»Der Kampf der queeren Community ist immer auch antifaschistisch«
Interview
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 215 - Juli | August 2025
#CSD
Auch 2025 stehen CSD-Veranstaltungen insbesondere in Ostdeutschland im Fokus extrem rechter Mobilisierungen. Was bedeutet das für queere Aktivist*innen? Jascha von Queer Pride Dresden und Candy vom CSD Oberhavel im Interview mit Nina Rink für der rechte rand.

drr: Was bedeutet es, in Ostdeutschland queer und politisch aktiv zu sein?
Candy: Es bedeutet – wie überall –, dass man sich für das einsetzt, was einem wichtig ist: die Rechte queerer Menschen zu erhalten und zu verbessern. Ich hatte bisher immer das Glück, wegen meines Schwulseins nicht angegriffen worden zu sein. Natürlich weiß ich aber, dass es vielen anderen, insbesondere im ländlichen Raum, ganz anders ergeht.
Jascha: Wir verstehen uns als Teil einer größeren Bewegung, die Queerness jenseits von Identitätskategorien begreift – als Perspektive auf die Welt, als Denken, Leben und Lieben quer zu heteronormativen Vorstellungen. Mit diesem Verständnis versuchen wir, hier in Ostdeutschland Politik zu machen und stoßen dabei natürlich auf Herausforderungen. Doch wir ziehen auch eine ganze Menge Pleasure aus unserer Arbeit. Wir haben in den letzten Jahren eine große queere Community aufgebaut. Es gibt viele Menschen, die sich vom Regenbogenkapitalismus nicht angesprochen fühlen, die wissen, es geht um mehr als die Homoehe.
2024 gab es so viele CSD-Veranstaltungen wie noch nie – aber auch so viele Angriffe wie nie zuvor. Wie seht ihr angesichts dessen der diesjährigen Saison entgegen?
C.: Mit einer Mischung aus Sorge und Vorfreude. Die Angriffe auf CSD-Veranstaltungen nehmen immer mehr zu, insbesondere im ländlichen Raum, wo sie oft sehr lautstark – vor allem übers Internet – stattfinden. Besonders die Ereignisse rund um den CSD in Bautzen 2024 bereiten mir Sorgen. Auch bei uns in Oberhavel wurde viel Gegenprotest angekündigt, zum Glück blieb dieser dann klein. Positiv ist, dass gerade die kleinen und abgelegenen Städte auf die Straße gehen. Für mich sind diese CSDs oft deutlich politischer, was ich sehr wichtig und richtig finde.
Die Angriffe auf Pride-Veranstaltungen zeigen, dass Queerfeindlichkeit zum Kern extrem rechter Ideologie gehört. Warum ist das Thema besonders für junge gewaltbereite Neonazis so zentral?
C.: Die Ablehnung queerer Menschen dient doch schon immer als Feindbild, um das eigene Weltbild von »Volk«, »Nation«, »Gemeinschaft« und »Familie« zu inszenieren. Ohne diese Feindbilder würde das ideologische Gerüst des Neonazismus ins Wanken geraten.
J.: Das sehe ich auch so, darüber hinaus hat es auch etwas mit patriarchaler Männlichkeit zu tun: Stärke beweisen in der männlichen Peergroup. Wir erleben, dass rechte Ideologie mancherorts wieder zur dominierenden Subkultur geworden ist – wobei nicht alle dieser jungen Menschen ideologisch komplett gefestigt sind. Ein gewisser Eventcharakter spielt hier auch eine Rolle. Es ist kein Zufall, dass die rechten Gegendemos häufig wie Fußball-Fanmärsche aufgezogen sind. Allerdings kommt diese Queerfeindlichkeit nicht aus dem Nichts. Sie wurzelt in tiefer verbreiteten gesellschaftlichen Ressentiments. Mich hat das bereits vor Jahren schockiert, Umfragen zu sehen, in denen rund die Hälfte der Menschen in Sachsen Vorbehalte gegen Homosexuelle als Nachbar*innen äußern.
