Intro
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 221 - Juli / August 2026
Liebe Leser*innen,
»Alle reden vom Wetter. Wir nicht.« Damit machte die Bahn vor 60 Jahren Werbung – als Züge und Gleise der Hitze und Kälte noch mit Pünktlichkeit trotzten. Wenig später adaptierte der Sozialistische Deutsche Studentenbund den Slogan, untermalt mit den Konterfeis von Marx, Engels und Lenin. Heute reden immer noch alle vom Wetter, aber einige ungern vom Klima – allen voran die AfD. Denn ihre geradezu fanatische Propaganda für fossile Energie und gegen eine vermeintliche »Klimahysterie« mag nicht so recht zur Realität auf den Thermometern passen.
@ Mark Mühlhaus / attenzione
Das aktuelle Jahr bringt einen weiteren Rekordsommer: Erstmals seit Beginn der Aufzeichnungen gab es in Deutschland und Europa eine solch lange und ausgebreitete Hitzewelle wie im Juni. An dutzenden Orten quer durch die Republik zeigten die Thermometer 40 Grad und mehr, in Sachsen-Anhalt den neuen Spitzenwert von 41,8 Grad. Selbst auf Helgoland mitten in der Nordsee gab es mit 30 Grad erstmals in der Messgeschichte seit 1881 einen Hitzetag. Von 1950 an haben sich die heißen Tage in Deutschland nahezu vervierfacht. Das alles ist »ohne Umschweife historisch«, so der Deutsche Wetterdienst.
Unter diesen Temperaturen ächzt das ganze Land. Während die »Volksseele« mancherorts kochte, als in den vergangenen Jahren von rechts verschriene »Klimaterroristen« Straßen blockierten, erledigt das jetzt die Erderwärmung von allein. Ganze Autobahnbeläge, die sich über Kilometer in Wohlgefallen auflösen samt Unfällen, kilometerlangen Staus und wochenlangen Umleitungen als Folge. Oder bitumenverklebte Straßenbahnschienen wie in Nürnberg, Leipzig und anderen Städten, die den Nahverkehr lahmlegen. Währenddessen riet die Deutsche Bahn gleich von Reisen ab, denn ab 35 Grad Lufttemperatur bekommt das Material Probleme. In Kitas und Schulen, Kliniken und Pflegeeinrichtungen fehlen Klimaanlagen. Ältere ächzen besonders unter der Hitze: In den letzten fünf Jahren wurden in Europa über 200.000 Hitzetote verzeichnet. Doch Konservative und extreme Rechte halten die Populismusmaschine gegen erneuerbare Energien am Laufen.
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Dabei gerät auch der angeblich sichere und saubere Supertrumpf der Energieversorgung ins Stocken. In der Schweiz und Frankreich mussten Atomkraftwerke für den Umweltschutz gedrosselt oder gar abgeschaltet werden, weil sich Flüsse, in die Kühlwasser zurückgeleitet wurde, auf 25 Grad und mehr erwärmten. Gaskraftwerke mussten die Versorgung übernehmen. Der Bau großer Stromspeicher und Photovoltaikanlagen könnte zwar nachhaltig Abhilfe schaffen. Aber für die Rechten gilt: Hauptsache, es herrscht wieder »Freiheit« im Heizungskeller für neue Öl- und Gasheizungen. Die Lobby freut’s!
Während die AfD gegen Erneuerbare zur Höchstform aufläuft und nie um Schuldzuweisung verlegen ist, war sie in den Hitzetagen denn bemerkenswert zurückhaltend. Was sollen sie auch fordern? Einreiseverbot für UV-Strahlung? Außer Anti-Migration und Volksgemeinschaft, fossile Energie aus Russland und Eliten-Bashing haben sie nichts im Angebot. Sie setzen auch auf das kurze Gedächtnis politischer Debatten. Wie bei den Affären um ihre Vetternwirtschaft Anfang des Jahres. Das reicht, um vor den kommenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt die Umfragen anzuführen – trotz Klimawandel vor der eigenen Haustür. »Wer die wählt«, stimmt nicht nur für Rassismus und Demokratiefeinde, Steuergeschenke für die Oberklasse und weniger Arbeitnehmer*innenrechte, sondern auch für verbannte Erde.
Dass die AfD keine »normale« demokratische Partei ist, haben in Erfurt 50.000 Menschen klargemacht, die sich Anfang Juli gegen deren Parteitag, Diskriminierung und Geschichtsvergessenheit stellten. Es waren die größten Proteste seit 1990 in der Thüringer Landeshauptstadt. Historisch also und nicht nur ein Tropfen auf den überhitzten Stein.
Liebe Leser*innen, wir nehmen an dieser Stelle Abschied von Bianca Klose, Pionierin der Mobilen Beratung in Deutschland und unermüdliche Streiterin für Demokratie und Menschenwürde. Sie ließ sich nie verbiegen, zeigte Haltung und stand stets empathisch an der Seite der demokratischen Zivilgesellschaft. Viel zu früh ist sie Mitte Juni in Berlin verstorben. Sie fehlt. Möge die Erde ihr leicht sein.
Eure Redaktion