Nazis beim Wort nehmen

von Andreas Speit
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 221 - Juli / August 2026

Antifa Magazin der rechte rand
Höcke 2024 im Wahlkampf in Thüringen. Seine Fans feiern ihn für klare Worte.
© Mark Mühlhaus / attenzione

Sie publizieren, was sie denken. Sie meinen was sie sagen. Die Publikationen werden aber oft nicht beachtet, die Aussagen überhört. Eine Ignoranz, die auch zu Irritationen führt. Stets dann, wenn Passagen oder Zitate mit ihren radikalen Messages doch wahrgenommen werden. Einer der Polit-Stars dieser diskursiven Resonanz: Björn Höcke.


In den vergangenen Wochen löste der thüringische AfD-Landtagsfraktions- und Landesvorsitzende mit zwei Interviews erneut anhaltende Diskussionen aus. Vier Stunden durfte Höcke beim Podcast »Ungeskriptet by Ben« sein ideologisches Fundament darlegen, zwei Stunden auf dem YouTube-Kanal von »Die Weltwoche«. Zwei mediale Erfolge durch das Dialogformat, ohne fundamentale Kritikmotivation: Der Podcast wurde auf YouTube mittlerweile über 6 Millionen Mal aufgerufen, das Video fast 400.000 Mal. Alle reden über den Redenden, alle sprechen über das Gesprochene. »Soll so einem Politiker überhaupt so ein Forum geboten werden?«, wurde nach der Veröffentlichung des Podcasts gefragt. »Hat er Ost- und Westdeutsche wirklich so scharf voneinander unterschieden?«, wurde nach der Veröffentlichung des Videos gefragt. Die Fragen legen nahe, dass diese neuen Diskussionen über das mediale Agieren der AfD weiterhin nicht zum gebotenen Cordon sanitaire führen. Das Vorpreschen und wieder Einfangen gelang der AfD erneut. Der Diskurs wurde weiter verschoben – hin zur Gewöhnung, hin zur Akzeptanz.

Der »neue« Aufreger
Konnte doch Höcke bei der »Weltwoche« darlegen: »In der westlichen Republik gibt es Deutsch sprechende Amerikaner oder wohnen Deutsch sprechende Amerikaner, und im Osten der Republik wohnen Deutsch sprechende Deutsche.« Der Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion und Bundessprecher Tino Chrupalla versuchte anschließend zu beschwichtigen, demzufolge die AfD eine »gesamtdeutsche Partei« sei. Schlagzeile folgte auf Schlagzeile. Von Journalist*innen auf diese Aussage angesprochen, sagte Bernd Baumann, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Bundestagsfraktion, dass man im Westen eine andere Erziehung genossen habe und demzufolge gab es eine gewisse Entnationalisierung. In dem Ja oder Nein zu den Sanktionen gegen Russland im Zuge des Angriffs auf die Ukraine positionieren sich die Ost- und Westverbände der Partei mitunter unterschiedlich nuanciert. Dass Ostdeutschland durch die Trennung deutscher geblieben sei, verkündete nicht nur das Netzwerk der »Menschenpark Veranstaltungs UG« um Götz Kubitschek. Das Credo: Westdeutschland sei nicht nur amerikanischer, sondern auch multikultureller. Beide Entwicklungen würden den Niedergang von Volk und Vaterland beschleunigen.



Die »Widerständigeren« machte Höcke bereits 2018 im »Osten der Republik« aus. In seinem populären Gesprächsband, »Nie zweimal in denselben Fluss« hofft er, über den »Osten« das »inhumane Projekt einer Migrationsgesellschaft zu stoppen« und falls dieses nicht gelinge, könne sich in »gallische Dörfer« zurückgezogen werden. In diesen sollen die »teutonischen Asterixen und Obelixen« ausharren. Bis »eines Tages« aus dieser »Auffangstellung eine Ausfallstellung (werde und) von der eine Rückeroberung ihren Ausgang« nehmen werde. Und er führt aus, worüber seit dem Treffen in Potsdam am 23. November 2023 juristisch gestritten wird – darüber, wer von der »Remigration« betroffen sein könnte: »Auch wenn wir leider ein paar Volksteile verlieren werden, die zu schwach oder nicht willens sind, sich der fortschreitenden Afrikanisierung, Orientalisierung und Islamisierung zu widersetzen«, würden genug »Angehörige unseres Volkes vorhanden sein werden, mit denen wir ein neues Kapitel unserer Geschichte aufschlagen können«. Bereits in der Passage von vor acht Jahren teilt er die Bevölkerung in Pro-multikulturelle und Contra-multikulturelle ein. Die »Remi­gration« impliziert hier eine Deportation der »multikuturell durchweichten« Menschen – unabhängig von biologischer Herkunft.

