Linien statt Mauern

von Andreas Speit
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 218 - Januar | Februar 2026

Die Denkfabrik »Republik 21« empfiehlt eine Annäherung an die AfD. Für ihre Arbeit erhält sie künftig Fördermittel aus dem Bundeskanzleramt.

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Screenshot der Webseite »Republik 21«

Kapital ermöglicht Optionen. Das Bundeskanzleramt unterstützt zukünftig die Denkfabrik »Republik 21« (R21) jährlich mit einer halben Million Euro. Ein Antrag von CDU/CSU und SPD für die sogenannte Bereinigungssitzung des Bundestags-Haushaltsausschusses sieht diese erhöhte Unterstützung vor. Bisher sollte der konservative Verein 250.000 Euro aus dem Etat des Kanzleramtes erhalten. Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Jens Spahn, soll die Erhöhung unterstützt haben, um neue Richtungen auszuloten. Die Warnung der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) vor einer Annäherung an die »Alternative für Deutschland« (AfD) ist bei der Union offenbar auf Missbilligung gestoßen.

Angebot zur Kooperation
Die bestens vernetzte R21 forciert hingegen eine vorsichtige Annäherung zur AfD. Die Pressure-Group um den Historiker Andreas Rödder und die ehemalige Bundesfamilienministerin Kristina Schröder scheint Möglichkeiten jenseits einer Strategie der Ausgrenzung auszuloten – mit Unterstützung aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Unter Spahn wolle man nun »Gespräche mit der AfD« offenbar »gedanklich konkret vorbereiten – mit Millionen-Förderung aus dem Bundeshaushalt«, meint Andreas Audretsch, Vorsitzender der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. »Der Vorsitzende Rödder fordert direkte und konkrete Gespräche der Union mit der AfD – wörtlich spricht er von konditionierter Gesprächsbereitschaft, das muss als Angebot zur Kooperation verstanden werden«, sagt Audretsch dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Eine Unterstellung? Der Leiter von R21, Andreas Rödder, warnte die Union schon öfter vor einer »babylonischen Gefangenschaft« durch das »links-grüne politische Lager«. Schon als Vorsitzender der CDU-Grundwertekommission von Frühjahr 2022 bis September 2023 plädierte der Professor für Neuere Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz für CDU-geführte Minderheitsregierungen auf Landesebene. In einzelnen Sachfragen sollten auch Mehrheiten mit der AfD gesucht werden. Nachdem die Parteispitze öffentlich auf Distanz ging, gab Rödder den Vorsitz ab. Die Unterstützung durch Spahn, dem schon Die Zeit zuschrieb, die Union nach rechts zu schieben, brach wohl nicht ab. 2024 war Spahn Redner bei der R21-»Klimakonferenz«. Dort wurde ein »klimapolitischer Befreiungsschlag« gefordert – inklusive Reaktivierung der Atomenergie. Die Folge des R21-Podcast »Frei heraus« aus dem Juli vergangenen Jahres trug den Titel »Atomkraft? Ja, bitte!« Anna Veronika Wendland betont darin: »Beim Atomausstieg ging es nicht um technische Argumente, sondern um Kulturkampf«, so die Technikhistorikerin, die früher in der Anti-AKW-Bewegung aktiv war. Der Podcast-Titel ist wohl ihrem gleichnamigen Buch von 2022 entlehnt. In »Frei heraus« legte Rödder seine Ideen zum Umgang mit der AfD erneut dar. Erst im Dezember 2025 beklagte er, dass »Bürgerliche« über Jahre »vor linken Aktivisten eingeknickt« seien und begrüßte dann das »Ende der grünen Hegemonie«. Die »Konfliktlinien zwischen der bürgerlichen Mitte und der autoritären Rechten« könnten jetzt verhandelt werden. »Statt der ‹Brandmauer› zur AfD« müssten »rote Linien« benannt werden »und eine harte Auseinandersetzung in der Sache« erfolgen, so Rödder. Die permanente Wiederholung des Geforderten, nämlich eine Zusammenarbeit mit der AfD in Erwägung zu ziehen, kann langsam laufende Debatten beeinflussen. Die Forderung steht im Raum und erweitert ihn. Sie wird Bestandteil der Überlegungen, verliert ihr Tabu. Diese Strategie scheint R21 auch bei weiteren Themen zu verfolgen.

Rechts trendet
Vor knapp vier Jahren gründeten Schröder und Rödder 2021 die Denkfabrik als eingetragen Verein mit Sitz in München mit 825 Fördermitgliedern. Die Denkfabrik umreißt ihre Intention in der Selbstdarstellung: Sie trete »für einen leistungsfähigen schlanken Staat und nachhaltiges Wachstum« ein, »bekennt sich zur führenden Verantwortung Deutschlands für ein geopolitisch handlungsfähiges, wirtschaftlich erfolgreiches und selbstbewusstes Europa« und stehe »für einen weltoffenen Patriotismus«. Ihre Mission sei, »Strategien und Konzepte einer kohärenten bürgerlichen Politik« zu entwickeln und »sie in den politischen Meinungsraum« einzubringen als »Grundlagen für die politische Praxis«. Klingt seriös, klingt förderungszulässig – und rechts trendet. Als »Herausforderung« gelten »woke Identitätspolitik, Cancel Culture« sowie »ein immer weiter ausufernder Sozialstaat und staatliche Regulierung der Wirtschaft«, die eine »offene Gesellschaft und ihren Wohlstand von links« gefährdeten. Schröder verfolgte schon als Bundesfamilienministerin zwischen 2009 und 2013 eine traditionelle Frauen- und Familienpolitik und vertritt seit längerem eine regressive Asyl- und Einwanderungspolitik. Die stellvertretende Leiterin von R21 ist wie anscheinend alle »Köpfe« bei dem Verein bestens vernetzt.

