Leuchtturm in Stendal

Interview
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 221 - Juli / August 2026

Wie geht es der Zivilgesellschaft vor der Wahl in Sachsen-Anhalt? Für den letzten Teil der Interviewreihe hat Nina Rink mit Christian Hauer, Karsten Schwarze und Malu Glogau gesprochen, die sich für ein offenes und lebenswertes Stendal engagieren.

Antifa Magazin der rechte rand
© Mark Mühlhaus / attenzione

drr: Stellt euch kurz vor, wer seid ihr?
Karsten Schwarze: Das Herz-statt-Hetze-Bündnis gibt es seit elf Jahren. Angefangen haben wir 2015, als die Thügida-Demos in Stendal stattgefunden haben. Hier in Stendal gibt es eine breite Zivilgesellschaft, eine Hochschule, ein Landestheater, Musikschulen. Das war ein breites Bündnis, mit vielen Aktivistinnen, Initiativen und Institutionen. Ziel war, die Demos nicht unkommentiert durch die Stadt ziehen zu lassen – die waren relativ groß, also schon mehrere hundert Nazis. Das wurde begleitet durch Veranstaltungen und Gegenkundgebungen. Daraus entstand ein regelmäßiges Plenum. Durch Corona gab es einen Bruch, aber Jüngere haben das Bündnis vor drei Jahren wieder initiiert.
Christian Hauer: Wir sind offen für alle Einzelpersonen oder Institutionen. Alter, Herkunft, Religion – egal. Hauptsache, du hast Interesse, Stendal positiv mitzugestalten.
Malu Glogau: Mitmachen ist im Prinzip ganz einfach. Wer Lust hat und sich gegen rechte Machenschaften, die immer gravierender werden, zur Wehr setzen will, der ist herzlich eingeladen.

Woran arbeitet ihr gerade?
Christian: Unsere Aufgabe ist zu zeigen, dass es coole Sachen in Stendal gibt. Und die Leute zusammenzubringen, die Bock haben, was Schönes zu machen aus der Region. Es ist toll, zu merken: Ich bin nicht alleine, es gibt Menschen, die genauso positiv denken wie ich. Natürlich müssen wir auch aufklären, was die AfD sagt, aber wichtig ist auch das Soziale und Kulturelle.
Karsten: Wir hatten kürzlich eine große Veranstaltung mit Arne Semsrott – mit über 200 Gästen ausgebucht. Das zeigt: Es gibt einen großen Bedarf, sich auszutauschen über den Rechtsruck und über demokratische Standards, die zurückgedreht werden. Es ging auch viel um die herrschende Politik – nicht nur um die AfD, sondern darum, was andere Parteien abliefern –, worüber viel Frust herrscht.

Wozu gibt es Austauschbedarf?
Malu: Das große Thema ist die anstehende Landtagswahl. Mit einem Kandidaten der AfD, der schon deutschlandweit bekannt ist durch seine Auftritte und Hate-Videos. Die Chance, dass er Ministerpräsident werden könnte, ist nicht allzu gering. Und das macht Angst.
Karsten: Stendal ist nicht repräsentativ für Sachsen-Anhalt. Das ist ein Flächenland: viele Dörfer, zwei Großstädte und ein paar Städte. Wobei Stendal heraussticht, ob der Situation Hochschule, Landestheater, fitter Bürgermeister. Alles Akteur*innen, die uns wohlgesonnen sind und mit denen wir immer wieder kooperieren. Wir sind ein Zusammenschluss von zivilen Akteur*innen und haben einen begrenzten Handlungsspielraum, wenn es um die Dinge geht, die Frust verursachen. Das sind die klassischen Themen: Daseinsvorsorge, Mobilität, das Geld wird knapper. Alles Sachen, die wir jetzt nicht explizit thematisieren. Aber wir machen Veranstaltungen, Straßenfeste oder einen Stand in der Fußgängerzone, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

Was sind Themen oder Forderungen der AfD im Wahlkampf, die euch aufhorchen lassen?
Christian: Das Wahlprogramm der AfD macht mir wahnsinnig Angst. Die wollen um viele Jahrzehnte zurückdrehen, was wir errungen haben. Das darf einfach nicht passieren.
Malu: Ich bin eine Transfrau. Was wir erreicht haben mit dem Selbstbestimmungsgesetz, hat uns weit vorangebracht und die AfD möchte das wieder zurückkurbeln. Für die ist »Trans« ein Schimpfwort. Aber es geht mir nicht nur um mich und die Angst um meine Transidentität: Die AfD will den Migrant*innen das Leben so unangenehm wie möglich gestalten, dass die nicht bleiben oder erst gar nicht hierherkommen wollen. Viele Ärzt*innen hier in den Krankenhäusern haben aber beispielsweise einen Migrationshintergrund.
Christian: Bei mir ist es das Thema Inklusion. Die AfD möchte das als Ideologie abtun und zum Beispiel verbieten, dass Menschen wie ich mit Behinderung, mit Rollstuhl, an Regelschulen gehen dürfen. Sie möchte, dass alle Kinder mit Behinderung ohne Wahlmöglichkeiten auf Förderschulen gehen. Egal ob körperliche, geistige oder Lernbehinderung – egal, welche Ausprägung die Behinderung hat. Die AfD widerspricht auf ganzer Linie der Behindertenrechtskonvention der UN, die von Deutschland ratifiziert ist. Aus einer Förderschule gehe ich nach der neunten Klasse ohne Abschluss und kann nur in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeiten. Teilhabe ist ein verbrieftes Menschenrecht. Ich bin politisch aktiv und profitiere von der Inklusion.
Ich kann zur Stadtratssitzung gehen, zur Kreistagssitzung, ich kann den Bürgermeister ansprechen – jeder ist offen für mich. Ich habe Sorge, das zu verlieren, weil die AfD das verhindern will.

Welche Angriffspunkte seht ihr noch?
Karsten: Migration und Bildungspolitik sind für die AfD große Themen. Dazu kommen populistische wie GEZ-Gebühren. Bei vielen anderen Themen, zu denen die AfD sich äußert, muss man aber zwischen den Zeilen lesen, um zu verstehen, was gemeint ist.
Christian: Die AfD will beim kulturellen Angebot sparen. Ich finde es ganz wichtig, dass Stendal ein Theater oder die Kleine Markthalle hat. Das ist eine Freiwilligen-Agentur, wo Menschen sich treffen und kulturelle Angebote wahrnehmen können. Die AfD möchte die Unterstützung kürzen. Aber gerade diese Einrichtungen machen Stendal lebenswert.

Was wäre euer Worst-Case-Szenario im Hinblick auf die Wahl?
Malu: Worst Case wäre, wenn die AfD wirklich den Ministerpräsidenten stellen sollte. Das hätte fatale Folgen, weil das Innenministerium, das die Polizei unter sich hat, dann in AfD-Hand wäre. Der Verfassungsschutz würde gravierende Änderungen erfahren. Ich möchte es mir nicht vorstellen und hoffe, dass Ulrich Siegmund es nicht schafft.
Christian: Bildung ist Landessache, Fördergelder für kulturelle Einrichtungen auch. Die Alleinregierung der AfD wäre der Worst Case, da könnte echt viel untergehen.
Karsten: Das ist eine Situation, die für alle von uns neu ist und es ist nicht richtig abschätzbar, was dann passieren wird. Nehmen wir mal das Beispiel Verwaltung. Wenn Maaßen Innenminister wird und Tillschneider Kultusminister: Kündigen dann alle Lehrer*innen, die fortschrittlich sind, gehen dann alle Demokrat*innen aus der Verwaltung raus? Wer kommt nach? Mache ich dann Platz für Faschist*innen oder bleibe ich sitzen und organisiere mich? Ich bin nicht Team »Wenn die gewinnen, ziehe ich hier weg«.