C.: Hier sei erwähnt, dass die jungen Menschen nicht nur aus dem sogenannten bildungsfernen oder einkommensschwachen Milieu kommen. Von »armen bis reichen« Kids ist da alles dabei. Es sind auch Kids, die sich kaum Sorgen machen müssen.
Welche Mobilisierungen gegen CSDs beobachtet ihr von extrem rechten Akteur*innen, wer sind die treibenden Kräfte bei euch vor Ort? Und da ihr Queerfeindlichkeit als verbindendes Element extrem rechter Milieus genannt habt – welche Allianzen bilden sich heraus?
J.: Wie 2024 hatten wir in Sachsen den ersten Störversuch von »Elblandrevolte« (JN Dresden) mit Unterstützung durch junge Gruppen wie »Urbs Turrium« aus Bautzen und »Deutsche Jugend Voran« (DJV). Auch für die kommenden Anlässe erwarten wir vergleichbare Allianzen. Oft bilden langjährig etablierte JN-Strukturen ein lokales Rückgrat. Organisatorische Unterstützung erfolgt durch Kader von »Die Heimat« oder »Freie Sachsen«.
Dazu kommt dann eine Mobilisierung von jungen, auf Social Media vernetzten aktionsorientierten rechten Jugendgruppen. Abseits vom Straßenprotest gibt es rechte Mehrheiten von AfD und CDU in Kreisräten, die zusammen zivilgesellschaftliches Engagement diffamieren und Demokratiebildung wegkürzen.
Candy: Im vergangenen Jahr waren es bei uns vor allem die DJV und bereits beim ersten CSD in Oberhavel 2023 »Der III. Weg«, die Stimmung gemacht haben. Letzterer hat die gesamte Demoroute mit Flyern versehen, um gezielt gegen unsere Veranstaltung zu hetzen. Auch die AfD betreibt gezielt Stimmungsmache gegen den CSD. Sie fordert ein Ende der öffentlichen Förderung und plant dieses Jahr am gleichen Tag eine Gegenkundgebung auf dem Marktplatz in Eberswalde unter dem Motto »Keine Frühsexualisierung von Kindern und gegen Indoktrination«. Damit bedienen sie die altbekannten, typischen Narrative – einfach nur widerlich, mehr fällt mir dazu nicht ein!
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Ihr habt mit vielen anderen Gruppen aus Ostdeutschland die Erklärung »Wir sind das bunte Hinterland« initiiert – wie kam es dazu und welche Ziele verbinden euch?
C.: 2024 gab es eine große Mobilisierung von Pride Soli Ride vor allem aus Berlin – diese haben auch Anfang des Jahres eingeladen, um dafür zu sorgen, dass die kleinen CSDs besser vernetzt werden. Das ist ein Zugewinn für alle und dabei kam die Idee einer gemeinsamen Erklärung, um ein deutliches Statement zu setzen, denn viele kleine CSDs werden kaum oder gar nicht medial wahrgenommen.
J.: Für mich sind zwei Punkte zentral. Erstens, dass es überall queere Menschen gibt, mit eigenen Wünschen, Zielen, Träumen. Und dass diese Stimmen mehr Aufmerksamkeit verdient haben. Zweitens, dass wir angesichts der Widerstände nicht aufgeben. Wir halten zusammen. Wir lassen uns nicht einschüchtern, wir wollen uns nicht verstecken, und wir lassen uns nicht vertreiben!
Welche thematischen Schwerpunkte und politischen Forderungen setzt ihr bei den Prides und darüber hinaus, wo seht ihr akuten Handlungsbedarf?
J.: Unser Motto lautet »queer and antifascist – unsere Brücken halten!«. Denn in diesen Zeiten ist queere und antifaschistische Vernetzung wichtiger denn je. Über die Mauern sozialer Ausgrenzung und die Gräben von spaltendem Hass wollen wir Brücken aus Zärtlichkeit und Zusammenhalt bauen. Wir arbeiten dafür an einer Community, die die menschliche Vielfalt einschließt und verteidigt. Dafür empowern wir uns gegenseitig, teilen Wissen und lernen voneinander – gerade auch von den queeren Kämpfen in Osteuropa.
