Ausgabe 125 Ausgabe 124 Ausgabe 123 Ausgabe 122 Ausgabe 121 Ausgabe 120 Ausgabe 119 Ausgabe 118 Ausgabe 117 Ausgabe 116 Ausgabe 115 Ausgabe 114 Ausgabe 113

Neo-Nazis gegen den Krieg?

Der 70. Jahrestag des Einmarschs in Polen und der “Antikriegstag” in Dortmund
Es scheint wie blanker Zynismus: “Nie wieder Krieg” skandieren deutsche und ausländische Neonazis seit 2005 bei ihren Märschen zum “Antikriegstag” in Dortmund. Auch dieses Jahr, am 70. Jahrestag des deutschen Einmarschs in Polen, haben sie das wieder vor. Sie werben nicht für Pazifismus, sondern für Nationalsozialismus.
“Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen! Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten!”, verkündete Adolf Hitler in einer Reichstagsrede am 1. September 1939. In nur wenigen Tagen überrannte dann die deutsche Wehrmacht die polnische Armee. Am 6. Oktober 1939 kapitulierte Polen. Damit begann die lange Okkupationszeit, Vertreibung von Teilen der Landbevölkerung, die Verschleppung Zehntausender als Arbeitssklaven in deutsche Fabriken und die gezielte Ermordung polnischer JüdInnen, Roma und anderer Menschen, die nicht in die Rassenlogik des NS passten.
Kriegsschuldverdrehungen
Zurückgeschossen? Schon damals stellten sich die Nationalsozialisten als Opfer dar, die den Krieg nicht wollten, aber eben keinen anderen Weg mehr sahen. Eine Mär, an der heutige Neonazis festhalten und an die auch Teile der deutschen Rechten gerne glauben. Gerd Schultze-Rhonhof geht beispielsweise, wie der Titel seines 2003 veröffentlichten Buches “1939. Der Krieg, der viele Väter hatte” zeigt, nicht von einer deutschen Alleinschuld an dem Krieg aus und versucht, sie zu widerlegen. Ebenso der Amerikaner David L. Hoggan in seinem Elaborat “Der erzwungene Krieg” von 1961.
Auch 70 Jahre nach dem Angriff auf Polen glaubt die deutsche Rechte dem Brigadegeneral a. D. Schultze-Rhonhof gern. Immerhin ist sein Pamphlet nun schon in sechs Auflagen und sogar als Hörbuch erschienen. In der neurechten Zeitung “Junge Freiheit” attestiert ihm Stefan Scheil in einer Rezension 2003 die Fähigkeit, “die immer noch brisante Frage nach den Ursachen des Zweiten Weltkrieges” zu stellen. Allerdings kritisiert er den heute 70-Jährigen auch. Er habe bei seiner Darstellung jener Länder, denen eine herausgehobene Bedeutung am Kriegsausbruch zukomme (USA, UdSSR, Großbritannien, Frankreich, Polen und doch auch Deutschland), noch Italien und Japan vergessen. Der promovierte Historiker Scheil glaubt, es besser zu wissen, versucht er sich doch schon seit einigen Jahren als Revisionist und als einer, der versucht, das was nicht sein darf, hinter vielen Worten verschwinden zu lassen.
Im Gegensatz zu Holocaustleugnern, die auch den revisionistischen Geschichtsschreibern zuzurechnen sind, versuchen die rechten Revisionisten nicht primär die Zahl ermordeter Juden zu manipulieren. Sie relativieren vielmehr die Schuld an den nationalsozialistischen Verbrechen. Der Historiker Ernst Nolte fragte im Historikerstreit 1986 vor dem Hintergrund des Holocausts beispielsweise, ob nicht der “Archipel GULag ursprünglicher als Auschwitz” sei. Ob “nicht der ‹Klassenmord› der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ‹Rassenmords› der Nationalsozialisten?” gewesen sei.
Im Fall des deutschen Einmarschs in Polen bewegen sich Revisionisten heute in der Diktion der Nationalsozialisten damals – es wurde eben zurück geschossen. Wer das tut, kann nach dieser Logik nicht originär verantwortlich sein.
Gegen den Krieg?
Und was treibt heutige Neonazis am 5. September 2009 zum “5. Antikriegstag” nach Dortmund? Wollen sie dort die Verantwortung für den 2. Weltkrieg leugnen und das nationalsozialistische Deutschland als Friedensmacht darstellen? “Gegen imperialistische Kriegstreiberei und Aggressionskriege” wollen sie auf die Strasse gehen, heißt es im Demonstrationsaufruf. Ihr Feindbild sind die USA. Sie seien der Kriegstreiber, der 2001 nach den Anschlägen auf das “World Trade Center” den Krieg gegen den “internationalen Terrorismus” begannen. Doch gegen den Terrorismus ginge es den USA in Wirklichkeit gar nicht, glauben die Neonazis. Ihr Kriegsziel sei es, dem Kapitalismus zum weltweiten Sieg zu verhelfen. “In Jahrtausenden gewachsene Völker, Kulturen und Nationen werden, wenn sie der, dem kapitalistischen Denken innewohnenden, unstillbaren Gier nach immer größeren, einheitlicheren Absatzmärkten und immer günstigeren Arbeitskräften im Wege stehen, in Schutt und Asche gelegt und nach der Zerstörung im Sinne der internationalen Finanzmächte wiederaufgebaut – jedoch nicht als souveräne Volksstaaten, sondern als unfreie Sklavenkolonien der Weltwirtschaft”, schreiben die heutigen Neonazis.
“Internationale Finanzmächte” – hier trieft die Rede vor jenem Antisemitismus, den schon Hitlers “Mein Kampf” verspritzte. Wie Hitler damals den Deutschen gegen die Juden den Nationalsozialismus nahe legte, so schwafeln auch seine heutigen Jünger von einer “neuen, lebensbejahenden Weltauffassung”, in dessen Mittelpunkt die “Volksgemeinschaft” stehe.Das Gerede heutiger Neonazis von einem “Antikriegstag” ist nichts als blanker Hohn für die Opfer des NS. Der nationalsozialistischen Ideologie ist der Imperialismus immanent. Der Angriff auf Polen 1939 war, wie der Angriff auf andere Länder, nicht Reaktion, sondern Aktion. Und auch heutige Neonazis wünschen sich keine pazifistische Welt. Mit ihrem Aufmarsch in Dortmund greifen sie bewusst die USA als vermeintlichen Hort des von ihnen verhassten “jüdischen Finanzkapitals” an. Ihre Losung lautet: “Nie wieder Krieg – nach unserem Sieg”! Derzeit werben die Veranstalter des “Antikriegstags” bundesweit für ihren Marsch und hoffen, mehr als die 1.100 TeilnehmerInnen vom letzten Jahr nach Dortmund zu mobilisieren.
Von Andreas Kröger

Zurück