Positive Visionen für Sachsen-Anhalt
Nina Rink im Interview mit Christiane Lähnemann und Fabian Koch vom Bündnis »Solidarisches Magdeburg«.
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 219 - Mai / Juni 2026
#NoAfD
Bei den kommenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt könnte die AfD erstmals die Mehrheit erlangen. Wie bereitet sich die demokratische Zivilgesellschaft auf die Wahl und einen möglichen Wahlsieg der extrem rechten Partei vor? Nina Rink im Interview mit Christiane Lähnemann und Fabian Koch vom Bündnis »Solidarisches Magdeburg«.

© Mark Mühlhaus / attenzione
drr: Stellt euch bitte kurz vor: Wer seid ihr und wie ist das Bündnis entstanden?
Fabian Koch: Unser Bündnis ist aus den Protesten gegen die Naziaufmärsche im Zusammenhang mit dem Gedenken an die Zerstörung Magdeburgs am 16. Januar 1945 entstanden. Seit Jahren instrumentalisieren rechtsextreme Akteure diesen Gedenktag, indem sie am darauffolgenden Samstag zu einem sogenannten Trauermarsch aufrufen. Im Rahmen der Aktionswoche »Eine Stadt für Alle« koordiniert das Bündnis »Solidarisches Magdeburg« einen Aktionstag am Samstag nach dem 16. Januar, um zentrale Orte der Stadt zu belegen. So verhindern wir, dass rechtsextreme Akteure sich dort inszenieren können. Inzwischen konnten wir große Erfolge feiern: Seit Jahren wurde der Naziaufmarsch immer kleiner, bis wir es im Jahr 2026 geschafft haben, dass es gar keinen Naziaufmarsch im Januar in Magdeburg mehr gab.
Christiane Lähnemann: In unserem Bündnis sind Vereine, Parteien, Jugendverbände, Gewerkschaften und Einzelpersonen aktiv. Wir kommen aus verschiedenen politischen Strömungen und Communities, glauben an unterschiedliche Dinge und haben diverse Ansätze, das gesellschaftlich-politische Leben mitzugestalten. Was uns aber alle eint, ist der Wille, gemeinsam für ein Magdeburg der gelebten Solidarität einzutreten, in dem es keinen Platz mehr für Hass und Hetze, für Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und jede andere Form der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit gibt. Von Anfang an haben wir uns mit unserer Arbeit und unseren vielfältigen Aktionen also nicht nur gegen Rechtsextremismus, sondern immer auch für ein solidarisches Miteinander in unserer Stadt eingesetzt.
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Was sind aktuell die Schwerpunkte eurer politischen Arbeit?
Christiane Lähnemann: Das sind einerseits Proteste gegen rechtsextreme Veranstaltungen wie die Jubiläumsfeier des »Compact-Magazins« oder die Landesparteitage der AfD – eigentlich spreche ich immer von »NoAfD«, um meine Ablehnung dieser in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem eingestuften Partei zum Ausdruck zu bringen, aber des Redeflusses wegen verzichte ich bei diesem Interview auf die Vorsilbe. Beim Aktionstag am Samstag nach dem Jahrestag der Zerstörung Magdeburgs verbinden wir das Anliegen, rechtsextreme Aufmärsche zu verhindern mit Aktionen für Weltoffenheit und Toleranz. Ebenso am 20. Dezember, dem Gedenktag an das Attentat auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt, wo wir Mahnwachen an wichtigen Plätzen der Innenstadt veranstalteten und uns an der Organisation der Menschen-Lichter-Kette um den Alten Markt, dem Anschlagsort, beteiligt haben. Andererseits realisieren wir Unterstützungsveranstaltungen, zum Beispiel für den CSD. Für die internationale Community haben wir eine Kundgebung organisiert unter dem Motto »Familien gehören zusammen – Erhalt des Rechts auf Familiennachzug«. Die Vielfalt unserer Stadtgesellschaft haben wir auf der Kundgebung »Wir sind das Stadtbild« gezeigt.
Fabian Koch: Bei einem Demokratiefest in diesem Jahr wollen wir Zeichen setzen für unsere Grundwerte: Weltoffenheit und Toleranz, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, Menschlichkeit und Solidarität. Dabei ist uns das Einbeziehen der migrantischen Perspektive besonders wichtig. In Kooperation mit anderen Akteuren bieten wir Veranstaltungen an wie Lesungen mit Jakob Springfeld und Lutz van Dijk und einen Workshop zum Argumentationstraining.