C.: Ich kann mich Jascha nur anschließen: Es geht darum zu zeigen, dass sich die queere Community nicht spalten lassen darf und wir mit all unseren Allies eine starke Gemeinschaft bilden. Für mich persönlich ist der Kampf der queeren Community immer auch ein antifaschistischer Kampf! Der CSD ist mehr als nur ein Fest und Glitzerschminke. Ich bin dafür, alles miteinander zu verbinden: den klaren, kämpferischen Standpunkt des CSDs ebenso wie den Spaß, die Freiheit und das Feiern. An einer Forderung für den CSD Oberhavel arbeiten wir nicht, aber wir sind uns einig, dass es eine sozialpolitische Forderung sein muss. Das Motto von Jascha ist genial, vielleicht klaue ich das einfach.
Die Prides feiern das queere Leben und gleichzeitig müssen sich die Teilnehmenden darauf einstellen, Zielscheibe von Angriffen zu werden. Wie schafft ihr es, über wirksamen Selbstschutz zu diskutieren und euch davon nicht zu sehr einschüchtern zu lassen?
J.: Wir lernen auch von Erfahrungen der Community aus anderen Ländern. Zum Beispiel von Polen, wo es mit dem Homokomando seit 2020 eine Bewegung für queere Selbstverteidigung gibt. Dieses Jahr haben wir die Pride-Saison mit unseren »Queer Action Weeks« eröffnet. Dort gab es Empowerment-Workshops, Selbstbehauptungskurse, Aktionstrainings und Raum für Austausch, Vernetzung und Bildung.
C.: Es ist das Verbindende, das vor Einschüchterung bewahrt. Unser Netzwerk ist ein bedeutungsvoller Faktor, somit schaffen wir Verbindung in der Unterschiedlichkeit und sehen, dass wir alle andere Hürden haben, aber eben auch von denselben Leuten angegriffen werden.
In Dresden wurde zuletzt ein Anti-CSD-Aufmarsch zum Reinfall für die Neonazis – wie ist euch das gelungen?
J.: Wir haben innerhalb weniger Tage zu einer »Gegen-Gegendemo« aufgerufen. Gleich zu Beginn ihrer Aufmarschroute haben wir die JN dann mit lautstarkem buntem Widerstand empfangen. Auch ihren weiteren Weg mussten sie unter stetigem Protest absolvieren, unsere Demo lief ihnen die ganze Zeit in kurzem Abstand hinterher. So konnten sie weder für die eigenen Leute ein Gefühl von Stärke vermitteln noch queere Menschen in der Stadt einschüchtern.
Wie stellt ihr euch zukünftig die »antifaschistisch-queere Zusammenarbeit« vor? Wie können euch Menschen, die sich solidarisch zeigen wollen, unterstützen?
J.: Auf der praktischen Ebene werden wir zusammen mit antifaschistischen Gruppen Anreisen planen. Auf der politischen Ebene sagen wir: Linke, queere Politik und Antifaschismus müssen in den aktuellen gesellschaftlichen Umständen zusammengedacht und tatsächlich zusammengebracht werden.
C.: Ich finde, wir machen das in Ostdeutschland wirklich schon gut – wir sind vernetzt und tauschen uns aus und ich hoffe, das bleibt so. Ich bin begeistert, wie wir uns derzeit verbinden und austauschen.
J.: Und falls direkte Unterstützung vor Ort nicht machbar ist: Tretet für unsere Sichtbarkeit ein – in Medien, Politik und Öffentlichkeit. Schafft Aufmerksamkeit für die Stimmen queerer Menschen aus dem ländlichen Raum. Lasst uns gemeinsam für ein lebendiges queeres und vielfältiges Ostdeutschland eintreten!
Vielen Dank für das Gespräch!