Blinde Flecken

von Philipp Vergin

Magazin »der rechte rand« - Ausgabe 161 - Juli 2016

Die Aufarbeitung der NS-Geschichte deutscher Ministerien und Behörden bleibt ein umkämpftes Feld. Eine neue Studie hilft, den Überblick zu behalten. Kanzleramt und Bundestag bleiben blinde Flecken der Forschung.

Für die Geschichte der Bundesrepublik spielt die Frage nach Kontinuitäten und Brüchen zum historischen Faschismus eine herausragende Rolle. Die ersten Jahre des westdeutschen Staates waren vor allem durch ein »kommunikatives Beschweigen« (Hermann Lübbe) der Vergangenheit gekennzeichnet, das eine Rückkehr von Teilen der alten Eliten in wichtige Positionen begünstigte – und somit geistige und personelle Linien aus der NS-Zeit fortführte. Trotzdem lief die Integration der Täter nicht immer geräuschlos ab. Nachdem beispielsweise mit der Wiedererrichtung des »Auswärtigen Amtes« (AA) das dortige Ausmaß personeller und organisatorischer Kontinuität teils öffentlich wurde, kam es zu heftiger Kritik in- und ausländischer Medien. Ein 1951 auf Antrag der SPD eingesetzter Untersuchungsausschuss stellte fest: »Es wurden einige Personen beschäftigt, deren Verwendung das Vertrauen des In- und Auslandes zur demokratischen Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland beeinträchtigen konnte.« Eine überaus moderate Feststellung angesichts von rund 34 Prozent NSDAP-Mitgliedern im höheren Dienst des AA. Auch die Konsequenzen fielen extrem moderat aus, wie der Historiker Hans-Jürgen Döscher betonte: »Dann hat man also diese Diplomaten, (…) die inkriminiert waren, nicht mehr allseitig einsetzen können, sondern hat sie dann vorrangig in den arabischen Hauptstädten oder in Südafrika oder in der Zentrale eingesetzt.« Als 1952 im Bundestag über den Ausschussbericht debattiert wurde, gab Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) zu, dass die leitenden Stellen des AA sogar zu zwei Dritteln mit »Ehemaligen« und Parteigenossen besetzt waren. Dies sei nötig gewesen, da man erfahrene Fachleute gebraucht habe. Den größten Beifall der Regierungsparteien bekam er, als er, an die SPD-Fraktion gewandt, sagte: »Ich meine, wir sollten jetzt mit der Naziriecherei mal Schluss machen. Denn verlassen Sie sich darauf: