Die Rechte zwischen Ost und West?
von Volker Weiß
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 220 Mai l Juni 2026
#Richtungsstörung
In Fragen der außenpolitischen Orientierung galt im AfD-Parteivorstand lange eine offensichtliche Aufteilung: West-Frau Alice Weidel hielt es mit Trumps MAGA-Republikanern, die Vorlieben des ostdeutschen Tino Chrupalla lagen bei Putin und dessen Imperium. Diese Ordnung korrespondierte mit der jeweiligen geografischen Herkunft und konnte die Befindlichkeiten der Wähler*innen in den alten und neuen Bundesländern abdecken. Während die Kriegspolitik Moskaus der Treue seiner Fans nichts anhaben konnte, wurde Trumps deutsche Fanbasis jedoch vom Iran-Krieg spürbar erschüttert. Selbst Weidel äußerte sich ungewöhnlich scharf, warf dem US-Angriff »Konzeptlosigkeit« vor und bezeichnete das ganze Unternehmen als »Katastrophe«.

© Mark Mühlhaus / attenzione
Distanzieren und Aussitzen
Für Weidel war die MAGA-Bewegung eine gute Partnerin. Immerhin dankten es Elon Musk und J. D. Vance mit offener Unterstützung. Als bei Trump jedoch 2026 die außenpolitische Abenteuerlust erwachte, ging auch sie auf Distanz. Bereits nach der Entführung des venezolanischen Autokraten Nicolás Maduro und endgültig nach dem Beginn des Iran-Kriegs wurde die Sorge groß, mit zu großer Begeisterung für den neuen US-Interventionismus vor allem ostdeutsche AfD-Wähler*innen zu verprellen. Selbst die notorisch MAGA-begeisterte AfD-nahe »Junge Freiheit« blieb angesichts des Angriffs auf den Iran sehr zurückhaltend. Offensichtlich wird der Boden in Washington zu heiß. Die äußerste deutsche Rechte fürchtet, an einem möglichen Fall Trumps Schaden zu nehmen. Daher stammt nun die Kritik, die in dieser Deutlichkeit neu ist. Trumps Vorgehen birgt Konfliktpotenzial für die AfD, weshalb eine Positionierung lange vermieden wurde. Die Partei weiß genau, dass sich ihre Wähler*innen im Osten von denen im Westen vor allem in außenpolitischen Dingen unterscheiden. Bereits in der Frage zum Wehrdienst brachte sie die Gratwanderung zwischen der programmatisch festgelegten Bundeswehr-Nähe und einem opportunistischen »Friedenkurs« gegenüber Russland in Schwierigkeiten. Die übliche Strategie im Umgang mit derartigen Konfliktpunkten ist die De-Thematisierung. Worüber keine Einigkeit herrscht, darüber wird schlicht geschwiegen und das Gespräch schnell auf die Konsensthemen gelenkt: Flucht, Migration, EU und die »Wokeness« der anderen. Angesichts der weltpolitischen Zuspitzung ließ sich diese Vermeidungsstrategie jedoch schwerlich durchhalten. In der Iran-Frage stehen sich ein primär anti-islamisches und ein anti-westliches Spektrum gegenüber.
Vorteil Osten
Seit sich Trump in der Rolle des Feldherren gefällt, hat die russlandfreundliche Linie Oberwasser. Als Zeichen dafür kann der Rücktritt des verteidigungspolitischen Sprechers der AfD-Fraktion, Rüdiger Lucassen, gewertet werden. Der ehemalige Bundeswehroffizier und zeitweilige Vorsitzende des wichtigen AfD-Landesverbands NRW war ein Verfechter von Wehrpflicht, Westbindung und Nato-Mitgliedschaft. Seine deutliche Kritik am radikalen Parteiflügel, dessen Wirken in seinen Augen die AfD im Westen Stimmen koste, brachten ihm eine öffentliche Rüge und viele Feindschaften ein. Im April gab Lucassen sein Amt schließlich auf und warnte noch einmal deutlich vor dem thüringischen AfD-Chef Höcke und seinen Getreuen, die sich als »Friedenslager« inszenieren. Entsprechend nutzte auch Höcke die Iran-Krise, um seine politische Linie zu stärken. Man könne zum Iran stehen, wie man wolle, schrieb er auf dem Nachrichtenportal X, dieser agiere jedoch zweifelsohne als »souveräner Staat«. Höcke nutzte die Gelegenheit für eine Breitseite gegen den US-amerikanischen Hegemonialanspruch. Die amerikanische Führung sei mit diesem Krieg schlecht beraten gewesen. Durch ihre unüberlegte Handlung drohe nun ein »großer Krieg« entlang der »Bruchlinien der Kulturen«. Dieser könne nur durch eine Rückbesinnung auf das Prinzip der souveränen Nationen verhindert werden, durch die Anerkennung kultureller Unterschiede und die Verdrängung der Religion aus der Politik. Ersteres ist ganz im Sinne einer ethnopluralistisch und national geordneten Welt,.Letzteres darf getrost als Spitze gegen Trumps evangelikale Basis gewertet werden. Deren Einfluss macht sich auch in der AfD bemerkbar, was nicht im Sinne von Höcke ist, der sich lieber an den »germanischen« Wurzeln der Nation orientiert. Mit dieser Distanz ist er nicht allein. Der sachsen-anhaltische AfD-Abgeordnete und Russland-Bewunderer Hans-Thomas Tillschneider sieht die Rettung statt in einem westlichen Christentum gleich in der orthodoxen Kirche des Ostens.
Opportunismus und Ideologie
Der politische Kompass der Partei weist also weg vom Westen. Das hat vor allem jene kalt erwischt, die gerade dabei waren, ihr Mäntelchen in den MAGA-Wind zu hängen. Ein gutes Beispiel dafür ist Markus Frohnmaier, AfD-Spitzenkandidat im vergangenen Landtagswahlkampf in Baden-Württemberg. Selten hat sich ein Politiker so schnell so neu erfunden wie er, der jahrelang nicht nur als Exponent des äußerst rechten AfD-Lagers, sondern auch als einer der härtesten Putin-Ultras seiner Partei galt. Ob in Migrationsfragen, Minderheitenrechten, der EU oder Ukraine-Politik, seine Position war stets auf Moskauer Linie. Im Kreml wurde er, wie der Spiegel herausfand, stolz als »unter absoluter Kontrolle stehender Abgeordneter im Bundestag« gewertet. Zu diesem Profil zählte lange Jahre auch Distanz gegenüber den USA. Doch diese erscheinen seit MAGA und Trump zunehmend im neuen Licht. Als neuer außenpolitischer Sprecher der Partei fühlte sich Frohnmaier plötzlich von den USA stärker angezogen. Noch kurz vor der Wahl in Baden-Württemberg ging er auf der anderen Seite des Atlantiks regelrecht auf Tournee und nahm einen Preis des »Young Republican Club« entgegen. Dieses Verhalten wurde umgehend sanktioniert. Der sächsische AfD-Abgeordnete Matthias Moosdorf, Frohnmaiers Vorgänger im außenpolitischen Arbeitskreis der AfD mit dezidierter Russland-Nähe, sprach diesem umgehend öffentlich die außenpolitische Eignung ab. Dabei eiferte Frohnmaier mit seiner transatlantischen Kontaktsuche vor allem AfD-Chefin Alice Weidel nach, die gezeigt hatte, wie man von Trump lernen könne. Nun geraten beide in die Schusslinie der Iran-Krise.
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Den AfD-Politiker Maximilian Krah hingegen scheint die neue Distanz seiner Partei zu Trump nicht anzufechten. Er bejubelte bereits die Entführung von Maduro und blieb auch nach Beginn der amerikanisch-israelischen Kampagne Trump treu. Hinter den außenpolitischen Präferenzen von Krah steht auch seine weltanschauliche Prägung. Als bekennender Anhänger eines politischen Katholizismus aus der Schule von Carl Schmitt fühlt er sich imperialen Konzepten nahe und vermag an aggressiver Außenpolitik nichts falsch zu finden. Während Höckes Umfeld im klassischen Ethnonationalismus verhaftet bleibt, ist Krah schon einen Schritt weiter. Er will ein »Reich« mit zugehörigem Großraum, das über die Nation hinausreicht. Da er weiß, dass solche Imperien zwangsläufig auch »fremde« Völker integrieren müssen, hat er sich in der jüngsten Zeit dafür ausgesprochen, die AfD stärker für Migrant*innen zu öffnen. Diese Positionen brachten ihm scharfen Widerspruch von jenen ein, die strikt an das Konzept einer Nation glauben, die sich außenpolitisch isolieren und parallel dazu im Inneren auf ihre ethnische Homogenität achten. Krahs nach römischem Vorbild gestaltetes Wunschimperium setzt jedoch andere Prioritäten und muss entsprechend pragmatischer sein. Daher ist ihm der autoritäre Liberalismus von MAGA näher als der Ethnozentrismus, was bereits zum offenen Bruch mit seinen ehemaligen Verbündeten aus dem Kreis des »Verlags Antaios« führte. In diesem Teil des AfD-Vorfelds war man schon während Trumps erster Amtszeit auf Distanz gegangen, da sich der US-Präsident schon damals gegenüber Syrien und dem Iran interventionsfreudiger zeigte als erwartet. In der Zeitschrift »Sezession« beschrieb Martin Lichtmesz die »Trumpdämmerung« rückblickend als ein böses Erwachen: »Wir drückten die Augen zu, kreuzten die Finger, und hofften, daß alles einigermaßen gut laufen würde, denn Trump erschien immer noch als das bei weitem kleinere Übel gegenüber einer Herrschaft der Woken, wie sie die Demokratische Partei dominierten.