Auch wenn wir nicht wissen, was passiert – wie bereitet ihr euch auf mögliche Szenarien vor?
Christian: Am wichtigsten ist, dass wir dann weiter arbeiten und uns nicht stoppen lassen.
Karsten: Das eine ist, nach außen zu wirken, zum Beispiel durch Veranstaltungen. Das andere ist, was Christian sagte: uns zu bestärken und Kraft zu geben.

Was ist eure Idee, was könnt ihr gegen den Rechtsruck im Allgemeinen und den Einfluss der AfD im Speziellen tun?
Malu: Das ist die große Frage, die ich mir immer stelle, wenn ich mich in meinem Arbeitsumfeld umhöre. Ich habe den Eindruck, 98 Prozent sind AfD-Sympathisant*innen. Das ist erschreckend. Überall hört man, wie toll die AfD sei und dass sie endlich mal ans Ruder müsse und »Ausländer raus«. Wenn ich sage, die meinen es auch nicht gut mit Menschen wie mir, ist die Antwort: »Nein, du bist doch außen vor. Du hast Kinder, du bist inte­griert und bist für die kein Problem.« Ich frage dann, meinst du wirklich? Ich glaube, der Herr Siegmund mag Transmenschen im Allgemeinen nicht und da spielt es keine Rolle, ob ich Kinder habe, ob ich jahrelang männlich gelebt habe oder nicht. Da bin ich sprachlos. Ich weiß nicht mehr, wie ich argumentieren soll.
Christian: Wichtig ist, dass wir zusammenhalten und aufzeigen, dass es anders geht. Leute um uns zu sammeln, die nicht rechts sind und Anschluss suchen. Am Wahlergebnis und am Rechtsruck können wir direkt nichts ändern. Aber wir können aufklären und ein Leuchtturm sein für Leute, die noch positiv denken.
Karsten: Wir sind ein zivilgesellschaftliches Bündnis. Wir können nur mit liberalen, fortschrittlichen Politiker*innen im Gespräch bleiben und immer wieder deutlich machen, dass es nur zusammen geht und dass es keine Lösung ist, Positionen der AfD zu übernehmen. Die Leute wählen auch AfD, weil sie einfach total abgenervt sind. Ich würde deshalb keine faschistische Partei wählen. Aber andere Leute haben andere Hintergründe, die sagen: Ich wähle die jetzt. Sollen sie doch liefern, lasst sie doch mal ran! Dieses Argument begegnet dir überall, im Familienkreis, im Sportverein. Das ist natürlich unglaublich zermürbend und anstrengend, dagegenzuhalten – aber auch alternativlos.

Welche Botschaft habt ihr an unsere Leser*innen?
Malu: Wir sind nicht viele hier im Osten, die gegen diesen Sumpf ankämpfen und wir haben es daher umso schwerer. Dann kommt immer dieses »Ossi-Bashing«: Ihr seid doof und ihr habt zu lange in einer Diktatur gelebt. Unsere Demokratie ist nicht perfekt, aber für mich ist das gegenüber der DDR, die ich 26 Jahre erlebt habe, die bessere, freiere Gesellschaft. Meine Ehefrau stammt aus Estland, ich bin ein Transmensch, mir wurden Wege eröffnet. Ich bin so glücklich wie nie zuvor in meinem Leben, seitdem ich meine Transition vollzogen habe. Ich bin wirklich happy – und dann kommt diese blöde politische Situation.
Christian: Ich würde den Leser*innen gerne sagen: Sucht euch Bündnisse. Klar, es ist manchmal anstrengend. Aber es macht ganz viel Spaß, Gleichgesinnte zu treffen. Engagiert euch, vernetzt euch untereinander und wir kriegen ein tolles Land hin!

Vielen Dank für das Gespräch!

Es ist ein AfD-Brand – keine Brandgefahr!Nach dem Streitgespräch: was ist neu, was noch nicht gesagt, was nicht bedacht, auf was warten, was soll schlimmer werden, was soll mehr bedrohenEs brennt und wir sollen nicht löschen, der Wind könnte drehen, man sollte sich erst die Ursachen anschauen?

#AntifaMagazin der rechte rand (@derrechterand.bsky.social) 2026-08-16T09:58:55.737Z