Die Mär vom harmlosen Malermeister

von Michael Bergmann
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 182 - Januar / Februar 2020

#TinoChrupalla

Auf dem Bundesparteitag der »Alternative für Deutschland« wurde Tino Chrupalla am 30. November 2019 in einer Stichwahl mit 55 Prozent der Stimmen zum zweiten Parteivorsitzenden gewählt. Als Nachfolger von Alexander Gauland wird er zukünftig gemeinsam mit Jörg Meuthen die Partei führen. Bei seiner Wahl wurde der Handwerksmeister aus Sachsen von der Parteiströmung »Der Flügel« unterstützt, obwohl er selbst kein Mitglied ist.

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Tino Chrupalla und Alexander Gauland im Wahlkampf © pa

In Tino Chrupallas Wahlkreis Görlitz ist ein Chapter der neonazistischen Bruderschaft »Brigade 8« die wohl aktivste extrem rechte Gruppierung neben der »Alternative für Deutschland« (AfD). Seit 2015 finden nahezu monatlich Neonazi-Konzerte in der Region statt, die von der »Brigade 8« oder ihrem Umfeld organisiert werden. Nicht zuletzt wegen dieser Aktivitäten gilt Ostsachsen als Region mit einem sehr hohen neonazistischen Konzertaufkommen. Im März 2019 versammelten sich mindestens 200 Neonazis zu einem Rechtsrock-Konzert der »Brigade 8« in Mücka. Mit von der Partie waren führende Köpfe von »Combat 18«, dem bewaffneten Arm des Neonazi-Netzwerkes »Blood & Honour«. Dieses ist mehrfach in Verbindung mit Rechtsterrorismus in Erscheinung getreten und gilt als das aktivste Unterstützungsnetzwerk des NSU.

Auf Linie von Alexander Gauland
Die rechtsterroristischen Netzwerke in der Oberlausitz waren und sind für Tino Chrupalla bisher jedoch kein Thema. Vielmehr warnt er auf seiner Facebook-Seite vor einer islamistischen Terrorgefahr: »Nach wie vor reisen jeden Tag Unbekannte, oft mit gefälschten Identitäten – darunter womöglich auch IS-Anhänger – illegal ein, und die Bundesregierung weigert sich seit Jahren beharrlich, diesen katastrophalen Zustand zu beenden.« Der 44-jährige Malermeister liegt damit ohne jede Einschränkung auf der Linie seiner Partei. In einer Region, in der sich rechtsterroristische Gruppen treffen und monatlich Neonazi-Konzerte organisieren, ist es ihm ein Leichtes, sich selbst als konservativ zu bezeichnen. Da stört es auch niemanden, dass er die Oberlausitz als seine Heimatregion in seinen Reden als den Teil Schlesiens bezeichnet, der noch zu Deutschland gehört.

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Zu Beginn der 1990er Jahre war Chrupalla ebenso in Kreisverbänden der Jungen Union (JU) aktiv wie der damalige Jungpolitiker und jetzige sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer. Die JU trägt im Freistaat offiziell die Bezeichnung »Junge Union Sachsen & Niederschlesien«. Der Rückbezug der Region auf Bezeichnungen vor 1945 ist demnach durchaus Common Sense. Nach eigenen Angaben blieb Chrupalla auch nach seiner aktiven Zeit in der Partei langjähriger Wähler der CDU. Nachdem PEGIDA die Massen mobilisiert hatte, trat er 2015 in die AfD ein. Im Herbst 2017 gewann der Malermeister bei der Bundestagswahl gegen seinen früheren Parteikollegen Kretschmer das Direktmandat in seinem Wahlkreis und wurde dadurch sehr bekannt. Kretschmer wurde nach dem Verlust seines Bundestagsmandats zum Ministerpräsidenten Sachsens gekürt und Chrupalla zum stellvertretenden Fraktionschef der AfD-Bundestagsfraktion. Anschließend arbeitete er sich als politischer Ziehsohn von Alexander Gauland bis an die AfD-Parteispitze vor.