Christiane Lähnemann: Wir beteiligen uns auch an überregionalen Kampagnen wie der Initiative »AfD-Verbot jetzt!« und den »Prüf-Demos«. Diese sollen immer am zweiten Samstag im Monat in den 16 Landeshauptstädten der Bundesrepublik stattfinden mit der Forderung an die Landesregierungen, sich für die Überprüfung aller als rechtsextrem eingestuften Parteien durch den Bundesrat einzusetzen. In Magdeburg haben wir damit am 14. März 2026 begonnen, gemeinsam mit den Omas gegen rechts und Kulturschaffenden aus der Stadt.
Was sind aus eurer Perspektive die wichtigen politischen Themen und wie ist die Stimmung in Sachsen-Anhalt, jetzt, etwa ein halbes Jahr vor der Landtagswahl?
Fabian Koch: Bisher konnte die AfD den Umfragewerten nach mit ihrer Anti-Establishment- und ihrer Anti-Migrationsrhetorik ein breites Wählerpotenzial mobilisieren. Im Moment gerät sie mit den Enthüllungen um die Vetternwirtschaft innerhalb der prominenten Akteure der Partei in die öffentliche Kritik. Da stellt sich die Frage, ob diese Skandale die Glaubwürdigkeit der Partei auch auf längere Sicht beeinträchtigen und Einfluss auf die Wahlergebnisse haben werden.
Christiane Lähnemann: Die Veröffentlichung des Programmentwurfs der AfD hat nicht nur zivilgesellschaftliche Akteure, sondern auch Kultur- und Bildungseinrichtungen, Wohlfahrtsverbände, Kirchen und Gewerkschaften aufhorchen lassen und insgesamt zu breiter gesellschaftlicher Kritik geführt. Das stärkt momentan den Zusammenhalt aller demokratischen Kräfte im Land. Durch gemeinsames Eintreten für ein solidarisches Zusammenleben und ein respektvolles Miteinander in einem vielfältigen Sachsen-Anhalt hoffen wir, diese Werte in einer breiten Öffentlichkeit verankern zu können.
Welche Themen setzt die AfD bislang im Wahlkampf und wie agiert sie gegenüber antifaschistischen und zivilgesellschaftlichen Bündnissen?
Christiane Lähnemann: Die AfD Sachsen-Anhalt möchte NGOs, Bündnissen, Einrichtungen für politische Bildung und Kultureinrichtungen Gelder streichen. Sie feindet bereits seit längerem zivilgesellschaftliche Organisationen und demokratische Projekte an. In Bitterfeld-Wolfen haben beispielsweise die AfD und eine weitere Stadtratsfraktion durchgesetzt, dass für das »Demokratie leben«-Programm Gelder und Personal gestrichen werden und es mehr politische Kontrolle und Einfluss über die Träger und Gremien geben soll. Neben zivilgesellschaftlichen Organisationen und Kultureinrichtungen möchte sie auch Kirchen und Wohlfahrtsverbände finanziell austrocknen. Die Rundfunkstaatsverträge will sie kündigen.
Fabian Koch: Vor allem aber wird die AfD das Thema Migration stark machen. Ein zentraler Punkt im Wahlprogramm ist die sogenannte Remigration, also konkret die Deportation von Menschen mit Migrationsgeschichte. Es ist erschreckend, dass dieser Begriff, der nach dem Geheimtreffen in Potsdam zu massenhaftem Protest im ganzen Land geführt hat, inzwischen in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ist. Konkret fordert die AfD eine umfassende Abschiebeoffensive, eine Arbeitspflicht für Asylbewerber*innen und eine Beschlagnahmung ihrer Vermögenswerte. In der Familienpolitik soll die Familie aus »Vater, Mutter und möglichst vielen Kindern« wieder Leitbild werden, was nicht nur queere Paare, sondern auch circa achtzigtausend Alleinerziehende im Land diskriminiert. Das Abtreibungsrecht soll verschärft werden und Frauen wieder auf ihre traditionelle Rolle zurückgeworfen werden.
