Völkisch, konservativ, CDU

von Ernst Kovahl

Magazin "der rechte rand" - Ausgabe 165 - März/April 2017

#SachsenAnhalt

In Wernigerode sollte der CDU-Politiker Rüdiger Dorff stellvertretender Oberbürgermeister werden. Doch seine Biographie sorgte für Debatten. Er war »Bundesführer« des »Freibunds«.

Antifa Magazin der rechte rand
Herausgeber BHJ – Verantwortlich: Bundesführung, Rüdiger Dorff © Archiv @derrechterand

»Kann ein städtischer Amtsleiter, der in seiner Jugend als Bundesführer einer rechtsgerichteten Jugendorganisation aktiv war, eine Stadt als Vertreter des Oberbürgermeisters repräsentieren?«, fragte die »Volksstimme«. Damit eröffnete das Blatt im Dezember 2016 eine Debatte um die Biographie des Haupt- und Rechtsamtsleiter der Stadt Wernigerode in Sachsen-Anhalt, Rüdiger Dorff (CDU). Kritisiert wurde seine frühere Mitgliedschaft im extrem rechten »Bund Heimattreuer Jugend« (BHJ) sowie seine ehemalige Funktion als »Bundesführer« des BHJ-Nachfolgers »Freibund«. Mehrere Fraktionen des Stadtrates stellten sich hinter Dorff. Seine Biographie wäre »seit Langem bekannt«, der Jurist habe sich »von rechtsradikalem Gedankengut gelöst«. Er selbst, sagte Dorff, sehe sich heute »im national-konservativen Spektrum der CDU«.

BHJ und »Freibund«
Ende der 1980er Jahre trat Dorff dem BHJ bei, der – so sagt er heute selbst – in den 1970er Jahren »ziemlich rechtsextrem« war. Wiederholt wurde der Bund in Verfassungsschutzberichten als »rechtsextremistisch« aufgeführt. Es gab unter anderem Zusammenarbeit und Kontakte zur NPD und der »Wiking Jugend«. 1990 spaltete sich der Bund. Laut Vereinsregister steht der »Der Freibund – Bund Heimattreuer Jugend e.V.« (»Freibund«) in der direkten Nachfolge des BHJ. Dorff wird ab 1993 als »Leitstellenführung« der »Leitstelle Nord« in der Verbandszeitschrift »Na klar!« aufgeführt. Noch im gleichen Jahr wird er »Bundesführer« des »Freibund« und ist verantwortlich für den Inhalt der »Na klar!«. Ende 1997 taucht er dann letztmalig in der Funktion als »Bundesführer« auf. Ende der 1990er-Jahre will er den Bund verlassen haben.


antifa Magazin der rechte rand
Der rechte Rand. Das antifaschistische Magazin (Hrsg.)
Das IfS. Faschist*innen des 21. Jahrhunderts Einblicke in 20 Jahre »Institut für Staatspolitik« 184 Seiten | zahlreiche Fotos | 2020 | EUR 12.80 ISBN 978-3-96488-074-1


