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Unser Weg

Ein Gespräch über Möglichkeiten, Antiziganismus zu begegnen

Alltäglich erfahren Sinti und Roma Ausgrenzungen und Diskriminierungen – nicht nur im fernen Osteuropa, sondern auch im Westen und direkt vor der Haustür in Deutschland. Im Sommer 2006 wurde in Berlin der Verein »Amaro Drom e. V.« (»Unser Weg«) gegründet, der jungen Roma und Gaje (Nicht-Roma) offen steht und darauf abzielt, das Selbstwertgefühl jugendlicher Roma und ihre politische und gesellschaftliche Beteiligung zu stärken. Für DERRECHTERAND sprach Jens Breuer mit einem der Gründer, Hamze Bytyci (HB). Der heute 27-jährige Berliner Schauspieler ist im Kosovo geboren und kam als staatenloser Flüchtling nach Deutschland.

DRR: Du lebst seit vielen Jahren in Deutschland, beziehungsweise in einer multikulturellen Großstadt, die sich ja noch einmal deutlich von der emsländischen Provinz unterscheidet. Wie erlebst Du den alltäglichen Umgang mit Roma und Sinti in Deutschland?
HB: Nicht anders als woanders auch. Die Roma sind die besseren Europäer/innen und schon immer multikulturell aufgewachsen. Das Schwierige sehe ich nur darin, dass in jeder Großstadt dieser Erde dieselben Ressentiments gegenüber Roma existieren. Ich habe kein Problem mit Vorurteilen. Die hat jeder Mensch. Es wäre eine Lüge dies abzustreiten, aber es fühlt sich wärmer im Bauch an, wenn ich herzlich als der »Zigeuner« von nebenan gesehen als mit dem politisch korrekten Terminus »Roma« angesprochen werde. Die Menschen, auch in der Großstadt, sind mit den Begriffen Sinti oder Roma noch nicht ganz vertraut, aber ich bin sehr zuversichtlich, dass wir in den nächsten zwei bis drei Generationen uns wie selbstverständlich selbstbestimmt als Roma definieren dürfen und können – und nicht mehr mit der Fremdbezeichnung »Zigeuner« belegt werden.
DRR: Du hast »Amaro Drom« mit gegründet. Was hat Dich beziehungsweise Euch dazu erwogen?
HB: Nun, wenn du als junger Mensch in ein fremdes Land kommst, das dich nur als »Geduldeten« sieht, fragst du dich, wer du überhaupt bist. Und du fängst früh an, dich für Belange zu interessieren, die für ein Kind oder einen Jugendlichen nicht selbstverständlich sind. Ich habe mich beispielsweise zwangsläufig für Politik interessiert, weil ich wissen wollte, was ich machen kann, beziehungsweise was in meiner Macht steht, um an der Situation für mich und meine Eltern etwas zu verändern. Allgemein, das ist zu ergänzen, haben selbstverständlich die politischen Verschiebungen auf dem Balkan auch unsere Situation und unser Zusammengehörigkeitsgefühl berührt. Dies erwog mich und ähnlich Denkende, wenigstens lokal (Freiburg) etwas an der Situation für Jugendliche zu verändern. Am 8. April 2004 organisierten wir den »1. Internationalen Sinti und Roma Tag« in Freiburg und im Rahmen des Konzepts »Offene Stadt« führten wir weitere Kulturveranstaltungen für Roma aus dem Balkan und für ihr Bleiberecht beziehungsweise ihren Aufenthalt in Deutschland durch. Es gelang dabei beispielsweise mit breitem Interesse und Unterstützung aus der Mehrheitsgesellschaft, jemanden vor der drohenden Abschiebung im Kirchenasyl zu verstecken.
DRR: Ein Schwerpunkt von »Amaro Drom« liegt in der Vernetzung von Menschen. Sind Deine Beobachtungen typisch oder machen andere Roma und Sinti andere, vielleicht sogar gegenteilige Erfahrungen?
HB: Natürlich sind wir nicht so strukturiert und durchorganisiert und haben keine Lobby wie andere anerkannte Minderheiten in Deutschland, aber wir, die Jugend, sind auf dem besten Wege, mit den Werkzeugen dieses Systems der Mehrheitsgesellschaft zu hantieren. Es wird höchste Zeit, dass die Mobilisierung und Vernetzung der Sinti- und Roma-Jugend zur Selbstverständlichkeit wird.
DRR: Der Antiziganismus Südosteuropas unterscheidet sich nach meinem Eindruck von dem in Deutschland. Während er dort ungeschminkter in Erscheinung tritt, ist er in Deutschland mittlerweile subtiler, bricht aber durch, wenn es in Köln um »Klaukids« oder in Berlin um campierende rumänische Romafamilien geht. Täuscht dieser Eindruck?
HB: Nein, dieser Eindruck täuscht nicht. Solange es Deutschland gut geht, geht es seinen »Zigeunern« auch gut. Da wir in jüngster Zeit den Wachstumsabbau erleben, wird es nicht lange dauern, was zu befürchten ist, bis wir Zustände wie in Südosteuropa bekommen. Dies darf die Bundesrepublik aber nicht zulassen, zumal Deutschland nicht nur in jüngster Zeit mit dem Balkankrieg, sondern auch eine historische Verpflichtung und eine moral-politische Verantwortung uns Roma gegenüber hat.
DRR: Es klingt bei Dir durch, als ob Du einen Zusammenhang zwischen der sozialen Situation von Menschen und Vorurteilen siehst. Ist es aber nicht eher so, dass Aufklärung und Begegnung mit dem »Fremden« Vorurteile abbauen können?
HB: Ja, »Amaro Drom« steht definitiv für Aufklärung und Begegnung. Aber eigentlich sind wir gar nicht »die Fremden«, weil wir uns über Jahrhunderte hinweg an die Kultur, Riten und Bräuche der Mehrheitskultur angepasst haben.
DRR: Was meinst Du, wie den Vorurteilen in Deutschland begegnet werden kann?
HB: Gebt uns einen sicheren Aufenthalt, eine Möglichkeit, einer Ausbildung oder einem Beruf nachgehen zu können und behandelt uns nicht wie unmündige Bürger/innen dritter Klasse, dann sehen wir auch eine echte Chance, unsere Kinder in eine geregelte Bildungslaufbahn integrieren zu können. Anders herum müssen wir uns endlich emanzipieren, aus der Opferhaltung rauskommen und unsere Geschichte selbst bestimmen. Durch transkulturelle Begegnungen können Mauern niedergerissen und Brücken aufgeschlagen werden …
DRR: Vielen Dank für das Gespräch!

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