»Antifaschismus – eine Selbstverständlichkeit«

Andreas Speit interviewt Esther Bejarano
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 190 - Mai / Juni 2021

#Interview

Sie ist 96 Jahre alt und aktiv. In der Bundesrepublik dürfte Esther Bejarano eine der ältesten aktiven Antifaschist*innen sein. Die Musikerin überlebte das KZ Auschwitz-Birkenau und weitere Konzentrationslager, wanderte nach der Befreiung nach Palästina aus und zog 1960 wieder zurück nach Deutschland. Heute lebt sie in Hamburg, ist Vorsitzende des Auschwitz-Komitees und Ehrenvorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten. Die junge Frau aus dem Mädchenorchester in Auschwitz stand Jahrzehnte auf der Bühne, auch mit Microphone Mafia. Bei Demonstrationen, Kundgebungen, Prozessen und Feiern ist Andreas Speit immer wieder Esther Bejarano begegnet.

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Esther Bejarano © Jwh at Wikipedia Luxembourg

drr: Du bist nicht zufällig Sängerin geworden? Im jüdischen Kulturbund hast du schon 1936 gesungen und gesteppt.

Esther Bejarano: Die Liebe zur Musik weckte mein Vater. Sie rettete mir mein Leben. In Auschwitz musste ich den Schlager „Du hast Glück bei den Frauen, Bel Ami“ mit dem Akkordeon vorspielen. Ich hatte zuvor das Instrument noch nie gespielt. Mir gelang, das Lied zu spielen – sonst wäre ich elendig zugrunde gegangen.

Das Mädchenorchester in Auschwitz war eine zynische Idee?

Wenn die Arbeitskolonnen aus dem Lager marschierten und zurückkamen, standen wir am Tor und spielten. Später ließ sich die SS einfallen, dass wir spielen mussten, wenn neue Transporte aus ganz Europa auf besonderen Gleisen ankamen. Wir wussten: Diese Menschen aus den Zügen gehen sofort in die Gaskammer. Die Menschen winkten uns noch zu und dachten wohl, da, wo die Musik spielt, könne es nicht so schlimm sein.

Im KZ Ravensbrück überlebtest du die Zwangsarbeit im Siemenslager, bei einem Todesmarsch konntest du fliehen. Wann kam die Idee, mittels der Musik deine Geschichte zu erzählen, sie als politisches Mittel zu nutzen?

In den 1980er Jahren. Aber mein politisches Engagement begann früher. 1960 kam ich mit meiner Familie nach Deutschland zurück. Mein Mann wollte nicht mehr in den Krieg. Ich stimmte nur unter der Bedingung zu, zurückzukehren, wenn wir eine Stadt finden, wo meine Eltern und Geschwister nicht gelebt haben. Freunde empfahlen Hamburg. Mit der Rückkehr begann eine schwere Zeit, ich konnte mit den Menschen wenig anfangen.

Im Land der Täter*innen, die deine Eltern und eine Schwester ermordeten …

Ja, ich habe mich immer gefragt, was die Menschen in der Nazi-Zeit wohl gemacht haben. ich hatte kein Vertrauen zu ihnen. Die Situation änderte sich erst langsam, als ich deutsche Widerstandskämpfer kennen lernte. In meiner Boutique kamen wir langsam ins Gespräch. Die Leute wunderten sich, warum ich so gut Deutsch sprechen würde. Da erzählte ich ein wenig – aber nichts über Auschwitz, nichts über Ravensbrück. Meinem Mann und meinen Kindern erzählte ich auch nichts. Ich wollte sie nicht belasten.

Und dann kam es zu einer Auseinandersetzung. Du hast sie oft beschrieben.

Ich dachte tatsächlich damals, es gebe keine Nazis mehr, die öffentlich auftreten. Und dann waren sie nahe meiner Boutique. Nazis stellten einen Infostand auf. Ich ging da hin, sah, dass sie wieder die gleichen Lügen und die gleiche Hetze mit Schriften verbreiteten. Ich konnte es nicht fassen. Auch nicht, dass die Polizei massiv gegen die Gegendemonstranten vorging. Die hielten Transparente mit „Nie wieder Faschismus“ und „Nie wieder Krieg“ hoch. Die Polizei schützte die Nazis, schlug auf die Demonstranten ein. Ich habe mich wahnsinnig aufgeregt, habe einen Polizisten am Revers gepackt, der meinte, ich solle ihn loslassen, sonst würde er mich verhaften. ‚Das könne er ruhig machen, ich habe Schlimmeres erlebt, ich war in Auschwitz‘, sagte ich ihm. Ein Nazi meinte dann, dass ‚die Frau‘ verhaftet werden müsste, da nur Verbrecher in Lagern gewesen wären. Ich sagte mir damals, du musst rausgehen gegen die Lügen und den Hass, du musst erzählen, du musst den Jungen die Geschichte nahebringen, dass Nazis das Unglück waren – und sind.