Von »Umvolkung« und »unseriösen Journalisten«
Tino Chrupalla hält sich fern von Personen, von denen bekannt ist, dass sie der »Brigade 8« oder anderen harten Neonazi-Gruppen angehören. Er ist Stratege und weiß, dass er selbst mit einer zu starken Sympathie für PEGIDA in einigen Westverbänden seiner Partei anecken könnte. Chrupalla will die sogenannte bürgerliche Mitte und Frauen als Wähler*innen erreichen. Dafür, so weiß er, braucht es nicht nur eine angemessene Sprache, sondern auch eine halbwegs saubere Weste. Das Netzwerk »Der Flügel« um Björn Höcke und Andreas Kalbitz bezeichnet Tino Chrupalla als einen Teil der Partei genauso wie die »WerteUnion« Teil der CDU oder der »Seeheimer Kreis« ein Teil der SPD sei. Er selbst ist kein Mitglied von »Der Flügel«, der in Ostdeutschland die AfD dominiert, aber wird von diesem durchaus geachtet, toleriert und unterstützt. Hin und wieder fällt Chrupalla aus seiner Rolle als Biedermann und zeigt, dass sich die ideologischen Differenzen zum »Flügel« in überschaubaren Grenzen halten. Man könne »in der Tat von einer gewissen Umvolkung« sprechen, meint er auf einer eigenen Veranstaltung im März 2018 im Gespräch mit dem Publikum. Im letzten Jahr kündigte er in seinem AfD-Kreisverband an, er wolle Listen mit seiner Meinung nach »unseriösen« Journalist*innen führen, um diese von Informationen auszuschließen. Der Deutsche Journalisten Verband (DJV) bewertet dieses Vorgehen als einen Angriff auf die Pressefreiheit. Auf dem Youtube-Kanal des Neonazis Nikolai Nerling alias »Der Volkslehrer« tauchte Chrupalla in der Vergangenheit als Interviewpartner auf. Eine Rede von Chrupalla im Bundestag anlässlich der Feierlichkeiten zu 30 Jahren Mauerfall nötigte gar den sächsischen Ministerpräsidenten Kretschmer zu der Aussage: »Ich bin erschrocken über Reden, die mich an Nazis erinnern, was ich nicht für möglich gehalten hätte.«

Politik für den »kleinen Mann«
Dieses Herausfallen aus der eigentlichen Rolle bleibt bei Chrupalla jedoch die Ausnahme. In seiner Region ist er verankert und gilt als politischer »Sunnyboy«. Er möchte Politik machen für die Menschen »die im Dunkeln aufstehen, den ganzen Tag arbeiten und im Dunkeln wieder heimkommen«, sagt Chrupalla in seiner Bewerbungsrede für den Parteivorsitz am 30. November 2019 in Braunschweig. Das kommt an bei den Menschen in der Oberlausitz, deren Jobs in der Regel nicht direkt vor der Haustür liegen, sondern mit täglichen Fahrtwegen verbunden sind. Er selbst ist als Malermeister mit einer kleinen Firma in der Region präsent. Als Referenzen seines Unternehmens werden Aufträge vom Neuen Schloss im Fürst-Pückler-Park Bad Muskau, von der Wohnungsgenossenschaft Weißwasser und einem großem Möbel-und Küchenstudio aus der Region genannt. Laut Selbstauskunft über seine Nebeneinkünfte brachte ihm sein Malerbetrieb trotz Bundestagsmandats im Jahr 2018 knapp 100.000 Euro ein. Das ist in den Augen vieler prekär beschäftigter Menschen in Ostdeutschland im Gegensatz zur Diät eines Abgeordneten ehrlich verdientes Geld. Im Wahlkampf zur Bundestagswahl 2017 war Chrupalla in jedem Dorf seines Wahlkreises unterwegs. Seine wichtigste Qualifikation für den AfD-Parteivorsitz war und ist, dass er aus dem Osten kommt und diesen authentisch verkörpern kann. Als weitere Eignung gilt, dass er kein Akademiker ist, sondern als Handwerker den so oft beschworenen »kleinen Mann« vertreten kann. In einem Interview mit der Deutschen Handwerkszeitung sagte Chrupalla: »Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal. Bei solchen Karrieren fehlt den Politikern doch jeder Bezug zur Lebenswirklichkeit der Menschen, über die sie bestimmen.« Er selbst wolle sich davon unterscheiden.

Doch Tino Chrupalla hat auch Schwächen. Unter Beweis gestellt hat er diese bereits wenige Stunden nach seiner Wahl auf dem AfD-Bundesparteitag. In einem Live-Interview mit dem ZDF-Journalisten Theo Koll offenbart der frisch gewählte neue Parteivorsitzende, er müsse noch den einen oder anderen Rhetorikkurs belegen, bevor er mit den Anforderungen der Medienwelt Schritt halten könne. Zudem wird Chrupalla von ehemaligen AfD-Mitgliedern nachgesagt, er habe seinen Kreisverband zu einer »privat geführten Sekte« gemacht. Das ehemalige AfD-Mitglied Frank Großmann erklärte mit Blick auf Chrupalla im März 2019: »Zu meinem Leidwesen musste ich mit ansehen, wie die demokratischen Strukturen der Partei im Laufe der Zeit immer mehr zu einem Spielball privater Interessen wurden.« So wird aus dem Umfeld des Malermeisters behauptet, er führe autoritär und wenig beteiligungsorientiert und könne nur sehr schlecht mit Kritik oder Widerspruch umgehen. Letzteres wird bestätigt durch Bundestagsabgeordnete, die Chrupalla als Mitglied des Ausschusses für Wirtschaft und Energie erleben. Bei Kritik hole dieser postwendend und aggressiv zum Gegenangriff aus, er sei der Ansicht, Deutschland werde von grünen und linken Eliten dominiert. Der grüne Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek meint über Tino Chrupalla: »Es tut ihm körperlich fast weh den Bürgerlichen zu spielen.«