sie noch ein abschließendes Wort an die Leser*innen?
Derzeit läuft unsere Vielfaltskampagne mit Obstsorten, die man auf der Webseite mundaufmachen.info sehen kann. Wir haben schon öfter Kampagnen gemacht gegen Rassismus. Das ist eine ganz kleine Minderheitsperspektive in den ostdeutschen Ländern, aber essenziell. Für die Demokratie. Minderheitenschutz und eine Entfaltung der Vielfalt muss auf Augenhöhe passieren. Das ist nicht nur für Minderheiten, sondern für die Mehrheitsgesellschaft ein sehr wichtiges Element, weil wir aufgrund der Verfassung migrantische Personen schützen. Wir schätzen das Grundgesetz und was dort steht. Es ist eine großartige Literatur für Humanität und das sollten wir oder vielmehr die wählenden Menschen nicht aufgeben. Ich selbst bin nicht wahlberechtigt. Ich habe keine Stimme, mit der ich diese Wahl beeinflussen kann. Aber was die Bürgerinnen und Bürger hier tun können ist, ihre eigene Verfassung zu schützen.

Vielen Dank für das Gespräch!

»»» Positive Visionen für Sachsen-Anhalt #NoAfDMit Blick auf die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt haben wir Interviews geführt. Das erste in der #AntifaMagazin Ausgabe 219 mit dem Bündnis Solidarisches #Magdeburgwww.der-rechte-rand.de/archive/1341…

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