Dorff sagt, durch die Spaltung 1990 sei die »Radikalität« des BHJ beendet worden. Doch so harmlos, wie er behauptet, war auch die neue Organisation nicht. Der Bund verknüpft, so schreibt der Journalist Maik Baumgärtner, »bündische und politische Inhalte miteinander, pflegt Kontakte ins neurechte und rechtsextremistische Milieu im In- und Ausland und beansprucht eine Sonderstellung innerhalb der Gruppierungen und Institutionen der rechten Szene«. Ein Blick in die »Na klar!« bestätigt das. Auch unter der presserechtlichen Verantwortung von Dorff erschienen im Blatt wiederholt Anzeigen für die neu-rechte »Junge Freiheit« oder den rechten »Verlag Siegfried Bublies«. Hier ein Interview mit dem rechten Ökologen Baldur Springmann (Nr. 75-76/1997), dort eine positive Besprechung der extrem rechten Zeitschrift »wir selbst« (Nr. 73/1996). Und quer durchs Blatt finden sich die Themen der extremen Rechten: Fahrtenberichte durch die Länder des »historisch richtigen Ostdeutschland«, Klagen über die politische Linke, Interviews mit Vertretern der ­extremen Rechten oder Lob für Ordnung und »Volkstanz« statt »individuellem Gehopse«. Die Befreiung vom Nationalsozialismus 1945 war für den »Freibund« die »wahrscheinlich bitterste Niederlage, die die Deutschen in ihrer Geschichte erleben mussten« (Nr. 69/1995). Und nachdem 1994 vom Bundesinnenminister die Neonazi-Organisation »Wiking Jugend« verboten wurde, stieß das im »Freibund« als »unverhältnismäßig« auf Kritik (Nr. 68/1994).


Gildenschaft

»Wie bei den zehn kleinen Negerlein entwickelt sich derzeit unsere Aktivitas«, klagte Dorff 1999 in den »Blättern der Deutschen Gildenschaft« (Nr. 3/1999) über die »Deutsche Hochschulgilde Theodor Storm« in Kiel, deren Sprecher er seit 1998 war. Die »Deutsche Gildenschaft« (DG) ist eine elitäre, konservativ bis neu-rechte und völkische Studentenverbindung. Aus dem Bund stammen auch einflussreiche Kader der »Neuen Rechten« und der CDU. Sein Bund in Kiel habe nur noch vier Aktive, schrieb Dorff. Aber zu Veranstaltungen, zum Beispiel zur Geschichtspolitik (»Erkenntnisse, die die Reemtsma-Ausstellung verschweigt«), kämen mehr Menschen. Mit einem der Vorträge sorgte seine Gilde 1998 für Schlagzeilen. Der Vortrag des rechten Ökologen Baldur Springmann an der Universität Kiel wurde »von einer martialischen ‹Schutztruppe› gesichert (…), die der Neonazi-Gruppierung »Freiheitlicher Volksblock« (FVB) zugeordnet wird«, berichtete »der rechte rand« (s. drr Nr. 51). Dorff engagierte sich damals auch im schleswig-holsteinischen »Ring Christlich-Demokratischer Studenten« (RCDS) und trat in seiner Funktion als »Bundesführer« des »Freibund« bei Veranstaltungen der CDU-Hochschulgruppe auf. Das sorgte für einen Eklat: 1997 forderte unter anderem die »Evangelische StudentInnengemeinde« eine Distanzierung des RCDS von Dorff. Für die DG war Dorff nachweislich noch mindestens bis 2006 aktiv.

»Tragende Säulen des Volkes«
Eine »vorrangige Aufgabe der heutigen Jugendbewegung« sei »die Heranbildung von Persönlichkeiten mit klarer Wertvorstellung«, zitierte die Zeitschrift des extrem rechten »Witiko Bundes« (Nr. 1/1995) einen Vortrag von Dorff als »Freibund«-Führer. Auf der »Jugendtagung« der »Witikonen« fordert er, dass mit »dem Herauswachsen aus dem Jugendbund« dessen Mitglieder zu »tragenden Säulen des Volkes werden« müssten. Aus Dorff ist so eine »tragende Säule« geworden. Neben seiner Arbeit an zentraler Stelle für den Staat ist er Geschäftsführer der »Stiftung Schloss Wernigerode« und aktiv in einer evangelischen Gemeinde. Zum neuen Vize-Oberbürgermeister wurde er jedoch nicht gewählt. Er kandidierte schließlich nicht einmal mehr für das Amt. Im Februar 2017 wurde ein anderer Dezernent gewählt. Dorff, so erzählt man sich auf den Fluren des Rathauses, habe verzichtet. Er wolle kein weiteres öffentliches Interesse an seiner Person.