Aufmerksam lesen
Das Wechselspiel zwischen erst nicht wahrnehmen und dann doch wahrnehmen von extrem rechten Aussagen beeinflusst die Debatte. Schnell wird skandalisiert, aber oft ohne mittelfristige, geschweige denn langfristige Wirkung. Kein Grund, nicht wieder und wieder vor der Menschenverachtung zu warnen. Die Debatte um die in Potsdam gemachten Ausführungen zu »Remi­gration« von Martin Sellner spiegeln wider, welche Relevanz der »richtige« Zeitpunkt des Gesagten haben kann. Im Januar 2024 lösten die Enthüllungen über das Treffen durch das Recherchenetzwerk Correctiv bundesweit Massenproteste gegen die AfD aus. Genug war genug.



Das Gesprochene und Geschriebene der extremen Rechten wird jedoch eher sporadisch wahr- und ernst genommen. Dies scheint eine lange Tradition zu haben. 1925 veröffentlichte Adolf Hitler »Mein Kampf«. Bis 1945 hatte das persönliche Programm für die nationalsozialistische Bewegung eine Gesamtauflage von etwa 12.450.000 Exemplaren. Viel gekauft und viel verschenkt. Aber auch viel gelesen? Schon 1947 fragte sich Victor Klemperer in seinem Werk »LTI«, ob Hitlers Aussagen überhaupt wahr- und ernst genommen worden sind. Sinnierte der Literaturwissenschaftler doch darüber, inwieweit »Mein Kampf« nicht schon mit seinem antizivilisatorischen Programm die kommende »Katastrophe« angekündigt hatte. So schreiben die Herausgeber der kritischen Edition von »Hitler. Mein Kampf« um Christian Hartmann: Für Klemperer, der als Jude versteckt überlebte, blieb es »jedenfalls, dass größte Rätsel des Dritten Reiches«, wie »Mein Kampf« »in voller Öffentlichkeit verbreitet werden durfte (…) und wie es dennoch zur Herrschaft Hitlers (…) kommen konnte, obwohl die Bibel des Nationalsozialismus schon Jahre vor der Machtübergabe kursierte«. Kurz: Verfolgung und Vernichtung waren angekündigt. Der Masterplan, wann und wo die Folterkeller für politische Feinde, die Deportationszüge für jüdische Menschen, sozial Ausgegrenzte und sexuell-diverse Personen, die Vernichtung des »Lebensunwerten« Realität sein werden, war nicht ausformuliert – kein Datum, kein Organigramm. Herr H. ist nicht gleich Herr H. Die AfD nicht die NSDAP.

Wer jedoch glaubt, für ein Verbotsverfahren der AfD müsse die konkrete Planung der Abwicklung der parlamentarischen Demokratie ausformuliert sein, verdrängt das Gefährdungspotenzial der Partei. »Wir werden sie jagen«, »wohltemperierte Grausamkeiten«, »Remigration«, »dann wird aufgeräumt«: All das muss beim Wort genommen werden und wir müssen ausformulieren, wohin all das führen kann. Die schiefe Bahn lässt schon lange nicht nur Asylsuchende in einen lebensbedrohlichen Abgrund rutschen.

Solidarität mit dem #MigraStreik in Magdeburg!Gewerbetreibende mit Migrationshintergrund in Magdeburg als Zeichen für die Demokratie und gegen die AfD machen ihre Läden dicht.www.zeit.de/gesellschaft…

#AntifaMagazin der rechte rand (@derrechterand.bsky.social) 2026-08-26T09:34:09.357Z