Christiane Lähnemann: Im Landtag bringt sie schon jetzt regelmäßig Anträge ein, die sich gegen geflüchtete Menschen richten oder sich gegen Kultureinrichtungen wie das Bauhaus wenden. Sie wollen die Regenbogenflagge verbieten und stellen einen Antrag, »Die Antifa« zu verbieten. Diese Anträge wurden bisher immer abgelehnt, weil es im jetzigen Landtag eine stabile demokratische Mehrheit gibt.
Wie könnte der Wahlkampf im Hinblick darauf verlaufen?
Fabian Koch: Dies hängt sehr stark ab vom Verhalten der demokratischen Parteien. Es ist wichtig, dass die anderen Parteien sich nicht auf die Themensetzungen der AfD einlassen, wie sie es im Bundestagswahlkampf getan haben. Also konkret: Das Thema Migration nicht bedienen, sondern sich auf soziale Fragen fokussieren wie bezahlbares Wohnen, Verbesserung des ÖPNV, gute Schulen, Sicherung von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen. Damit können die Menschen abgeholt werden. Wenn die anderen Parteien und die Medien die Themen der AfD bedienen, wird dies der Partei wieder nützen. Genauso wichtig ist es, dass wir uns als Zivilgesellschaft nicht an diesen Themen abarbeiten, sondern positive Visionen entwerfen von einem solidarischen Miteinander in einem weltoffenen Sachsen-Anhalt mit einer Grundfürsorge für alle Menschen, die hier leben.
Was wäre das schlimmste Ergebnis der Wahl? Und wie bereitet ihr euch darauf vor?
Christiane Lähnemann: Das schlimmste Ergebnis wäre, dass die AfD in Sachsen-Anhalt die absolute Mehrheit bekommt. Darauf bereiten wir uns vor, indem wir resiliente Strukturen über die Landtagswahl hinaus schaffen, durch Stärkung und Vernetzung der Zivilgesellschaft.
Was wäre das beste Ergebnis, das ihr euch vorstellen könnt?
Christiane Lähnemann: Das beste Ergebnis wäre, dass möglichst viele demokratische Parteien den Sprung über die Fünfprozenthürde in den Landtag schaffen und es eine stabile demokratische Mehrheit ohne Sperrminorität der AfD gibt.
Was müsste aus eurer Sicht passieren, um den Einfluss der AfD einzudämmen?
Fabian Koch: Als Bündnis engagieren wir uns derzeit für zwei Initiativen: Wir unterstützen die Forderung »AfD-Verbot jetzt«, denn eine Partei, die unsere Demokratie abschaffen möchte, sollte nicht durch die demokratischen Strukturen weiter befördert werden. Außerdem unterstützen wir hier in Magdeburg auch die Initiative von Nico Semsrott, die sogenannte PRÜF-Initiative. Diese hat das Ziel, mit einem neutraleren Wording und freudvollen Aktionen eine breitere gesellschaftliche Öffentlichkeit für die Überprüfung aller als rechtsextrem eingestuften Parteien durch das Bundesverfassungsgericht zu gewinnen.
Welche Themen wollt ihr setzen und welche Unterstützung benötigt es dafür?
Christiane Lähnemann: Wir konzentrieren uns auf die schon genannten Schwerpunkte unserer Arbeit. Wir möchten außerdem bis zur Landtagswahl und darüber hinaus eine positive Vision aufzeigen: Sachsen-Anhalt ist ein weltoffenes Land mit einer aktiven und vielfältigen Zivilgesellschaft. Im landesweiten Bündnis »Sachsen-Anhalt weltoffen«, zu dem wir gehören, wird dazu ein Netzwerk aufgebaut von Engagierten in Zivilgesellschaft, Kirchen, Wohlfahrtsverbänden, internationalen Akteuren, Gewerkschaften, Sport, Kultur, Wirtschaft und Betrieben. Unsere Vision wollen wir durch Feste der Vielfalt im ganzen Land in die Öffentlichkeit tragen. Bei Gesprächsformaten wird sie im Kleinen realisiert und gelebt, so der Plan.
Fabian Koch: Wir benötigen dafür vor allem finanzielle Unterstützung und freuen uns auch über Menschen aus anderen Bundesländern, die sich an unseren Aktionen beteiligen.
Vielen Dank für das Interview!