Bestens vernetzt und öffentlich sichtbar
Schon die auf der Webseite als »Köpfe« vorgestellten Mitglieder des Vereins, der sich selbst als »Thinktank für neue bürgerliche Politik in Deutschland und Europa« beschreibt, legen Netzwerke offen: Die Autorin Anna von Bayern, die mit ganzen Namen Anna Prinzessin von Bayern heißt, sitzt im Vorstand des Kosmetikkonzerns Coty Inc. Der Historiker Jörg Hackeschmidt hat als Politikberater und Redenschreiber für »Spitzenpolitiker« gewirkt, wie »Cicero« ihren Autor vorstellt. Die Politikwissenschaftlerin Caroline König war »in leitender Funktion im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung« tätig.

Im medialen Diskurs etwas stärker präsent dürften die emeritierte Professorin am Institut für Ethnologie an der Universität Frankfurt am Main, Susanne Schröter, und Ahmad Mansour, Geschäftsführer des Instituts für Demokratieförderung und Extremismusprävention »MIND Prevention«, sein. Beiden wird eine verkürzte und verengte Kritik am Islam vorgehalten. Kritik an ihrer Kritik am Islamismus ordnet Schröter schnell als einen »neuen Kulturkampf« von einer »woken Linken« ein, die »Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft« bedrohe. Auch Mansour scheint Kritik als Kampagne gegen sich einzuordnen. Auf der Webseite stellt R21 Angela Merkels Hoffnung »Wir schaffen das« angesichts der Krise der Flüchtlingspolitik 2015 Mansours Fazit »wir haben es nicht geschafft« entgegen. Und in dem dort zitierten Artikel aus der Welt meinte der R21-Integrationsexperte im Juni 2025: »Die Schließung der Grenzen ist kein Akt der Kälte, sondern der Notwendigkeit. Nur durch Begrenzung entsteht Raum für echte Integration – für jene, die bereits hier sind.«


Zum Beirat von R21 gehören nach eigenen Angaben neben anderen: Eric Gujer, Chefredakteur der »Neuen Züricher Zeitung«, sowie Bernd Stegemann, Professor für Dramaturgie und Kultursoziologie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Beiratsmitglied Marie-Christine Ostermann in Funktion als Präsidentin des Verbandes »Die Familienunternehmer« hat erst jüngst Gesprächsbereitschaft mit der AfD signalisiert – und im Verband einen internen Streit provoziert. Aus dem FDP-Milieu kommt nicht nur Beiratsmitglied Karl-Heinz Paqué, Vorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für Freiheit, sondern auch der R21-Geschäftsführer Martin Hagen, früherer Chef der bayerischen FDP und Vereinsmitglied Hermann Otto Solms aus dem FDP-Präsidium.

»Brandmauern schließen Menschen aus«
In diesem Spektrum zwischen Markt und Medien, Kapital und Konservatismus beschränkt sich der Liberalismus auf die Ökonomie. Freie Märkte für Gelder und Waren, frei von staatlichen Sozialregelungen und verpflichtenden Arbeits- und Klimaschutzmaßnahmen. R21 postuliert diese Position selbst mit moderatem und liberalem Jargon in der Selbstdarstellung. Auf der Webseite wird ein Artikel des INSM-Blog aufgegriffen, dessen Titel gleich die Botschaft pointiert: »Wirtschaftliche Freiheit in Deutschland sinkt«. Den Blog betreibt die Lobbyorganisation Institut Neue Soziale Marktwirtschaft, die vor über 25 Jahren vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall gegründet wurde. Im R21-Podcast vom November 2025 betonte der Umweltökonom Joachim Weimann eines der Hemmnisse: »Die deutsche Klimapolitik vernichtet unseren Wohlstand, ohne die globalen Emissionen zu reduzieren.« Er sagte weiter: »Statt Wunschdenken und nationaler Alleingänge brauche es realistische Klimaziele und einen internationalen Emissionshandel.« Sein Credo ist ganz auf R21-Linie: »Radikaler Kurswechsel« sei notwendig. Der Verein warnt aber auch, dass »auf der rechten Seite (…) populistische Ressentiments und autoritäre Vorstellungen einer geschlossenen und rückwärtsgewandten Gesellschaft um sich« greifen. Allerdings gab Schröder schon Ende 2024 »Nius« ein Interview, Zitat: »Brandmauern schließen Menschen aus – und ich will keine Menschen ausschließen.«

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Im CDU-Milieu ist Schröder nicht die Einzige, die »Nius« nicht abschreckt. Auf dem Sommerfest der Koblenzer CDU auf dem Firmengelände des Unternehmers Frank Gotthardt, der das Onlinemedium finanziert, führte CDU-Bundestagspräsidentin Julia Klöckner aus, dass »Nius« und Taz »nicht so sehr unähnlich« seien. Lechts und Rinks (Ernst Jandel) sind ja bekanntlich sehr nah. Die Position impliziert das suggerierte Selbstbild der selbsternannten Mitte mit Maß und Mäßigung. Anders als bei zivilgesellschaftlichen Projekten für Demokratie und Klimaschutz erscheint diese NGO denn auch für die Bundesregierung ohne große Bedenken nachhaltig förderungswürdig.

Und es ist wieder ein Typ vom Think Tank #R21 – ihr wisst schon, der Verein, der die Tür zu den AfD Faschisten immer weiter öffnet und dafür ? Förderung aus dem Bundeshaushalt von 500.000 € pro Jahr erhält.

#AntifaMagazin der rechte rand (@derrechterand.bsky.social) 2026-03-15T18:22:39.594Z