« Mit Beginn des Iran-Krieges sei es jedoch »unmöglich« geworden, Trump noch weiter zu verteidigen. Dieser führe den Krieg im Interesse des Zionismus, weshalb sich eine Unterstützung durch die deutsche Rechte verbiete. Leider sei das dem primär antiislamisch gesinnten Teil des eigenen Lagers nach wie vor nicht klar. Sie seien auf die Propaganda hereingefallen, nach der die Welt »mal wieder in letzter Sekunde vor einem dschihadistischen Regime voller irrer Mullahs gerettet« werden musste – »und das alles mit viel Gott, Jesus und Halleluja auf den Lippen«. Noch größer war die Enttäuschung des Daueragitators Jürgen Elsässer und seines extrem rechten Magazins »Compact«. Erst 2025 war dort eine »Trump-Medaille« geprägt worden, die man nach den ersten Angriffen auf den Iran im Juni 2025 wieder wütend vom Markt nahm. Man ehre keine »Kriegsverbrecher«, ließ die Redaktion verlauten, zelebrierte den Bruch mit Trump und hält umso mehr zu Putin.

© Mark Mühlhaus / attenzione
Durcheinander international
Auf den ersten Blick scheint die Himmelsrichtung also nach wie vor die Debatte zu prägen. Das gilt auch international. So hatte in Ungarn Orbán-Herausforderer Péter Magyar die Parole ausgegeben, bei der Wahl müsse sich das Land »zwischen Ost und West« entscheiden. Solle der eng an Putins Russland orientierte Kurs beibehalten werden, für den sich der Autokrat Viktor Orbán entschieden hatte oder solle das Land wieder stärker an die EU rücken, deren Gelder das Regime zwar gerne nahm, der es aber sonst schon fast feindlich gegenüberstand? Allerdings wurde diese politische Geografie durch den Besuch des US-amerikanischen Vizepräsidenten J. D. Vance gestört, der im Auftrag von Donald Trump ebenfalls die Werbetrommel für Orbán rührte. Zugleich wurde Orbán massiv durch offizielle und inoffizielle russische Einflussnahme unterstützt. Die Konstellation war kurios. Die USA als Inbegriff des Westens scheinen unter Trump politisch die Hemisphäre gewechselt zu haben und unterstützen den anti-westlichsten Kandidaten Europas. Real scheint also die Frage der Illiberalität über den alten Koordinaten »Ost und West« zu liegen. Nur den russischen Ultranationalisten und Agitator Alexander Dugin konnte das alles nicht beruhigen. In seinen Augen werden die USA von einem satanischen Netzwerk und dem Mossad kontrolliert, wie aus den Epstein-Files hervorgehe. Der Skandal habe einen »zionistischen Plan zur Kontrolle des Westens« offenbart, an dem Trump partizipiere. Für Dugin gilt die gesamte westliche Zivilisation als »Zivilisation des Antichrists«, der sich die russisch-orthodoxe Kultur entgegenstellen müsse. Im Gegensatz dazu steht die Position der italienischen Ministerpräsidentin Georgia Meloni. Als Postfaschistin war sie zunächst Hoffnungsträgerin der »Neuen Rechten«. Anders als ihr Stellvertreter, der »Lega«-Politiker Matteo Salvini, fiel sie nicht durch besondere Putin-Treue auf, sondern positionierte sich außenpolitisch pro-westlich und sogar europäisch. Selbst ihr anfangs gutes Verhältnis zu Donald Trump ist mittlerweile ausgesprochen distanziert. Unbesehen ihrer restriktiven Innenpolitik, vor allem im Bereich Flucht und Migration, gilt der Begriff »Melonisierung« daher im Umfeld der AfD längst als Warnung davor, sich im europäischen Machtbetrieb zu sehr anzupassen.
So zeigen sich entlang der Ost-West-Linie feine Bruchlinien innerhalb des illiberalen Nationalismus. Ob sie allerdings zu Brüchen werden, ist eine andere Frage. Bislang konnte die europäische extreme Rechte interne Widersprüche gut überspielen, im Zweifelsfall eint sie der gemeinsame Feind.