Du singst, du erzählst – unermüdlich. Bist du nicht auch mal ermüdet?

Und gebe Interviews.

Ja, wie dieses.

Ich muss berichten und möchte das, auf der Straße und auf der Bühne. In Deutschland konnte ich anfänglich wegen der Kinder nicht in einem Opern-Chor mitwirken, später traten meine Tochter und mein Sohn und ich zusammen als Coincidence auf.

Mit Liedern aus dem Ghetto sowie jüdischen und antifaschistischen Liedern.

Du hast uns gesehen.

Des Öfteren habe ich auch deine Auftritte mit Microphone Mafia erleben können. Spürt ihr auf der Bühne, wie ihr ermutigt, nicht einzuknicken?

Das möchten wir doch auch. Mit Microphone Mafia bin ich seit zwölf Jahren unterwegs. Mit Rap erreichen wir jüngere Leute. Am Anfang erzähle ich aus meinen Leben. Die Band ist aber auch schon die Botschaft, wir kommen aus unterschiedlichen Religionen: Christ, Jude, Moslem. Wir wollen zeigen, dass alle Menschen miteinander Mensch sein können, wenn man menschlich ist. Und wir alle haben eben auch gemeinsam Ausgrenzungen erfahren – wie so viele Menschen, deren Eltern zum Aufbau nach Deutschland aus dem Ausland kamen oder Geflüchtete, die leben wollen.

Erinnern heißt für dich Eingreifen?

Natürlich: In Hamburg bemühen wir uns schon seit längerem, dass das Stadthaus, wo die Gestapo Menschen folterte und ermordete, ein angemessener Gedenkort wird. Mit dem damals schwarz-grünen Senat waren Vereinbarungen getroffen worden. Die Regierenden haben aber die Immobilie in private Hände gelegt und sich so der Verantwortung entzogen. Jetzt scheint sich die Skandalgeschichte unter einem rot-grünen Senat beim Dokumentationszentrum Hannoverscher Bahnhof fortzusetzen – wieder scheitern diese Private Public Partnership-Projekte.

In den vergangenen Jahren fanden mehre Prozesse gegen SS- und Wehrmachtsangehörige an der Elbe statt. Du hast das Verfahren gegen Bruno D. besucht. Warum?

Das Auschwitz-Komitee und die VVN haben den Prozess begleitet, ich habe als Vorsitzende und Mitglied den Protest unterstützen wollen. Dass der Mann seine Taten im KZ Stutthof abstritt, fand ich unmöglich, aber ich hatte auch nichts anderes erwartet.

Genug ist genug. Nach so vielen Jahren …

… Die viel zu späten Verfahren hat die deutsche Justiz und Gesellschaft zu verantworten. Das nun als Argument gegen die Verfahren einzubringen, ist wieder eine Positionierung gegen die Opfer. Ein Verbrechen muss auch nach fast 80 Jahren vor Gericht als Verbrechen bewertet werden. Mir liegt nichts daran, dass die Beschuldigten ins Gefängnis kommen, sie müssen aber verurteilt werden. Nicht für die Betroffenen alleine, sondern für die Gesellschaft. Eine Verurteilung ist eben auch ein juristisches Zeichen, dass Unrecht Unrecht war.

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Erkämpfte Verfahren, viel Erstrittenes wird zurückgedrängt. Wie bewertest du die Entwicklung?

Ich bin sehr traurig über die gegenwärtige Entwicklung. Dass die Politik die Nazis so offen auf der Straße auftreten lässt, ist ein Unding. Die Rechtsentwicklung in den Parlamenten, aber auch die Vernetzungen in Polizei und Bundeswehr, sind mehr als beunruhigend. Die Anfeindungen gegen ‚die Antifa‘ kann ich eigentlich gar nicht nachvollziehen. Engagement gegen die Menschenfeindlichkeit sollte doch eher eine Selbstverständlichkeit sein. Menschlich denken, menschlich leben. Der Kapitalismus erzieht die Menschen jedoch zum Egoismus, wo nur an sich, an seinen vermeintlichen Vorteil, gedacht wird. Die gegenwärtige Abwehr der Flüchtlinge an den Grenzen schreit zum Himmel, wie die damaligen Einreiseverweigerungen von uns Juden. Dass Leute, weil sie jüdisch, schwarz, muslimisch oder homosexuell sind, angegriffen werden, ist der rote Faden der Ideologie von 1945 bis eben 2021.

Viel zu tun?

Ja, gegenhalten und für eine menschliche Welt streiten. Ich freue mich schon, wenn ich nach der Pandemie mit Microphone Mafia wieder auftreten werde.

Vielen Dank für das Interview und alles Gute dir!